Freitag, 2. Juli 2010

Hemingway


Als Arnold Gingrich, einer der elegantesten Amerikaner, einmal gefragt wurde, ob er Hemingway oder Fitzgerald für den bedeutenderen amerikanischen Autor hielte, antwortete er ohne zu zögern: F. Scott Fitzgerald. Und er fügte hinzu, dass er The Great Gatsby jedes Jahr wieder lesen könne, bei Hemingway wirke vieles nach der ersten Lektüre nur schal. Gingrich war mit beiden befreundet und druckte auch ihre Erzählungen in seiner neuen Zeitschrift Esquire. Hemingway bekam auch von ihm elegante Klamotten, die Amerikas Modefirmen dem Herausgeber dieser sich schnell etablierenden Zeitschrift gerne überließen. Es war ein Wagnis gewesen, mitten in der Depression ein Magazin für die High Society zu gründen. Gingrich hatte nicht daran geglaubt, dass seine Zeitschrift die ersten Nummern überleben würde. Tat sie aber, und die Originalbeiträge von Schriftstellern wurden immer beibehalten. Schließlich hat ja auch jemand wie Tom Wolfe beim Esquire angefangen.

Das hier ist Ernest Hemingway beim Schreiben. Er ist häufig photographiert worden, auf der Löwenjagd, bei der Hochseefischerei, als Kriegsreporter im Spanischen Bürgerkrieg oder bei der Einnahme von Paris (wo er sofort die Bar des Ritz "befreite"). Er hat solche Bilder von sich geliebt. Als ihn die junge Lillian Ross vom New Yorker 1950 wochenlang interviewte, hat er den großen Macho raushängen lassen, und Lillian Ross hat das alles süffisant ironisch aufgeschrieben. Das hat ihm nicht so ganz gefallen, aber er ist mit ihr befreundet geblieben. Auch dass ein junger Literaturwissenschaftler namens Philip Young eine Dissertation über ihn schreibt, in dem das Trauma seiner Unterleibswunde im Ersten Weltkrieg mit seinen Romanhelden in Verbindung gebracht wird, gefällt ihm überhaupt nicht. Er wird beinahe die Publikation des Buches verhindern und erst in letzter Minute per Telegramm erlauben, dass Young aus seinen Werken zitieren darf. Auf der einen Seite liebt und sucht Hemingway die Öffentlichkeit, auf der anderen Seite kann er es nicht ausstehen, wenn kritisch über ihn geschrieben wird. Hinter der Maske des tough guy steckt auch ein verletzlicher Softie.

Denn es gibt einen anderen Hemingway, einen stillen Mann, der Bücher liest. (er hat viel gelesen, der Hemingway Forscher Michael J. Reynolds hat das sorgfältig aufgelistet). Er ist ein auch Mann, der von den Dämonen seiner Depression gequält wird. Der nicht schlafen kann, ein haunted nocturnal life führt. Aber dann morgens um 0530 (er liebt solche militärischen Zeitangaben) einen Satz raushaut wie It is getting light now before the sun rises and the hills are grey from the dew last night. Sozusagen Vintage Hemingway. Er schreibt viele Briefe, verbietet aber deren Veröffentlichung. Carlos Baker, der die erste seriöse Biographie über Hemingway schrieb, hat zwei Jahrzehnte nach Hemingways Tod die Selected Letters 1917-1961 herausgegeben. 600 Briefe, beinahe tausend Seiten. Wer den wahren Hemingway kennenlernen will, der sollte diese Briefe lesen. Manche anrührend und kindlich, andere arrogant und vulgär. Aber niemals für die Nachwelt stilisiert, immer (man wagt das strapazierte Wort kaum noch zu gebrauchen) authentisch. Und häufig verblüffend, wenn er dem berühmten Bernard Berenson angesichts der ganzen symbolischen Interpretationen von The Old Man and the Sea nach Italien schreibt: Then there is the other secret. There isn't any symbolysm [sic]. The sea is the sea. The old man is an old man. The boy is a boy and the fish is a fish. The sharks are all sharks no better and no worse. All the symbolism that people say is shit. What goes beyond is what you see beyond when you know. A writer should know too much. Ja, Kiddies, erklärt das mal eurem Englischlehrer, wenn er wieder die Symbolik bei Hemingway sucht. Weil da ja die Eisbergtheorie ist, daran glauben Englischlehrer. Dass die sieben Achtel der Bedeutung verborgen sind. Es gibt keine wirkliche Eisbergtheorie. Hemingway sagt in Death in the Afternoon auf Seite 192:

