Donnerstag, 20. Februar 2014

Fantasy


Den Zeitgeist reklamierte in den achtziger Jahren jeder gerne für sich: die postmodernen Architekten (die für Prince Charles ein Ärgernis waren), Mrs Thatcher (die England umbaute), die Pariser und Mailänder Modeschöpfer und die Chefredakteure der vielen neuen Zeitgeist Magazine (von denen das englische The Face das erste war). Und die Produzenten der Fantasyfilme, die uns in andere Welten versetzten, machten das Genre Fantasy zum beherrschten Filmgenre der achtziger Jahre. Zeitgeist und Zeitmaschineso ein Titel der 80er Jahre, gehörten offensichtlich zusammen, wie schon der Herausgeber von Galaxy Science Fiction, H.L. Gold, formuliert hatte: Few things reveal so sharply as science fiction the wishes, hopes, fears, inner stresses and tensions of an era, or define its limitations with such exactness.

Das klingt bestechend, ist aber eigentlich ein alter Hut. Schon Siegfried Kracauer hatte in From Caligari to Hitler (hier im Volltext) Filme eines bestimmten Zeitraums als Symptome einer nationalen Krankheit gesehen. Man könnte natürlich den Zeitgeist der achtziger Jahre in ganz anderen Filmen als den Fantasyfilmen gespiegelt sehen: Also in Filmen wie Wall Street, The Bonfire of the Vanities, Riff Raff oder My Beautiful Laundrette. Oder in den für das Auge gefälligen Merchant-Ivory Produktionen wie A Room with a View (wenn man so will eine Fluchtbewegung aus der Zeit), die neuerdings von Filmkritikern etwas unliebenswürdig als Brit Kitsch bezeichnet werden.

Aber für den Zweck dieses Artikels nehme ich einmal die Fantasyfilme als das dominierende Genre der achtziger Jahre (als es Harry Potter und die Tolkien Verfilmungen noch nicht gab). Glücklicherweise hat es auch den ein oder anderen guten Film gegeben, nicht alles war Fantasy. Dennoch, diese Massierung von Science Fiction, Fantasy, Horror, sword&sorcery Filmen, splatter movies etc etc macht betroffen. Zumal zu den Kinoerfolgen ein Mehrfaches an Titeln hinzugerechnet werden muss, die dem normalen Menschen erspart blieben. 97% davon sind belangloser Mist, dem keiner der öffentlichen Meinungsbildner auch nur eine Träne nachweint, schrieb ein aficionado in Heynes Science Fiction Jahr im Jahre 1991. Ich finde den Satz sehr beruhigend. Wenn Sie die Massierung der Fantasy Produkte vor Augen geführt haben wollen, dann schauen Sie sich einmal die Liste Most Popular Feature Films Released 1980 to 1989 der Internet Movie Database an.

Was Sie hier lesen, ist nicht ganz neu. Ich wurde vor Jahren von dem Herausgeber eines Sammelbandes gebeten, über die Fantasyfilme der achtziger Jahre zu schreiben. Ich lehnte es höflich, aber entschieden, ab. Ich habe in meinem Blog ja schon mehrfach gehässige Bemerkungen über das Genre gemacht. Aber dann warf der Herausgeber einen Köder aus: ich dürfe auch, wenn ich wolle, einen richtigen Hassartikel schreiben. Damit hatte er mich am Haken.

Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit habe ich dann anderthalb Jahre lang im Nachtprogramm der Privatsender ganz, ganz schlimme Filme gesehen. Also all den belanglosen Mist, dem keiner eine Träne nachweint. Keiner der Filme besaß den Witz der Rocky Horror Picture Show. Alle Vorurteile, die ich gegen das Genre hatte, wurden auf das Schönste bestätigt. Ich habe, als ich vor Jahren über ➱Catherine Oxenberg schrieb, diese Geschichte schon einmal erzählt. Damals schrieb ich: Vielleicht tippe ich mal eines Tages die 'highlights' dieses Artikel ab und stelle sie hier ein. Also, das habe ich jetzt getan, sie bekommen jetzt nicht nur die highlights, es gibt jetzt das schreckliche Ganze.

