Mittwoch, 25. Mai 2011

Patti d'Arbanville


My Lady D'Arbanville, why do you sleep so still? sang damals Cat Stevens, und Patti d'Arbanville war in aller Munde. Steven wrote that song "Lady D'Arbanville" when I left for New York hat sie in einem Interview gesagt I left for a month, it wasn't the end of the world was it? But he wrote this whole song about "Lady D'Arbanville, why do you sleep so still." It's about me dead. So while I was in New York, for him it was like I was lying in a coffin... he wrote that because he missed me, because he was down... It's a sad song. Cat Stevens hieß eigentlich Steven Demetriu Georgiu, er hat für seine Sängerkarriere seinen Namen geändert. Patti d'Arbanville hat ihren Namen nie geändert, sie heißt wirklich so.

David Hamilton hat sie berühmt gemacht, mit seinen Photos und seinem Film Bilitis. Geschmäcklerisch fotografierter Softsexfilm, dessen äußerer Schick aber nicht über die Schwächen seines Plots hinwegtäuscht, schrieb das Heyne Filmlexikon. Geschmäcklerisch ist ja wohl das Netteste, was ein Filmkritiker über die Filme von Hamilton sagen konnte. Schleimweichgezeichnete Voyeursklamotte des Erotikspekulanten Hamilton klingt dagegen schon etwas bösartiger.

Aber es ist ein Zeichen der Zeit, die Welt gehört jetzt David Hamilton (also solange, bis Helmut Newton, Jeff Dunas und Roy Stuart kommen). Die englischen quality papers wie Observer und Sunday Times haben jetzt colour magazines (lange bevor die Zeit so etwas erfindet) und überall schießen glamour magazines aus dem Boden. Da will man doch ein wenig erotische Photographie, ein wenig mehr als David Bailey das bietet. Also mit massenhaftem Weichzeichner, weil man ja ein quality paper ist und kein Pornomagazin. Auch der Twen hat in Deutschland Photos von David Hamilton abgedruckt.

David Hamilton, the British photographer, made a name in the 1970’s with his misty depictions of young women drifting through traffic dressed in nothing but their skivvies. Those pictures sent a message, both lurid and demure, of decadence decorously drenched in lace. A similar mood has reemerged this spring, expressed through lacy lingerie flaunting itself as streetworthy style, schrieb Ruth la Ferla, die Modekritikerin der New York Times. Mode, Photographie, Film - man konnte David Hamilton nicht mehr entkommen. Selbst der Playboy, sonst eher auf marzipanhafte dralle Schönheiten, the girl next door, spezialisiert, hatte ganze Photostrecken vom englischen Meister des soft porn.

In Deutschland photographiert Karin Szekessy so ähnlich, aber das ist natürlich kein soft porn sondern Kunst. Auch deshalb, weil sie mit Paul Wunderlich verheiratet ist, der die gleichen Modelle malt, die seine Frau photographiert. Damit ist offensichtlich damals gutes Geld zu machen, bei Wunderlich reicht es immerhin zu einem weinroten Rolls-Royce. Das mit dem Rolls weiß ich, weil er mich mal voll eingeparkt hatte. War ihm hinterher sehr peinlich.

David Hamilton hatte gesehen, dass man mit pubertierenden Lolitas Geld machen konnte, waren plötzlich alle Männer pädophil geworden? Jetzt produzierte er einen Bildband nach dem anderen. Gleichzeitig begann übrigens in Skandinavien die Produktion von Sexheften und Sexfilmen, aber das würde er nicht so gerne hören wollen. Und gleichzeitig mit seinen Photobüchern (in Millionenauflage) entstanden seine Filme: Bilitis, Die Geschichte der Laura M, Zärtliche Cousinen, Erste Sehnsucht, Ein Sommer in St. Tropez. Alles mit Weichzeichner und slow-motion, klebrig-süßlicher Musik und bedeutungsvoller Poesie. Wahrscheinlich hat sich Hamilton die Zutaten bei Bo Widerbergs Elvira Madigan (unten). der die Zuschauer zu massenhaften Käufen von Mozarts Klavierkonzert No. 21 verleitete, geklaut.

