Dienstag, 20. Juni 2017

Sexuelle Revolution


«Vergebens! Zu spät, liebe Frau!», murmelte der eine oder andere Reisende belustigt vor sich hin, als man eine ältliche Frauensperson zum Riddarholmufer herunterkommen sah, die sich mit Taschentuchwinken und heftigen Gebärden als Passagier zu erkennen gab, der mitgenommen werden wollte. An Land lag keine Schaluppe bereit, und der Dampfer war schon bei Owens angelangt, ja, er schoss pfeilschnell am Garnisonskrankenhaus vorbei.
       Als man jedoch von einer jungen Reisenden auf dem Vorderdeck ein paar halblaute Rufe «Tante! Tante!» hörte – sie schien sich zu genieren, laut zu rufen, war jedoch offenbar bedauerlicherweise von einer Verwandten getrennt worden, wahrscheinlich einer Reisebegleiterin, mit der sie gerechnet hatte und die ihr wichtig war –, da entstand unter den Passagieren eine gewisse, wenn auch rasch vorübergehende Bewegung.
       Aber man ist oft so egoistisch, dass man seinen Nächsten vergisst, und Leute, die Billetts für Salon und Achterdeck gekauft haben, fragen nicht sonderlich danach, was dem Pöbel dort vorn auf dem Vorderdeck und an der Back widerfährt. Die «besseren» Reisenden waren diesmal ältere Herren, die fast alle verdrossene Gesichter machten. Sie wurden von Frauen begleitet – und von Kindern, nicht gerade vom jüngsten Jahrgang, aber in dem unreifen Alter, in dem die Naivität verschwunden und noch nicht durch Gefühl und Vernunft ersetzt ist. Solche Menschen sind höchst egoistisch, und das aus verständlichen Gründen. Diese wohlerzogenen Kinder sind für gewöhnlich außerstande, sich selbst zu helfen, sodass sie jeden Augenblick Hilfe verlangen: Einmal ist der Schnürsenkel aufgegangen, dann ein Handschuh ins Wasser gefallen; einmal sind sie hungrig, dann durstig, und die ganze Welt ist für sie aus den Fugen. Das macht die Reise sehr beschwerlich für ihre Mütter, die genug Mühe mit sich selbst haben, um die schmalen Schiffstreppen hinauf und hinunter zu gelangen. Und die Familienväter? Sie versuchen sich zwar mit Tabakschnupfen und Zeitunglesen aufzumuntern, aber auch das scheint nicht zu helfen. Sie können anderen Leuten nicht viel Aufmerksamkeit widmen, da sie genug mit ihrer Selbsterhaltung zu tun haben, mit ihren Frauen, ihren Kindern. 

Drei Absätze und wir kennen die Gesellschaft an Bord des schwedischen Dampfers Yngve Frey. Die junge Frau, die von ihrer Tante getrennt wird, ist die Heldin des Romans, das wird uns später klar werden. Unser Romanautor hat Zeit, auch wenn er nur einen kleinen Roman schreibt. Er hat auch noch für seine Kapitel so nette kleine Zusammenfassungen, wie sie: Ein ansprechendes und merkwürdiges Zwischending! Kein Mädchen vom Lande, erst recht keine Bauerndirne – doch auch nicht richtig von besserem Stand. Es ist eine ständische Gesellschaft, in der jeder einen Platz hat. Wir vermuten zu Recht, dass wir im neunzehtnen Jahrhundert sind. Ein ansprechendes und merkwürdiges Zwischending! die Hauptpersonen sind irgendwo Zwischendinge. Auch unser Held, wenn wir ihn überhaupt einen Helden nennen können, ist irgendwo zwischen den sozialen Schichten. Er ist Sergeant, kein einfacher Soldat, aber auch kein Offizier.

Richtig gedacht oder nicht – den Sergeanten beschäftigte der kleine Auftritt. Aber ob das Mädchen nun von besserem oder niederem Stand war, verblieb für ihn unklar; jedenfalls war sie recht nett und hübsch in ihrem dunkelblauen Mantel. Das große Seidentuch aus feinem zartrosa, fast weißem Stoff mit schmalen grünen Streifen hier und da, das sie unter dem Kinn gebunden und über dem Kamm im Nacken geschmackvoll zu einem Kopftuch – oder Häubchen, wie es früher geheißen haben mag – drapiert hatte, gefiel dem Sergeanten und ließ ihn den Kambrikhut nicht vermissen. Er ging hinunter zum Kapitän, um Auskunft über sie einzuholen. Nach einigem Suchen in der Passagierliste stellte er fest, dass sie Sara Videbeck hieß und Glasermeisterstochter aus Lidköping war.

