Samstag, 31. Juli 2010

Swinging London


Von den Bundeszentrale für politische Bildung ist er in den sogenannten Filmkanon aufgenommen worden, und er wurde von manchen Kritikern zu einem der wichtigsten Filme der sechziger Jahre emporgeschrieben. Ich habe Blow-Up damals dreimal im Kino gesehen und besitze jetzt auch eine DVD davon, eine Raubkopie, die mir mal ein Studi geschenkt hat. Die kann ich jetzt leider nicht wiederfinden, aber das macht auch nichts, ich habe den Film noch im Kopf. Auf YouTube gibt es eine zweiminütige Version des ➱Trailers, und wenn ich jetzt gehässig wäre, dann würde ich sagen: das reicht völlig aus. Und es gibt wichtigere Filme in den sechziger Jahren, ➱Joseph Loseys The Servant oder Accident, Jean Pierre Melvilles Le deuxieme souffle oder alles, was Godard, Truffaut & Co. drehen.

Michelangelo Antonioni dreht zum ersten Mal außerhalb von Italien, und zum ersten Mal hat er Geld, mehr als 1,5 Millionen Dollar (der damals noch bei 4 Mark 20 steht) von Sophia Lorens Ehemann Carlo Ponti. Das ist wahrscheinlich mehr Geld, als Antonioni für alle Filme, die er bisher gedreht hat, zur Verfügung hatte. Der Film wird ein Welterfolg und wird in zwei Jahren mehr als das zehnfache der Produktionskosten einspielen, außer La Notte war bisher noch kein Film von Antonioni wirklich finanziell erfolgreich. 

Antonioni kommt jetzt im weißen Rolls zum Drehort und lässt sich in der Mittagspause Picknickkörbe von Fortnum & Mason bringen. Und gekühlten Schampus. Es gibt noch einen zweiten weißen Rolls bei den Dreharbeiten, eine Silver Cloud III mit der Karosserie von ➱Mulliner Park Ward. Das ist das Teil, mit dem David Hemmings durch London gurkt, der ist aber für den Film dunkel lackiert worden. Das Auto gehörte dem Discjockey und Radiomoderator ➱Jimmy Savile. Der ist heute Sir Jimmy, aber er trägt noch die gleichen Klamotten wie in den Sixties.

Wirkt aber doch sehr dated. Wenn Charles diesen blauen Anzug schon in den sechziger Jahren gehabt hätte, würde das bei der zeitlosen Schneiderkunst der Savile Row niemandem auffallen. Obgleich der Look von Blow-Up heute angeblich schon wieder ein Modeideal ist (die Hugo Kollektion von Boss soll sich vor Jahren angeblich an dem Film orientiert haben). Das, was David Hemmings trägt: weiße Jeans, hellblaues Gingham Hemd (bei dem er die Knöpfe des Button-Down Kragens niemals zuknöpft, zeugt wahrscheinlich von künstlerischer Kreativität oder ist eine verborgene Symbolik von Antonioni) und grünblaues Samtjackett geht ja immer noch. Das karierte Hemd von Vanessa Redgrave könnte eine englische Lady auch heute noch tragen.

David Hemmings war über die Klamotten, die man ihm verpasste, nicht so recht glücklich (lesen Sie ➱hier alles über das Cordjackett von Hemmings). Aber es war die Mode der Zeit, es kann sein, dass der Photograph John Hooton dafür verantwortlich war: My favourite jacket around this time was a dark green suede ‘levi’ style jacket that I wore with white Levi jeans. My footwear was classic jodhpur boots – elastic sided boots normally used for horse riding. Wardrobe seems to have taken more than a keen interest in what we were wearing at the time, and I would dare to suggest that their choice of Thomas’s gear was inspiration rather than just coincidence! Allerdings, so flashy die Kleidungsstücke sind, die Personen kommen auch ohne sie aus. Hier sind noch einmal Redgrave und Hemmings, aber diesmal ohne Hemden.

Ja, es gab viel nackte Haut zu sehen in diesem Film. Vanessa Redgrave halbnackt, Jane Birkin, Veruschka von Lehndorff (das Photoshooting mit Veruschka soll angeblich die heißeste Sexszene der sechziger Jahre gewesen sein) und Sarah Miles auch mehr oder weniger unbekleidet. Jane Birkin ist sogar ohne Höschen zu sehen. David Hemmings fand die laut gebrüllten Anweisungen von Antonioni in dieser Szene, die dann ebenso laut von seinem Übersetzer gebrüllt wurden, schreiend komisch: "Get her knickers off now," yelled the assistant "Move! I can't see her tits." 

