Samstag, 7. Mai 2011

David Hume


Auf der Homepage der David Hume Organisation kann man lesen, dass die Seite im Schnitt 168 mal am Tag angeklickt wird. Warum nicht häufiger? Ich schäme mich jetzt ein wenig, dass ich viel mehr Seitenzugriffe als davidhume.org habe. Am letzten Wochenende hatte ich am Tag im Schnitt 970 Seitenaufrufe. Na ja, Porno-Blogs haben noch mehr. Und natürlich ist der schottische Philosoph, der heute vor 300 Jahren geboren wurde, bedeutender als ich. Nach einer englischen Umfrage aus dem letzten Jahr steht er auf dem Platz 1 der bedeutendsten Philosophen, auf den nächsten Plätzen folgen Aristoteles, Kant und Wittgenstein. Plato schaffte es nur auf Platz 13, und Sokrates landete auf Platz 21. Ja, unser David Home ist schon ein bedeutender Philosoph. Er seinen Namen der Aussprache gemäß in Hume geänderte. Das hat der englische Premierminister Alec Douglas-Home (der einzige first class cricketer unter Englands Premierministern) nicht getan hat. Aber auch er sprach sich Hume aus, weil der Ortsname Home ursprünglich Hoome geschrieben wurde. Es wird die Freunde der Serie Blackadder sicher freuen, zu erfahren, dass es unter den vielen Homes in Schottland auch einen Home of Blackadder gibt. Kein Witz.

Schopenhauer hat seine Bedeutung ganz klar erkannt, als er sagte Aus jeder Seite von David Hume ist mehr zu lernen, als aus Hegels, Herbarts und Schleiermachers sämtlichen philosophischen Werken zusammengenommen. Und auch für Kant hat die Hume Lektüre viel bedeutet und ihn aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt: Ich gestehe frei: die Erinnerungen des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab.

Nicht jeder sagt so nette Dinge über Hume. James Caulfeild (später Earl of Charlemont, hier auf dem Bild von Pompeo Batoni) schreibt über Hume, den er in Italien kennengelernt hatte: Sein Gesicht war derb und fett, sein Mund breit und ohne irgendeinen anderen Ausdruck als Schwachsinn. Seine Augen waren leer und geistlos, und die Körperfülle [...] passte viel besser zur Vorstellung eines Schildkröte essenden Ratsherrn als zu der eines abgeklärten Philosophen. Wegen seines breitesten und vulgärsten schottischen Akzents klang sein Englisch lächerlich, sein Französisch war, wenn dies überhaupt möglich ist, noch lächerlicher. Noch nie ist Weisheit aus einem solchen Mund geflossen, noch nie hat sie sich in solch plumpe Hülle gekleidet. Na ja, der junge Herr ist siebzehn als er das schreibt, er muss noch ein wenig über die Welt lernen. Später hat er sich noch von Raphael Mengs in antiker Pose als Hobbyarchitekt malen lassen. Eine entschiedene Meinung über die Architektur hatte er auch da, weil er der Meinung war, dass Piranesi nichts von Architektur verstünde. Was einen kleinen Kunststreit in Rom auslöste, der in den Lettere de giustificazione scritte a Milord Charlemont gipfelte.

Nach einigen Jahren in Italien ist der junge Herr nach England beziehungsweise Irland zurückgekehrt, mit einer malady derived from poison administered by the hand of female jealousy, wie es so schön in einer biographischen Skizze aus dem Jahre 1817 heißt. Oder sollte das vielleicht die Syphilis gewesen sein? Er hat Hogarth dieses Bild abgekauft, Piquet: or Virtue in Danger auch unter dem Titel The Lady's Last Stake bekannt, daran konnte er sich nicht sattsehen. Die Schlüpfrigkeit des Bildthemas verstand selbst der in Kunstdingen dilettierende irische Lord. Können wir seiner Beschreibung von David Hume viel Glauben beimessen? Wir müssen bedenken, dass Hume ein Schotte, Caulfeild ein Ire ist, die verstehen sich nicht unbedingt.