Wenn man sich als Wissenschaftler mit dem Thema beschäftigt, muss man zuerst einmal diskutieren, was mit dem Begriff Fantasy eigentlich gemeint ist. Das lasse ich jetzt mal weg, wir alle wissen, was gemeint ist. Die Macher des Fantasy Filmfest 94 in München, das im Untertitel Internationales Filmfest für Science Fiction, Horror und Thriller nannte, wurden wegen der Einbeziehung des Thriller in der Presse einhellig kritisiert. Ich lasse dieses Genre auch mal weg, obgleich es eine Vielzahl von diesen generic crossovers gibt, die sowohl Thriller als auch Fantasy sind. ➱Alan Parkers Angel Heart wäre ein schönes Beispiel, Pulp Fiction und Blue Velvet wären andere. Und für Leslie Halliwell war The Blade Runner in seinem Film Guide little more than an updated Philip Marlowe case. Und selbst in ➱Inspector Barnaby Filmen tauchten plötzlich Fantasy Elemente auf. Genremix und Mythenmix allerorten - ich werfe alles mal in einen großen Topf und köchle es auf. Serviere Ihnen dann die besten Stücke mundgerecht. Vielleicht halten Sie aber einen Magenbitter in Reichweite.

Mein erstes Unterkapitel hieß damals ENDZEIT, aber daraus habe ich schon die besten Dinge in dem Post ➱Endzeit serviert. Deshalb lasse ich das einmal weg und komme zu Kapitel Nummer Zwei, das INDIANA JONES heißt: In den achtziger Jahren, der Dekade des Sein oder Design, waren wir von den Designern der postmodernen Welt umgeben. Die Designer, oder vielleicht sollte man besser Konfektionäre sagen, des filmischen Mythen Mix hießen George Lucas (der Spielberg immer an die Walt Disney version of a mad scientist erinnerte) und Steven Spielberg. Lucas hatte schon bei Star Wars seinen Dank an den Mythenforscher Joseph Campbell und dessen Werk The Hero with a Thousand Faces bekundet. Lucas' Ziel war es, Filme für eine Generation zu produzieren, die ohne Märchen aufgewachsen war. Für eine Generation, die mit Grimms und Hauffs Märchen aufgewachsen waren, war das natürlich nur komisch. Spielberg, influenced by cartoons and apparently intent upon emulating Disney's humanitarian themes and mainstream appeal, appellierte in all seinen Filmen an das Kind in uns. Für den lakonischen Hauptdarsteller griffen Lucas und Spielberg bei Indiana Jones auf Harrison Ford zurück, erprobt aus Filmen wie Star Wars und The Empire Strikes Back. Die galaktische Jugendausgabe von John Wayne beherzigte die Empfehlung von John Wayne an junge Schauspieler: don't talk too much.

Das Markenzeichen der holzschnittartigen Figur wurde der braune Filzhut, der dem Londoner Hutmacher Herbert Johnson in den folgenden Jahren ungeahnte Umsätze bei seinem Modell The Poet bescherte. Weshalb aber Indiana Jones mit Filzhut, Lederjacke und sardonischem Lächeln durch exotische Gegenden streift, bleibt rätselhaft: Spielberg und Lucas konnten sich nicht auf die Konzeption der Rolle einigen.

Die Indiana Jones Filme sind das Ergebnis von Lucas' Versuch, Märchen, Mythen und Religionen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen, und sie gleichzeitig - getreu der Disney Ideologie (die Disney Company hat inzwischen alle Vermarktungsrechte auf Indiana Jones Produkte gekauft, Indiana Jones theme parks gibt es auch schon) - auf das Rudimentäre zu reduzieren. Eine Melange aus Sir Henry Rider Haggard (der ja in den achtziger Jahren den Stoff für viele Filme hergab), Edgar Rice Borroughs, James Bond, mittelalterlichen Romanzen, Gralssuche, Slapstick und Comics ist das Ergebnis. Die Filme muten wie eine Geisterbahnfahrt durch die Welt der trivialisierten romance an. Von der Indy Saga gab es natürlich Derivate, die man auch nicht zu sehen braucht, obgleich Zemeckis Romancing the Stone und Ken Kwapis' Vibes stellenweise ganz witzig sind.

MR UNIVERSUM. Der fünffache Mr Universum Arnold Schwarzenegger, der zu einer Pop Ikone der Fantasyfilme der achtziger Jahre werden sollte, begann seine Genre-Karriere mit Conan the Barbarian (1981). Dem folgte Conan the Destroyer (1984) und ein Part an der Seite des dänischen Silikonbusenwunders Brigitte Nielsen (Red Sonja 1985). Diese sword & sorcery Filme auf der Basis von Robert E. Howards zivilistionsfeindlichen, sozialdarwinistischen Erzählungen, waren, ähnlich wie Comics gleicher Machart, in den achtziger Jahren erstaunlich erfolgreich. Sie dokumentierten, wie so viele Fantasy Produkte die Sehnsucht nach neuen Mythen, die aber enttäuschenderweise immer die alten Mythen waren. Mit ungeheurem Aufwand und riesigem finanziellen Budget gedreht, schaffen die Filme es allerdings nie, aus den Niederungen des schlechten Geschmacks zu entkommen - auch wenn sie wie Conan the Barbarian durch ein Nietzsche Zitat aufgeputzt wurden. Der prähistorische Schlagetot Schwarzenegger war wohl weniger eine Bestätigung von Nietzsches Übermenschen als eine lebende Werbung für seine Bodybuilding Studios.

