Donnerstag, 15. Juli 2010

Kreuzzug


Am Nachmittag des 15. Juli ist er mit seinen Truppen in Jerusalem eingedrungen. Da wollte man ihn zum König machen, aber bescheiden wie er war, hat er das abgelehnt. Konnte er auch schlecht werden, nachdem Raimund von Toulouse, dem man die Königswürde zuerst angetragen hatte, es mit den Worten abgelehnt hatte, er würde da keine Krone tragen, wo Christus eine Dornenkrone getragen hätte. Aber den Titel advocatus sancti sepulchri den hat er genommen (sein Bruder Balduin wird sich später zum König von Jerusalem krönen lassen), ein Jahr später ist er tot. Wir reden von Gottfried von Bouillon und dem Nachmittag des 15. Juli 1099.

Gott hat ihm den Engel Gabriel geschickt. Auf jeden Fall steht das so in Torquato Tassos Das Befreite Jerusalem in der Übersetzung von Johann Diederich Gries aus Hamburg. Wir Bremer hätten mit Otto Gildemeister zwar im 19. Jahrhundert auch einen Torquato Tasso Übersetzer, aber Gries (der lieber ein guter Übersetzer als ein schlechter Dichter sein wollte), gilt bei den Fachgelehrten eindeutig als der bessere Übersetzer.

Nun lenkt er, abwärts fliegend, seine Pfade
Nach dem Gefild, in dem Tortosa ruht.
Die Sonn' entsteigt dem östlichen Gestade,
Zum teil herauf, doch mehr noch in der Flut;
Und Gottfried sendet zu dem Quell der Gnade
Sein frühes Flehn, wie er gewöhnlich thut:
Da, mit der Sonne, doch in hellerm Lichte,
Erscheint der Engel seinem Angesichte.

Und sagt ihm: Gottfried, sieh die Zeit erscheinen,
Die wieder Raum den Kriegesthaten schafft.
Warum noch säumst du länger mit den Deinen,
Jerusalem zu ziehn aus schnöder Haft?
Eil', in den Rat die Fürsten zu vereinen,
Und sporn' ans Ziel die träg gewordne Kraft.
Gott will zu ihrem Führer dich erheben,
Auch werden sie sich selbst dir untergeben. 


Gott schickt als Boten mich, dir zu berichten,
Was er beschloß. Wie hoffest Du mit Fug
Nun sichern Sieg! Wie groß sind deine Pflichten
Für jenes Heer, das er dir übertrug!
Er schwieg, verschwand und lenkte zu den lichten
Glücksel'gen Höhn des Himmels seinen Flug;
Und Gottfried, ob dem Glanz, ob dem Befehle,
Steht da, geblend'ten Augs, erstaunter Seele.


Eine Zierde der Ritter der Christenheit sei er gewesen, einer der Neun Guten Helden, die man später erfunden hat. Angeblich hat ihm ein Eremit aus dem Kloster Orval gesagt, dass er nicht nur Nachkomme der Merowinger sei, sondern auch Nachkomme Jesu und des Hauses David. Es gibt mehr Legenden als sichere Quellen, Jahrhunderte von christlicher Propagandaarbeit kriegen das schon irgendwie hin. Man fälscht ja damals auch hemmungslos ad maiorem Dei gloriam die Quellen. Besonders der jeweilige Bischof von Rom arbeitet mit diesen Mitteln, um seine Macht gegen den Kaiser auszubauen. Der sitzt jetzt in Konstantinopel. Rom hat zum Leidwesen seines Bischofs jede Bedeutung verloren. Da hilft es auch nichts, dass der Bischof von Rom im Jahre 431 behauptet hat, der Stellvertreter Petri zu sein. 493 erhob man schon den Anspruch auf den Titel Stellvertreter Christi, und 170 Jahre später war man schon Stellvertreter Gottes.

Diese Kreuzzüge, zu denen Rom jetzt aufruft, die müssen ja ganz einfach sein, denn wie wir hier auf einer Miniatur um 1400 sehen können, benutzen die Muslime die christlichen Kirchen schon als Toiletten. Ja, ein Bild sagt mehr als tausend Worte, vor allem im Mittelalter, wenn niemand lesen kann.

