Montag, 12. Juli 2010

Andante ma non troppo


e molto maestroso geht es weiter, der zweite Satz heißt Andantino semplice und der dritte Allegro con fuoco. Klavierkonzert No. 1 von Tschaikowsky. Heute vor 76 Jahren wurde Harvey Lavan Cliburn, Jr. geboren, uns allen bekannt als Van Cliburn. Niemand hatte in Deutschland vorher von ihm gehört, und dann gewinnt er mitten im Kalten Krieg 1958 in Moskau den Tschaikowsky Wettbewerb. Das muss den Russen wehgetan haben. Da haben sie ihren Sputnik im Weltall, und da kommt so ein amerikanischer Schlaks daher und spielt sie mit seinem Tschaikowsky alle von der Bühne. The Texan who Conquered Russia titelte Time damals.


Mein Taschengeld von zwei Monaten ist draufgegangen für die RCA Living Stereo LP, und meine Eltern machten sich schon gewisse Sorgen, weil sie aus meinem Zimmer nur noch das Klavierkonzert No. 1 von Tschaikowsky hörten. Im Jahr zuvor war da schon ein anderer Nordamerikaner (der in Wirklichkeit Kanadier war) und hatte das russische Publikum sehr bewegt. Seit Stalin tot ist, gibt es jetzt zögernd einen kleinen kulturellen Grenzverkehr. Porgy and Bess war auch schon in Rußland, Truman Capote hat darüber in The Muses are Heard berichtet.

Und nun kommt 1957 Glenn Gould, der erste klassische Musiker aus Nordamerika. In der kanadischen Botschaft erklären ihm Bedienstete, dass das Publikum beleidigt wäre, wenn er wie gewohnt seinen schwarzen Anzug tragen würde. Im kommunistischen Arbeiterparadies will man den Pianisten im Frack, des Kleidungsstück des Feudalismus, sehen. Gould fügt sich. Er ist in seiner Karriere nie so gefeiert worden, wie bei den Auftritten in Moskau und Leningrad. Er wird ein zusätzliches Konzert für Studenten geben, wo er Musik spielt, die seit den dreißiger Jahren verboten war, allerdings hätten die Studenten lieber Bach oder Mozart gehabt. Die Konzerte enden in einem Zugabenmarathon, und beim letzten Konzert beschließt Gould keine Zugaben mehr zu geben. Da erreicht ihn in der Pause ein kleiner Brief: Lieber Herr, wir bitten Sie inständig, etwas von Bach ohne das Orchester zu spielen. Viele von uns hatten keine Gelegenheit, Ihr Konzert am 16. zu hören, und haben lange auf der Straße gewartet, alle vergeblich. (gezeichnet) Ihre russischen Bewunderer. Bach ohne das Orchester zu spielen, dass tut Glenn Gould nun gerne, seit er in den Vorjahren die Goldbergvariationen ganz anders als die anderen gespielt hatte (dass er dabei ein wenig bei Rosalyn Tureck geklaut hat, wußte damals niemand, weil es von ihr damals keine Aufnahmen gab). Evgeni Koroliov war acht Jahre alt, als er Gould hörte, er hat das nie vergessen.

Das russische Publikum ist von Gould und Van Cliburn natürlich auch begeistert, weil die beiden jung sind und unverschämt gut aussehen. Die könnten auch, so elegant sie in ihren Konzertfräcken aussehen, den Flohwalzer spielen, und das Publikum wäre begeistert. Das ist jetzt etwas ganz anderes, als die korpulenten älteren Herren im Frack, die das russische Publikum sonst am Piano gewohnt ist. Die deutsche Grammophon versuchte Anfang der sechziger Jahre auf der Begeisterungswelle mitzuschwimmen und versuchte den jungen Christoph Eschenbach als den deutschen Glenn Gould zu vermarkten. Ich habe Eschenbach damals in Hamburg gehört, er spielte einen netten Mozart, aber in der Laeisz Halle war keine Spur von Glenn Gould zu entdecken.

Es gibt auf You Tube eine historische Wochenschau und Ausschnitte aus einem Tschaikowsky Konzert, die einen Eindruck vermitteln können, wie Van Cliburn damals gewirkt hat. RCA hatte hatte auf einer Langspielplatte das Tschaikowsky Konzert mit Beethovens Klavierkonzert No. 5 gekoppelt, was beim Publikum gut ankam. Von der Aufnahme von 1961 wurden mehr als eine Million Platten verkauft, das hatte es im Bereich der klassischen Musik noch nie gegeben. Dieser Erfolg hat aber Cliburns Karriere behindert, man wollte immer nur den Tschaikowsky hören. Irgendwann ist es sehr still um ihn geworden.

Aber es gibt ihn noch, er spielt auch noch gelegentlich (er beginnt alle seine Konzerte mit dem Star Spangled Banner). Er hat eine Vielzahl von Ehrungen bekommen. Und mit Ausnahme von Obama hat er für jeden amerikanischen Präsidenten seit Harry Truman im Weißen Haus gespielt. Er setzt sich auch seit Jahrzehnten für den Nachwuchs ein, es gibt eine Van Cliburn Foundation und eine jährliche Cliburn Competition. Er ist nicht ganz so exzentrisch, wie Glenn Gould es war, aber ein Nachtmensch ist er ebenso wie Gould. Und der schlaksige Texaner ist zwar älter geworden, sieht aber irgendwie immer noch so jungenhaft aus wie 1958.

Es ist auch eine Tragik mit den Wunderkindern und shooting stars, man hat nie das Gefühl, dass sie in ihrem Leben wirklich glücklich werden, Glenn Gould und Van Cliburn wären Beispiele dafür, wie sie im Konzertbetrieb verheizt werden und sich dann auf unterschiedliche Art in ihre eigene Welt zurückziehen. Von Mikhail Pletnev, der seine brillante Karriere aufgab, um Dirigent zu werden, hört man schlimme Dinge aus Thailand. Es gibt Gegenbeispiele. Anfang der sechziger Jahre, als Gould und Cliburn auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind, geht die 82-jährige Elly Ney noch auf eine mehrwöchige Tournee. Wilhelm Kempff und Wilhelm Backhaus scheinen im Alter aufzublühen. Backhaus gibt noch kurz vor seinem Tod, und da ist er 85, ein beeindruckendes Konzert. Vielleicht sollte Van Cliburn nicht mehr bei so vielen Society Events auftreten und noch einmal so spielen wie 1958.

Kommentare:

  1. Ich habe 1962 Cliburn für eine Schüerzeitung in Luzern inteviewt( so tollkhn kann man nur als Jugendlicher sein). Er war ein wenig linkisch und pickelig,also von Nahem sicher keine sonderliche Schönheit. Wenn Photos etwas anderes zeigen,wäre das eine frühe Version von photo.shop.
    Über die Krisen amerikanischer Pianisten wäre sicher eine eigene Veröffentlichung sinnvoll. Fleisher und Janis hatten Probleme mit der Hand, aber Graffmann und Cliburn?
    Inzwischen gibt es eine Box mit den Aufnahmen von Cliburn,weit mehr als das b moll Konzert,aber lohnt es sich? Ich meine ,es lohnt sich nicht.

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  2. Ich weiß auch nicht, ob ich dafür mehr als fünfzig Euro ausgeben würde. Für die Sixties waren seine Auftritte in Moskau und St Petersburg ein großes Ereignis - wenn man damals jung war. Ich habe zwei spätere Aufnahmen von ihm, aber ich glaube, er hat nie die Erwartungen erfüllt, die man damals hatte.

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