Im Jahr von Orwells 1984 mutierte Schwarzenegger zum Terminator. Während die sword&sorcery Filme für ein intellektuelles Publikum inakzeptabel blieben und ihre Erfolge eher in der trash culture feierten, fanden Filme wie Terminator und Total Recall doch Gnade bei den Rezensenten. Das kritische Lob reichte zwar nicht an einen anderen Film aus dem Maschinenmenschen Genre wie Robocop heran, aber Ursula von Keitz in der Enzyklopädie des phantastischen Films oder Per Schelde in seiner von der Folkloreforschung und der Anthropologie bestimmten Studie Androids, Humanoids, and other Science Fiction Monsters nehmen den Terminator des Roger Corman Schülers James Cameron durchaus ernst.


RITTER. Die Lektion, die uns Mark Twain mit A Connecticut Yankee at King Arthur's Court erteilt hat, hat Hollywood nicht so ganz begriffen, Ritterromanzen waren zu allen Zeiten ein gutgehendes Produkt der Traumfabrik. Die siebziger Jahre hatten uns mit Richard Lesters Robin and Marian (1976) einen wehmütigen Abgesang von einem Stoff präsentiert, den Hollywood seit 1922 vermarktet hatte.

Aber die achtziger Jahre nahmen die Welt der Ritterromanzen und die Welt von Sir Walter Scott begierig wieder auf, am Ende des Jahrzehnts stehen gleich zwei Robin Hood Verfilmungen. John Irvins Robin Hood (1990) lief drei Monate vor Kevin Reynolds Robin Hood: Prince of Thieves an, geriet aber trotz aufwendiger Ausstattung schon beim Kinostart des Kevin Costner-Films in Vergessenheit. Der war zwar ein Kassenerfolg, aber die Kritiker waren dem Film gegenüber durchweg unfreundlich eingestellt und lobten eher Costners Vorgänger Douglas Fairbanks und Errol Flynn. Vielen Kritikern schien Sean Connerys (der den Robin Hood in Robin and Marian spielte) Kurzauftritt als König Richard am Ende des Films die beste Szene des Spektakels. Dass Connery einen Auftritt in First Knight (mit Richard Gere) hatte, konnte den grottenolmschlechten Film allerdings auch nicht retten.

Schon zu Anfang des Jahrzehnts hatte sich John Boorman mit Excalibur an den Artusstoff herangewagt, aber niemals die ironische Distanz Richard Lesters (wie er es in Robin and Marian oder The Three Musketeers gezeigt hatte) gegenüber der Historie gefunden. It tries overhard to be simultaneously critical and credulous, magical and earthy, inspiring and entertaining, urteilte die Sunday Times. Boorman gelingen durchaus schöne Bilder, man denke an den Ritt der Ritter durch den Kirschgarten, das fand ich im Kino sehr eindrucksvoll, was wahrscheinlich daran lag, dass ich Sperrsitz erste Reihe saß. Aber künstlerisch und ästhetisch bedeutender sind da doch die französischen Adaptionen der siebziger Jahre wie Bressons Lancelot du Lac oder Eric Rohmers Perceval. Eric Rohmer hat übrigens ➱hier schon einen Post, ich glaube das war der erste Post über den französischen Film in meiner neuen Karriere als Blogger. Und da ich schon einmal dabei bin, ältere Posts zu empfehlen, möchte ich bei dem Thema von Blechrüstungen im Film auch auf den Post ➱Marion Zimmer Bradley hinweisen.

Obgleich eine andere Generation von Rittern in Star Wars schon mit Laserschwertern kämpfte, ließ Hollywood ungern vom Mythos der Schwertkämpfer. 1986 erschien Highlander, der eine Brücke zwischen Mittelalter und New Age schlug. 1990 erschien Highlander II, bei dem das Beste wohl, wie auch schon in Highlander, der Auftritt von Sean Connery als spanischer Grande Juan Villa Lobos Ramirez war. Von Kritikern mit Häme bedacht, waren beide Filme beim Publikum sehr erfolgreich. Letzteres ist bei den Fantasyfilmen der achtziger Jahre ein wiederkehrendes Muster. Der einzige Film mit Rittern, den ich jederzeit empfehlen würde, ist Rob Reiners The Princess Bride mit Peter Falk. Der Film ist mir immer wie ein ironischer Kommentar auf diese Return to Camelot Renaissance der achtziger Jahre erschienen. Glücklicherweise gab es immer wieder solch amüsante Persiflagen und Parodien. Ich fand Mel Brooks' Spaceballs vielwitziger als Star Wars.