Kreuzz¸ge Propaganda

Das Schöne mit der Greuelpropaganda ist ja, dass man alles umdrehen kann. Wer beweist uns, dass es sich hier nicht um christliche Ritter in einer Moschee handelt? Den ganzen Aspekt der Propagandalügen in diesen heiligen Kriegen, die so viele Ähnlichkeiten mit heutigen Geschehnissen haben, lassen die Historiker lieber weg. Steven Runciman schreibt immer elegant, aber so richtig trauen kann man ihm nicht. Und über den deutschen Professor, der an seiner Universität Kreuzzug mit Vornamen hieß, weil er nur Kurse zu den Kreuzzügen anbot (und das mit Vorliebe Freitagnachmittags, damit kein Studi kam), möchte ich jetzt gar nichts sagen. Was ich aber sehr anregend finde, obgleich das natürlich populärwissenschaftlich ist, ist zum Beispiel ein Mann wie Peter Milger. Der hat auch schon im Jahre 1988 eine dreizehnteilige Serie für das deutsche Fernsehen gemacht, und natürlich auch ein Buch über die Kreuzzüge geschrieben.

Und dann gibt es noch Allan Oslo mit seinem Buch Der Kreuzzug der keiner war. Hat den Untertitel Die wahren Hintergründe des Ersten Kreuzzugs 1096-1099 (Artemis & Winkler 1999). Also ich liebe ja Bücher, die einem schon im Titel die wahren Hintergründe versprechen. Das tut der berühmte James Joyce Übersetzer Hans Wollschläger in seinem Buch Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem: Geschichte der Kreuzzüge natürlich nicht, aber sein Buch ist nach vierzig Jahren immer noch lesenswert. Lesenswerter als das von Kreuzzugs-Mayer nach vierzig Jahren.

Der Bischof von Rom, Urban II, der in Clermont auf freiem Felde verkündet hatte, dass die Christenheit des Ostens um Beistand gebeten habe, dass die Türken in ihre Länder eindrängen und ihre heiligen Stätten entweihten, und dass die Christenheit des Westens jetzt der Christenheit des Ostens zu Hilfe kommen müsse. Es ist nicht so klar, wie die ihn auf dem freien Feld alle hören und verstehen konnten, aber die Zuhörer  sollen immer wieder Deus lo vult gerufen haben. Nun hat natürlich niemand aus der Christenheit des Ostens den Bischof von Rom um Beistand gebeten (zumal die einen ja auch die anderen für Häretiker halten) und auch der Kaiser Alexios in Byzanz hat keinen Hilferuf geschickt. Aber was kommt es auf solche Petitessen an, wenn man jetzt in einem Heiligen Krieg ist? Es ist ja noch nicht so lange her, da zeigten Vertreter der amerikanischen Regierung uns in den Vereinten Nationen ganz klare Beweise für Saddams Atombomben. Die meisten Kreuzzüge und Heiligen Kriege enden in einer Katastrophe. Die von George Bush sowieso.

Dieser erste Kreuzzug beginnt als eine Katastrophe, unorganisiert zieht erst einmal ein Volkskreuzzug (der auch Armenkreuzzug oder Bauernkreuzzug heißt) los, bevor sich der französische Adel auf den Weg macht. Man bringt auf dem Wege alle Gottlosen, sprich Juden und Muslime um, bevor man selbst von den Rum-Seldschuken niedergemetzelt wird oder in die Gefangenschaft verkauft wird. Die wenigen Tausend, die das überleben, warten auf die Ankunft der Ritterhorden, die marodierend durch Europa gezogen sind. Es sind jetzt die französischen Barbaren, die in eine hochzivilisierte Welt des Ostens einbrechen und nur Tod und Verwüstung bringen. Der Beginn der Feindschaft zwischen Islam und Christentum liegt in dieser Pilgerfahrt oder diesem Heiligen Krieg mit Petrus-Banner und päpstlichem Legaten (der Begriff Kreuzzug ist 1099 noch nicht erfunden).

Hier sind die christlichen Helden vor Antiochia, was eine einzige militärische Katastrophe ist. Ihre adligen Anführer (einen Oberbefehl gibt es nicht) sind auch miteinander zerstritten. Gottfried von Bouillon spielt bei den ganzen Unternehmungen eine untergeordnete Rolle. Er hat sich in keinen Schlachten hervorgetan, er hat 1098 einige Blessuren, aber die hat er sich auf der Bärenjagd zugezogen. Aber er ist natürlich in allen Berichten, weil er Jerusalem befreit hat. Obgleich das gar nicht befreit werden musste, und die Christen in Jerusalem auch keine Not litten. Aber es ist so symbolisch. So wie die Erstürmung der Bastille und ähnliche historische Ereignisse.