Ein junger Schotte sagt zur gleichen Zeit, als Caulfeild seine herablassenden Zeilen schreibt, etwas anderes über seinen Landsmann Hume: Some days ago I was introduced to your friend Mr. Hume; he is a most discreet, affable man as ever I met with, and has realy a great deal of learning, and a choice collection of books. He is indeed an extraordinary man, few such people are to be met with nowadays. We talk a great deal of genius, fine language, improving our style, etc., but I am afraid, sollid learning is much wore out. Mr Hume, I think, is a very proper person for a young man to cultivate an acquaintance with; though he has not, perhaps, the most delicate taste, yet he has apply'd himself with great attention to the study of the ancients, and is likewise a great historian, so that you are not only entertained in his company, but may reap a great deal of usefull instruction. I own myself much obliged to you, dear Sir, for procuring me the pleasure of his acquaintance. 

Das schreibt James Boswell (links), der Jahrzehnte später David Hume kurz vor seinem Tod noch ➱interviewen wird, sozusagen the scoop of the century für Boswell. Michael Ignatieff, zur Zeit als Politiker in Kanada etwas glücklos, hat diese Episode in ein Fernsehspiel namens Dialogue in the Dark geschrieben. Den voyeuristischen Boswell hat die Begegnung mit dem in ruhiger Gelassenheit sterbenden Hume, der auch im Sterben noch Atheist blieb, ein wenig aus der Bahn geworfen. Vier Tage nach Humes Tod, steht Boswell im Regen auf der Strasse und beobachtet, wie der Sarg auf einen Wagen geladen wird. Er war im Bordell gewesen und hatte die Nacht durchgesoffen, jetzt hat er einen Kater. Das ist seine Art, das Erlebnis zu verarbeiten. Ein wenig verrückt ist er schon. Das hatte Hume erkannt, als er über ihn sagte: very good-humored, very agreeable, and very mad.

Caulfeild hatte Hume in Italien kennengelernt und ihn später in England wiedergetroffen. In der 1817 von Francis Hardy veröffentlichten Biographie  prahlt er damit, der beste Freund des Philosophen gewesen zu sein und es werden hier auch eine Vielzahl von Anekdoten über Hume erzählt, die von den meisten Biographen ungeprüft übernommen werden. Irgendwie glaube ich diesem Typ, der auf all seinen Portraits ziemlich dämlich aussieht, kein Wort. Er ist ein reicher irischer Adliger, der sich als Kunstsammler und homme de lettres stilisiert. Im Irland des 18. Jahrhunderts kann man so vielleicht ein großer Mann sein. In England herrscht unter den Intellektuellen und antiquarians ein höheres Niveau. Denn als Sammler von Antiken ist Caulfeild nur ein klägliches Abbild von Charles Townley, und seine Rolle als patron of the arts wird wohl auch übertrieben. Er hat sich von Hogarth malen lassen (oben), hat ihn aber (so ein Hogarth Biograph) mehr mit Worten als mit guineas bezahlt. Hogarth hatte für das Bild keinen Preis festgesetzt und die Summe der Großzügigkeit des Lords überlassen. Der schickte mickrige 100 Pfund.

David Hume hat sich nicht in einer albernen antiken Pose malen lassen wie James Caulfield. Er hat sich von seinem Landsmann und Freund Allan Ramsay malen lassen. Als der ihn in der Kleidung des Pariser Botschaftssekretärs auf die Leinwand bannt, kennt Hume den gleichaltrigen Ramsay schon drei Jahrzehnte. Bei Allan Ramsay sen. hatte der junge Philosoph Bücher entliehen und gekauft, denn der Schriftsteller und makar Allan Ramsay unterhielt in Edinburgh eine Leihbibliothek, und sein Sohn Allan ist auch ein gebildeter Mann. Es gibt jetzt viele gebildete Schotten, da oben in Schottland können mehr Leute lesen als im Rest von Europa. In Irland ist das eher umgekehrt. Wir sprechen kulturhistorisch von dem ➱Scottish Enlightenment. Von einem Irish Enlightenment redet niemand. Und wenn es dafür einige Namen wie Robert Molesworth gibt, der uns die Heide von ➱Jütland so schön beschrieben hat, ein Name gehört auf jeden Fall nicht dazu. Ja, natürlich James Caulfeild, der erste Earl of Charlemont.

