Samstag, 17. Juli 2010

Borgward


Ob Sie es nun glauben oder nicht: Jerome David Salinger, der Autor von The Catcher in the Rye, hatte ein Auto aus Bremen. Einen Borgward. In grau. Man weiß zwar so gut wie nichts über Salinger, aber das mit dem Borgward, das weiß man sicher (neben dem grauen Borgward hatte er damals auch noch einen alten Jeep). Da, wo heute Daimler Benz in Bremen Sebaldsbrück Autos mit dem Stern fertigt (der dem Fahrer jederzeit die Vorfahrt garantiert), wurde früher die Isabella gebaut, diese Italienerin, von der alle Männer in den fünfziger Jahren träumten. Von Borgward gab es auch ein sehr schönes Coupé, eine Isabella TS (das war die Isabella mit mehr PS und mehr Luxus) und irgendwann sogar ein ganz großes Auto, den Borgward P 100 Airswing, hier unten auf dem Photo vor dem Bremer Parkhotel.

Der hatte schon eine Luftfederung (deshalb die Bezeichnung Airswing), für den später die Citroen Déesse berühmt wurde. Aber kaum war er auf dem Markt, da war Borgward auch schon pleite. Es gibt aber heute noch viele Borgward Verehrer und Borgward Sammler, und es gibt auch eine Borgward Interessengemeinschaft mit einer interessanten Internetseite. Einen guterhaltenen Borgward P 100 zu bekommen, ist heute schwieriger, als einen alten Rolls Royce zu kaufen (es sind nur ungefähr 2.500 gebaut worden). Das musste auch mein Freund Keith erfahren, der eigentlich schon alle wichtigen Oldtimer der Autowelt besitzt. Aber seit dem letzten Jahr, da hat er endlich einen. Ich habe schon drin gesessen. Tolles Teil, auch nach einem halben Jahrhundert noch.

Die Firma von Dr. h.c. Carl Borgward war noch mehr als die Borgward Isabella, es gab da noch die Firmentochter Goliath (mit dem berühmten Goliath Dreiradkombi) und die Firmentochter Lloyd, die die Kleinwagen Lloyd LP 300 (siehe unten) und Folgemodelle wie den LP 600 baute. Dann kam die Lloyd Arabella. Mit solchen Namen, die irgendwie nach rassigen Italienerinnen klangen, hatte man es damals in Bremen. Unter Arabella Besitzern hieß das Auto relativ schnell Aquabella, weil es nicht so richtig wasserdicht im norddeutschen Regen war.

Aber der berühmte Lloyd LP 300, einer der ersten deutschen Nachkriegskleinwagen (all diese wilden deutschen Kleinwagen wie den Messerschmidt Kabinenroller, die Knutschkugel BMW Isetta, den Zündapp Janus oder das Goggomobil lassen wir mal besser unerwähnt), der hatte schon seinen eigenen Mythos. Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd dichtete der Volksmund (und auch der kleine Goliath blieb nicht verschont vor Sprüchen wie Wer das Leben über hat, kauft sich einen Goliath). Und der Lloyd Kleinwagen hatte auch gleich einen Spitznamen, den er nie wieder los wurde: Leukoplastbomber.

Und nun kommt Günther, der Treckerfahrer. Der heißt in Wirklichkeit Dietmar Wischmeyer, man kennt ihn auch aus dem Frühstyxradio. Der Mann ist Kult, und das völlig zu Recht. Er ist witziger als alle Comedians von RTL und SAT.1 zusammen. Wischmeyer hat Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Und wenn Sie die nun folgende Perle der Kleinkunst lesen, werden Sie sehen, dass dieses Studium noch für was anderes gut ist, als für den Taxischein. Das Stück heißt Leukoplastbomber und alle Rechte liegen natürlich bei Günther, dem Treckerfahrer.

