Freitag, 13. Mai 2011

Landkarten


Als ich Das Odfeld nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder las, musste ich feststellen, dass ich mich im Roman zuhause fühlte. Nicht nur weil das alles Orte im Weserbergland waren, die ich aus der Kindheit kannte, weil meine Großeltern und ihre ganze Verwandtschaft aus dieser Gegend kamen, sondern weil ich diese Gegend Deutschlands, in der im Roman der Siebenjährige Krieg tobt, aus einem anderen Grund kannte. Und der hieß Eternal Triangle III, ein Großmanöver der Bundeswehr, und ich war als junger Leutnant Verbindungsoffizier zu den Einheiten der britischen Rheinarmee. Ich stellte mit großer Beruhigung fest, dass im Odfeld auch schottische Regimenter vorkamen. Und dass sich in zweihundert Jahren wenig geändert hat, man konnte da noch immer Krieg spielen. Weil der namenlose Feind (im Manöver ROT) immer durch das Fulda Gap (heute gibt es noch gleichnamiges Kriegsspielzeug) kam und schon bis zum Teutoburger Wald gekommen war. Und dann von BLAU wieder in Richtung Solling und Reinhardswald zurückgedrängt werden musste. Und da waren wir dann wieder im Raabe Country. Ich las den Roman und hatte dabei die große Generalstabskarte neben mir liegen, die ich bei Manöverende damals abgestaubt hatte, so konnte ich den Romanfiguren auf der Landkarte folgen. Ich gebe zu, dass das ein etwas bizarres Leseerlebnis war. Und natürlich kann man Das Odfeld auch ohne eine Karte lesen, auf der englische und deutsche Truppenbewegungen eingezeichnet sind. Aber Das Odfeld sollte man auf jeden Fall lesen.

Das habe ich im letzten Jahr geschrieben. Wenn Sie meine Bloggerkarriere von Anfang an verfolgt haben, dann kennen Sie das schon, weil es hier im ➱September stand. Als ich gestern über den Thedel von Münchhausen in Raabes Odfeld schrieb, fiel mir die Sache mir dem Manöver natürlich wieder ein. Ich war schon dabei, sie bei den Eliottschen Schwadronen in den Text zu schreiben, als ich merkte, dass ich diese Geschichte schon einmal erzählt haben könnte. Das ist das Problem von Geschichtenerzählern, man weiß nie, ob und wann (und wem) man diese Geschichte schon einmal erzählt hat. Aber sie erinnerte mich an eine ganz andere Sache, die auch mit einer Landkarte und mit David Hume, über den ich gerade geschrieben hatte, zusammenhing.

Ich fange noch einmal mit dem Manöver an. Ich glaube, ich darf die Geschichte erzählen, die Geheimhaltungspflicht ist wohl längst abgelaufen. Ich war Verbindungsoffizier zwischen meiner Brigade und den am Manöver beteiligten Engländern. Die uns hassten, damned German blitzkrieg, weil sie nicht so schnell angreifen wollten wie wir. Und sich jeden Tag um fünf in die Büsche schlugen und ihre tea time zelebrierten. Wo mir ein reizender Colonel in seinem geradezu behaglichen Befehlspanzer Lapsan Souchong Tee in stilvollem Porzellan servierte, aber nicht dazu zu bewegen war, mit seiner Schwadron noch zehn Kilometer vorzurücken. Bei der Befehlsausgabe über den schönen Landkarten hatte das Ganze in den frühen Morgenstunden ganz anders ausgesehen. Zwischen den Landkarten der großen Strategen und der Wirklichkeit gibt es immer gewisse Unterschiede.