Nachdem die Wächter ihn in Hut genommen,
Verfolgt Bouillon den Feind mit neuer Glut.
Der Heide sucht ins Lager zu entkommen,
Doch nichts beschützt ihn vor der Christen Wut.
Im Sturm wird die Verschanzung eingenommen;
Stromweise rinnt von Zelt zu Zelt das Blut,
Besudelt und verderbt in großer Menge
Der Sarazenen Schmuck und Wehrgepränge.

So siegt Bouillon nach langem, hartem Streite;
Und da der Tag noch völlig nicht entschwand,
Führt er die Sieger in die schon befreite
Hochheil'ge Stadt, wo Christi Wohnung stand.
Er selber geht an seiner Helden Seite
Zum Tempel ein mit blut'gem Kriegsgewand,
Hängt hier die Waffen auf als fromme Gabe
Und löset sein Gelübd' am heil'gen Grabe
.

Das ist der Schluss von Torquato Tassos Version der Geschichte, die Sache mit dem Gemetzel, die stimmt schon. Und das Schwert hängt da auch noch, Mark Twain macht im 26. Kapitel von The Innocents Abroad seine Witze darüber. Aber natürlich darf man keine Witze darüber machen. Als der schöne Cartoon im Simplicissimus anlässlich der Palästinareise von Wilhelm II erschien, wo Gottfried von Bouillon sagt: Lach nicht so dreckig, Barbarossa! Unsere Kreuzzüge hatten doch eigentlich auch keinen Zweck, musste der Verleger Albert Langen für fünf Jahre das Land verlassen und Zeichner und Texter wanderten ins Gefängnis.



Kommentare:

  1. was heißt "populärwissenschaftlich"? Ich bin Journalist. Ich nenne mein Quellenstudium Recherche und arbeite nicht mit Fußnoten, sondern liefere die Belege gleich mit. In der einzigen Quelle für das Hilfeersuchen steht, Kaiser Alexios habe "demütig" um Beistand "gefleht". Die Historiker schreiben, es gab ein Hilferersuchen. Basta. Maximal Fußnote mit Quelle. Wer rennt schon in die Unibiblothek und liest nach? Wenn sich Historiker durch das "demütig" nicht irritieren lassen, begehen sie eine Unterschlagung. Warum? Sie wollen das Hilfeersuchen retten. Motiv? Wie der Chronist des Konzils denken sie, ein Hilferersuchen rechtfertige den Feldzug. So gerät die Porpaganda in die Geschichtsschreibung. So wird die Geschichtsschreibung zur Propaganda. Ich halte viel von meinen Lesern. Wenn sie den Text mit "demütig" lesen, werden sie schon beurteilen können, ob ein Kaiser von Ostrom sich so tief beugt. Ich weiß nicht, wie man das Verfahren nennen sollte. Demokratische Geschichstschreibung? Oder so. Peter Milger

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  2. Lieber Herr Milger,
    verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe das, was ich über Sie gesagt habe, eigentlich als großes Lob gemeint, sonst hätte ich auch keinen Link auf Ihre vorzügliche Seite gemacht. Ich verstehe "populärwissenschaftlich" nicht abwertend, der englische Historiker, den ich mit dem größten Vergnügen lese, ist Christopher Hibbert. Der wird auch immer mit dem Beiwort "populärwissenschaftlich" belegt, wahrscheinlich weil er lesbar ist. Ich bin Jahrzehnte an einer Universität gewesen und glaube fest daran, dass die Denkanstöße eher von Forschern wie Ihnen als aus der Universität kommen.
    Und in dem speziellen Punkt des angeblichen Hilfeersuchens des Kaisers Alexios stimme ich Ihnen voll zu (Allan Oslo übrigens auch).

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  3. Oh je, - ich habe nicht gedacht, dass Sie "populärwissenschaftlich" abwertend gemeint haben, ich habe mir - durch Ihre Bemerkung angeregt, die Frage selbst gestellt. Peter Milger

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