Mittwoch, 6. Juli 2011

Thomas Morus


Im Juni 1960 erschien bei Rowohlt als Band 68/69 der Reihe Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft ein Buch mit dem Titel Der utopische Staat. Es enthielt die Utopia von Thomas Morus, Campanellas Sonnenstaat und Francis Bacons Neu-Atlantis. Alles übersetzt von Klaus J. Heinisch, der auch einen langen Essay zum Verständnis der Werke (so etwas enthielten alle Bände dieser verdienstvollen Reihe) und eine ausführliche Bibliographie beisteuerte. Es gibt dieses Buch ein halbes Jahrhundert später immer noch, und für 7,95 € gibt es auch nichts Besseres zu dem Thema. Das einzige, was man bemängeln könnte, ist, dass Johann Valentin Andreaes Reipublicae Christianopolitanae Descriptio (Straßburg 1619) nicht auch mit drin ist, dann hätte man hundert Jahre Utopie von 1516 (Morus) bis 1619 komplett. Aber natürlich ist Heinischs Auswahl berechtigt, die drei Werke des Rowohlt Bandes haben eine größere Bedeutung als unsere erste deutsche Utopie.

Es ist eine gefährliche literarische Gattung, die Morus (heute vor 476 Jahren gestorben) da begründet hat. Unter dem Deckmantel einer Art Roman ein neues, ideales Staatsgebilde im Nirgendwo (ou-topos) zu beschreiben, ist ein Risiko. Tommaso Campanella hat 26 Jahre im Kerker verbracht, Thomas Morus wird eines Tages geköpft werden.

   Drei Übel zu besteh'n, bin ich geboren:
Tyrannenmacht, Verdrehung, Heuchelei.
Ich habe mir zum Beistand frank und frei
die Liebe, Macht und Weisheit auserkoren.
   Sie hab' ich aus der Nacht hervorbeschworen,
die Pfeiler aller Leistung, diese drei
Heilmittel gegen jede Lügnerei,
darin die Erde knirschend sich verloren.
   Krieg, Pest und Neid und Lüge, Teuerungen,
Verschwendung, Trägheit, Ungerechtigkeit
sind den drei Übeln allerorts entsprungen;
   die Eigenliebe zeugt sie allezeit,
sie, die geboren aus Unwissenheit
und die zu zwingen mir allein gelungen.

Das Sonett ist von Tommaso Campanella, klingt nach vierhundert Jahren noch aktuell. Vieles von den Schriften von Morus, Bacon und Campanella klingt heute noch aktuell. Thomas Morus ist heute in bestimmten Kreisen (also außerhalb von Philosophen und Anglisten) immer noch aktuell: Gerade wenn es um die Verteidigung der Rechte des Gewissens ging, leuchtete das Beispiel des Thomas Morus in hellem Licht. Man kann davon sprechen, daß er auf einzigartige Weise den Wert eines sittlichen Gewissens lebte, das »Zeugnis von Gott selbst [ist], dessen Stimme und dessen Urteil das Innerste des Menschen bis an die Wurzeln seiner Seele durchdringen« (Apostolisches Schreiben Veritatis splendor, Nr. 58), auch wenn er im Hinblick auf das Vorgehen gegen die Häretiker, die Grenzen der Kultur seiner Zeit erfahren mußte. Den letzten Satz des Papstes Johannes Paulus II verstehe ich nicht ganz. Meint er damit, dass es nicht O.K. war, dass der Mann der großen Toleranz keinerlei Gewissensbisse hatte, protestantische Häretiker zu verbrennen? Das obige Zitat stammt aus der Ausrufung des Heiligen Thomas Morus zum Patron der Regierenden und der Politiker des Papstes vom 31. Oktober des Jahres 2000. Hoffentlich hat der Vatikan den Regierenden und Politikern das auch mitgeteilt. Ist unsere Welt in den letzten zehn Jahren deshalb vernünftiger geworden? Oder haben die Politiker nur vergessen, Morus' Utopia zu lesen?

Das Buch hat eine klare Struktur, die auch ein Politiker begreift. Es gibt eine Vorrede, einen Brief an einen gewissen Peter Aegidius. Den hat es wirklich gegeben, er war ein niederländischer Humanist, Schüler und Freund von Erasmus und Stadtschreiber von Antwerpen. Danach folgt das erste Buch, in dem ein portugiesischer Seefahrer namens Raphael Hythlodeus von seinen Erlebnissen erzählt. Man sitzt auf einer Rasenbank und verplaudert den Nachmittag. Seebären, zumal wenn sie mit Amerigo Vespucci gesegelt sind, haben ja viel zu erzählen.

