Mittwoch, 19. Januar 2011

Richard Lester


Am 4. Oktober 1963 wurde in den Kammerspielen in der Böttcherstraße in Bremen das Theaterstück Was ist an Tolen so sexy? von Ann Jellicoe aufgeführt. Es war die deutsche Erstaufführung. Alles, was in der Welt des Theaters neu und aufregend war, kam jetzt aus Bremen. Das lag weniger an Peter Zadek, wie der immer verkündete, das lag an dem Intendanten Kurt Hübner. Der mit seinem Bremer Stil das deutsche Theater revolutionierte. Und jungen Regisseuren die Chance gab, sich hier zu erproben. Natürlich war das auch Zadek, aber was wäre aus Peter Stein geworden, wenn er hier nicht seinen Torquato Tasso inszeniert hätte? Und hinterher das halbe Bremer Ensemble mit nach Berlin genommen hätte? Jutta Lampe, Edith Clever, Bruno Ganz und wie sie alle heißen. Damals hatte ich mir überlegt, ob ich Jutta Lampe nicht mit Blumen hinter der Bühne auflauern sollte, um ihr zu sagen, dass sie die schönste Frau der Welt sei. Habe ich natürlich nicht getan.

Aber ich war damals viel im Theater. Weil meine Eltern mir ihre Abonnementskarten überließen, das war nicht mehr ihre Sorte Theater. Es war ja auch der Beginn des Radautheaters, das heute Regietheater heißt. Mir war es damals recht. Und so saß ich in der ersten Reihe als Bruno Ganz in der später von der Kritik so gefeierten Hamlet Inszenierung vorne im Orchestergraben seinen Monolog Sein oder Nichtsein sprach. Als Bruno Ganz eine schicksalsschwere Kunstpause einbaute, hielt ich ihm zuvorkommend meinen mitgebrachten Rowohlt Text (englisch-deutsch) vor die Nase. Er wechselte beleidigt im Bühnengraben die Seite. Einige Akte später sauste eine Florettspitze neben mir in den roten Plüschboden. Das eine hat mir dem anderen nichts zu tun. Das Florett war in einem Fechtkampf zwischen Bruno Ganz und Hans-Peter Hallwachs abgebrochen. Die beiden Schauspieler standen mit offenem Mund an der Bühnenrampe. So etwas nennen wir doch einen fourth-wall-break den ungeahnten Sorte. Das tolle Kurt Hübner Theater in Bremen war nach elf Jahren zu Ende, weil ein kleiner SPD Banause seinen Vertrag nicht verlängerte. Danach schrieb man in Bremen Teater ohne h - ohne Hübner.

Zwei Jahre nach der Bremer Erstaufführung von Ann Jellicoes Stück kam das wieder nach Bremen, aber diesmal in die Kinos. Es war ein Film von Richard Lester - der heute 79 Jahre alt wird - der damals die Filmwelt ein wenig veränderte. Er hatte The Knack …and How to Get It  zwischen den beiden Beatles Filmen A Hard Day's Night und Help gedreht. Und damit den Grundstock für die Karriere der Beatles und seine eigene gelegt. Niemand hat jemals wieder drei Filme, die den Zeitgeist so einfingen oder ihn so prägten, in zwölf Monaten gedreht. In den Jahren davor hatte Lester Gelegenheitsjobs für das Fernsehen gehabt. Einen Film gedreht (The Mouse on the Moon), den man heute den Kiddies auf einem Kindergeburtstag vorführen kann.  Nix Dolles. Außer vielleicht diesem billigen Zehnminutenfilm, den er an zwei Wochenden gedreht hat und der für einen Oscar nominiert wurde. Die Goons spielten da drin mit. Falls Sie die verpasst haben sollten: das waren die Vorläufer von Monty Python. Prince Charles hat sie geliebt, er hat sogar Spike Milligan zu seiner Hochzeit eingeladen. Der ersten.