Mit David Hume erreicht die moderne Philosophie, die mit ➱Descartes begonnen hat, ihren Höhepunkt. Und eigentlich auch ihr Ende. Wenn wir ehrlich sind: alles andere wäre nicht nötig gewesen. Hegel nicht, Heidegger nicht. Schopenhauer vielleicht. Machen Sie doch die Probe aufs Exempel, von dem Schopenhauer geredet hat, und lesen Sie einige Seiten von David Hume! Und dann vielleicht einige Seiten von ➱Hegel und ➱Heidegger. Sie werden sehen, was ich meine.

But what philosophical truths can be more advantageous to society than those here delivered, which represent virtue in all her genuine and most engaging charms, and make us approach her with ease, familiarity, and affection? The dismal dress falls off, with which many divines, and some philosophers have covered her; and nothing appears but gentleness, humanity, beneficence, affability; nay even, at proper intervals, play, frolic, and gaiety. She talks not of useless austerities and rigours, suffering and self-denial. She declares, that her sole purpose is, to make her votaries and all mankind, during every instant of their existence, if possible, cheerful and happy; nor does she ever willingly part with any pleasure but in hopes of ample compensation in some other period of their lives. The sole trouble, which she demands, is that of just calculation, and a steady preference of the greater happiness. And if any austere pretenders approach her, enemies to joy and pleasure, she either rejects them as hypocrites and deceivers; or if she admit them in her train, they are ranked however, among the least favoured of her votaries.

Es ist natürlich auch der unnachahmliche Stil, der Hume so attraktiv macht. Viele Philosophen schrecken uns durch ein unverständliches Vokabular ab, bombardieren uns mit a priori und dem Ding an sich und allem was der Fall ist. Hume lädt uns mit seiner Art zu schreiben geradezu ein, ihn zu lesen. Es gibt auch gute Einführungen in sein Denken. Die beste ist sicherlich Paul Stratherns witziges und geistvolles Büchlein Hume in 90 Minutes (Constable 1996). Das gibt es bei Amazon ab 0,01 €. Philosophen sind preiswert geworden. Aber auch Michael Ignatieffs The needs of strangers (deutsch als Wovon lebt der Mensch bei Rotbuch Rationen) lässt sich gut als Einführung in Humes Denken lesen. Der Junius Verlag bietet in seiner vorzüglichen Reihe Zur Einführung einen Band David Hume zur Einführung von Heiner F. Klemme an. Gerhard Streminger hat in der Reihe von rowohlts monographien die beste kurze Hume Biographie geschrieben. Der C.H. Beck Verlag hat gerade von diesem Autor eine 796-seitige Biographie auf den Markt gebracht. Die aber ein kleiner Etikettenschwindel ist, das Buch ist schon alt und ist nur für die 300-Jahr Feier ein wenig aufgerüscht worden. Streminger ist zweifellos die deutsche Autorität zu David Hume. Weshalb er es nötig hat, auf seiner ➱Homepage so prollig ordinäre Selbstdarstellung zu betreiben, weiß ich wirklich nicht. Bei www.davidhume.org/ kann man (beinahe) alles von Hume lesen, wahrscheinlich haben die deshalb nur 168 Seitenaufrufe pro Tag, weil schon jeder die Werke von Hume zu Hause im Bücherregal hat. Hoffentlich.

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