Dienstag, 12. Juli 2011

Two-Lane Blacktop


Auf der DVD Two-Lane Blacktop findet sich der schöne Satz Wenn es jemals ein Filmregisseur verdient hätte, wiederentdeckt zu werden, dann wäre das Monte Hellman. Quentin Tarantino hat es gesagt, man kann ihm nur zustimmen. Wenn man Quentin Tarantino draufschreibt, dann kann man das vielleicht auch verkaufen. Wer weiß schon, wer Monte Hellman ist? Er wird heute 79 Jahre alt, und ich möchte ihm von dieser Stelle aus ganz herzlich gratulieren.

Monte Hellman (hier noch jugendlich auf einem Photo von 1971), der als eins der vielen jungen Talente von Roger Corman begann, hat schöne Filme gedreht. Immer konsequent am amerikanischen Massengeschmack vorbei. Seine beiden Western Ride in the Whirlwind und The Shooting gaben dem dahinsiechenden Western Genre neue Anregungen, auch wenn ein existentialistischer Western nichts für John Wayne Freunde ist. Muss ich betonen, dass sie an der Kinokasse floppten? Sie sind in Cannes außerhalb des Wettbewerbs gezeigt worden und sollen in Paris 1969 ganz erfolgreich gewesen sein. Hat Monte Hellman gesagt.

Two-Lane Blacktop, vom produzierenden Studio boykottiert, ist auch an den Kinokassen ein Flop gewesen, begeisterte aber die Filmkritiker. Und die völlig Autoverrückten, die einen aufgemotzten 55er Chevy oder einen Pontiac GTO hatten, und für die das ihre Lebensgeschichte war. Natürlich liebten die Filmkritiker in Frankreich den Film, die knutschen ja jeden ab, der kleine schmutzige Filme außerhalb der großen Hollywood Studios drehte. Und der Film entwickelte sich so ganz still über die Jahre zum Kultfilm. Er war immer ein Geheimtip, wer eine Videokopie hatte, gab sie nicht her. Und der New Yorker Buchhändler, der mir vor Jahrzehnten das Drehbuch verkaufte, hatte extra fett out of print und scarce auf einen gelben Aufkleber geschrieben. Und natürlich den Preis hochgesetzt. Wahrscheinlich ist es heute wirklich etwas wert. Aber dafür habe ich den Katalog Cinemabilia Catalogue Seven (1980) umsonst bekommen. 598 Seiten dick und das beste Nachschlagewerk für die Welt des Films, das es damals gab.

Das Skript zu dem Film von Will Cory und Rudolph Wurlitzer (die ersten Seiten können Sie hier lesen) hatte in Amerika eine weite Verbreitung erfahren, weil es im Esquire 1971 in der Aprilausgabe veröffentlicht worden war. Read it first! Our nomination for the movie of the year stand auf dem Titelblatt. Esquire war damals hip, schließlich schrieb kein Geringerer als Tom Wolfe für dies Magazin. Beinahe der ganze New Journalism wurde bei Esquire erfunden. Und Tom Wolfe hatte ja mit seinem Erstling The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby (in dem es neben der Titelgeschichte mit The Last American Hero auch einen Beitrag zur kulturellen Analyse der amerikanischen Automobilbegeisterung gab) gezeigt, wo Amerikas wirkliche kulturelle Interessen lagen.

Den Film Two-Lane Blacktop bekommt man seit drei Jahren als DVD preiswert, und man sollte ihn unbedingt kaufen. Und ansehen. Easy Rider ist ja, wenn wir ehrlich sind, nur wegen des Soundtracks gut - und weil es der Karrierestart für Fonda, Nicholson und Hopper war. Aber es ist kein wirklich guter Film. Dies hier, das ist ein wirklich guter Film. Das Label existentialistisch hatte er bei der französischen Filmkritik von Anfang an bekommen, und das auch wohl zu Recht. Ein Road Movie, das das gerade erfundene Genre transzendiert. Ein Autorennen quer durch Amerika auf den alten Landstraßen, die einmal die echte Route 66 waren. The whole idea of the road, of going from one place to another, is essentially American, hat Drehbuchautor Rudolph Wurlitzer gesagt. Bis auf Warren Oates (und in einer Nebenrolle Harry Dean Stanton) gab es keine professionellen Schauspieler. Und das war vielleicht auch gut so. Passend dazu hatten die Filmfiguren auch keine Namen. Warren Oates ist GTO, weil er einen GTO fährt, James Taylor ist The Driver, Dennis Wilson The Mechanic, Laurie Bird ist The Girl.

