Freitag, 14. Februar 2014

Alan Parker


Der englische Filmregisseur Alan Parker wird heute siebzig. Inzwischen ist er nicht nur Alan Parker, er ist Sir Alan (for his services to the British film industry), das hat er verdient. Er hat alles erreicht, was man erreichen kann: Academy Awards, British Academy Film Awards und den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes. Und doch mögen ihn die Cineasten nicht so sehr. Glitzernde Oberfläche, wenig Tiefe, Ästhetik des Werbefilms, sind die Vorwürfe. So schrieb Claudius Seidl 1987 in der ZeitAuf den ersten Blick mögen heute 'Midnight Express', 'The Wall' oder 'Birdie' wie richtige Spielfilme aussehen; bei genauer Betrachtung erkennt man, es sind nur Reklameclips. Parker macht noch immer Werbung – für sich selbst: für seinen exquisiten Geschmack, sein gediegenes Kunsthandwerk, seinen Hang zum Modischen und zum schicken Dekor. Vor allem im Umgang mit künstlicher Patina, mit sauber photographiertem Schmutz, kunstvoll arrangiertem Dreck beweist Parker immer wieder große Meisterschaft. Seine Helden mögen ringen um Sein oder Nichtsein – für Alan Parker stellt sich eine andere Frage: Design oder Nichtsein. 

Er hat in der Werbung angefangen (weil er glaubte there were millions of girls in it), zuerst als copywriter bei den Printmedien: I ended up getting a job as a copywriter. The great thing about advertising from a British point of view, is that it didn't have a kind of class distinction as other jobs had. If you were half bright, they gave you a chance. I was very fortunate that they gave me that chance. Er war nie auf einer Universität, er kam aus der working class, die Welt der Werbung war seine Chance: Looking back, I came from a generation of filmmakers who couldn't have really started anywhere but commercials, because we had no film industry in the United Kingdom at the time. People like Ridley Scott, Tony Scott, Adrian Lyne, Hugh Hudson, and myself. So commercials proved to be incredibly important.

Die fünf Herren aus England gehen nach Hollywood und prägen den Film der achtziger Jahre. So erfolgreich sie sind, und ich will die Academy Awards jetzt nicht aufzählen, immer wieder kommt der Vorwurf: Werbefilmer, schöne Oberfläche, nichts dahinter. So sagte Tony Scott: The '80s was a whole era. We were criticised, we being the Brits coming over, because we were out of advertising—Alan Parker, Hugh Hudson, Adrian Lyne, my brother—we were criticised about style over content. Jerry Bruckheimer was very bored of the way American films were very traditional and classically done. Jerry was always looking for difference. That's why I did six movies with Jerry. He always applauded the way I wanted to approach things. That period in the '80s was a period when I was constantly being criticised, and my press was horrible. I never read any press after 'The Hunger'.

Die Kritiken zu The Hunger (mit Catherine Deneuve als Vampir) waren vernichtend. Und zu Recht. Ich bewahre als Kuriosität die LP mit der Filmmusik auf, hat mich mal eine Mark im Grabbelkasten gekostet. Aber der Film hat heute in bestimmten Kreisen einen Kultstatus. Und eine Art Kultstatus bekamen auch die Filme von Adrian Lyne, die eine Art Softporno für Yuppies waren. Ich zähle mal einige auf, und Sie wissen, was ich meine: 9½ WeeksLolitaUnfaithful.

Die Brit Boys hätten sich ja nach beinahe jedem Film, den sie in den achtziger Jahren drehten, zur Ruhe setzen können. Aber sie machten immer weiter. Außer Hugh Hudson, der es nach dem ungeheuren Erfolg von Chariots of Fire langsamer angehen ließ. Man muss zu dem Bild aus Chariots of Fire natürlich die Musik von Vangelis hören, davon lebt der Film. Und Musik ist auch das, was viele Filme von Alan Parker auszeichnet, große teure Produktionen wie Pink Floyd The Wall und Evita und liebenswerte kleinere Filme wie Die Commitments.

