Donnerstag, 21. Juli 2011

Marshall McLuhan


Wenn man das Glück hatte, in der Zeit groß geworden zu sein, in der die immer mehr um sich greifende Kultserie Mad Men spielt, dann konnte man kulturell viel entdecken. Man war bei Rock'n Roll, Cool Jazz, Existentialismus, Nouvelle Vague und Popkultur direkt dabei. Die ganzen Bücher über Folklore, Jazz und Pop der fünfziger und sechziger Jahre, die es heute gibt (Mad Men Unbuttoned inklusive), sind noch nicht geschrieben. Man war noch Teil einer lebendigen Kultur. Wenn sich erst eines Tages die Kulturkritiker des Feuilletons über die Kultur hermachen, ist die Kultur längst tot. Vor allem, wenn Adorno über die Pop Kultur nörgelt. Ich habe das nie verstehen können, was die 68er Revolution in Deutschland immer mit Adorno hatte, der hatte doch keine Ahnung von Jazz!

Wenn ich an mein Leben in diesen Tagen denke, als man noch mit Jackett und Krawatte zum Hauptseminar und genauso gekleidet zur Demonstration ging, dann gab es an der Universität damals nicht so viele Höhepunkte. Also auf jeden Fall nicht solche kulturelle  highlights wie im Alltag. Obgleich sich damals erstaunlicherweise die populäre Kultur des Alltags und die an der Uni gepredigte elitäre Kultur manchmal vermischten. Man besuchte ein Aristoteles Seminar und ging hinterher ins Kino, um Leichen pflastern seinen Weg zu sehen. Und danach in eine Studentenkneipe, um über griechische Philosophie und amerikanische Western zu diskutieren. Einer der Höhepunkte des Unilebens war sicherlich ein Oberseminar über Marshall McLuhan im Wintersemester 1967/68. Der kanadische Professor war damals in aller Munde, man wusste noch nicht so ganz, was man von ihm halten sollte. Für viele war er der originellste Denker außerhalb eines Irrenhauses, auf jeden Fall hatte ihn die New Yorker Zeitung Village Voice so getauft. Sein Buch Understanding Media war damals gerade mal drei Jahre alt, und schon wurde es hier an der Uni behandelt. Das war irgendwie cool. Denn normalerweise beschäftigte sich die Uni damals nur mit Autoren, die mindestens hundert Jahre tot waren und zu denen es Berge von Sekundärliteratur gab, die der Professor angeblich gelesen hatte.

Und es gab noch eine Steigerung der coolness in diesem Seminar, nämlich ein Wochenendseminar auf dem Koppelsberg bei Plön, einem gerade frisch gebauten Tagungszentrum. Normalerweise wäre das nichts Besonderes gewesen, da wurde nur das ganze Seminar in die Natur verlegt und man hatte die schöne Möglichkeit, den Professor abends beim Tischtennis zu schlagen. Tischtennis war jetzt für Intellektuelle erlaubt, schließlich hat Jewgeni Jewtuschenko bei seinem Besuch der Bundesrepublik mit Hans Magnus Enzensberger Tischtennis gespielt. Solch schöne Wochenendseminare waren damals an dem Institut, an dem ich studierte, mehr oder weniger die Regel. Es gab auch eine Vielzahl von extracurricular activities. Es gab einen summer dance und einen winter dance, Weihnachtsliedersingen (natürlich englische Weihnachtslieder), ein literarisches Preisrätsel und eine Fußballmannschaft des Englischen Seminars. Und nach einem Oberseminar oder Kolloquium ging man mit dem Professor in Kneipen, die Oblomow, QuamQuam oder Heinrich VIII hießen. Aber vielleicht war das alles auch nur bei den Anglisten so, weil die so viel vom englischen common sense abbekommen hatten. Heute gibt es das alles nicht mehr. Die Vielzahl der extracurricular activities hat leider abgenommen. Statt wirklicher sozialer Kontakte gibt es jetzt soziale Netzwerke.

Ich würde das Wochendseminar am Koppelsberg gar nicht erwähnen (und auch nicht, dass ich selbstverständlich den Professor beim Tischtennis geschlagen habe), hätte es nicht einen Gastreferenten namens Klaus Wellershaus vom NDR gegeben. Der war gerade ein Jahr in San Francisco gewesen und brachte nun alles an Popmusik aus Amerika mit, was hier noch völlig unbekannt war. Wir schleppten Kisten voller Langspielplatten aus seinem alten VW Käfer ins Tagungszentrum. Allein die LP von Velvet Underground mit dem Warhol Bananen Cover wäre heute ein Vermögen wert! Und Wellershaus war an diesem Wochenende zehn Adornos wert. Jemanden wie Klaus Wellershaus, der für die Popmusik etwas war, was Rolf Dieter Brinkmann für die Vermittung der amerikanischen Lyrik war, hat es beim Norddeutschen Rundfunk nicht wieder gegeben. Falls Ihnen der Name Klaus Wellershaus nichts sagt, sollten Sie unbedingt den schönen Artikel von Heinz Rudolf Kunze aus dem Jahre 2002 lesen. Wo immer Klaus Wellershaus jetzt sein mag - und falls er dies zufällig zu lesen bekommt - ich bin ihm heute noch dankbar für diesen Tag.

