Sonntag, 29. Mai 2011

Winfield Scott


Als der Bürgerkrieg ein halbes Jahr alt ist, schickt man ihn in den Ruhestand. Er ist der älteste General, den die Amerikaner haben. Er war schon General, da hatte Wellington noch nicht Napoleon besiegt. Jetzt ist er 75 und schläft manchmal bei Generalstabsbesprechungen ein. Das ist dem Fürsten Pückler auch passiert, der mit 81 Jahren am so genannten Deutschen Krieg teilgenommen hatte. Vier Jahre später wollte er auch noch gegen Frankreich dabei sein, da hat man ihn nach Hause geschickt. Winfield Scott ist mit den Jahren auch furchtbar fett geworden, man kriegt ihn nicht mehr aufs Pferd. Einige Stunden Verwaltungsarbeit am Schreibtisch in Washington, das kriegt er aber noch hin.

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Generälen ist Winfield Scott nicht doof. Er ist ein gebildeter Mann, ist in Europa gewesen, hat Militärhandbücher von Napoleon aus dem Französischen ins Englische übersetzt. Und er hat Mut, nicht nur auf dem Schlachtfeld. Als junger Captain stellt er sich offen gegen James Wilkinson, die wohl kriminellste Type, die die US Army jemals in ihren Reihen hatte. Hat es aber mal für anderthalb Jahre zum Oberkommandierenden der US Army gebracht. Ich hatte ihn schon einmal in diesem Blog erwähnt. Die Auseinandersetzung mit dem kriminellen Vaterlandsverräter Wilkinson bedeutet für den jungen Captain Scott erstmal einen Karriereknick, wird aber seinen Aufstieg zum höchsten militärischen Dienstgrad (Generalleutnant) nach George Washington nicht behindern. Wenn der Kongress nicht 1976 zur Zweihundertjahrfeier durch das Gesetz 94-479 Washington nachträglich zum neu geschaffenen General of the Armies of the United States ernannt hätte (und wenn man nicht eines Tages so viele Vier- und Fünf-Sterne Generäle erfunden hätte), wäre Winfield Scott auf der Rangliste der US Army immer noch ganz oben.

Obgleich Winfield Scott selbst weiß, dass er für die Aufgabe als Oberkommandierender zu alt ist und er von sich aus Lincoln seinen Rücktritt angeboten hat, ist die Art und Weise, wie er sein Amt verliert, nicht schön. Denn da ist der General George McClellan, der sich selbst für einen zweiten Napoleon hält. Extrem eitel, posiert er ständig in eleganten neuen Uniformen für Presse und Photographen. Und er hat jetzt nicht anderes zu tun, als sich durch Ränke und Intrigen das Oberkommando zu sichern. Wir können die Charakterisierung McClellans ganz kurz fassen: er ist der Guttenberg Amerikas. Im August 1861 schreibt er an seine Frau: I am leaving nothing undone to increase our force but that confounded old Gen'l always comes in my way: He is a perfect incubus. He understands nothing, appreciates nothing. I do not know whether he is a dotard or a traitor... If he cannot be taken out of my path, I will resign...The people call upon me to save the country - I must save it and cannot respect anything that is in the way.

Wenige Monate später hat er seinen Willen. Da erläßt Lincoln schweren Herzens folgenden Befehl:

The following order from the President of the United States, announcing the retirement from active command of the honored veteran Lieutenant general Winfield Scott, will be read by the army with profound regret: EXECUTIVE MANSION, WASHINGTON. November 1, 1861

On the 1st day of November, A.D. 1861, upon his own application to the President of the United States, Brevet Lieutenant-General Winfield Scott is ordered to be placed, and hereby is placed, upon the list of retired officers of the army of the United States, without reduction in his current pay, subsistence, or allowances.
The American people will hear with sadness and deep emotion that General Scott has withdrawn from the active control of the army, while the President and a unanimous Cabinet express their own and the nation's sympathy in his personal affliction and their profound sense of the important public services rendered by him to his country during his long and brilliant career, among which will ever be gratefully distinguished his faithful devotion to the Constitution, the Union, and the flag when assailed by parricidal rebellion.
ABRAHAM LINCOLN

George McClellan wird seinen Vorgänger noch auf dem Bahnhof von Washington verabschieden, sorgfältig für die Presse inszeniert. Danach schreibt er seiner Frau: It may be that some distant day I, too, shall totter away from Washington, a worn-out soldier with naught to do but to make my peace with God. The sight of this morning was a lesson to me which I hope not soon to forget. I saw there the end of a long, active and ambitious life, the end of the career of the first soldier of the nation; and it was a feeble old man scarce able to walk; hardly anyone there to see him off but his successor. Should I ever become vainglorious and ambitious, remind me of that spectacle. Wenn irgend jemand vainglorious and ambitious ist, dann ist es George McClellan. Sein Brief klingt in jedem Satz verlogen. Es wird auch nicht lange dauern, dass er er auf dem Bahnsteig des Bahnhofs von Washington steht. Ein Jahr später ist er das Oberkommando los. Lincoln wird ihn niemals zurückholen.

Winfield Scott wußte, dass der Krieg lange dauern würde, McClellan wollte einen schnellen Sieg, hatte aber furchtbaren Schiss vor General Lee. Viele Amerikaner im Norden haben ja geglaubt, dass der Krieg in einer Woche vorbei sei. Einmal von Washington nach Richmond marschieren und fertig. Der berühmte William H. Russell von der Londoner Times (der schon schreckliche Dinge aus dem Krimkrieg berichtet hatte) wird den unrühmlichen Rückzug der Armee der Nordstaaten nach der Schlacht von Bull Run beschreiben. Danach glaubt niemand mehr an einen schnellen Sieg des Nordens. Aber Russell erhält hunderte von Morddrohungen.

Winfield Scott konnte zwischen Strategie und Taktik unterscheiden, er war damals einer der wenigen. Er hatte einen strategischen Plan, der als Anaconda Plan berühmt wurde. Wie eine Riesenschlange sollte der Norden den Süden von der Aussenwelt abschneiden und jeden Handel (und mögliche Waffenlieferungen) unterbinden. Man hat Scott damals ausgelacht. Aber man wird später doch mehr oder weniger reumütig auf diesen Plan zurückgreifen, wenn man sieht, dass man den Krieg nicht durch eine einzige Entscheidungsschlacht in Virginia gewinnen kann. Historische Spekulationen was wäre gewesen, wenn... sind immer ein wenig müßig, aber Scotts Plan hätte viel Leid vermeiden können. Denken wir also heute einen Augenblick an den feeble old man scarce able to walk, der heute vor 145 Jahren gestorben ist.

Keine Kommentare:

Kommentar posten