Donnerstag, 13. Januar 2011

The Lass of Aughrim


Er wäre lieber Sänger geworden, aber er ist Schriftsteller geworden. Er soll eine schöne Tenorstimme gehabt haben. Erstaunlicherweise hat der Stimmbruch seine Stimme überhaupt nicht verändert. Sein Sohn hatte eine längere Karriere als Sänger als er, der war aber kein Tenor, sondern ein Bass. Nach einer Kehlkopfoperation sattelte er auf Bariton um. Alle Iren können singen, sagt man. Auf jeden Fall so wie die Dubliners. Oder Planxty. Und dennoch gibt es mehr italienische Tenöre als irische Tenöre. Doch bevor sein erster Roman geschrieben ist (einen Gedichtband, der auch Musik im Titel hat, hat der junge Künstler schon fertig), tritt der junge Tenor bei einem nationalen Gesangwettbewerb auf. Der heißt Feis Ceoil (Festival of Music) und ist erst wenige Jahre zuvor gegründet worden. Es gibt den Wettbewerb heute, mehr als ein Jahrhundert später, immer noch. Neben dem schönen irischen Namen Feis Ceoil, hat er im Volksmund noch einen etwas despektierlichen Namen, da heißt er fish coil.

Unser junger Sänger pumpt all Freunde und Bekannten an, mietet sich ein Zimmer zum Üben und ein Klavier. Nein, kein Klavier, einen richtigen Flügel, ein klein wenig größenwahnsinnig ist er schon. Die Packer, die den Flügel bringen, müssen die Beine abschrauben, damit sie ihn durch die enge Tür bugsieren können. Er ist sicherheitshalber nicht zu Hause. Damit er den Packern kein Trinkgeld zu geben braucht. Er hat kein Geld mehr, nicht das erste und nicht das letzte Mal in seinem Leben. Er wird kein Caruso werden, nicht einmal ein John Sullivan oder ein John McCormack (die er beide bewunderte). Er wird Schriftsteller werden, aber die verdienen so wie er häufig auch nichts. Oder erst, wenn sie tot sind.

Er hätte beinahe an jenem Abend die Goldmedaille gewonnen. Wenn da nicht diese Aufgabe gekommen wäre, etwas vom Blatt zu singen. Da ist er beleidigt von der Bühne marschiert, das konnte er nicht und hat es sein ganzes Leben lang nicht gekonnt. Einem Künstler ist etwas Unvorbereitetes nicht zuzumuten. Er hatte zuvor das Rezitativ und die Aria No chastening for the present aus Sullivans The Prodigal Son gesungen und A Long Farewell in der Bearbeitung von Alfred Moffat. Sentimentaler Kitsch, wenn wir ehrlich sind. Kommt aber gut an. Durch seinen vorzeitigen Abgang von der Bühne wäre er eigentlich aus dem Rennen, aber er bekommt doch noch eine Bronzemedaille, weil ein Mitbewerber disqualifiziert wird. Die Zeitungskritiken über seinen Auftritt wird er sein Leben lang aufbewahren. Genauer gesagt schleppt er sie in seiner Jackentasche mit sich herum, bis das Papier zerkrümelt. Dann bittet er seinen Dichterkollegen O'Sullivan, ihm die Kritiken doch noch einmal abzutippen. Und er macht das in Form eines Gedichts, welches das Gedicht Praise von Seamus O'Sullivan parodiert:

Dear, I am asking a favor
Little enough;
That thou wouldst entype me
This powdery puff.
I had not heart for your troubling,
Dearest, did I
Duly possess a type-writer
Or money to buy.


Ich habe Ihnen den Namen des Sängers bisher vorenthalten. Heute ist sein siebzigster Todestag. Ja, es ist James Joyce. Das hätten Sie nicht wirklich gedacht, dass ich an diesem Tag nicht über Joyce schreiben würde? Aber ich will nicht über Chamber Music (so sein Gedichtband), Ulysses oder Finnegans Wake schreiben, ich bleibe mal bei der Musik. Obgleich Joyce bei renommierten Lehrern Gesangunterricht genommen hat, wird aus ihm kein berühmter irischer Tenor. Der Höhepunkt seiner musikalischen Karriere ist ein Auftritt mit John McCormack. Der hatte den Feis Coeil Wettbewerb einmal gewonnen, was ihm ein einjähriges Stipendium in Italien einbrachte. An dem Abend geht alles schief. Die Pianistin, die Joyce begleiten soll, ist so grottenolmschlecht, dass sich Joyce selbst ans Klavier setzt: one of the vocalists, Mr. James A. Joyce, had to sit down at the piano and accompany himself, heißt es in der Zeitungskritik. Die sehr nett mit ihm umgeht: Mr. Joyce possesses a light tenor voice, which he is inclined to force on the high notes but sings with artistic emotionalism. Joyce wird McCormack in seinen Ulysses hineinschreiben und wird auch Schallplatten von dem bewunderten Tenor haben.