INVASIONEN, STAR WARS und STAR TREKS. Auf Invasionen aus dem Weltall sind wir dank TV und Film bestens vorbereitet. In den neurotischen fünfziger Jahren hatte Jack Arnold ein Genre perfektioniert, bei dem in die Ruhe der Eisenhower Ära plötzlich außerirdische Wesen einbrechen. Invaders from Mars (1953) und Invasion of the Body Snatchers (1956) sind typische Produkte dieser Zeit. The Thing erschien als Erbe von Frankensteins Monster am Nordpol (1982 gab es ein Remake des Films), The Creature erschien 1954 (The Creature of the Black Lagoon), mit vielen sequels. Glücklicherweise siegen Wissenschaft und US Air Force gegen solche Bedrohungen.

Endgültig besiegt werden diese fremden Wesen trotz unserer Wachsamkeit nicht - famous last words aus The Thing: Watch the skies, watch everwhere, keep looking- watch the skies! - denn sonst könnte es für Hollywood keine Sequels geben. Alien (plus sequels) ist davon vielleicht das berühmteste Beispiel. Die Ausstattung übernahm hier der Künstler des Phantastischen H.R. Giger (dessen Agentur den hübschen Namen Ugly Publishing hat). Giger führt seine Faszination vom Phantastischen darauf zurück, dass er als Vierjähriger Cocteaus La Belle et la Bête gesehen hatte.

Seit achtundvierzig Jahren kreist jetzt die Mannschaft des Star Trek in bunten Schlafanzügen durch den Weltraum. Fans der TV- Serie haben sich längst organisiert. Wer sich in der Welt von Captain Kirk und Mr Spock und solch wunderbarer Sätze wie Beam me up, Scotty! nicht auskennt, kann mittels des 422-seitigen Star Trek TV Lexikon zum Experten werden. Vom Erfolg der Serie, die in Deutschland als Raumschiff Enterprise bekannt wurde, angezogen, präsentierte Hollywood 1979 Star Trek: The Motion Picture, dem in rascher Folge Star Trek II bis Star Trek XII folgten. Leslie Halliwell kommentierte Star Trek II mit den Worten: very silly, empty and unamusing follow-up. Let us hope fervently that the adventure does not continue. Es war eine vergebliche Hoffnung.

ZEITREISEN. Robert Zemecki hatte seine Talent für aberwitzig schnelle Komödien schon mit ➱Used Cars und der Indiana Jones Parodie Romancing the Stone unter Beweis gestellt, bevor er Back to The Future (1985) drehen durfte. Nach dem großen Erfolg des Films folgten natürlich die sequels. Mit leichter Hand, Ironie und atemberaubendem Tempo wird Hollywoods ewiger Teenie, Michael J. Fox, auf Reisen durch die Zeit geschickt. Halliwell gab dem Film drei (von vier möglichen) Sternen und Kritiker weltweit fanden diese Form der postmodernen Science Fiction auch für Intellektuelle als leichte Kost akzeptabel. Über den dritten Teil, der witzige Western Persiflagen enthält, urteilte Variety: has a joyousness seldom seen on the screen these days, a sense of exuberance in the breaking of boundaries of time, space and genre.

Francis Ford Coppolas Zeitreisen Film Peggy Sue Got Married versetzt Kathleen Turner in die sechziger Jahre und beleuchtet ebenso liebevoll und kritiisch wie Back to the Future diese Epoche der unschuldigen Rock' Roll Jahre Amerikas. Filmhistorisch kann man als Basis dieser Filme die TV Serie Twilight Zone von Rod Gerling annehmen. Diese langlebige und qualitativ höherwertige Serie hatte das Genre Science Fiction&Fantasy publikumswürdig gemacht, und viele Produktionen der achtziger Jahre sind ihr verpflichtet. Dass auch diese Serie in den achtziger Jahren recycled wurde, kann nicht erstaunen.

