Montag, 31. Januar 2011

Isambard Kingdom Brunel


Am 31. Januar 1858 ist sie vom Stapel gelaufen. Die Great Eastern, das größte Schiff seiner Zeit. Der erste Versuch eines Stapellauf 1857, als halb London zuguckte, war gründlich misslungen, jetzt hat es geklappt. Kann ja auch nichts werden, wenn man Wasser statt Sekt beim Stapellauf verwendet. Stapelläufe gehörten zu meiner Jugend, wenn man aus einem Kaff an der Weser kommt, das nur aus Werften besteht, kann das nicht ausbleiben. Das war immer spannend, wenn der Bremer Vulkan seine Pforten für Besucher öffnete. Gut, es gab keine zum Tode Verurteilte mehr, die die Klötze unter dem Schiff wegkloppten. Aber man wusste nie, ob es gutgehen würde. Mit einem Stapellauf ist ja auch seit Jahrhunderten viel Aberglauben verbunden. Kriegt die elegante Dame im Nerzmantel oben auf dem hölzernen Podest es beim ersten Mal hin, die Sektflasche so gegen die Bordwand zu werfen, dass sie zerschellt? Unten wurden noch Wetten angenommen.

Nerzmäntel waren damals de rigueur für Taufpatinnen, die in der Regel die Ehefrauen oder Töchter des Eigners waren. Jemanden wie Veronica Ferres hätte man damals keine Sektflasche in die Hand gedrückt. Aber damals hießen Schiffe auch noch nicht Color Magic. Der Schiffseigner trug meistens einen off white Burberry Raglanmantel, ist zwar auf einer Werft wahnsinnig unpraktisch, weil der am Ende des Tages höchstens noch off off white war. Helle Regenmäntel waren aber damals ein Statussymbol. Waren sie ein Jahrzehnt später bei der französischen Bourgeoisie immer noch.

Schiffstaufen finden heute kaum noch in Deutschland statt, zumindest nicht, wenn sie mit einem Stapellauf verbunden sind. Denn der findet immer in Korea statt. Oder wo es gerade am billigsten ist, ein Schiff bauen zu lassen. Heute heißen die Werften nicht mehr AG Weser, Bremer Vulkan, Blohm und Voss oder Howaldt, heute heißen die Hyundai, Samsung und Daewoo. Die Schiffe sehen auch nicht mehr wie richtige Schiffe aus, den Verfall des Designs haben sie mit dem Automobilbau gemeinsam.

Isambard Kingdom Brunels Great Eastern ist designmäßig auch etwas seltsam, weil es ein stählernes Segelschiff ist, das verschiedene Sorten von Motorantrieb besitzt. Und wahrscheinlich gilt für solche Monster auch schon das form follows function. Die Great Eastern ist dreimal so lang wie die Gorch Fock. Ich schreibe den Namen mal so ganz unbelastet hier hin, ich habe ➱hier schon über das Schiff geschrieben, als ich noch nicht ahnte, dass es eines Tages Gesprächsstoff für die ganze Nation werden würde. Und wer da neuerdings alles fachmännisch mitredet bei all diesen Politikern und den talking heads im Fernsehen! Leute, die Backbord nicht von Steuerbord unterscheiden können. Leute, die keine Halse fahren können, wenn man ihnen auf einer Jolle Pinne und Großschot in die Hand drückt. Aber plötzlich sind sie alle Fachleute dafür, wie es an Bord eines Großseglers auszusehen hat. Wenn man alle Folgen von Traumschiff gesehen hat, reicht das heute schon, um als nautischer Experte im Fernsehen aufzutreten.