Ich bewundere immer in Wochenschauaufnahmen, wenn sich Militärs fachmännisch über Landkarten beugen und mit den Armen gestikulieren. Adolf Hitler zum Beispiel, schöne schauspielerische Leistungen an der Landkarte. Das hat er bestimmt vorher vorm Spiegel geübt. In Wirklichkeit hat er wohl nie gewusst, was er da mit seinen Handbewegungen anrichtete. Ich habe Generäle erlebt, und das hat jetzt nichts mit Münchhausens Geschichten zu tun, die waren unfähig, eine Karte zu lesen. Plazierten mit großartiger Handbewegung ein ganzes Panzerbataillon in einer Gegend, wo auf der Karte diese kleinen blauen Strichelchen waren. Was für nasse Wiesen oder Moor steht. Ich habe einmal in einem Manöver eine Stunde lang zugeguckt, wie zwei englische Bergepanzer versuchten, einen Centurion Panzer (Gewicht über 50 Tonnen) aus dem Moor zu ziehen.

Aber die Generäle hatten natürlich immer ihre Stabsoffiziere an der Seite. Irgendjemand versteht es schon, eine Karte richtig zu lesen. Pfadfinder können das im Zweifelsfall immer. Wir hatten an diesem Tag eine ganze Panzerkompanie verloren, sie war einfach verschwunden. Sie war nicht da, wo sie am Nachmittag hätte sein sollen. Und auch nicht, wie alle Kradmelder bestätigten, im Umkreis von zehn Kilometern. Deshalb versuchte ich am Spätnachmittag meinen englischen Colonel zu überreden, anstelle unserer verlorenen gegangenen Panzer nach vorne zu rücken. Es gab höfliche Konversation, Tee und cookies, aber keine Truppenbewegungen. Unser Oberleutnant mit seinen Panzern wurde einen Tag später wiedergefunden, hunderte von Kilometern von der Stelle, an der er hätte sein sollen. Er hatte am Morgen bei der Befehlsausgabe seine Karte verkehrt herum gehalten! Man hat in den Offizierkasinos der Division noch lange über ihn gelacht.

Dem jungen Thedel von Münchhausen in Raabes Odfeld wird dagegen seine Ortskenntnis (über die der Erzähler sagt: Wenn nun Monsieur Thedel von Münchhausen aus dem Bevernschen sich noch bei Nacht im wilden Weserwalde zurechtzufinden wußte, so hätte ihn eine doppelte ägyptische Finsternis nicht gehindert, irgendein Ziel...ohne Anstoß zu erreichen) zum Verhängnis. Weil er sich anbietet, die Eliottschen Schwadronen durch das Gelände zu führen (offensichtlich können die Feldherren auch keine Karten lesen) findet er seinen Tod bei dem Kavallerieangriff auf die französischen Truppen.

Der Philosoph ➱David Hume soll im Jahre 1746 den General James St. Clair als Privatsekretär nach Kanada begleiten. In letzter Minute ändert die Politik die Pläne, St. Clair soll Frankreich angreifen. Irgendwo. Als man in Portsmouth lossegeln will, stellt man fest, dass man keine Karte von Frankreich besitzt! David Hume, inzwischen zum Kriegsgerichtsrat ernannt, zeichnet aus dem Gedächtnis einen groben Umriss von Frankreich, aber so richtig glücklich ist St. Clair damit nicht. Man schickt einen Offizier an Land, damit er eine Landkarte kauft. Aber es gibt in der englischen Hafenstadt keine Karten von Frankreich! Der Offizier kommt mit einem Buch über Frankreich zurück, in dem eine kleine Frankreichkarte ist. Der Rest der Expedition gegen die Hafenstadt L'Orient ist genau so komisch wie der Anfang. Glücklicherweise gibt es keine Verluste an Menschenleben auf beiden Seiten. Nur unser Philosoph ist die ganze Zeit seekrank.