COMICS. Mit zum Teil gigantischem Produktions- und Werbeaufwand vermarktete Hollywood in den achtziger Jahren jene Comics, die in den dreißiger und fünfziger Jahren ihre große Zeit in Heftchenform gehabt hatten. Kaum hatte man sich von Batman erholt, kam Dick Tracy auf den Markt. Superman kam in Folgen und lebte als postmodern ironische TV Serie unter dem Titel Die Abenteuer von Lois und Clark weiter. Es gab ein filmisches Remake von Barbarella und Filmversionen von Flash Gordon (von dem sogar eine Pornoversion Flesh Gordon - Die Schande der Galaxis existiert), es gab Remakes von Popeye, den Flintstones und der Addams Family. In den Verfilmungen siegte, wie so oft in der Postmoderne, die Form über den Inhalt. Wenn der comic strip noch phantastische, anarchische und subversive Elemente enthielt, so wurden hier im besten Stil der Walt Disney Ideologie alles so geglättet, dass das Hochglanzprodukt zum family entertainment wurde.

GHOSTS. Schon die dreißiger und vierziger Jahre hatten die filmische Geisterkomödie perfektioniert, man denke an The Ghost Goes West, The Ghost and Mrs Muir, Here Comes Mr Jordan oder Heaven Can Wait. Als das Remake von Heaven Can Wait Ende der siebziger Jahre auf den Markt kam, wirkte es wie die Öffnung einer Schleuse für eine Flut von Geisterkomödien. Nicht nur Shirley MacLaine und sechs Millionen Scientologen glaubten an die Seelenwanderung.

Irgendwo auf dem Weg zwischen Himmel und Erde (oder auf eine andere wundersame Weise) wurden die Identitäten vertauscht. In Glenn Close war plötzlich der Geist einer vor sechzig Jahren verstorbenen Filmdiva (Maxie 1985), in Steve Martin war Lily Tomlin (All of Me 1984), in Ellen Barkin war ein fieser Macho (Switch), und in Vice Versa (1986) tauschten Vater und Sohn die Körper. Richard Dreyfuss rettete in Spielbergs Always als Geist seiner Frau das Leben, Patrick Swayze kommunizierte mit Demi Moore in Ghost über das spiritistische Medium Whoopi Goldberg. Glücklicherweise zeigte Ghostbusters, dass arbeitslose Akademiker auch nützlichen Beschäftigungen nachgehen können, indem sie Geister vertreiben.

CHINA EPICS. Dass aus Hongkong mehr kommen kann als schlecht kopierte englische Schneideranzüge, Bruce Lee Filme und schnell und billig produzierte Kung Fu-Filme, bewies 1987 A  Chinese Ghost Story (der erste Teil einer Trilogie, die 1992 abgeschlossen wurde). Andere Filme wie Silver Fox, Jiang Hu: Between Love and Glory oder Kung Fu: Meister des Schwerts variierten diese Formel und machten den Regisseur und Produzenten Tsui Hark zum Spielberg aus Fernost.

Diese Filme mit ihren zirzensisch-magischen Kampfspektakeln und ihren atemberaubenden Tricks, die sich aus dem Fundus der chinesischen Märchen und Mythen bedienten, setzten neue Maßstäbe für den Fantasyfilm. Eine Pracht von Farben und Bildern sowie choreographisch durchgefeilte Kampfszenen, verknüpft mit einer Liebesgeschichte und einer Prise Humor, überwältigten optisch und emotional das Publikum. Man sollte allerdings nicht auf die Idee kommen, sie für die gleiche Filmkunst wie die Filme von Akira Kurosawa zu halten.

KLEINE (und große) MONSTER. Putzige Wesen machten sich in den achtziger Jahren auf Bildschirm und Leinwand breit: Alf, E.T., Gremlins, Teenage Mutant Ninja Turtles, Critters etc etc. In den neunziger Jahren mutierten sie zu Dinosauriern, und bei F.A.O. Schwartz waren alle Steiff Dinosaurier ausverkauft. King Kong Lives hieß es 1986, und alle japanischen Godzilla Filme der fünfziger und siebziger Jahre kam im Fernsehen wieder zu Ehren.

Die deutschen Privatsender entdeckten die Monsterwelt von Ray Harryhausen und widmeten ihm ganze Wochenenden. Dass ich Ray Harryhausen einmal kennengelernt habe und seine kleinen Monster in der Hand hatte, habe ich ➱hier schon erzählt. Wenn die possierlichen Tierchen auf Zelluloid durchaus auch für Erwachsene Unterhaltungswert hatten, wurde man das Gefühl nicht los, dass diese Filme nur die Basis für eine Vermarktungsindustrie waren, die sich an das kindliche Gemüt richteten: Von Puppen bis T Shirts wurde der Markt mit Produkten überschwemmt, die niemand so recht brauchte. Das Verkaufsdatum der Jurassic Park Videocassette (das größte Ereignis der Filmgeschichte) lag zeitgleich mit der Bundestagswahl 1994, und die Werbung in den Straßen übertraf die der Wahlwerbung kleiner Parteien.