Der Filmkritiker Wolfgang Limmer vom Spiegel (der ja auch für die Süddeutsche und die Zeit schrieb) mochte Bilitis ganz und gar nicht: David Hamiltons Nymphchen-Photographien sind weltberühmt. Sie gelten in der Ästhetik der Herrenmagazine als erotische Kunst, weil dem voyeuristischen Kameraauge, Distanz heuchelnd, ein Chiffon vorgespannt ist. Die photomechanische Wiedergabe renoirhafter Lichtfluten ergänzt sich hier ganz im Sinne des gehobenen Woolworth-Geschmacks harmonisch mit der Vorstellung frühpubertärer Unschuld mädchenhafter Liebesspiele. Man kann ihm heute noch für diesen Verriß dankbar sein, der mit dem Absatz endete: Durch den heftig verwendeten Weichzeichner dringt das diffuse Licht der Werbewelt. Der Strahl der Wirklichkeit bleibt sorgsam ausgefiltert aus einer mondänen Atmosphäre, in der das höchste Glück offensichtlich in taktiler Zärtlichkeit, mal ein bißchen lesbisch, mal ein bißchen hetero, besteht. Leidenschaft kennt sie nicht, diese Boutiquen-Erotik, die Gefühle präsentiert wie Mannequins prêt-â-porter-Kreationen auf dem Laufsteg. Ich hätte das ja nicht schöner sagen können, deshalb zitiere ich es in dieser Länge.

Patti d' Arbanville wird heute sechzig, auf den Photos sieht sie aus wie eine dralle amerikanische Hausfrau. Bilitis scheint sie ohne Schäden überstanden zu haben. Ob ihr heute Cat Stevens, der jetzt neuerdings Yusuf heißt, My Lady D'Arbanville, why do you sleep so still? durchs Telephon vorsingt, weiß ich nicht.

Was David Hamilton damals inszeniert hat, und was viele für Kunst hielten, ist Teil eines größeren Phänomens. Eine Nostalgiesucht, die die Vergangenheit durch den Weichzeichner sieht, ist epidemisch ausgebrochen. Begleitet natürlich durch die hidden persudaders der kommerziellen Interessen. Die Verfilmung von The Great Gatsby zum Beispiel löst einen ungeahnten  Werberummel aus. You have turned 'The Great Gatsby' into pots and pans, klagte Fitzgeralds Tochter angesichts dessen, dass du Pont Millionen dafür bezahlt hatte, um Gatsby-weißes Tafelgeschirr herauszubringen. The idea is to Gatsbyize the entire country, hatte der Werbechef von Paramount gesagt. Und dann hingen selbst in deutschen Provinzstädten Gatsby-weiße Anzüge bei C&A im Schaufenster. Selbst der Bayernkurier stellte fest: Man kleidet sich fortan im Gatsby-Look, trägt wieder Loden und zarte, romantische weite Kleider: man tanzt in Gatsby-Diskotheken bei psychedelischem Licht. Das neue Konzept ist so total, so romantisch und der industriellen Wirklichkeit so fern wie die Sage von Blut und Boden deutscher Lesebücher von gestern. Der Supermarkt des kleinen Glücks nunmehr für alle (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Während die USA sich in ihren Filmen hauptsächlich auf die Roaring Twenties in Amerika zurückbesannen, hatte diese Retrowelle in Europa eine Variante, die genau so pervers war wie das Idyll der Landhäuser, in dem sich Hamiltons pubertäre Lesben tummeln. Nämlich die Ästhetisierung des Faschismus in italienischen Filmen wie Luchino Viscontis La caduta degli dei (Die Verdammten) und Liliana Cavanis Il portiere di notte (Der Nachtportier).

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es in diesen beiden Filmen die gleichen Schauspieler sind, die sich an diese Rollen gewagt haben. Es sind Engländer (wie David Hamilton), nämlich ➱Charlotte Rampling und ➱Dirk Bogarde. Nazi Ästhetisierung und Lolita Voyeurismus, was ist bloß mit den seventies los? Ich hätte einige Überlegungen dazu, aber das wird mir jetzt zu lang, darüber schreibe ich ein anderes Mal mehr (also zum Beispiel ➱hier).

Und bevor ich das vergesse: natürlich herzliche Glückwünsche an Patti d'Arbanville. Und falls Sie zuhause noch Bildbände von David Hamilton haben sollten, entsorgen Sie sie doch einfach! Nicht auf dem Flohmarkt, die passen auch in die blaue Tonne.

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