Montag, 26. Juli 2010

Better than Shakespeare


Heute vor 154 Jahren wurde George Bernard Shaw geboren, das Better than Shakespeare habe ich mir nicht ausgedacht, das stammt von ihm. Viele wunderbare Sprüche stammen von ihm, viele wunderbare Bühnenfiguren auch. Was wären wir ohne Eliza Doolittle oder Hauptmann Bluntschli, den Schokoladensoldaten? Der heißt so, weil er in seiner Pistolentasche keine Pistole sondern Schokolade hat. Ist natürlich Schweizer, da wundert das nicht. Obgleich ich mal einen Bataillonskommandeur hatte, der auch nur Schokolade in der Pistolentasche hatte. Der musste sich meine P 38 leihen, als er mal zum General musste, fand ich sehr witzig. Shaw ist ja glücklicherweise auch immer gegen den Krieg gewesen. Er ist sein Leben lang für viele gute Sachen kämpferisch eingetreten. Manchmal hat er sich auch ein wenig geirrt, wie in den dreißiger Jahren, als er alle Arbeiter aufforderte, in die Sowjetunion zu gehen.

Was ihn ärgerte, war die englische Orthographie. Sie kennen das, man sieht ein Wort, wundert sich dann aber über die Aussprache. Wie zum Beispiel ghoti, spricht sich fish aus. Das Wort gibt es nicht, Shaw hat es erfunden. Das gh ist das f von rough, das o ist das i in women und das ti das sch von mention. Shaw hat einen großen Teil seines Vermögen ausgesetzt für jemanden, der die englische Orthographie verbessert. Ist aber noch keinem gelungen. Man muss aber dazu sagen, dass das Beispiel ghoti schon viel älter ist, Shaw hat das nicht wirklich erfunden (das Wort Superman hat er aber erfunden), er hat es nur irgendwann aufgeschnappt, wie dies Beispiel eines Briefes aus dem Jahre 1855 zeigt.

Shaw hat immer Anzüge von der Firma Jaeger getragen, immer nur Wolle. Die Firma wurde 1884 in London von einem viktorianischen Philanthropen namens Lewis Tomalin begründet, sie basierte auf den Überlegungen des deutschen Zoologen und Mediziners ➱Dr. Gustav Jäger, der eine Reformkleidung erfunden hatte. Shaw ist mit einem der ersten Jaeger Anzüge durch London gelaufen, was C.K. Chesterton so kommentierte: Shaw’s suit had become a part of his personality; one can come to think of the reddish-brown Jaeger suit as if it were a sort of reddish-brown fur, and was, like the hair and eyebrows, part of the animal… In any case his brown woolen clothes, at once artistic and hygienic, completed the appeal for which he stood; which might be defined as an eccentric healthy-mindedness. Er soll ausgesehen haben wie ein Radieschen. ➱Oscar Wilde ist übrigens auch mal in solchen Klamotten herumgelaufen, galt damals als revolutionär. Die Firma Jaeger gibt es heute immer noch, sie verkaufen aber keine George Bernard Shaw Anzüge mehr.

Shaw gehörte der Fabian Society an, ohne die es die englische Labour Party nicht gäbe. Er gehört auch zu den Mitbegründern der London School of Economics, die noch heute eine Shaw Library haben. Er ist Vegetarier gewesen, Antialkoholiker, hat 250.000 Briefe geschrieben (er hätte noch zwanzig Stücke mehr schreiben können, hätte er nicht immer Briefe beantworten müssen, hat er gesagt) und hat sein Leben lang photographiert. Er hat Boxen gelernt und das Fahrradfahren propagiert (obgleich er ständig vom Rad fiel). Er ist als Vertreter der Fabian Society beim diamantenen Thronjubiläum gewesen, hat aber die Nationalhymne nicht mitgesungen. Er hat den Nobelpreis bekommen (nimmt aber das Geld nicht an) und einen Oscar (für das Theaterstück Pygmalion aus dem später My Fair Lady wurde). Er ist der einzige, der jemals den Nobelpreis und einen Oscar bekommen hat. Bei seinem Tode 1950 hinterließ der Ire, der ohne einen Penny nach London gekommen war, ein Vermögen von 300.000 Pfund.