Sind das schon Altherrenphantasien von Antonioni? Sarah Miles, die Frau, die immer sexy wirkt, auch wenn sie nicht nackt ist (zum Beispiel in Loseys The Servant), fand den Film nur schrottig, eine Ansammlung von Klischees modisch verpackt. Aber Sarah Miles ist auch für ihre offene Art verrufen, schon vor Jahrzehnten schrieb der Cosmopolitan über sie: She uses words that would make a construction worker blush, but from her they sound refined. Die Filmkritiker dagegen waren hingerissen von dem Film, dessen Handlung bisher niemand verstanden hat.

Dabei folgt der Film einer billigen Formel: viel Geld für die Ausstattung, Musik von Herbie Hancock, ein schicker Rolls Royce mit Autotelephon (1966!), ein bisschen verfremdetes Lokalkolorit, ein Hauch vom Swinging London, eine Popgruppe (The Yardbirds. Antonioni wollte The Velvet Underground oder The Who haben, musste sich dann aber mit den Yardbirds begnügen) und ein Starphotograph, der David Bailey nachempfunden war. Und natürlich alle die Frauen. Weil Starphotographen die nun mal haben. Auf jeden Fall David Bailey, der kriegte ja sogar damals Catherine Deneuve ins Bett. Musste sie allerdings vorher heiraten.

Sehen Sie das? Nein, nicht der Slip von Catherine. Wildlederschuhe zum dunklen Hochzeitsanzug! Aber er konnte auch gut photographieren, und er hatte auch immer die schönsten Frauen vor der Linse, weil die Modeindustrie, die uns alles vorgaukeln kann und will, ihre Models nur von von ihm photographiert haben will. Die Klischees werden da schnell zur Wahrheit.

Das ist Jean Shrimpton in ➱New York, natürlich photographiert von Bailey. Da hat er sie kennengelernt, hatte natürlich sofort eine Affäre mit ihr (obgleich er verheiratet war). Aber er machte sie zu dem Gesicht des Swinging London und dem ersten Supermodel der Modegeschichte. Birte, die in London lebt (das heute nicht mehr so swingt), hat mir mal erzählt, dass sie The Shrimp in einem Hotel in Penzance getroffen habe. Habe ich zuerst nicht geglaubt, aber die Sache stimmt, die Göttin der Sixties betreibt mit ihrem Mann dort ein Hotel. Sie hat auch letztens David Bailey wiedergetroffen, fünfzig Jahre nachdem sie sich kennengelernt haben. Die beiden sehen jetzt so aus:

Was damals die englische Klatschpresse beschäftigt, die Romanze zwischen Bailey und Shrimpton, wird jetzt von Antonioni wieder aufgewärmt und ein wenig verfremdet. Aber irgendwie ist das ein fader Abklatsch der Wirklichkeit, Sarah Miles hatte mit den Klischees schon recht. Und natürlich muss Jeff Beck von den Yardbirds seine Gitarre auf der Bühne zertrümmern, und natürlich muss der Manager der Photographen völlig zugekokst sein, wenn David Hemmings ihm von dem Mord erzählt.

Bei der Bremer Aufführung von Torquato Tasso in den sechziger Jahren, hatte Peter Stein einen neongrünen Flokati-Rasen in der Mitte der Bühne. Der wirkte so fies und schrill, dass er schon wieder wieder die Abstraktion eines Rasens aussah. Antonioni gefällt der Rasen im Maryon Park (in dem ein Mord geschieht oder auch nicht) überhaupt nicht, er lässt ihn grün nachfärben. Wirkt aber lange nicht so wie Peter Steins Rasen (der natürlich der Rasen des genialen Bühnenbildners Wilfried Minks ist). Den kann man neuerdings (ebenso wie den Rasen von Maryon Park siehe oben) auf einer DVD wiedersehen, worüber sich der Regisseur so äußert: Kürzlich hat irgend so ein Arschloch eine CD von meinem alten, Bremer „Torquato Tasso“ gemacht. Da war ich erstaunt über die Präzision der Spracharbeit damals. Übrigens auch darüber, wie wunderschön diese jungen Menschen damals waren. Außer einigen dämlichen Kaspereien wurde sehr ernsthaft, direkt und realistisch gespielt. Von Gorkis „Sommergästen“ an hat sich meine Arbeit dann nicht mehr stark verändert. Ich habe keinen Stil und will auch keinen. Wir lassen das mal so stehen, Peter. Aber was ist mit Antonionis Stil?

