Mittwoch, 21. Juli 2010

Volksschule


Da haben die Hamburger es ihrem Bürgermeister Ole von Beust und seiner schwarz-grünen Koalition aber mal gezeigt. Stand ja auch das Ende der Welt vor der Tür, da muss man sich als Bürger ja wehren. Vor allem, wenn man in Uhlenhorst, Blankenese oder Pöseldorf wohnt. Ich persönlich kann das überhaupt nicht verstehen. Ich habe keine Quarta oder Quinta eines Gymnasiums kennengelernt. Ich bin sechs Jahre lang zu einer Volksschule gegangen, das hat damals niemandem von uns geschadet, eher im Gegenteil. Wir waren im Bremen Teil eines einzigartigen Bildungsexperiments, das mit dem Ende unserer Schulzeit auch schon so gut wie beendet war. Meine besten Freunde waren Arbeiterkinder (weil die so gut Fußball spielen konnten). Der einzige wirkliche Nachteil, den ich auf der Volksschule hatte, war die Tatsache, dass mein Opa an dieser Schule früher Direktor gewesen war. Als ich noch klein war, habe ich nicht verstanden, warum mich manche Lehrer so hassten. Inzwischen weiß ich es.

Die sechsklassige Volksschule (Englischunterricht ab der fünften Klasse) war in Bremen (und Hamburg und Berlin) 1950 nach dem Krieg auf Druck der Amerikaner eingeführt worden, die Amerikaner glaubten offensichtlich an die demokratiebildende Funktion ihrer high school. Die Zook Commission (benannt nach ihrem Leiter George F. Zook) hatte für die re-education eine Vielzahl von Bildungszielen vorgegeben, die sich so zusammenfassen lassen: Reeducation - die Umerziehung der Deutschen zu Demokraten sollte in der Schule beginnen, mit gleichen Bildungschancen für alle, und einer abgestuften Einheitsschule: Statt der frühen Auslese bereits nach der 4. Klasse sollten alle Kinder gemeinsam sechs Klassen besuchen. Angestrebt wurde eine Schule, vergleichbar der Gesamtschule heute, orientiert am amerikanischen Schulsystem. Und natürlich Schulgeldfreiheit, Kindergärten als schulischer Unterbau, Lehrerausbildung auf universitärem Niveau und religiöse Toleranz statt strenger Konfessionsschulen.

Da die Amerikaner im 19. Jahrhundert ihr Bildungssystem in Deutschland an der Humboldtschen Schulreform abgekupfert haben, kommt jetzt etwas wieder zu uns zurück. Und hier bin ich doch versucht, einige Zeilen aus Rolf Dieter Brinkmanns Eiswasser an der Guadelupe Str. zu zitieren:

Das amerikanische USA-Schulsystem?
Ein puritanischer Rotz, als Reaktion
auf das europäische Drecksuntertanensystem:
kriegen hier alle, jeder, egal wie doof, gesagt,
er sei gut, er sei Klasse, er sei gross (kein Tadel)
so ziehen sie mit ihrer dumpfen Mentalität
durch die Welt, ihrem miesen Anspruch: Sei Gross!
Keiner sagt ihnen was richtig, diesen Bauern!
So glauben sie irre an sich als Erlöser:
In God we Trust: 1 Dollar
Liberty: 25 cents.

Nur zwei Bundesländer (Bremen und Hamburg, dazu kam der Westsektor von Berlin, der allerdings kein Bundesland war) hatten wie wir eine sechsjährige Volksschulzeit (die Bildungshoheit liegt nach Gründung der Bundesrepublik bei den Ländern), und auch in Bremen gab es schon vor der Einführung Widerstand gegen dies Modell (1948 demonstrierten 120 Oberschüler gegen das neue Gesetz). Es entlastete natürlich die Lehrer  der Gymnasien, da die Gymnasialzeit nun erst mit der Klasse 7 begann. Das Gymnasium hieß damals auch nicht Gymnasium (mit Ausnahme des Alten Gymnasiums, das weiter Gymnasium blieb), sondern Allgemeine Volksschule/Oberschule Zweig D. Damit wurde zum Ausdruck gebracht, dass hier das Volk (und nicht die sogenannten gebildeten Stände) gebildet werden sollte. Seit Friedrich Wilhelm I. das Edikt über die allgemeine Schulpflicht erlassen hat, sind Form und Inhalt der Volksschule immer wieder diskutiert worden.