Vielleicht hat Lester in diesem Augenblick gemerkt, als er The Running Jumping & Standing Still Film drehte, was die Zauberformel für seine Filme sein konnte. Absurdes Theater, schnelle Schnitte. façade hat der Kritiker Christopher Booker gesagt, weil diese Oberflächlichkeit das Swinging London kennzeichnet. Es ist eine hoch polierte Oberfläche, vielleicht merkt man dem Film sogar die Zeit an, die Lester mit dem Drehen für Werbefilme verbracht hat - eine ähnliche TV Werbespot Ästhetik hat man ja auch einmal Alan Parker nachgesagt. Als Richard Lester geboren wird, hat der Tonfilm gerade den Stummfilm abgelöst, mit The Knack scheint Lester auf die Ästhetik des Stummfilms zurückzugreifen. Doch dies ist mehr als der gute alte Slapstick Film. Für den Jazzsänger und Kunstkritiker George Melly war der Film the new pop gospel. Wir nehmen heute die Pop Art schon als etwas Selbstverständliches an, sie ist aber gerade erst erfunden worden. Und wer hat's erfunden? Natürlich die Engländer. Diese Collage von Richard Hamilton gilt allgemein als der Beginn der Pop Art, und Hamilton ist Engländer.

Wenn George Melly in seinem Buch Revolt into Style: The Pop Arts in the 50s and 60s Lesters Film als new pop gospel bezeichnet, dann bedeutet das schon etwas. Das Urteil der Times: the best book on pop culture our side of the Atlantic ist sicherlich berechtigt. Und die Pop Art schwappt jetzt auch nach Bremen, weil Wilfried Minks mit seinen Bühnenbildern (oben das zu der Inszenierung von Schillers Die Räuber) dem Theater von Kurt Hübner das i-Tüpfelchen aufsetzt. Richard Lesters The Knack ist immer noch lieferbar, und der Film (der neben ➱Rita Tushingham immerhin ➱Jacqueline Bisset, Jane Birkin und ➱Charlotte Rampling [unten] in kleinen Nebenrollen hatte) ist immer noch gut. George Melly versetzte er damals in a state of euphoria. Die Fröhlichkeit ist heute immer noch ansteckend, auch wenn heute bei der euphoria ein wenig nostalgia mitschwingt.

Richard Lester wurde in Philadelphia geboren, mit fünfzehn durfte das Wunderkind schon zur Universität. Mit dreißig hatte er sein annus mirabilis. Obwohl er den Clown spielte, wollte er ernstgenommen werden mit dem, was er drehte. Aber während Filmkritiker im Werk von Woody Allen Tiefsinniges entdecken, hat man das über ihn nie gesagt. He wisely avoided any attempt at depth sagt Roy Armes in seiner Critical History of British Cinema über The Three Musketeers. Die (mit ihren Nachfolgefilmen) mir die liebsten von allen Dumas Verfilmungen sind. Ich kann auch Juggernaut (18 Stunden bis zur Ewigkeit) bei der zehnten Wiederholung im TV immer noch sehen, weil es in sich ein perfekter Film ist. Selten oder nie werden die Filme von Lester gezeigt, in denen er wirklich ernsthaft ist: Petulia (liebe ich) und How I Won the War (lieben alle John Lennon Fans). Einen absurden Film über die Absurdität des Krieges zu drehen, ist eine gefährliche Sache (auch Hellers Roman Catch-22 war zuerst ein Flop), das englische Publikum schaute sich lieber den gleichzeitig erschienenen Film The Dirty Dozen an.

The Knack von Richard Lester war natürlich viel witziger als die Bremer Aufführung von Ann Jellicoes Theaterstück. Ann Jellicoe hat den Film immer gehasst, sie hatte es wohl nicht so mit der neuen Pop Culture und dem Innovatorischen, das Hard Day's Night und The Knack in sich trugen. They weren't about pop. They were pop hat George Melly gesagt. Und uns kleinen Cinéasten zeigte der Film, dass jetzt nicht nur in Paris und ➱Cinecittà spannendes Kino gemacht wurde. Auch das englische Kino mit dem Kitchen Sink Realism, dem Swinging London und den spy thrillers wurde jetzt etwas für uns Nachwuchsfilmkritiker. Und natürlich auch für alle, die nur wegen des Vergnügens ins Kino gingen.


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