Ebenso kläglich wie diese militärische Operation ist die Episode mit der deutschen Division unter General Louis Blenker im amerikanischen Bürgerkrieg. Dem hatte man im Februar 1862 den Befehl gegeben, sich mit seinen Truppen General Frémont in St. Petersburg anzuschliessen. Das War Department hatte allerdings vergessen, Blenker mit vernünftigen Landkarten auszustatten. Eine Ausrüstung mit Zelten, Wolldecken, Mänteln, Schuhen und Proviant war auch nicht erfolgt. Und so torkeln Blenkers Soldaten im eisigen Regen durch die Bull Run Mountains und das Shenandoah Tal. Nur wenige verstehen Englisch und können sich gegenüber der Zivilbevölkerung verständlich machen. Sie beginnen alles zu requirieren, was ihnen unter die Finger kommt. Kranke werden zurückgelassen, viele Soldaten gehen verloren, manche ertrinken im Shenandoah. Irgendwann merkt das Oberkommando, dass eine ganze Division verloren gegangen ist. Man schickt General Rosecrans aus, um die Deutschen zu suchen. Wenn er sie nach tagelangem Suchen gefunden hat, berichtet er dem Kriegsminister Stanton, die Deutschen were short of provisions, forage, horseshoes and horseshoe nails, clothing, shoes, stockings, picket ropes and ammuninion, without tents or shelters, and without ambulances or medicine for any important work. Sie haben auch keine Pferde mehr (wahrscheinlich alle gegessen) und seit Monaten keinen Sold erhalten. Und so schließt Rosecrans seinen Bericht, dass es niemanden wundern kann, dass aus der Division ein marodierender Räuberhaufen geworden ist (not much wonder they stole and robbed).

Wenn Blenkers Soldaten nach sechs Wochen bei Frémont ankommen, ist niemand so recht glücklich. Die Yankees mögen die Deutschen, Straßenräuber oder nicht, einfach nicht. Sprüche wie the air around here was found to be rather Dutchy machen die Runde. Die Deutschen sind erst glücklich, wenn Frémont durch den Deutschen Franz Sigel abgelöst wird. Über den wir das schöne Lied I goes to fight with Sigel (nach der Melodie von The girl I left behind me) haben:

I've come shust now to tells you how, 
I goes mit regimentals, 
To schlauch dem voes of Liberty, 
Like dem old Continentals, 
Vot fights mit England long ago, 
To save der Yankee Eagle; 
Und now I gets my sojer clothes; 
I goes to fight mit Sigel. 
Ven I comes from der Deutsche Countree, 
I vorks somedimes at baking; 
Den I keeps a lager beer saloon, 
Und den I goes shoe-making; 
But now I was a sojer been 
To save der Yankee Eagle, 
To schlauch dem tam secession volks, 
I goes to fight mit Sigel. 
I gets ein tam big rifle guns, 
Und puts him to mine shoulder, 
Den march so bold like a big jackhorse, 
Und may been someding bolder; 
I goes off mit de volunteers 
To save der Yankee Eagle; 
To give dem Rebel vellers fits. 
I goes to fight mit Sigel. 
Dem Deutschen mens mit Sigel's band 
At fighting have no rival; 
Und ven Cheff Davis mens ve meet, 
Ve schlauch em like de tuyvil. 
Dere's only von ting vot I fear, 
Ven pattling for der Eagle, 
I vont get not no lager beer, 
Ven I goes to fight mit Sigel. 
For rations dey gives salty pork, I
 dinks dat was a great sell; 
I petter likes de saurkraut, 
Der Schvitzer-kase und bretzel. 
If Fighting Joe will give us dem, 
Ve'll save der Yankee Eagle, 
Und I'll put mine frau in breech-a-loons, 
To go and fight mit Sigel. 

Lincoln hat Sigel nicht geliebt, aber er brauchte diese politischen Generäle wie Sigel und Schurz für die deutschen Stimmen im Wahlkampf. Er hat die untergeordnete Rolle von Franz Sigel mit Those not skinning can hold a leg sehr nett beschrieben. Aber den Feind an den Hammelbein festhalten, das kann der ehemalige Kriegsminister der badischen Revolutionäre von 1848 auch nicht so richtig, sodass die Generäle Halleck und Grant seine Abberufung forden: Sigel will do nothing but run, he never did anything else. Sigel ist ein großer Stratege und ein Meister des geordneten Rückzugs. Mit oder ohne Landkarte. Deshalb lieben ihn seine Soldaten, wenn es keine Schlacht gibt, kann man auch nicht in einer Schlacht sterben.

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