Der Grundstein für den Wiederaufstieg der im Krieg völlig zerstörten Firma von →Max Braun in Kronberg war der elektrische Trockenrasierer →Modell S 50. Rasierapparate sind auch heute noch das erste, was einem bei dem Namen Braun einfällt. Obgleich Braun vor sechzig Jahren für viele Industrieprodukte berühmt waren. Vielleicht weniger wegen der Qualität als wegen des Designs, weil die Söhne des Firmengründers eine Vielzahl von jungen Designern ins Haus geholt hatten. Zahlreiche ihrer Produkte wurden im Museum of Modern Arts ausgestellt. Das steht schon in dem Post Schneewittchensarg, der dem Braun Phonosuper SK 4 gewidmet ist. Entworfen von Hans Gugelot und →Dieter Rams wurde sein →Produktdesign zu einer Ikone des Unternehmens.
Die →Braun Atelier Anlagen der 1960er Jahre (die qualitativ natürlich viel besser waren als der SK 4) wurden schnell Kult und erzielen heute noch hohe Preise. Ich habe Freunde, die sich nie von ihrer Anlage getrennt haben, obgleich sie wissen, dass sich in Sachen HiFi seit den sechziger Jahren (und der Abwicklung von →Braun HiFi im Jahre 1991) eine Menge getan hat. Ich habe hier für Sie den schönen Film ✺Simply the Best: Braun Design Story von Dieter Oeckl aus dem Jahre 1962, in dem Sie alles über die Firma erfahren können. Konrad Adenauer ist da auch einmal kurz zu sehen. Von dem Film Rams von Gary Hustwit aus dem Jahre 2018 habe ich leider nur den ✺Trailer.
Ich komme noch einmal auf den Grundstein von Braun zurück, nämlich den elektrischen Trockenrasierer. Da hat Braun nämlich gerade etwas ganz Neues, den Braun Nevo. Einen Elektrorasierer für eine Rasur ohne Kompromisse mit der weltweit ersten AeroTouch-Technologie. Soll 799,99 € kosten, wird aber schon für 499 € überall angeboten. Für das Geld kann man sich auch einen Braun Series 9 Pro+ 9665cce kaufen, der 2025 das neueste Modell der 2014 eingeführten Premiumlinie Series 9 war. Die Marktpreise für die inzwischen unübersehbaren →9er Modelle (einschließlich einer goldfarbenen FC Bayern München Sonderedition) mit verwirrenden →Modellnummern haben mit den von Braun geforderten Preisen wenig zu tun. Ich habe für mein Gerät vor Jahren 180 € bezahlt, in Originalverpackung mit einer Vielzahl von unnützen Extras. Man braucht für den Rasierer keine Reinigungsstation, es genügt, den Scherkopf mit ✺heißem Wasser zu reinigen.
Mein erster Rasierer von Braun war 1962 der →Sixtant, er brauchte ein ✺Kabel, weil er noch keinen Akku hatte. Er kostete sechzig Mark, die späteren Versionen mit Akku waren zehn Mark teurer. Ich hatte seitdem eine Vielzahl von Braun Geräten. Ich habe immer noch einen funktionierenden ✺Flex Integral aus den neunziger Jahren. Ein Gerät, das immer noch seine Fans hat, lesen Sie doch einmal diesen wunderbaren kleinen →Artikel. Wo sich auch die schönen Sätze finden: Resümierend ist aus Sicht des sonntagmorgendlich unrasierten Kritikers seufzend zu bedauern, daß die heutigen Designer das Vermächtnis ihrer Vorgänger - klare, funktionsorientierte Produktgestaltung - nicht mehr fortführen (können, wollen, dürfen?): Aktuelle Rasierer schauen aus wie Laserschwerter aus Science Fiction-Filmen, voll auf Emotion getrimmt.
Immer, wenn ich mit der Rasierleistung der teuren Luxusgeräte nicht zufrieden bin, greife ich zum Flex Integral oder dem ✺Braun Universal (Typennummer 5424), der im Jahr 1985 auf den Markt kam, und rasiere etwas nach. Denn der Braun Series 9 ist nicht wirklich so gut, wie ihn die Werbelyriker machen. Das habe ich schon in dem Post Elektrorasierer vor sechs Jahren angedeutet. Und in dem Post Normbrunnenflasche finden sich einige Bosheiten über die Werbelyrik, mit denen Braun seine Produkte bewirbt. Wahrscheinlich werden die auch schon von der KI geschrieben.