If a writer of prose knows enough about what he is writing about he may omit things that he knows and the reader, if the writer is writing truly enough, will have a feeling of those things as strongly as though the writer had stated them. The dignity of movement of an ice-berg is due to only one-eighth of it being above water. Hemingway sagt in diesen Tagen viel, um seine Bücher bedeutend zu machen. In einem Interview mit dem Esquire 1936 hat die Tätigkeit des Schriftstellers etwas mit dem Fischfang zu tun (man kann es auf YouTube sehen), ohne dass jemand die Fischtheorie daraus gemacht hätte. Dass das Zitat auf Seite 192 steht, kann ich so cool sagen, weil ich eine Erstausgabe habe. Bei mir steht allerdings nicht wie bei dieser hier ex libris Ernest Hemingway drin, sondern Discarded by Bethlehem Public Library. Die sind da in Bethlehem, Pennsylvania, ganz schön bescheuert gewesen, Erstausgaben von Death in the Afternoon wegzuschmeißen. Davon gab es nur ca. 10.000 Exemplare, und die sind heute wirklich etwas wert.

Dies schreckliche Bild habe ich bewusst gewählt, nicht nur weil er sich am 2. Juli 1961 mit solch einem Gewehr erschossen hat. Kommt jemand sich großartig vor, wenn er sich so photographieren lässt? Oder weiß er dank der Elektroschocks der Mayo Klinik, dank Alkohol und Arteriosklerose schon nicht mehr was er tut? Rolf Hochhuth hat ihn in seinem Theaterstück Tod eines Jägers so ähnlich porträtiert.

Ist dieses Bild ein Vorbild für all die Amerikaner, die etwas vom Recht auf Waffenbesitz faseln? Niemand zitiert in dieser Diskussion den dritten Zusatzartikel der Verfassung, der da heißt No soldier shall, in time of peace be quartered in any house without the consent of the owner, nor in time of war, but in a manner to be prescribed by law. Artikel III steht gleich hinter Artikel II, der angeblich jedem Amerikaner das Recht gibt, eine Waffe zu besitzen. Das ist in den Kongress gekommen, als man den Krieg mit England noch kannte, niemand beruft sich heute auf diesen Artikel III. Aber auf Artikel II bezieht sich jeder Waffennarr: A well regulated militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear arms shall not be infringed. Der Satz stammt auch aus dem Jahre 1789 und geht davon aus, dass die USA damals kein stehendes Heer haben und sich auf ihre Miliz verlassen müssen. Aber sie haben heute ein stehendes Herr (und tausenderlei bewaffnete Organisationen) und brauchen keine Miliz mehr. Und keinen Waffenbesitz. Es ist schon erstaunlich, wie Generationen von amerikanischen Juristen und die amerikanische Waffenlobby es verstanden haben, aus diesem einfachen Satz etwas ganz anderes herauszulesen.

Hemingway ist sein Leben lang von Waffen begeistert, und er beschreibt sie in seinen Romanen auch so, als ob eine Mannlicher oder eine Springfield etwas Sexuelles sei. Ich kann dem nichts abgewinnen, ich habe mit allem geschossen, was die Bundeswehr Anfang der sechziger Jahre besaß (und ich könnte wahrscheinlich immer noch eine P 38 mit verbundenen Augen auseinandernehmen), aber ich vermisse in meinem Leben keine Waffen. Und ich nehme mal an, dass Sie alle auch keine Heckler&Koch, SIG Saur oder Makarow unter dem Kopfkissen haben. Wir können ohne das leben, Hemingway offensichtlich nicht. Hemingway hat im Ersten Weltkrieg Krankenwagen für das Rote Kreuz gefahren, hat aber für das Photo seine Uniform so verändert, dass es aussieht, als sei er ein Leutnant der kämpfenden Truppe (Faulkner hat mit seiner Uniform der Royal Air Force Ähnliches veranstaltet). Sein Vorgesetzter, Captain R.W. Bates, hat den jungen American Red Cross Lieutenant an incomparable braggart and liar genannt. Und dem noch hinzugefügt  And one of the first to write dirty books which I did not like either!