Zwei Popmusiker (James Taylor und Dennis Wilson von den Beach Boys), die noch nie zuvor vor der Kamera standen, das ist schon ein Wagnis. James Taylor (der sich später den Film niemals angesehen hat) fand Hellman durch Zufall: I saw a picture of James Taylor on a billboard on the Sunset Strip promoting his new album. I thought his look was right for the part of The Driver. Regarding Laurie Bird, I took a trip to New York to meet with Rudy Wurlitzer, and, while there, met with a number of modeling agencies just to explore that field. When you're looking for someone that age to play that role, it's impossible to find someone who is established, so I anticipated finding an unknown. I checked out modeling agencies and met with people in L.A. as well and she was recommended. Laurie was so inexperienced it never occurred to me that I would actually cast her. She seemed so typical of what we had in mind for the character, however, that we used her as a prototype. Rudy and I did a three-hour taped interview with her; she became the template for the character. I still thought I could cast an actress who could play the part, but I couldn't. Someone then had the bright idea of screen-testing Laurie. Laurie Bird, damals siebzehn, wird eine kurze Liebesaffäre mit Hellman haben. Dann folgt eine Liebesgeschichte mit Art Garfunkel, in dessen Apartment sie Selbstmord begehen wird.

Der Film kommt daher wie das wirklich Leben, und er ist in den letzten vierzig Jahren erstaunlich jung geblieben. Und vielleicht hat sich das Amerika abseits der großen Highways, dieser Strassen über die William Least Heat-Moon sein Buch Blue Highways geschrieben hat, inzwischen auch kaum verändert. Their universe is one that's familiar in recent American films like "Bonnie and Clyde," "Easy Rider" and "Five Easy Pieces." It consists of the miscellaneous establishments thrown up along the sides of the road to support life: motels, gas stations, hamburger stands. The road itself has a real identity in "Two-Lane Blacktop," as if it were a place to live and not just a way to move. There may be homes and gardens hidden behind those interstate terraces, but for the four people in this movie -- the road, as the saying goes, is home, schrieb der einflußreiche Filmkritiker Roger Ebert 1971. Und fügte hinzu and some of the racing and road scenes, and the visual texture of the movie, make it worth seeing. Er mochte den Film nicht.

Vincent Canbys Rezension in der New York Times war da viel positiver. Und in Time schrieb Jay Cocks The film is immaculately crafted, funny and quite beautiful, resonant with a lingering mood of loss and loneliness ... Not a single frame in the film is wasted. Even the small touches—the languid tension while refueling at a back-country gas station or the piercing sound of an ignition buzzer—have their own intricate worth. Der Mann verstand etwas davon. Wenn er nicht Filmkritiken für Time schrieb, war er Drehbuchautor. Aber mit der visuellen Textur hatte Ebert Recht, die besitzt der Film, dafür hatte Monte Hellman die Häfte des gedrehten Materials beim Schnitt geopfert. Manchen der geopferten Szenen trauert er heute noch nach: We were contractually obligated to deliver a two-hour movie, so we lost half the script. We lost some good scenes, for sure, that I fell in love with. Two-Lane Blacktop hat Jahrzehnte gebraucht, um in der Meinung der Kritiker ganz nach oben zu kommen. Wenn man Kent Jones glauben darf, hat er das inzwischen geschafft. Kent Jones' Würdigung von Hellman The Cylinders Were Whispering My Name: The Films of Monte Hellman in The Last Great American Picture Show: New Hollywood Cinema in the 1970s ist ➱hier im Internet zu lesen.