Der erste Teil geht kaum über den seltsamen Staat namens Utopia und seine Bewohner, er behandelt hauptsächlich Raphaels Erfahrungen in England. Auf die man so ganz zufällig im Gespräch kommt: So bin ich gar häufig andernorts auf hochmüthige, alberne, grillenhafte Urtheile gestoßen, einmal auch in England.« »So warst du, bitte, auch in England?« fragte ich. »Ja,« sagte er, »ich habe mich einige Monate dort aufgehalten, nicht lange nach der kläglichen Niederlage, mit welcher der Bürgerkrieg der Westengländer gegen den König unterdrückt worden ist.« Also es geht jetzt nicht um fish 'n' chips und diese schlimmen Dinge. Es geht eher um Politik. Und dieser Teil ist für Morus vielleicht viel gefährlicher als Teil II der Utopia, weil er eine unverhüllte Kritik englischer Verhältnisse ist.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil haben die Herren zu Mittag gegessen, nun sitzen sie wieder auf der Rasenbank, und Raphael erzählt vom Reich der Utopier. Diese Einschübe sind Teil einer romanhaften Realitätsbehauptung, mit der dem Leser versichert wird, dass das alles wahr ist und sich so abgespielt hat, als der König den Thomas Morus mit einer Delegation nach Flandern geschickt hat. Und er bei einem Abstecher - die Geschäfte brachten es so mit sich - seinen Freund Peter Aegidius in Antwerpen besucht. Diese Realitätsbehauptung finden wir in einer anderen Form auf dem Titelblatt des Robinson Crusoe wieder, wo uns ja auch versichert wird, dass alles wahr ist.

Verglichen mit dem erzählerischen Aufwand ist der Schluss des Ganzen etwas dürftig: Als Raphael so nun erzählt hatte, kam mir Allerlei zu Sinne, was in den Sitten und Gesetzen dieses Volkes geradezu ungereimt erschien, nicht nur bei Begründung ihrer Kriegsführung, ihrer gottesdienstlichen Einrichtungen, ihrer Religion und obendrein noch anderer Einrichtungen, sondern vor allem auch das, was das eigentliche Hauptfundament ihres ganzen Bestandes ist, ihr Leben nämlich, ihre gemeinsame Lebensweise ohne allen Geldverkehr, wodurch allein der ganze Adel, die Pracht, der Glanz der wahren Majestät, wie es so die allgemeine Ansicht ist, die Zierde und der Schmuck des Staates, von Grund aus aufgehoben wird. Gleichwohl machte ich keine Einwendung, da ich wußte, daß er vom langen Erzählen ermüdet war. Man begibt sich erst einmal wieder in das Speisezimmer.

Der letzte Komplex, von dem Raphael berichtet hat, betrifft die Religion. Und das ist in jenen Tagen ein gefährliches Thema. Ein Jahr später ist Thomas Morus in königlichen Diensten und wird Heinrich VIII als Ghostwriter eine kleine Hetzschrift gegen Luther schreiben, die dem König den päpstlichen Titel  fidei defensor einträgt. Den tragen englische Könige noch heute. Aber er richtet sich nicht mehr gegen die Protestanten, das englische Parlament hat 1544 beschlossen, dass dieser Titel jetzt bedeutet, dass der Monarch ein Verteidiger des anglikanischen Glaubens ist. Schmeckt ein wenig nach der Verdrehung, Heuchelei von der Tommaso Campanella in der zweiten Zeile seines Sonetts sprach. Und dergleiche Thomas Morus, der die Katholiken in Wort und Tat bekämpft, schreibt in seiner Utopia: so setzte er, nachdem dies erreicht war, vor allen Dingen fest, daß Jeder einer beliebigen Religion solle anhängen dürfen, daß es ihm aber auch freigestellt sei, Andere für seinen Glauben zu werben, doch nur mit dem Beding, daß er andere Religionen nicht rauh und bitter angreife, wenn es ihm nicht gelingt, durch Zureden etwas auszurichten, und daß er keine Gewaltmittel anwende und alle Schmähungen unterdrücke.

Heinrich VIII hat Morus auf dem Schafott hinrichten lassen. Und das war noch die Abmilderung des Urteils im Hochverratsprozess, eigentlich wäre der ehemalige Lordkanzler gehängt, ausgeweidet und gevierteilt worden. Seinen Kopf hat man danach aufgespießt und auf der London Bridge ausgestellt. Die haben da nette Bräuche im nicht-utopischen England. Obgleich es in Morus' Idealstaat auch nicht so viel anders ist: Fast alle sehr schweren Verbrechen werden mit Sklaverei bestraft und man hält das für die Verbrecher selbst für nicht minder schlimm und dem Staate für vortheilhafter, als die schuldigen abzuschlachten und sie eiligst zu beseitigen. Denn Sie nützen durch ihre Arbeit durch mehr, als durch ihren Tod, und das beständig vor Augen schwebende Beispiel schreckt die Andern von einem ähnlichen Verbrechen wirksamer ab. Wenn sie aber in dieser Lage sich widerspenstig zeigen und sich empören, werden sie zuletzt wie ungezähmte wilde Bestien, die weder Kerker noch Ketten im Zaume halten kann, todtgeschlagen.

Denn daß alle Verhältnisse sich gut gestalten, ist nicht möglich, wenn nicht die Menschen alle gut sind. Und das, meine ich, wird noch eine gar hübsche Weile auf sich warten lassen. Ja, die Utopie ist nie für hier und heute. Wir warten seit 1516 immer noch darauf, dass alle Menschen gut sind.

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