Samstag, 14. Mai 2011

Jungfernstieg


Heute vor 99 Jahren ist der dänische König Frederik VIII in Hamburg gestorben. Er kam von einer Reise aus Nizza zurück und hatte in Hamburg Halt gemacht, bevor er mit dem Zug nach Travemünde weiterfuhr. Dort sollte die königliche Yacht die Familie abholen. Er war auf dem Jungfernstieg spazieren gegangen und hatte einen Herzanfall erlitten. Ein Polizist hat ihn in das Hafenkrankenhaus bringen lassen, wo man nur noch den Tod des anonymen Herrn feststellen konnte. Sein Diener hat ihn dann nach langem Suchen in der städtischen Leichenhalle gefunden. So steht es im Wikipedia Artikel. Die Skandalpresse hat natürlich sofort ganz andere Geschichten über den Tod verbreitet. Dass er nicht auf einer Bank auf dem Jungfernstieg, sondern auf der Reeperbahn in den Armen einer Liebesdienerin gestorben sei. Die dänische Presse hat natürlich sofort beklagt, dass die Würde des Monarchen durch diese Gerüchte verunglimpft würde.

Der Tod gibt immer noch Rätsel auf, der Wikipedia Artikel trägt kaum zur Wahrheitsfindung bei. Eher die Polizeiakten der Stadt Hamburg und das Hamburger Staatsarchiv. Aber auch die sind in allen Belangen höchst widersprüchlich. Man bekommt, und das sicher zu Recht, den Eindruck, dass hier etwas vertuscht werden sollte. Unstrittig ist, dass der König inkognito mit seiner Familie unter dem Namen Graf Kronsberg im Hotel Hamburger Hof am Jungfernstieg gewohnt hat. Das hatte er gegen 22 Uhr für einen Abendspaziergang verlassen, und in der Nähe des Hotels soll er eine halbe Stunde später zusammengebrochen sein. Die Sache mit der Reeperbahn scheidet schon mal aus. Aber es gibt damals am Gänsemarkt in der Schwiegerstrasse, die später Kalkhof heißen wird, ein Bordell. Diese Straße läuft parallel zur Büschstraße, wo ja, was jeder Modefreak weiß, der Laden von ➱Rudolf Beaufays ist. Das Bordell, das bis zur Bombardierung Hamburgs besteht, ist das feudalste Bordell von Hamburg gewesen. Dort könnte der Graf Kronsberg gewesen sein.

Vielleicht war er auch im Café Opera. Das behauptete später der Wirt, der auch eine Messingplakette an dem Stuhl anbringen ließ, auf dem der König gesessen haben soll. Denn neben dem Café Opera, auf den Stufen der Schlachterei Burk, will ihn der aus der Oper kommende Frauenarzt Dr. Seligmann gefunden haben. Nach anderen Berichten ist er auf dem Gänsemarkt hinter Fritz Schapers Lessingdenkmal gefunden worden, wohin ihn die Damen aus der Schwiegerstraße geschleppt hätten. Dass eine der Damen watten Schiet gesagt haben soll, klingt sehr authentisch, kann aber eine nachträgliche Ausschmückung sein. Er soll nach mehreren Berichten noch gesagt haben, dass er im Hotel Hamburger Hof wohne. Aber dem ist die Polizei in den nächsten Stunden nicht nachgegangen. Wenn das Hotel überhaupt benachrichtigt wurde, dann erst um vier Uhr morgens, als der unbekannte Tote im Leichenschauhaus von einem Hotelangestellten identifiziert wurde. Auch das ist strittig, nach einer anderen Version hat ihn sein Leibdiener gefunden.