Alle labern ja bloß noch von Trabi - wär zwar kein richtiges Auto un so, abers doch ganz witzig und hätten die DDR-Fritzen immerhin selbst gebastelt, ls doch was, daß sone beschützende Werkstatt wie die DDR, wo ja nix klappt und es nix gibt. irgendswie doch tatsächlich eigene Autoersatzdarsteller hatten. Guck dir den Dänen an, haut sich den ganzen Tach Öl in'n Kopp und ißt knallrote Würste, abers ne eigene Autofirma hat er nich. Also, alle Achtung vore DDR — hamse doch alle insgeheim gedacht.

War natürlich alles Quatsch, auch den Trabi hatten die natürlich abgeguckt aussn Westen. Heute vor genau vierzig Jahren kam er auf den Markt, das Original und Vorbild, der Leukoplastbomber, auch mit stinkenden Zweitakter, Karosserie aus Sperrholz mit Plastiküberzug un diesen ganzen Unsinn. Also, ne echte Gurkenkiste, die sich kein Mensch, der noch alle Tassen im Schrank hat, jemals freiwillig kaufen täte. Die wollten doch alle viel liebers nen VW fahren, den kannten se schon aussn Krieg und war klar, der war echt langstreckentauglich. Un wenn Vadder mit den bis Stalingrad gekommen is, dann könnt man da nu ja auch wohl mit an'n Gardasee bügeln, un da nen bißchen was Ausländers belagern, nä.

Also, warum bringt nu Borgward diesen Lloyd-Plastikwagen aufn Markt? ls nu vierzig Jahre später rausgekommen: Der alte Borgwards Carl hatte rausgekriegt, daß nen DDR-Spion in sein Betrieb arbeitete. »Den Knallkopp würgen wir eins rein«. sagt Carl zu sein Ingenieur, »wir bringen ein Auto aus Pappe mitn Mopedmotor aufn Markt, der Fritze verpetzt die Konstruktion anne Zone, un die Flachköppe bauen den Schiet nach. «

Die Ingenieure haben aufn Boden gelegen, so ham die gegrölt, ein Auto aus Pappe mitn Mopedmotor, assreinen Witz. Ne halbe Stunde später war die Konstruktion fertig, an nächsten Tach, war der 21. Juni 1950, stand nen Prototyp inne Werkstatt, ja. un heute vor 40 Jahren ging die Kiste in Serie.

Die Zonis sind voll drauf reingefallen, der Spion hat die Pläne von den Leukoplastbomber verraten, un sieben Jahre später hatten die den gleichen Schiet aus Plaste un Sägespäne unter den Namen Trabant nachgebaut. Mann, ham die alle gelacht bei Borgward. Gut, Borgward is 1960 auch pleite gegangen, aber das war der Witz wert. Der Ost-Leukoplastbomber hat abers jahrzehntelang die Wirtschaft der Tätärä kaputtgemacht un die Moral vonne Bevölkerung total untergraben, soweit, dasse letzten November Putz gemacht ham un nu der Laden aufgelöst wird.

Das is die ganze Wahrheit, der Vater der deutschen Einigung is der Lloyd 300 P, der vor vierzig Jahren aufn Markt kam. Ich beantrage hiermit offiziell, daß der 22. Juni der deutsche Nationalfeiertag wird, ab jetz.



Das rundum beste Buch um die Firma Borgward ist Borgward: Ein Blick zurück auf Wirtschaftswunder, Werksalltag und einen Automythos von Ulrich Kubisch und Volker Janssen. Das Buch war 1984 das Begleitbuch zu einer kleinen Borgward Wanderausstellung, die in verschiedenen Städten der Bundesrepublik zu sehen war. Man kann es antiquarisch noch bekommen.

Ich würde ja gerne wissen, was aus Salingers Borgward geworden ist. Aber über den ist noch weniger zu erfahren, als über seinen Besitzer.

Lesen Sie auch: ➱Borgward und ➱Derby.

Keine Kommentare:

Kommentar posten