Irgendwie scheint er das aufgegeben zu haben, was er in La Notte oder in Deserto rosso beherrschte und was schon zu einer Manier geworden war: Personen gegen die Landschaft zu setzen, die niemals ein locus amoenus ist, sondern immer eine von der Industrie zertrümmerte Landschaft oder wenig belebte Vororte der Großstadt. Die Entfremdung der Personen in der Welt war damals das Äquivalent zum nouveau roman, filmische Umsetzung von Robbe-Grillet und Butor. Und so zeigt er auch kein Bilderbuchlondon, sondern eins der Seitenstraßen und Vororte. Schön und gut, aber die Masche hat sich spätestens in L'Eclisse totgelaufen. Antonioni kann sich nicht so recht entscheiden, wenn er konsequent wäre, dann würde er ein dreckiges verlassenes London zeigen, so wie es Rolf Dieter Brinkmann beschrieben hat. Und dies dann der Glitzerwelt des Modezirkus entgegenhalten. Aber Blow-Up ist ein Film ohne Konzept, ein bisschen von diesem und ein bisschen von dem, fertig ist die Melange. Streckenweise ungeheuer durchkomponiert, aber streckenweise auch nachlässig gepfuscht, auf YouTube findet sich ein kurzer ➱Clip, der richtige handwerkliche Fehler zeigt. Das wäre dem Antonioni von Cronaca di un Amore nicht passiert.

Aus David Hemmings, der durch diesen Film auch zu einer Ikone der sechziger Jahre wurde, ist auch nicht das geworden, was aus ihm hätte werden können (nehmen wir mal The Charge of the Light Brigade, seine brillant gespielte Nebenrolle in Juggernaut oder die Hauptrolle in dem unterschätzten Spionagefilm Charlie Muffin aus). Er selbst hat das aber eher philosophisch genommen und 2002 (ein Jahr vor seinem Tod) gesagt: I haven't really achieved a great body of outstanding work that can be buffed up and put on the mantelpiece. I've done some real stinkers, and I don't regret any of them because I went into them in the full knowledge that they weren't going to win an Academy Award . . I don't give a shit about fame, I have no vanity in that department. I don't consider myself to have been a star; I just married some pretty women. Als er noch klein war, konnte er einen göttlichen Sopran singen, er war der Star der Uraufführung von Benjamin Brittens The Turn of the Screw. Und er geht durch diesen Film wie ein unschuldiger Engel, er hätte die Hauptrolle in Ustinovs Verfilmung von Melvilles Billy Budd spielen können. Aber die hatte Terence Stamp gekriegt, der eigentlich auch die Rolle von Hemmings bekommen sollte. Pauline Kael, mit der ich nicht immer übereinstimme, fand David Hemmings in dem Film noch das Beste: with his Billy Budd hair-do, he's like a pre-Raphaelite Paul McCartney. Ihr schöner Verriss (Tourist in the City of Youth) in ihrem Buch Kiss Kiss Bang Bang ist nach über vierzig Jahren noch immer lesenswert.

Und Sarah Miles hat mir damals (und immer) gefallen. Und die Frau in dem Antiquitätenladen (Susan Brodnick), die aber leider hinterher nur eine Karriere im Dracula & Consorten Genre gehabt hat. So, und nun habe ich die DVD doch noch gefunden, ist gar keine echte Raubkopie, ist ein arte Mitschnitt. Das darf man ja wohl zur wissenschaftlichen Forschung benutzen. Und jetzt guck ich mir das noch mal an, und wenn ich meine Meinung revidieren muss, dann schreibe ich das hier morgen alles um.



Kommentare:

  1. Naja, das "Arschloch" war damals Steins Assistent und hat jetzt einen Verlag mit wunderbaren Funden von damals: Edition Mnemosyne.

    AntwortenLöschen
  2. Danke dafür! Die Videoaufnahme (DVD) von Peter Steins Inszenierung 1969 plus eine CD mit Will Quadfliegs Studioaufnahme von "Torquato Tasso" sind bei Amazon und im Buchhandel "Zweimal Torquato Tasso" zum Preis von 35 Euro erhältlich. Dagegen kann man überhaupt nichts sagen, zumal da auch Jutta Lampe mitspielt, deretwegen ich damals dreimal in "Torquato Tasso" gegangen bin. Peter Stein sollte dem Kleinverlag, der den Namen der Göttin der Erinnerung trägt, mal lieber dankbar sein.

    AntwortenLöschen
  3. Ja, sollte er. Herr Schwiedrzik war auch immer noch ein wenig sauer, als er mir das erzählte.

    AntwortenLöschen