Viele dieser Filme setzten neue Maßstäbe für filmische Trickaufnahmen, die Computeranimationstechnik sowie die Dolby Surround Technik. George Lucas hatte sich hier vorausschauend einen großen Teil des Fantasy Kuchens gesichert, als er mit seinem Technischen Direktor Tomlinson Holmes (nach dem der THX Standard benannt wurde) neu definierte. Inzwischen dringt der ProLogic Dolby Surround Sound, der die Fantasyfilme der achtziger Jahre auszeichnete - und der nach der Meinung mancher das Beste an den Filmen ist - auch schon in die Wohnzimmer ein. Schöne neue Welt.

HORROR. Der Horrorfilm ist ein Fantasy Genre, das Hollywood seit seinen Anfängen gepflegt hat. In den siebziger Jahren trat er massiert auf (The Exorcist, Carrie, Damien, Halloween, The Amityville Horror, The Fog etc etc), aber auch die achtziger Jahre wollten auf das Genre nicht verzichten, insbesondere die Spielart des sogenannten Splatter Films. Der hat ja seine eigenen Fans.

Ich weiß noch, dass ich vor vielen Jahren in einem Seminar zu Edgar Allan Poe einen Vergleich zwischen dem horror Edgar Allan Poes und dem horror von The Texas Chainsaw Massacre zog. Und bei der Nennung von The Texas Chainsaw Massacre bekam ein in der hintersten Reihe pennender Sportstudent seinen Kopf hoch und sagte: Den gibt's inzwischen auch schon auf Video. Wir werden uns eines Tages daran gewöhnen müssen, dass ganze Generationen von Schülern und Studenten mit diesem Zeug aufgewachsen sind.

Die Romane von Stephen King haben das Genre etwas verfeinert. Obgleich ich bei einem Statement wie diesem nicht so sicher bin: I recognize terror as the finest emotion and so I will try to terrorize the reader. But if I find that I cannot terrify, I will try to horrify, and if I find that I cannot horrify, I'll go for the gross-out. I'm not proud. Hollywood griff gerne auf Kings Romane zurück. Nach dem Erfolg von The Shining 1980 gab es drei Jahre später gleich drei Stephen King Verfilmungen: Cujo, Christine und The Dead Zone. Da der Horrorfilm ein von der kritischen Literatur vergleichbar gut dokumentiertes Genre ist, verzichte ich darauf, hier noch mehr Horror auszubreiten und verweise auf Andrew Tudors Buch Monsters and Mad Scientists: Cultural History of the Horror Movie und Carol J. Clovers Men, Women, and Chain Saws: Gender in Modern Horror Film.

VAMPIRE & WERWÖLFE. Wenn Dreyers Vampyr, zweifellos ein Glanzstück des Genres, vor zwanzig Jahren das Fantasy Filmfest in München eröffnete, dann zeigte das den Wunsch der Veranstalter, angesichts des ganzen Schrotts des Genres etwas Respektables zu zeigen. Vampir und Werwolf haben als Stoff sowohl in der Literatur als auch im Film eine Tradition, bei der frühe Klassiker wie Nosferatu und Vampyr Maßstäbe gesetzt haben. Dachte man nach ➱Polanskis Tanz der Vampire kommt nichts mehr, zeigte die moderne Recyclings Maschine Hollywoods in den achtziger und neunziger Jahren (zum Beispiel Neil Jordans Interview with a Vampire), dass es immer noch neue Varianten habe. Die Blutkonserven für Vampire scheinen unerschöpflich zu sein.

John Badhams Dracula kam mit Fred Langella und Sir Laurence Olivier (ja, sie haben richtig gelesen), dann gab es noch Stan Dragotis amüsantes Love at First Bite und Tony Scotts The Hunger mit Catherine Deneuve und David Bowie (das der Observer one of the most incoherent and foolish pictures of recent movies nannte). Tony Scott und John Landis knüpften mit Bloody Marie an die frühen siebziger Jahre an, als lesbische Vampire schon einmal Konjunktur hatten (Vampyres: Daughters of Dracula, Lust for a Vampire). Wobei Landis, der ja mit An American Werewolf in London reüssierte, dem Film auch komische Seiten gibt: da der Vampir Marie am liebsten italienisch isst, sucht sie ihre Opfer in den Reihen der Mafia.