Der Hamburger Neurologe und Psychiater Johann M. Burchard weiß zu berichten, dass dies nicht der erste Besuch des Königs bei der ungenannt bleibenden Dame war, in deren Armen ihn der Herztod ereilt haben soll. Diese Geschichte, die ohne weitere Belege bleibt, muss er von seinem Opa haben, denn der war 1912 Bürgermeister von Hamburg, und ihm fiel die Aufgabe zu, die Königin und den Hofstaat offiziell vom Tod des Monarchen zu unterrichten. Später wurden vom dänischen Hof eine Vielzahl von Orden nach Hamburg vergeben, die offensichtlich der Dank für Takt und Diskretion waren (Staatsarchiv 132-1 I Senatskommission für die Reichs- und auswärtigen Angelegenheiten I Nr. 746: Verleihung dänischer Orden aus Anlass des Ablebens des Königs). Vielleicht auch für Verschleierung. Der Chefredakteur des Hamburger Echo (die Zeitung der SPD), der zum Tode des Monarchen schrieb, er sei in den Sielen gestorben, wird wohl kaum einen Orden bekommen haben. Das ist das gleiche Hamburger Echo. das zwei Jahre zuvor geschrieben hatte: Die neueste Form der Schundliteratur ist in Amerika entstanden. Das sind die Nick Carter, Sherlock Holmes Hefte und die Legion ihrer Nachfolger. Dasselbe Amerika, dem Goethe 1827 gratulierte zu seiner Reinheit von der Pest der Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten, hat der Welt die schlimmste Art der Pest beschert. Das Bestattungsinstitut St. Anschar von 1866 wirbt heute noch mit seinen damaligen Diensten. Bismarck und Hans Albers gehörten auch zu seinen Kunden.

Bei hood.de wurde vorgestern Der Smaragd Gustav Hillard Skandal Freundenhaus [sic] Novelle für zwei Euro angeboten. Die Sache mit dem Skandal und dem Freudenhaus sollte den Preis wohl hochtreiben, tat es aber nicht. Die Novelle Der Smaragd, eine der Meistererzählungen von Gustav Steinbömer, der sich als Schriftsteller Gustav Hillard nannte, ist 1948 erschienen. Sie ist auch in dem Hoffmann und Campe Band Anruf des Lebens enthalten. Ich habe das etwas altertümliche Wort Meistererzählung bewusst gewählt, denn Gustav Hillard ist als Schriftsteller ein Meister der kleinen Form gewesen. Er war nicht immer Schriftsteller. Er wurde als Gustav Steinbömer 1881 in Rotterdam geboren und verlebte seine Jugend in Lübeck. Er hat eine exklusive Schule besucht.

Das auf dem Photo oben ist das Plöner Prinzenhaus, da ist Hillard zusammen mit dem Kronprinzen erzogen worden. Was die Gerüchte nährte, dass er gar nicht der Sprössling der Lübecker Kaufmannsfamilie sei, sondern sein Vater eher in der Umgebung des Kaisers zu suchen sei. Er hat auch später am Kaiserhof gelebt und war im Ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier. Das ist sicher der Teil der Karriere, die Ernst Jünger bewunderte, als er Gustav Hillard zum 90. Geburtstag mit den Worten gratulierte: In Gustav Hillard steht noch eine der letzen Säulen der alten Armee und zugleich eine der musischen Naturen - eine Doppelbegabung, die es bei den Preußen immer wieder einmal gegeben hat. Das Prinzenhaus und die Umgebung kenne ich ganz gut, da mein Freund Georg da mal Lehrer war. Und wir auf dem Sportplatz hinter dem Prinzenhaus ➱Cricket und Fußball gespielt haben. Und Badminton in der Remise, und Tennis auf dem Platz am Bahndamm. Damals wußte ich noch nichts von Hillard, weil ich seine Lebenserinnerungen Herren und Narren der Welt noch nicht gelesen hatte.