Wir müssen bei all dem, was Hemingway tut, bedenken, dass er manisch-depressiv ist (auf dem Photo oben mit der Katze können wir die Angst in seinen Augen sehen). Das läuft in der Familie, sein Vater hat Selbstmord begangen (und viele Familienmitglieder werden das gleiche Schicksal haben). Wenn Sie jetzt danach fragen, was die Seven Up Reklame hier soll, ist die Antwort ganz einfach: das originale Seven Up enthielt Lithium. Damit kann man bipolare Störungen behandeln. Obgleich manisch-depressive Erkrankungen der Wissenschaft heute immer noch ein Rätsel sind, könnte man den Patienten Hemingway heute behandeln. Ohne Elektroschocks. Zu seinem Lebensende entwickelt er eine ausgeprägte Paranoia, das tun Alkoholiker auch. Er hat sein Leben lang getrunken. Wie so viele andere: Fitzgerald, Faulkner, Chandler, Hammett, Steinbeck, O'Hara, O'Neill, Sinclair Lewis (um nur einige aus seiner Generation zu nennen). Es kann aber im Fall Hemingway auch sein, dass er versucht hat, mit dem Alkohol die Symptome seiner Depression zu lindern. Für Literaturhistoriker ist die amerikanische Literatur eine einzige Krankenakte geworden, und es fehlt nicht an Büchern wie The Thirsty Muse: Alcohol and the American Writer.

Neben der öffentlichen Person Hemingway muss es ja irgendwie auch noch den Schriftsteller Hemingway geben, was ist von ihm geblieben? Nicht so viel wie man glaubt, Arnold Gingrich hatte schon Recht. Wenn man bösartig wäre, könnte man sagen, was bleibt sind seine Short Stories und seine Briefe. Das gehört zum Besten, was er geschrieben hat. Gemessen an Faulkner sind viele seiner Romane zweitklassiger Kitsch. Und auch gegen viele seiner Zeitgenossen kann er kaum bestehen. John O'Haras Appointment in Samarra, Nathanael Wests Day of the Locust, James Mallahan Cains The Postman Always Rings Twice und Steinbecks The Grapes of Wrath lassen einen durchschnittlichen Hemingwayroman blass aussehen. Chandler, Hammett und andere Black Mask Schriftsteller schreiben genau solche tough guy Romane wie er. Denn sein Markenzeichen, diese tough guy Attitüde, diese Stilmischung von King James Bible und Telegrammstil, die so leicht zu parodieren ist, ist nicht so originell, wie sie scheint. Der frühe Dashiell Hammett schreibt schon so, amerikanische Sportreporter auch. Und in den Short Stories von Sherwood Anderson, der Hemingway (und Faulkner) gefördert hat, kann man diesen Stil auch schon entdecken.

Ja, geboxt hat er auch. Sogar mit Ezra Pound als Sparringspartner. Er war aber als Boxer nie so gut, wie er es gerne sein wollte. Fitzgerald hat einmal als Ringrichter vergessen, eine Boxrunde im American Club von Paris rechtzeitig abzuläuten. Und schwupps hatte der kanadische Schriftsteller Morley Callaghan Hemingway ausgeknockt. Hemingway hat immer alle Schuld auf Fitzgerald geschoben, niemals anerkennen wollen, dass Callaghan der bessere Boxer war. Hemingways Leben verläuft nach den einfachen Ritualen des amerikanischen High School Hero, er muss immer der Größte und der Beste sein. Der beste Boxer, der beste Löwenjäger, der größte Frauenheld, der größte Schriftsteller. Ein wenig pathologisch ist das schon.