Im gleichen Jahr wie Landis produzierte Altmeister Roger Corman Dracula Rising (Regie Fred Gallo), allerdings geriet sein Film angesichts des Erfolgs von Coppolas Bram Stoker's Dracula etwas ins Abseits. Coppola hatte sich auf die literarische Vorlage Bram Stokers besonnen, sein Film ist eigentlich recht konventionell (es gab ➱hier schon einmal einen Post zum Thema).  Die starbesetzte Orgie des Blutsaugens spielte allerdings schon am ersten Wochenende 32 Millionen Dollar an den Kinokassen ein., kein Journalist versäumte es, Parallelen zwischen dem Film und dem AIDS Zeitalter zu ziehen. Von der großen Oper einer neuen Blutkultur war die Rede. Was werfen die ein, um so etwas zu schreiben? Dies könnte man länger ausführen, es würde die Theorie stärken, dass das Fantasy Genre Parabeln für den Zeitgeist liefert. Oder, negativ gesehen, Ängste, Begehren und Neurosen nur geschickt vermarktet.

Diese Tendenz, filmische Fantasy Produkte intellektuell zu überhöhen, fand sich auch bei Mike Nichols' Wolf. Der Regisseur (der immerhin mal einen Film wie The Graduate gedreht hatte) sah als sein Vorbild Kafkas Die Verwandlung. Rezensenten sahen in Jack Nicholson den modernen Mann jenseits von Männer- und Frauenbewegungen, das Filmplakat warb mit dem Zusatz Das Tier im Mann. Die Presse winkte müde ab und fragte, ob Nicholson mit seinen gebleckten Zähnen und seinem overacting nicht schon seit Jahren nichts anderes spiele.

Seit Nicholson in Little Shop of Horrors seine Zähne zeigte, ist sein Gesicht zur Maske stereotypisiert. Photos aus Wolf könnten auch aus The Shining oder The Witches of Eastwick stammen. Michael J. Fox, der ebenso wie Nicholson immer gleich aussieht, wandelte sich in Teen Wolf (1985) zum College Werwolf. Der Film knüpft an I was a Teenage Werwolf von 1957 an, und offensichtlich kann man das Thema auch noch nach einem halben Jahrhundert vermarkten. Als ich den ersten Roman von Stephenie Meyer (der JK Rowling der Blutkonserve) las, gab ich diesem Teeny Vampirschrott kein langes Leben (Stephen King ist der gleichen Meinung Stephenie Meyer can't write worth a darn. She's not very good). Gut, ich habe mich getäuscht. Man soll den schlechten Geschmack der Leser und Kinogänger nie unterschätzen. Vor allem nicht, wenn die Vampir Teenies so hübsch und elegant daherkommen. Die Frage Should Vampires Sparkle hat eine erregte Diskussion hervorgerufen.

VIETNAMPHANTASIEN. Recht und Ordnung in Amerika können nur von einer ehemaligen Vietnam Spezialeinheit wiederhergestellt werden. Diese Botschaft vermittelt uns die populäre Serie A Team (2010 auch als Film). Das sind märchenhafte Tagträume fürs Familienfernsehen, aber als Gewaltphantasien ernstzunehmender sind da sicherlich Filme - die die achtziger Jahre massenhaft hervorbrachten - in denen der Vietnamkrieg nachträglich wenigstens teilweise von Chuck Norris oder Sylvester Stallone gewonnen wird. Die beide natürlich niemals in Vietnam waren. Stallone als John Rambo mit Patronengurt auf der nackten Brust ist zur Ikone dieserVietnamphantasien geworden. In solchen Filmen liegt sicherlich eine ideologische Gefahr, James William Gibson hat das in Warrior Dreams: Paramilitary Culture in Post-Vietnam America behandelt. Inzwischen hat man beinahe das Gefühl,  dass es lauter kleine Rambos in Amerika gibt.

1968 kam Peter Bogdanovichs erster Film in die Kinos, verschwand aber beinahe sofort wieder. In dem Film dreht ein junger Vietnamveteran durch. Er schreibt auf einen Zettel: To whom it may concern: It is now 11.40 am. My wife is still asleep but when she wakes up, I am going to kill her. Then I am going to kill my mother. I know they will get me, but there will be more killing before I die. Davon handelt der Film. Es ist die Beschreibung wie ein junger, sympathisch aussehender All American Boy zum All American Killer wird. A movie about a war… inside a man’s head! hieß es im Trailer.

Der Film hat eine zweite Handlungsebene mit dem 81-jährigen Boris Karloff, den man als Frankensteins Monster aus der Stummfilmzeit kennt. In einem Autokino, wo gerade ein Boris Karloff Film läuft, treffen der neue Schrecken Amerikas und der alte Schrecken der Leinwand aufeinander. Bogdanovichs Film Targets (zu dem es ➱hier mehr Informationen gibt) war ein Film, den Amerika nicht sehen wollte. 1968 nach der Ermordung von Martin Luther King und Bobby Kennedy nicht, heute nach so vielen Morden, die genau so ablaufen wie in dem Film Targets erst recht nicht. Aber Fantasyfilme mit viel Blut, die guckt man sich in Amerika gerne an.