Noch mehr bewundert er aber John Sullivan, er wird alles unternehmen, um den Ruhm dieses Mannes zu fördern. Schreibt Briefe an Sir Thomas Beecham, damit der sich Sullivan in seiner Paraderolle als Arnoldo in Rossinis Wilhelm Tell anhört, incomparably the greatest human voice that I have ever heard for ease of emission, power, splendour of diction and magnificence of tone. In diese Zeit, in der er Beecham mit Briefen bombardiert, fällt auch Joyces spektakulärste Aktion. Er erhebt sich in seiner Loge in der Pariser Oper in einer kleineren musikalischen Pause, wo Sullivan wieder einmal als Arnoldo in der Oper Guillaume Tell brilliert. Nimmt seine dunkle Brille ab und ruft Merci, mon Dieu, pour ce miracle. Après vingt ans, je revois la lumière!

Ja, die Tenöre sind schon wichtig für den gescheiterten Tenor James Joyce. Auch in seinem Werk. Inzwischen gibt es sogar schon CDs, die Music from the Works of James Joyce heißen. In seiner Kurzgeschichte The Dead, diesem Meisterwerk, das den Band Dubliners abschließt, kommt an einer entscheidenden Stelle ein Tenor namens Bartell D'Arcy vor. Der an diesem Abend wegen einer Erkältung leider nicht ganz bei Stimme ist: Now that the hall-door was closed the voice and the piano could be heard more clearly. Gabriel held up his hand for them to be silent. The song seemed to be in the old Irish tonality and the singer seemed uncertain both of his words and of his voice. The voice, made plaintive by distance and by the singer's hoarseness, faintly illuminated the cadence of the air with words expressing grief. Wir können sicherlich davon ausgehen, dass die Figur Bartell D'Arcy eine Konglomeration von John McCormack und John Sullivan ist. D'Arcy singt ein sentimentales irisches Lied, das The Lass of Aughrim heißt.

If you'll be the lass of Aughrim 
As I am taking you mean to be 
Tell me the first token 
That passed between you and me 
O don't you remember 
That night on yon lean hill 
When we both met together 
Which I am sorry now to tell 
The rain falls on my yellow locks 
And the dew it wets my skin; 
My babe lies cold within my arms; 
Lord Gregory, let me in 

Die Erzählerfigur Gabriel Conroy scheint in diesem Augenblick, einem dieser verdichteten Joyceschen epiphanies, alles aufzunehmen. 

Gabriel had not gone to the door with the others. He was in a dark part of the hall gazing up the staircase. A woman was standing near the top of the first flight, in the shadow also. He could not see her face but he could see the terra-cotta and salmon-pink panels of her skirt which the shadow made appear black and white. It was his wife. She was leaning on the banisters, listening to something. Gabriel was surprised at her stillness and strained his ear to listen also. But he could hear little save the noise of laughter and dispute on the front steps, a few chords struck on the piano and a few notes of a man's voice singing.
   He stood still in the gloom of the hall, trying to catch the air that the voice was singing and gazing up at his wife. There was grace and mystery in her attitude as if she were a symbol of something. He asked himself what is a woman standing on the stairs in the shadow, listening to distant music, a symbol of. If he were a painter he would paint her in that attitude. Her blue felt hat would show off the bronze of her hair against the darkness and the dark panels of her skirt would show off the light ones. Distant Music he would call the picture if he were a painter
. Erzählung, Gemälde, Musik, alles wird hier eins während aus der Ferne The Lass of Aughrim erklingt. distant music - ein Lied, das Gabriels Frau zu Tränen rührt, weil es sie an eine vergangene Liebe erinnert.

Man kann das eigentlich nicht verfilmen, aber John Huston hat es in seinem letzten Film versucht. Das ist das Irische in ihm, das konnte er nicht lassen, auch wenn er an ein Sauerstoffgerät angeschlossen im Rollstuhl Regie führen musste. Und der Film, den er zwanzig Jahre im Kopf hatte und der erst nach seinem Tod ins Kino kam, hat wirklich große Momente, die Joyces epiphany Technik manchmal sehr nahe kommen. a labour of love, würde der Engländer sagen. Schauen Sie einmal in diesen ➱Ausschnitt. Die Magie dieser fernen Stimme, diese distant music, verzaubert die Szene. Es ist die Stimme von Frank Patterson, Irlands berühmtestem Tenor im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der hätte dem Tenor James Joyce sicherlich gefallen.

Am Ende von The Dead fällt Schnee auf Dublin, und Joyce, der unsere sentimentalen Emotionen mit der distant music und der verlorenen, toten Liebe von Gabriels Frau Gretta gerührt hat, schreibt eine seiner größten Passagen: It had begun to snow again. He watched sleepily the flakes, silver and dark, falling obliquely against the lamplight. The time had come for him to set out on his journey westward. Yes, the newspapers were right: snow was general all over Ireland. It was falling on every part of the dark central plain, on the treeless hills, falling softly upon the Bog of Allen and, farther westward, softly falling into the dark mutinous Shannon waves. It was falling, too, upon every part of the lonely churchyard on the hill where Michael Furey lay buried. It lay thickly drifted on the crooked crosses and headstones, on the spears of the little gate, on the barren thorns. His soul swooned slowly as he heard the snow falling faintly through the universe and faintly falling, like the descent of their last end, upon all the living and the dead.

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