Lehrer wurden vor sechzig Jahren in Bremen schlecht bezahlt, das Anfangsgehalt lag bei 220 Mark. Die Bewerbungen auf die 80 Studienplätze der Pädagogischen Hochschule waren von 400 pro Jahr in den Jahren 1946 bis 1948 im Jahre 1950 auf ein Drittel gesunken. Die A Besoldung und die Angleichung an die Besoldung der Studienräte (Volksschullehrer 75 Prozent des Studienratsgehalts) kam erst später. Man war ja froh, wenn man überhaupt Lehrer hatte. Die Nazis, die man rausgeschmissen hatte, holte man peu à peu in den fünfziger Jahren wieder zurück. 1950 sind 40 Prozent der beamteten Lehrer bei der Entnazifierung als Betroffene eingestuft. Und die Bremer Politik fordert von den Amerikanern, ihre bisherige Rigidität bei der Prüfung der Wiedereinstellungsvorschläge für entlassene Lehrer zu lockern. Jetzt soll der wirkliche Dreck auch noch zurück an die Schule.

Aber vorerst unterrichteten auch viele Lehrer, die die Altersgrenze längst erreicht hatten. Ich habe Glück gehabt, weil ich gute Lehrer gehabt habe (aber auch schlechte Lehrer wären eine gute Schule fürs Leben gewesen). Die Klassen waren rappeldicke voll, wir waren die geburtsstarken Jahrgänge. Die durchschnittliche Klassengröße lag 1950 bei 44 Schülern. Es gab noch einen richtigen Klassenlehrer (Gerhard Blume bin ich noch immer dankbar), Lehrmittelfreiheit, ein Milchfrühstück (Milch oder Kakao), und wir hatten das Glück, dass unser Schulgebäude im Gegensatz zu den meisten Bremer Schulen nicht durch Bomben zerstört war. Und es gab draußen in Eggestedt ein Schullandheim für Klassenfahrten. Mein Opa hatte das gegründet. Meine Mutter behauptete immer etwas gehässig, dass das wohl weniger aus der Landschulheimbewegung der zwanziger Jahre entstanden sei, als dass Opa damit einen Ort für die Zusammenkünfte seiner Stahlhelmkumpels geschaffen hätte. Sei es, wie es sei, die Wochen zweimal im Jahr im Schullandheim gehörten, wie auch die Hafenrundfahrt beim Schulausflug nach Hamburg, zu den Höhepunkten des Schullebens.

Bei allen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit muss man natürlich auch sagen, dass das Niveau meiner Volksschule heute von vergleichbaren Schulen nicht erreicht wird (damals waren auch noch gute Realschulen auf höherem Niveau als heutige Gymnasien). Die zwei Jahre Unterricht bei meiner netten Englischlehrerin wären auch auf dem Gymnasium nicht besser gewesen. Lehrer waren damals noch Respektspersonen und waren häufig noch kleine Gelehrte, Lokalhistoriker oder Botanikforscher nebenbei (die Geschichte Bremens hat da eine Vielzahl von Beispielen). Bei seiner ersten Anstellung auf dem Land musste mein Opa noch sonntags die Orgel spielen, man setzte bei Lehrern voraus, dass sie so etwas konnten. Damals hatte Opa noch die Zeitschrift Neue Blätter für die Volksschule der Herzogtümer Bremen und Verden und des Landes Hadeln abonniert. Wenn man nach über hundert Jahren in diese Zeitschrift hineinschaut, kann man eine Menge über das Selbstverständnis eines längst untergegangenen Lehrerideals erfahren.

Warum ist alles so viel schlechter geworden? 1959, zwei Jahre nachdem in Bremen als letztem Bundesland das Experiment der sechsjährigen allgemeinverbindlichen Grundschule zu Grabe getragen worden war, wurde von dem Vorläufer des Deutschen Bildungsrats schon wieder ihre Einführung gefordert. Das ist auch die Zeit gewesen, in der der Tutzinger Maturitätskatalog die Bildungsziele des Gymnasiums so hochgehängt hat, dass da heute alle bequem unter durch laufen können. 1965 sah Ralf Dahrendorf in seinem Buch Bildung ist Bürgerrecht die Demokratie durch zu geringe Bildung gefährdet und Georg Picht sprach von der Bildungskatastrophe. Hat sich seitdem irgendetwas wirklich geändert? Es hat seitdem Reförmchen und Reformen gegeben. Wenn es jemals ein Prinzip bei dem Ganzen gegeben hat, so kann das nur muddling through heißen. Noch nie ist mit so viel so wenig erreicht worden. Bremen ist bei den Pisa Tests ganz unten.