DER SCHLAF DER VERNUNFT. Die Sunday Times urteilte vor dreißig Jahren über Ken Russell - dessen erschütternd schlechter Film The Lair of the White Worm (nach einer Vorlage von Bram Stoker) vielleicht besser unerwähnt bliebe: His originality these days seems to consist of disguising the banal behind a barrage of garish, distorted, noisy and fleeting images looted from every juvenile fantasy from Rider Haggard to Superman, with nods to Dali and Bosch. Das Zitat beschreibt eigentlich auch recht gut die Fantasyfilme der achtziger Jahre.

Geistesgeschichtlich (irgendwie passt das Wort nicht in diesen Zusammenhang) greift Hollywood in die melodramatische Mottenkiste des 19. Jahrhunderts, um daraus Vampire, Frankensteins Monster (Ken Russells Gothic und Kenneth Branaghs Mary Shelley's Frankenstein) und den Übermenschen hervorzuziehen. Oder wie ein Vampir aus den Werken von Edgar Allan Poe, Sir Henry Rider Haggard, 'Monk' Lewis, Bram Stoker und Jules Verne das letzte Blut herauszusaugen. Goethe hatte in seinem Amerika, du hast es besser die Hoffnung ausgesprochen, dass ein gut Geschick die Amerikaner vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten bewahren möge. Es ist wohl eine Ironie des Schicksals, dass wir heute von Amerika aus mit dem überschwemmt werden, vor dem Goethe die Amerikaner gewarnt hatte.

Filmhistorisch gesehen bietet der Fantasyfilm der achtziger Jahre außer ungeahntem Aufwand und neuen Computeranimationen nichts Neues. James Monaco, einer der besten Kenner des amerikanischen Films sagt in American Film NowWith great elan they summarized all of the chlichés and much of the fun of the 1930s and 40s Hollywood Saturday morning serials. Und Englands führender Filmkritiker Philip French beginnt seinen Artikel And here's one they made earlier im Observer mit einem Dorothy Parker Zitat, wonach the only -ism Hollywood believes in is plagiarism.

Postmodernes Zitieren und Selbstreferentialität sind für Filmhistoriker ein alter Hut, filmische Genres sind ohne filmische Intertextualität gar nicht möglich. Aber gerade das waren Lieblingsgedanken der postmodernen Kulturkritiker, die nicht müde wurden, vom Schöpfungsmythos bis zur Apokalypse alles im Fantasyfilm sehen zu wollen und ihre Sicht mit all den angesagten poststrukturalistischen Theorien zu untermauern. Inzwischen gibt es auch schon eine ➱Dissertation mit dem schönen Titel Fantasy films as a postmodern phenomenon. Da kann man nur sagen: anything goes. Goyas Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer kann nicht nur auf die Fantasyfilme, sondern auch auf die Kritiker bezogen werden.

Philip French äußert in seinem Essay die These, dass Hollywood mit seinen Recycling Produkten jetzt die Lücke besetzt, die durch verloren gegangene Bezugssysteme der Kultur und des Glaubens entstanden sind. Ähnlich argumentiert James B. Twitchell in Preposterous Violence: Fables of Aggression in Modern Culture, dem bisher umfangreichsten Versuch einer kulturellen Einordnung dieser fables of aggression. Eine moralische Bewertung finden wir bei Twitchell nur andeutungsweise, er sieht die ritualization of violence eher als eine positive Größe eines Erziehungsprozesses. Die Gefährlichkeit der Fantasy Produkte wird heruntergespielt. Gerade dieser Punkt scheint aber in unserer immer aggressiveren Welt von Bedeutung. Wenn schon Kinder den Power Rangers (in Kanada, Dänemark und Norwegen abgesetzt, in Neuseeland verboten, aber bei uns dank RTL im Programm) ausgesetzt sind, fantasy trash auf allen Videospielen und Computern leicht zu finden ist, und die gewalttätigsten Filme auf CD erhältlich sind, wird man sich über die tagtäglichen Meldungen von einer Brutalisierung der Gesellschaft micht wundern dürfen. Die Verwechslung von Fantasy und Realität wird zum Symptom der postmodernen Gesellschaft.

Ich hatte versprochen, Ihnen aus dem Fantasy Eintopf der achtziger Jahre die besten Stücke mundgerecht zu servieren. Et voilà, es ist angerichtet. Schmeckt es Ihnen?

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