Isambard Kingdom Brunels Great Eastern heisst eigentlich gar nicht so, sie wurde auf den Namen Leviathan getauft. Für Brunel blieb sie das great babe. Die Schiffstaufe am 3. November 1857 ist eigentlich eine Nottaufe. Kurz bevor Brunel seinen ersten Versuch beginnt, das Schiff vom Helgen in die Themse zu lassen, kamen die Direktoren der Reederei mit einer Namensliste zu ihm. Call her Tom Thumb if you like, soll Brunel gesagt haben. Er kocht vor Wut. Dies sollte überhaupt kein Stapellauf sein, nur ein erster Versuch, das Schiff in Richtung Themse zu bewegen. Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist ein so großes Schiff vom Stapel gelaufen. Und dann auch noch seitlich, weil es anders nicht in die Themse gepasst hätte.

Es war Brunel völlig klar, dass dies nicht beim ersten Versuch klappen würde. Aber er hat die Macht der Presse unterschätzt, die seit zwei Jahren den Bau des Schiffes auf der Isle of Dogs beobachtet und kommentiert. Und ständig den sofortigen Stapellauf fordert. Und dann hat auch noch der Sekretär der Reederei ohne Autorisierung seitens Brunels dreitausend Eintrittskarten verkauft. Wo Brunel Ruhe und viel Platz haben wollte, ist jetzt Jahrmarkt. Die Schaulustigen behindern alle Arbeiten, es ist eigentlich ein Wunder, dass es zu nur einem Todesfall gekommen ist. Das Opfer heißt Thomas Donovan, ein älterer irischer Werftarbeiter, der an der rotierenden Winsch, die ihn durch die Luft schleudern wird, gar nichts zu suchen hatte. Die Presse macht aus dem verunglückten Probelauf eine Katastrophe, als sei die Tay Brücke zusammengebrochen. Es wird noch zwei weitere Versuche im November geben (und auch zahlreiche kleinere Unglücke) bis die Leviathan am 31. Januar endlich im Themsewasser schwimmt.

Natürlich ist der Name Leviathan daran Schuld. Für alle Unglücke, die einem Schiff zustossen, gibt es eine Erklärung im Aberglauben. Wenn man auf einem Schiff Salz verschüttet, bringt das Unglück. Frauen an Bord bringen Unglück. Das lassen wir jetzt mal unkommentiert. Wenn man alles über den Klabautermann, Elmsfeuer und den Fliegenden Holländer erfahren will, dann sollte man zu dem mehrbändigen Werk Deutsche Philologie im Aufriß greifen. Das war in den fünfziger Jahren die größte Bestandsaufnahme der deutschen Germanistik, und man vermutet da drin eigentlich nichts über den Äquatortaufe. Steht aber drin. Der Herausgeber Wolfgang Stammler hat es sich nicht nehmen lassen, in Band III einen wunderbaren 70-spaltigen Lexikonartikel über Seemanns Brauch und Glaube zu schreiben.

Brunel, der in den Monaten vor dem Stapellauf kaum noch zum Schlafen gekommen ist, wird es nicht mehr erleben, dass seine Great Eastern (wie sie inzwischen heißt) den Atlantik überquert. Er stirbt, als er die Nachrichten von der Katastrophe auf der Jungfernfahrt hört. Er war der bedeutendste viktorianische entrepreneur und gilt vielen Engländern auch heute noch als einer der bedeutendsten Engländer. Tunnel, Brücken, Schiffe - alles was technisch denkbar ist, macht er möglich. Es sind die Ingenieure und Architekten, die jetzt das viktorianische England verwandeln. Manchmal klappt das nicht so richtig, das kennen wir aus Fontanes Ballade Die Brück' am Tay. Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.

Die beste Biographie zu Isambard Kingdom Brunel ist immer noch, obgleich schon ein halbes Jahrhundert alt, die von L.T.C. Rolt. Von der Verlegung des Transatlantikkabels durch die Great Eastern handelt der Bestseller Rausch (Signal & Noise) von John Griesemer. Literarisch vielleicht nicht besonders wertvoll, aber ein pralles Sittengemälde der viktorianischen Zeit.

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