Zu Tony Scotts Bruder Ridley braucht man nach Alien und Blade Runner nichts mehr zu sagen. Vielleicht nur, dass die Filme immer mehr Geld einbringen und immer schlechter werden. Ich denke da an Gladiator und den grauenhaften schlechten Robin Hood Film mit Russell Crowe. Lediglich zwei Filme von Scott hat die seriöse Filmkritik gelten lassen, das sind Thelma & Louise und sein Erstling The Duellists. Was eine Literaturverfilmung nach einer Erzählung von Joseph Conrad ist, ein mit seinen Kostümen sehr sorgfältig in Szene gesetzter Film.

Und bei Alan Parker ist das ähnlich, wenige Filme haben lange Rezensionen der ernstzunehmenden Filmkritiker produziert. Mississippi Burning fand eine positive Aufnahme. Noch mehr Kommentare gab es zu Birdy, einem Film nach einer Erzählung von William Wharton (allerdings von Parker vom Zweiten Weltkrieg in die Zeit des Vietnamkriegs versetzt). William Whartons beeindruckender Kriegsroman A Midnight Clear ist ➱hier im Blog schon einmal erwähnt worden. Der meistdiskutierte Film von Parker bleibt sicher Angel Heart, ein fantasy thriller, der sehr kontrovers beurteilt wurde. Claudius Steidl hatte am Ende seiner Filmbesprechung in der Zeit nur die Sätze übrig: In Alan Parkers buntem Kinoschaufenster blüht keine Blume des Bösen. Hier blüht der Boom des Blöden.

Aber es gab viele Kritiker, die diesen Film Noir in schmutzigen Farben für große Kunst hielten. Einer von ihnen war Roger Ebert. John Simon schrieb im National ReviewA mess... The insufferably pretentious and hollow screenwriter/director Alan Parker showers us with evey kind of natural and supernatural effect, with every conceivable form of violence, carnality, demonism, and vice, the whole lot couched in an artiness that merely makes it more ludicrous.... Und beendete seinen Verriß mit: Angel Heart would look better in black and white. Or just in black. Ich habe eine DVD des Films, ich finde ihn schreiend komisch. Aber das war wohl nicht das Ziel des Regisseurs. Dies alles liefert mir einen Vorwand, die schnuckelige Blonde Elizabeth Whitcraft hier abzubilden (und ➱dies können Sie natürlich auch anklicken), die nie erwähnt wird, wenn es an das Aufzählen der Stars des Films geht: Robert de Niro, Mickey Rourke, ➱Charlotte Rampling und Lisa Bonet. Man sollte auch den Blues Gittaristen Brownie McGhee erwähnen, der in dem Film sehr gut ist.

Aber das musste ja alles nicht unbedingt sein, man kann auch andere Filme drehen. Englische Regisseure wie Ken Loach oder Bill Forsyth, dem wir den schönen Film Local Hero verdanken, haben uns das gezeigt.  Und wenn wir von England aus einen Blick über den Ärmelkanal werfen, bewies Bertrand Tavernier (lesen Sie ➱hier einen langen Post zu dem Regisseur), dass man auch dort richtig gute Filme drehen konnte. Vieles, mit dem die ehemaligen Werbefilmer aus der Generation von Alan Parker reüssierten, hatte einen Touch von Fantasy, ein Genre, das ich nun ganz und gar nicht mag (lesen Sie doch einmal den Post ➱Endzeit). Das hat mich dazu bewogen, hier demnächst mal etwas Ausführliches über das von mir so gehasste Genre des Fantasyfilms zu schreiben. Ich bin schon am Tippen [hier ist das ➱Ergebnis]. Aber erst einmal gratuliere ich Alan Parker. Ich bewundere sein technisches Können und seine Ausstattungsdetails, in dem Punkt ist er ein Visconti für Arme. Visconti ist mit siebzig gestorben, aber davor hat er noch richtig gute Filme gedreht. Vielleicht dreht Alan Parker ja auch noch mal einen.

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