Shaw ist auch Musikkritiker gewesen, häufig unter dem Pseudonym Corno di Basseto; er ist mit der Musik aufgewachsen, seine Mutter war Opernsängerin und hat ihren ständig besoffenen Mann wegen ihres Musiklehrers verlassen. Shaw konnte Brahms nicht ausstehen, Ein deutsche Requiem fand er die passende Musik für Beerdigungsunternehmer, er gab aber Jahrzehnte später zu, dass er bei seiner Bewertung von Brahms einen Fehler gemacht habe. Erstaunlicherweise mochte er Wagner, viele Engländer tun das. Bleibt mir ein ewiges Rätsel.

Er hat auch, wie man The Perfect Wagnerite entnehmen kann, über Wagner geschrieben. Allerdings ist das eher eine Gesellschaftskritik: I write this pamphlet for the assistance of those who wish to be introduced to the work on equal terms with that inner circle of adepts...The reason is that its dramatic moments lie quite outside the consciousness of people whose joys and sorrows are all domestic and personal, and whose religions and political ideas are purely conventional and superstitious. To them it is a struggle between half a dozen fairytale personages for a ring, involving hours of scolding and cheating, and one long scene in a dark gruesome mine, with gloomy, ugly music, and not a glimpse of a handsome young man or pretty woman. Only those of wider consciousness can follow it breathlessly, seeing in it the whole tragedy of human history and the whole horror of the dilemmas from which the world is shrinking today.

Unter Zuhilfenahme von Karl Marx erklärt er den Ring des Nibelungen als den Zusammenbuch des Kapitalismus. Wenn man das jetzt im Programmheft von Bayreuth abdruckte, dann würde sich Angela ganz schön erschrecken. Inzwischen sind natürlich auch die Herren vom Regietheater auf eine solche Interpretation gekommen und haben die Panzerknackerbande auf die Bühne gebracht, aber man muss bedenken, dass Shaw das alles schon 1898 gesagt hat. Er ist beinahe hundert geworden, hat über fünfzig Theaterstücke geschrieben, better than Shakespeare, und das Multitalent wäre wirklich Superman, wenn er sich in Bezug auf Stalin und Mussolini nicht so geirrt hätte. Und nicht immer vom Fahrrad gefallen wäre.

Was soll man lesen? Angesichts des riesigen Werkes, das er in seinem transportablen Gartenhäuschen (links) geschrieben hat und angesichts der kaum noch überschaubaren Literatur eine gute Frage. Die kleine Rowohlt Monographie von Hermann Stresau ist fünfzig Jahre alt, immer noch lieferbar und immer noch lesbar. Die beste Biographie soll die von Michael Holroyd sein. Der hat sich auf das Schreiben von Biographien spezialisiert. Seine Biographie von Lytton Strachey ist ein Meisterwerk, die Biographie des Malers Augustus John ist auch sehr gut. Bei seiner Shaw Biographie bin ich nicht so hingerissen, die ist viel zu lang: vier Bände. Aber er hat sie 1997 auf eine einbändige Ausgabe (700 Seiten) zusammengekürzt, das kann dem Text nur bekommen sein (die habe ich mir nicht gekauft, da ich mich durch die vierbändige Biographie gequält habe). Das Witzigste, um sich Shaw zu nähern, wäre Dear Mr Shaw: Selections from Bernard Shaw's Postbag von Vivian Elliot, eine Auswahl von Briefen von und an G.B.S. Wenn Sie nur ein Theaterstück von Shaw lesen wollen, dann sollte das Man and Superman sein. Da steckt alles drin, sozialistische Theorie, die New Woman, massenhaft Mozart und natürlich auch viel Komödie.

Und zum Schluss gibt es aus Vivian Elliots Sammlung Dear Mr Shaw noch einen wunderbaren Brief von Shaw an Miksa Spitzer, einen Schuhputzer in Budapest. Der hatte Shaw geschrieben und ihn gebeten, ihm eine englische Schuhcreme zu besorgen, die die beste der Welt sein sollte und die er in Budapest nicht bekommen konnte. Und auch einen solch bescheuerten Brief beantwortet Shaw: I am proud to number among my disciples a shoeblack; and I should gladly buy you a supply of British polish if I knew how to set about it. But I am in my 94th year, and cannot walk farther than my garden. Ask some younger man. G. Bernard Shaw.



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