Das Zusammentreffen der Glasermeistertochter und dem Sergeanten wird zu einer Liebesgeschichte werden, aber zu einer Liebesgeschichte, wie sie die Literatur in dieser Zeit kaum hergibt. Wir sind im Jahre 1839, die großen Romanciers des Jahrhunderts wie ➱Melville und ➱Fontane sind da gerade zwanzig, ➱Flaubert ist zwei Jahre jünger. Überall ist noch Romantik, ➱Eichendorff hat gerade seine ➱Mondnacht geschrieben. Aber diesem kleinen Roman, in dem der Autor uns auch penibel genau die ➱Damenmode schildert, können wir getrost das Etikett Realismus ankleben. Aber wer schreibt da? Die Antwort ist: Schwedens modernster Dichter. Und er ist so gut wie unbekannt. Er gehört heute immer noch zu den modernsten Dichtern Schwedens, ist aber eben so gut wie unbekannt.

Sein erster deutscher Übersetzer schrieb 1846: Unter allen neueren Erzeugnissen der schwedischen Literatur hat vielleicht keines ein so großes Aufsehen erregt, als der hier in deutscher Uebersetzung mitgetheilte, im Herbst 1839 erschienene kleine Roman. Und stellte dem Roman ein zehnseitiges Vorwort voraus, dies war Gift, das konnte man nur in ganz kleinen Dosen geniessen. Auf einer schwedischen Seite kann man samhällsomstörtande kärleksromanen lesen, ein kärleksroman ist ein Liebesroman. Das samhällsomstörtande passt nicht so ganz dazu, weil es so etwas wie subversiv, revolutionär oder anarchistisch heißt. Und das ist dieser Roman alles. Denn er handelt von der freien Liebe.

Das ist etwas, womit wir Schweden häufig verbinden, vor allem, wenn blonde nackte Schwedinnen auf der Leinwand zu sehen sind. Das beginnt mit ➱Sie tanzte nur einen Sommer und hörte mit ➱Ingmar Bergman und seinem Film ➱Das Schweigen nicht auf. Diese skandalträchtigen Filme verstören die Gesellschaft der fünfziger Jahre, der kleine kärleksroman mit Sara und Albert schafft das über hundert Jahre zuvor. Eine ➱erotische Utopie, eine Geschichte der Emanzipation im Schweden des Jahres 1839. Ein Skandal. Einen Hurenpriester hat man den Autor genannt, einen Sittenverderber, einen Verführer der Jugend. Der Autor selbst nannte seinen Roman ein unbedeutendes kleines Stück. So unbedeutend war das kleine Stück nun doch nicht: der Autor verlor seine Stellung als Leiter einer Reformschule. Und dass der ordinierte Pastor jemals auf eine Kanzel kommen würde, war auch nur ein Traum.

Der Roman heißt Det går an: En tavla ur livet, wir könnten das mit So könnte es sein, ein Bild aus dem Leben übersetzen, wenn wir frech wären, würden wir Geht doch schreiben. Anne Storm, die das Buch neu übersetzt hat, hat es ➱Die Woche mit Sara genannt. Elke Heidenreich war begeistert: Ein energischeres Buch über Männer und Frauen, über frei sein und trotzdem lieben zu können, habe ich lange nicht gelesen. Das Det går an ist nicht nur der Titel des Romans, es ist auch der letzte Satz des Romans. Wenn Sara ihrem Sergeanten ihr Haus zeigt, fragt sie ihn Går allt detta an, Albert? und er antwortet: Det går an. Zusammenleben ohne den Segen des Pastors, wir wollen mal hoffen, dass es gut geht.

Ich fand den Roman vor Wochen antiquarisch für einen Euro. Während ich mich noch mit der netten ➱Kunsthistorikerin unterhielt, hatte ich mir mit einer schnellen Bewegung der linken Hand das Buch gesichert. Der Titel sagte mir zuerst nichts, aber ich kannte den Autor Carl Jonas Love Almqvist. Weil ich schon einen Roman des Autors gelesen hatte: ➱Das Geschmeide der Königin: Romaunt in zwölf Büchernein Schmuckstück der europäischen Romantik hat man den Roman genannt. Und der Autor, der in meiner Heimatstadt Bremen gestorben ist, ist auch längst in diesem Blog. In einem Post, der ➱Giuseppe Verdi heißt, klingt jetzt ein wenig verblüffend, macht aber Sinn. Natürlich werden Sie diesen Post jetzt lesen wollen.

Det går an ist verfilmt worden, eine Oper gibt es inzwischen auch schon. Man kann das schwedische Original hier im ➱Volltext lesen. Es war das erste Werk des Autors, das ins Englische übersetzt wurde (als ➱Sara Videbeck and the Chapel). Der Rowohlt Verlag bietet hier eine ➱Leseprobe an, aber man sollte sich doch das Buch kaufen. Kann man bei Amazon Marketplace ab acht Cent bekommen, das Gute ist häufig ganz billig. Man kann den Roman als eine Propagandaschrift für die Emanzipation lesen, kann Almqvist als Feministen sehen. Doch daneben ist es ein realistischer Roman, der die großen Realisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorwegnimmt. Und das ist nicht wenig für dieses Buch aus dem Jahre 1839.


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