Ich habe zu Wikipedia Artikeln ein etwas gespaltenes Verhältnis, manche sind exzellent und von Kennern geschrieben, vieles ist eher dürftig. Dass es der deutschsprachige Hemingway Artikel hinkriegt, bei den Literaturhinweisen konsequent die relevante Forschung auszulassen, das muss man den Verfassern erstmal nachmachen (warum gucken die nicht mal auf die Literaturhinweise des englischsprachigen Artikels?). Für den Fall, dass es hier unter den Lesern Hemingwayliebhaber gibt, habe ich an dieser Stelle die wirklichen Empfehlungen. Carlos Bakers Biographie Ernest Hemingway: A Life Story von 1969 bleibt immer noch das Standardwerk, obgleich es an manchen Stellen durch die detailreichere fünfbändige (!) Biographie von Michael S. Reynolds verbessert wurde. Die Biographie von Kenneth S. Lynn, die Rowohlt in Deutschland gut verkauft hat, ist ganz nett, sehr oberflächlich und tritt einen Gedanken richtig platt. Nämlich dass Hemingway Probleme mit seiner Sexualität gehabt hätte, weil ihn seine Mutter mal in Mädchenkleider gesteckt hätte, als er klein war. Auf so was fahren amerikanische Literaturkritiker ja ab, für die auch alles in einem Roman, was länger als breit ist, ein Penissymbol ist. Aber wenn Kenneth S. Lynn mal seine Nase in eine beliebige Kita stecken würde, was da an frühkindlichem cross dressing zu beobachten ist (und offensichtlich ohne schwere seelische Schäden verläuft), dann würde er diesen Unsinn nicht zur Basis einer Biographie gemacht haben. Was man auf keinen Fall lesen sollte, ist A.E. Hotchners Papa Hemingway. Da könnte man auch gleich den Baron Münchhausen lesen. Obgleich früher die kleinen Bände von rowohlts deutscher enzyklopädie ein Vorbild an Qualität waren, bin ich mit beiden Bänden nicht glücklich, die es da gibt. Der erste (Georges-Albert Astre) ist viel zu alt und der neueste von Hans-Peter Rodenberg (der erste Band mit bunten Farbphotos in der Reihe) von 1999 ist nicht so gut, wie er sein könnte. Zur Erstinformation, wenn man nix über Hemingway weiß, ist der kleine bunte Band aber O.K. Wenn man die Quadratur des Kreis sucht, ein Buch, das gleichzeitig Biographie und Besprechung des Werkes ist, dann ist das Nächste, was an eine solche Forderung herankommt Scott Donaldsons By Force of Will: The Life and Art of Ernest Hemingway. 1977 erschienen, aber 2001 frisch wieder aufgelegt und noch lieferbar.

Kommentare:

  1. Hallo Jay, mit dem Romacier Hemingway sind Sie doch etwas zu hart. "A Farewell to Arms" etwa ist, wie ich finde, brillant und weit von jeder 'tough guy'-Attitüde entfernt.

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  2. Wir haben mit Hemingway naturgemäß so unsere Probleme... Jedoch: Ihr Stück, lieber Silvae, ist einmal wieder grandios!

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  3. Für jemanden, der Hemingwy nicht besonders schätzt, finde ich meinen kleinen Artikel schon beinahe eine Liebeserklärung. "A farewell to Arms" kommt sicher an das heran, was Heminway meint, wenn er immer wieder das Wort "true" strapaziert. Wenn der Tenente Hemingway nicht so furchtbar viel sentimentalen Kitsch in den Roman hineingetan hätte. Die Liebesszenen bezeichnet Leslie Fiedler als "the most absurd in the history of the American novel", und ich will ihm da nicht widersprechen. Aber Sie haben schon Recht, die Überzahl der Kritiker ist der Meinung, dass "A Farewell to Arms" sein bester Roman ist. Erstaunlicherweise mag ich "Across the River and into the Trees", aber damit stehe ich wohl alleine da.

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  4. Dass ich ein großer Fan der Hemingwayschen Romane wäre, kann ich nun auch nicht gerade behaupten. Was den 'sentimentalen Kitsch' in 'A Farewell to Arms' angeht, möchte ich aber doch zaghaft widerspreche: die auch für meinen Geschmack etwas zu süßliche Liebesgeschichte findet ja vor dem Hintergrund des Kriegsgemetzels und endet tragisch (mit dem Tod Catherines und des Babys), und dass der trauernde Erzähler die Vergangenheit sentimental verklärt, hat auch seine menschliche Wahrheit.
    "Across the River" kenne ich noch nicht.

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