Das alles ist mir eingefallen (nein, ich hatte es nie wirklich vergessen), als ich im Kalender las, dass Marshall McLuhan heute vor hundert Jahren geboren wurde. Wenn man mir McLuhan sagt, fallen mir automatisch drei Dinge ein: 1) die Sache mit dem originellsten Denker außerhalb eines Irrenhauses (diesen Spruch kann man übrigens bei allen möglichen Gelegenheiten verwenden), 2) Klaus Wellershaus und die amerikanische Popmusik und 3) Tom Wolfe. Der scharfsinnige Beobachter der amerikanischen Kultur hatte den neuen Philosophen schon 1965 in einem ➱Artikel in der New York Herald Tribune gefeiert. Der Titel des Artikels war typisch Tom Wolfe: suppose he is what he sounds like, the most important thinker since newton, darwin, freud, einstein, and Pavlov what if he is right? Am Schluss von Tom Wolfes rhapsodischer Kulturkritik schleppen Howard Gossage (der Mann, der McLuhan entdeckte und vermarktete) und sein Kumpel Gerry Feigen den kanadischen Professor in ein zweifelhaftes Etablissement, in dem man eher den Schuhverkäufer Al Bundy vermuten würde:

In San Francisco, Gossage and Feigen take McLuhan to a "topless waitress" restaurant, the Off
Broadway, at the request of some writer from New York in a loud checked suit. Herb Caen, the columnist, is also along. Everybody is a little taken aback. There they all are in the black-light gloom of the Off Broadway with waitresses walking around wearing nothing but high-heel shoes and bikini underpants, and nobody knows quite how to react, what to say, except for McLuhan. Finally, Caen says that this girl over here is good looking -

   "Do you know what you said?" says McLuhan, "Good look ing. That's a visual orientation. You're separating yourself from the girls. You are sitting back and looking. Actually, the lights are dim in here, this is meant as a tactile experience, but visual man doesn't react that way."
   And everyone looks to McLuhan to see if he is joking, but it is impossible to tell there in the gloom. All that is clear is that . . . yes, McLuhan has already absorbed the whole roaring whirligig into his motionless center.

Wenn man als Philosoph die ganze Welt der Medien erklären kann, schöne Formulierungen wie the medium is the message oder global village geprägt und das Internet vorhergesagt hat, dann hat man auch in einer New Yorker Tittenbar eine gut klingende Formulierung drauf. Und das unterscheidet McLuhan von Adorno, der bei einem kleinen Happening mit bloßen Brüsten von Studentinnen schon ausflippte und die Hochkultur bedroht sah.

Dank Howard Gossage, dem Socrates of San Francisco, der auch gut in die TV Serie Mad Men passt, ist Marshall McLuhan vermarktet worden. Er hat bei diesem Spiel mitgespielt und sich gerne vermarkten lassen. Aus dem Professor für Englische Literatur, der von James Joyces Finnegan's Wake für seine Medientheorien inspiriert wurde, war ein Medienstar geworden. Man kann ihn heute noch auf YouTube in einer Vielzahl von Interviews sehen. Seinen schönsten Auftritt hatte er in Woody Allens Annie Hall (Der Stadtneurotiker), wenn Woody (= Alvy) sich in der Schlange vorm Kino mit jemandem über Marshall McLuhan streitet. Und plötzlich den echten ➱Professor McLuhan hinter einem Filmplakat hervor zerrt.

The man in line moves toward Alvy. Both address the audience now.
MAN IN LINE Wait a minute, why can't I give my opinion? It's a free country!
ALVY I mean, d- He can give you- Do you hafta give it so loud? I mean, aren't you ashamed to pontificate like that? And-and the funny part of it is, M-Marshall McLuhan, you don't know anything about Marshall McLuhan's...work!
MAN IN LINE (Overlapping) Wait a minute! Really? Really? I happen to teach a class at Columbia called "TV Media and Culture"! So I think that my insights into Mr. McLuhan-well, have a great deal of validity.
ALVY Oh, do yuh?
MAN IN LINE Yes.
ALVY Well, that's funny, because I happen to have Mr. McLuhan right here. So ... so, here, just let me-I mean, all right. Come over here ... a second.
Alvy gestures to the camera which follows him and the man in line to the back of the crowded lobby. He moves over to a large stand-up movie poster and pulls Marshall McLuban from behind the poster.
MAN IN LINE Oh.
ALVY (To McLuban) Tell him.
MCLUHAN (To the man in line) I hear-I heard what you were saying. You-you know nothing of my work. You mean my whole fallacy is wrong. How you ever got to teach a course in anything is totally amazing.
ALVY (To the camera) Boy, if life were only like this!


Ja, Woody, das kannst Du laut sagen.

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