Bei Roger Corman hatte Monte Hellman eins gelernt: einen Film mit einem Mini-Budget zu drehen. Der ganze Film hatte nicht mehr als 875.000 Dollar gekostet. Da sind die 100.000 für das Drehbuch von Will Corry schon drin, das Hellman später als das geschmackloseste, albernste, sentimentalste, dümmste, das man sich nur ausdenken kann bezeichnet hat und es zusammen mit Rudolph Wurlitzer umschrieb. Die Schauspieler durften sich ihre Klamotten in einem Second Hand Shop aussuchen. Man hätte den Film noch billiger drehen können (Easy Rider hatte nur die Hälfte gekostet), wenn Hellman nicht darauf bestanden hätte, den Film Tag für Tag der Handlung folgend an den originalen Schauplätzen zu drehen. So werden die achtwöchigen Dreharbeiten zwischen Los Angeles und Tennessee selbst zu einem Road Movie. Die Schauspieler bekamen erst am Vorabend zu hören, was sie am nächsten Tag tun sollten.

Die neue DVD (auf die Welf Lindner 2008 bei critic.de eine schöne Lobeshymne schrieb) enthält als hochwillkommene Zugabe ein langes Interview mit Monte Hellman, der mit seiner Tochter (die im Film eine kleine Nebenrolle spielt) und einigen Filmstudenten vom Califorinia Institute of the Arts noch einmal die Route 66 abfährt und die Dreharbeiten rekapituliert. Auch eine Art von recherche du temps perdu. Die Neuveröffentlichung hat so lange gedauert, weil sich die Filmfirma erst einmal die Rechte für den musikalischen Soundtrack sichern musste. 1970 waren viele Musiker billig zu kriegen, Jahrzehnte später waren sie berühmt und wollten mehr Geld. Damals wußte man auch noch nicht, dass Kristoffersons Song Me and Bobby McGee (der im Film vorkommt) durch Janis Joplin auf Platz Eins der Charts gelangen würde.

Ich finde es schön, dass Monte Hellman im hohen Alter noch ein wenig von dem Ruhm bekommt, der ihm eigentlich vor vierzig Jahren schon zugestanden hätte. Das New Hollywood, mit dem Amerika für einen kurzen Augenblick Anschluss an das wirkliche Kino gefunden hatte, ist auch schon Geschichte. Beinahe alle Außenseiter und independent filmmakers, die damals ein auteur waren, sind vom Kommerz verschluckt worden. Bis auf wenige. Wie Monte Hellman oder Terrence Malick.

Das da unten ist kein Relikt der Dreharbeiten von Two-Lane Blacktop, das ist Kunst von Richard Prince aus dem Guggenheim Museum. So wie Hellman mit Automobilen ein filmisches Kunstwerk produziert, verarbeitet Richard Prince Automobile zu Kunstwerken. Bei einer Ausstellung seiner Werke in London vor drei Jahren hat man Monte Hellmans Two-Lane Blacktop gezeigt, im Doppelpack mit Claude Lelouchs ➱C'était un rendez-vous. Das finde ich wirklich cool. Monte Hellman mochte Lelouch, eigentlich wollte er so etwas wie Ein Mann und eine Frau drehen, aber dann ist es doch Two-Lane Blacktop geworden, nicht so furchtbar romantisch. I'm romantic in the sense that Camus was romantic, hat Hellman gesagt, I feel a nostalgia for what cannot be. In Ein Mann und eine Frau gibt es ein happy ending, Jean Louis Trintignant schließt Anouk Aimée am Ende in die Arme. In dieser amerikanisch existentialistischen Version gibt es das trotz der nostalgia for what cannot be nicht. The Girl verlässt all die Typen, die sie umwerben und fährt mit einem Motorradfahrer davon.










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