Und die sollte man unbedingt lesen, weil hier ein großer Erzähler und ein Meister der deutschen Sprache schreibt. Das hat man heute nicht mehr so häufig. Hillards Lebensweg nahm nach dem Weltkrieg eine völlig andere Bahn. Andere Offiziere landen bei irgendwelchen Freikorps (ich nehme jetzt einmal Arnold Friedrich Vieth von Golßenau aus), er studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie und wurde Dramaturg bei Max Reinhardt. Dann freier Schriftsteller und Kulturkritiker, ein Freund von Walther Rathenau und dem Kronprinzen, mit dem er aufgewachsen war. Er hat beinahe jeden bedeutenden Intellektuellen der zwanziger und dreißiger Jahre gekannt, aber seine Erinnerungen haben nichts von einer sensationslüsternen Schwatzhaftigkeit an sich.

Eher von einer subtilen Ironie, wenn er über Rathenaus Preußenschloss Freienwalde schreibt: Jedesmal, wenn ich in Freienwalde zu Gast war, in einem der sehr einfachen Gastzimmer im Obergeschoß logierte, wo auch seine eigenen, fast puritanischen Schlaf- und Arbeitszimmer lagen, bewegte es mich, wie er seinen Wunschtraum mit dieser preußischen Vergangenheit möbliert hatte, ohne ihn doch selbst zu bewohnen. Wenn ich in den musterhaft assortierten Räumen des Erdgeschosses mit den handgemalten Tapeten und Landschaften, mit den bunten Gardinen vor den tief reichenden Fenstern zwischen Kommoden und Spiegeln, Vasen und Bildern herumging, hatte ich plötzlich das Gefühl, ohne Filzpantoffeln für Schlossbesichtigungen nicht hinreichend ausgerüstet zu sein. [...] Und in dem lichten Speisesaal mit seiner über Wand und Decke, Sesseln und Sofa fortblühenden Blattdekoration saßen wir mehr zum Beschauen und Bewundern als zum Essen.

Und Gustav Hillards Erzählung Der Smaragd hat natürlich auch nichts Sensationsheischendes an sich, von wegen Skandal Freudenhaus Novelle. Die Erzählung von den letzten Tagen des Dänenkönigs ist eher mit Thomas Manns Tod in Venedig verwandt. Es ist ein eigentümlicher Ton, den der Erzähler anschlägt, mit einer Vielzahl von Vorausdeutungen wie bei Thomas Mann. Aber auch mit akribischen Detail in der Beschreibung der Gedanken. Und der kleinen, scheinbar oberflächlichen Dinge, wenn der König so willfährig in die verzaubernde Umarmung dieses Abends gesunken ist:

Er trat ins Zimmer zurück und begann mit Bedacht sich umzukleiden. Er legte Ringe und Armbanduhr ab, wählte Wäsche ohne Initialen und einen vor seiner Umgebung nie getragenen Anzug. dem er durch einige aufheiternde Einzelheiten eine Stilisierung ins Bonvivanthafte gab. Er verteilte etliches Geld in seine Taschen und steckte nach kurzem Zögern auch das kleine, goldene Zigarettenetui ein, auf dessen innerer Deckelseite die Verse eingegraben waren, welche den strengen Gott des Schweigens für einen Bruder des Todes erklären.

Die Verse, die da stehen, sind Le sévère dieu du silence Est un des frères de la Mort, daran wird sich der Leser erinnern, der Erzähler hat es schon zweimal erwähnt. Der Leibarzt des Königs, Dr. Onno Bedinga, hält die Verse für einen Orakelspruch. Dass sie von Alfred de Musset sind, sagt uns der Autor nicht, er schreibt für den gebildeten Leser. Also für Sie zum Beispiel. Und da ich gerade bei Literaturempfehlungen bin: wenn Sie wissen wollen, wie das Hamburg um 1900 ausgesehen hat, dann gibt es nichts Besseres als ➱Ascan Klée Gobert (der Vater von Boy Gobert). Ich kann Bücher wie Zacke und Loch und Kindheit im Zwielicht nur wärmstens empfehlen.

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