Montag, 18. Juli 2011

Vanity Fair


“It’s some sandwiches, my dear,” said she to Amelia. “You may be hungry, you know; and Becky, Becky Sharp, here’s a book for you that my sister—that is, I —Johnson’s Dixonary, you know; you mustn’t leave us without that. Good-by. Drive on, coachman. God bless you!”
And the kind creature retreated into the garden, overcome with emotion.
But, lo! and just as the coach drove off, Miss Sharp put her pale face out of the window and actually flung the book back into the garden.
This almost caused Jemima to faint with terror. “Well, I never”— said she—“what an audacious”—Emotion prevented her from completing either sentence. The carriage rolled away.

Das ist nicht nett, was die junge Becky Sharp da im ersten Kapitel von Thackerays Vanity Fair tut. Dr Johnsons berühmtes Wörterbuch schmeißt man nicht aus dem Fenster der Kutsche. Aber Becky Sharp ist nun mal nicht nett. Gottseidank. Kinder im englischen Roman sind ja sonst immer unausstehlich artig und fromm. Junge Frauen natürlich auch. Aber nicht Becky Sharp. Wahrscheinlich, weil ihre Mutter eine Französin ist. Die Unmoral kommt aus dem Ausland. Thackerays Barry Lyndon ist Ire. Der steigt auch auf in der Welt. Gut, zum Schluss sitzt er im Gefängnis, aber dank einer Rente zu netten Bedingungen. Eigentlich wollte Thackeray diesen Absatz am Schluss des Romans Barry Lyndon haben:

Justice, forsooth! Does human life exhibit justice after this fashion? Is it the good always who ride in gold coaches, and the wicked who go to the workhouse? Is a humbug never preferred before a capable man? Does the world always reward merit, never worship cant, never raise mediocrity to distinction? never crowd to hear a donkey braying from a pulpit, nor ever buy the tenth edition of a fool's book? Sometimes the contrary occurs, so that fools and wise, bad men and good, are more or less lucky in their turn, and honesty is 'the best policy,' or not, as the case may be.

Und über Vanity Fair mit dem Untertitel A Novel without a Hero hat er gesagt: What I want is to make a set of people living without God in the world (only that is a cant phrase), greedy, pompous men, perfectly self-satisfied for the most part, and at ease about their superior virtue. Das ist ein gefährliches Spiel, das der junge Autor da treibt, das Publikum ist eher Herz+Schmerz gewöhnt. Und am Ende, beim winding-up, soll alles gut sein. Und alle Romanfiguren müssen natürlich so furchtbar moralisch sein wie es das viktorianische Publikum liebt. Und große rührselige Szenen sollen in den Romanen sein, die man von Monat zu Monat in einer Zeitschrift liest. Charles Dickens verzichtet nie auf große rührselige Szenen, Thackeray schon. Obgleich der Colonel William Dobbin, wahrscheinlich der einzig gute Mensch in dem Roman, uns sicherlich immer wieder rührt. Seine History of the Punjaub wird er wohl nie zu Ende bekommen.

Wenn Thackeray über die napoleonische Zeit schreibt, dann begibt er sich auf gefährlichen Boden: er kennt die Zeit eigentlich nicht. Zum Zeitpunkt der Schlacht von Waterloo war er vier Jahre alt, viele seiner Leser können sich noch genau an diese Zeit erinnern. Thackeray, der unter Pseudonymen wie Charles James Yellowplush, Michael Angelo Titmarsh und George Savage Fitz-Boodle ironische und satirische Dinge geschrieben hat, braucht das Geld. I am engaged to write a monthly story at 60₤ a number, schreibt er in einem Brief im Januar 1846, der voller finanzieller Zukunftsspekulationen ist. Ein Jahrzehnt zuvor hatte der junge Thackeray sein Vermögen verspielt (das kriegt Baudelaire auch hin), der Zusammenbruch zweier indischer Banken besorgte den Rest. Jetzt schreibt er in anderthalb Jahren das Riesenwerk Vanity Fair, einen der wichtigsten englischen Romane. Dickens hin oder her. There is no use denying the matter or blinking it now. I am become a sort of great man in my way--all but at the top of the tree: indeed there if the truth were known and having a great fight up there with Dickens. So groß der Erfolg von Vanity Fair ist, Dickens finanzieller Erfolg ist immer noch größer.

Aber wie Theodore Roosevelt seinen Kindern erklärte
Of course one fundamental difference between Thackeray and Dickens is that Thackeray was a gentleman and Dickens was not. Um dann noch hinzuzufügen: But a man might do some mighty good work and not be a gentleman in any sense. Ein Gentleman braucht nicht zu arbeiten, Dickens muss arbeiten. Dickens kommt von unten, Thackeray kommt von oben in der viktorianischen Gesellschaft. Thackeray ist ein Gentleman, aber Gentlemen sind langweilig, sagt Professor Mario Praz in seinem Buch The Hero in Eclipse in Victorian Fiction. Für Praz ist Thackeray ein humorist who never loses the urbanity of gentleman. Ja, aber deshalb lesen wir ihn doch so gerne. The Hero in Eclipse ist, wie alles, was Mario Praz geschrieben hat, sehr geistvoll und sehr scharfsinnig, aber ich habe ein wenig das Gefühl, dass Praz Thackeray deshalb ständig kritisiert, weil der ihm, dem italienischen Gentleman viel zu ähnlich ist. Denn wie der Kunstsammler und Regency Spezialist in seinem Palazzo (oben) gewohnt hat - so hätte Thackeray wohnen können.

William Makepeace Thackeray wurde heute vor zweihundert Jahren geboren. Den ständigen Wettstreit mit seinem Konkurrenten Charles Dickens hat er sicherlich verloren, es werden heute noch immer viele Romane von Dickens gelesen. Aber einen Roman wie Vanity Fair hätte Dickens nie schreiben können. Von Thackeray hat nur Vanity Fair überlebt. Obgleich es sich auch lohnen würde, seinen quasi-autobiographischen Roman Pendennis zu lesen (ist genau so lang wie Vanity Fair).  Der Autor, der als Puppenspieler in der Vorrede von Vanity Fair, diesem gigantischen Panorama der Regency Zeit, vor den Vorhang getreten ist, schließt seine Geschichte mit Ah! Vanitas Vanitatum! which of us is happy in this world? Which of us has his desire? or, having it, is satisfied? —come, children, let us shut up the box and the puppets, for our play is played out.

Und damit höre ich heute auch auf.

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