Aus dem Hamburger Volksentscheid kann man nur ablesen, dass sich das Volk in den feinen Stadtteilen gegen die Primarschule ausgesprochen hat, in Nienstedten war die Beteiligung mit 60,3 Prozent höher als in Billbrock (12,5 Prozent). Die bildungsfernen Schichten, wie man so schön herablassend sagt, beteiligten sich überhaupt nicht. Aber gerade darum ging es ja eigentlich. Wer keinen deutschen Pass hatte (immerhin 10 Prozent) durfte eh nicht wählen. Mit dem Geld, das die Initiative Wir wollen lernen! unter der Anführung eines Rechtsanwaltes, dem die Wahrung der Reinheit des deutschen Frühstückseis am Herzen liegt, in den letzten Jahren rausgehauen hat, und mit dem Geld, dass diese ganze Abstimmung gekostet hat, damit hätte man die Situation an vielen Schulen schon verbessern können.

Die Politiker sind Schuld, heißt es immer wieder, in Hamburg sind sie gerade abgestraft worden. Es wiederholt sich letztlich nur etwas, was es schon einmal gegeben hat. Denkt nur keiner dran, weil es schon beinahe 60 Jahre her ist. Da hatte Kurt Sieveking (CDU) Max Brauer als Bürgermeister abgelöst. Und der schafft, wie es die Wähler des Hamburg-Blockes von ihm erwartet hatten, die sechsjährige Grundschule sofort ab. Und da kriegt Wilhelm Kaisen in Bremen Schiß, dass ihm das auch passieren könnte. Auf dem Treffen der Ministerpräsidenten der Länder, die sich im Februar 1954 in München auf eine weitgehende Vereinheitlichung des deutschen Schulsystems verständigt haben, sagt Kaisen, daß sich Bremen keine Extrawurst gestatten würde. Da hatte er meine schöne Volksschule schon längst aus opportunistischen Gründen aufgegeben. Das mit der Vereinheitlichung des deutschen Schulsystem ist natürlich nix geworden, aber ein Ergebnis hatte die Konferenz doch. Von nun an gab es bundeseinheitlich die Schulnote 6. Das ist jetzt kein Witz, das ist wirklich so.

Kaisen interessierte sich nicht für Schule und Bildung, er wollte da auch keinen wirklichen Fachmann in dem Ressort. Und so nahm er Willy Dehnkamp, und der war nicht mal seine erste Wahl. Der ehemalige Maschinenschlosser vom Bremer Vulkan wird jetzt zur tragischen Figur. Für meinen Großvater war er an allem Schuld, aber halb Bremen dachte ähnlich. Vielleicht waren sie in ihrer Meinung nicht so entschieden wie mein Opa, der kaisertreue Hauptmann aus dem Ersten Weltkrieg, für den ein Sozialdemokrat gleich nach dem Teufel kam. Und selbst Wilhelm Kaisen desavouierte seinen eigenen Senator, indem er sagte (und damit spielte er auf Dehnkamps Bemühungen an, als Senator sehr vornehm zu wirken): Ischa direkt zun Lachen, dass einen, der früher Nieten auffen Vulkan gekloppt hat, sich nu aafspielt as en Geheimroot. Hat das Rathaus sofort dementiert, aber der Satz war in einem Tag in Bremen rum. Und kaum war Dehnkamp im Amt, da ging das Sabotieren der sechsjährigen Volksschule los. Verhallt waren die ersten Worte von Dehnkamp nach der Amtsübernahme: Was das bremische Schulwesen braucht ist Ruhe. Dehnkamp ist in dem Amt nicht glücklich geworden, und er war sicher der falscheste Mann für dieses Amt. Aber er war ein grundehrlicher Mann, der sich als Moderator zwischen allen Fronten versuchte. Er spitzte jeden Morgen an seinem Schreibtisch seine Bleistifte an. Als Kaisen als Bürgermeister nach zwanzig Jahren aus dem Amt schied und es an den ungeliebten Dehnkamp übergab, sagte er seinen Mitarbeitern zum Abschied Nun spitzt mal schön eure Bleistifte!

1825 soll der Engländer Sir William Curtis in einer Rede vor dem Board of Education von den three Rs als der Basis einer Bildung gesprochen haben: reading, writing, arithmetic. Wäre immer noch ein schönes Ziel. Ich hätte zum Schluss eine ganz einfache, sozusagen populistische, Lösung für das Problem. Wir müssen das Dreieck, bei dem die Grundschullehrer in der Besoldung ganz unten und die Studienräte mit A 13 ganz oben sind, einfach umkehren. Wir geben den Grundschulen und ihren Lehrern viel mehr Geld, und dem Gymnasium weniger. Mal sehen, was dann passiert.


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