Ist der niegelnagelneue Nevo besser? Er wird hier von dem Schweizer Journalisten Martin Jungfer mit einem sehr witzigen ✺Video vorgestellt. Bei einem anderen ✺Video, das Braun selbst bei YouTube eingestellt hat, fand ich zwei Kommentare sehr interessant. Der erste Kommentar lautete: Glaube ich nicht, dass der Rasierer aus irgendeinem Grund besser rasiert als mein alter Rasierer Serie 9. Das Ganze sieht mir aus nach einem Marketing Trick um den Kunden etwas angeblich Neues für teures Geld anbieten zu wollen. Über den Satz sollte man bei Braun einmal nachdenken. Der zweite Kommentar war noch weitreichender, er lautete: Einfach den Nevo Scherkopf auf meinen Series Pro 9 draufpacken, passt drauf! Ja, das funktioniert. Und so kann man innerhalb von einundzwanzig zweiundzwanzig den Scherkopf M94 oder M96 gegen dieses neue Teil mit den 250 diamantscharfen Klingen tauschen. Wenn sich das so schnell herumspricht, dann wird der Absatz des neuen Nevo wohl gewaltig leiden.
Braun ist mit seiner Series 9 seit Jahren bei allen möglichen Tests (und von denen ist das Internet ja voll) immer Testsieger gewesen. Aber seit vier Jahren haben sie einen japanischen Konkurrenten, der ihnen den ersten Platz streitig macht. Der Panasonic 900+ sieht so ähnlich aus wie der Braun und bietet genau wie Braun fünf Jahre Garantie. Die Scherklingen, die in der Braun Werbung mit Diamanten verglichen werden, basieren bei Panasonic auf der Kunst der traditionellen Samuraischwertfertigung. Und der Scherkopf des Panasonic hat mit sechs Klingen auch noch ein Klingenelement mehr als der Braun Series 9. Allerdings ist sein gefederter und in alle Richtungen beweglicher Scherkopf auch beinahe doppelt so groß wie der von Braun. Was beim Rasieren nicht unbedingt praktisch ist. Es sei denn, man hätte eine Glatze, dafür wäre das dann nützlich.
Panasonic hat den ursprünglichen Preis des Geräts von 499 € inzwischen auf 366 € gesenkt. Ich hätte das Teil nicht gebraucht, aber als ich bei kleinanzeigen den Rasierer mit Originalverpackung für 119 € sah, habe ich ihn gekauft. Vielleicht hätte ich die 17-sprachige dicke Bedienungsanleitung erst lesen sollen, aber so etwas tue ich nie. Ich habe allerdings nach einigen Tagen herausgefunden, dass man den flexiblen 22D-Rasieraufsatz arretieren kann, dann hat er einen starren Kopf. Und wenn man den kräftig andrückt, bringt das Gerät eine sehr gute Rasierleistung. Allerdings mit einem furchtbaren Geräusch. Ich habe das japanische Monster trotzdem mittlerweile ein wenig lieb gewonnen. Für den vom Hersteller geforderten Preis würde ich ihn aber nicht empfehlen, da bleibe ich lieber bei Braun, der Marke, die ich seit fünfundsechzig Jahren in der Hand halte.
Meine Empfehlung wäre etwas ganz anderes, nämlich der kleine handliche Braun Series 5, den ich vor einem halben Jahr für 20 Euro bei kleinanzeigen fand. Bei Braun kostet er hundert Euro mehr. Er ist wasserdicht wie die beiden Testsieger, hat aber nur drei flexible Klingen, keine sechs wie der Panasonic. Der Kopf ist starr, nicht beweglich wie bei der Series 9 oder schwabbelig wie beim Panasonic. Er hat keinen ultraschnellen Motor und keinerlei Sensoren, die angeblich die Bartdichte in jeder Sekunde messen. Aber er rasiert erstklassig, man braucht nur etwas länger. Da ist die Rasur noch echte Handarbeit. Und er rasiert noch sauberer als Brauns Flaggschiff aus der 9er Serie. Das wird dem fundamentalen Satz von Dieter Rams gerecht: less is more.
Die Firma Braun weiß wahrscheinlich nicht, dass ihre Rasierer schon bedichtet werden. Ich habe zum Schluss dieses Posts ein Gedicht über den Braun Series 7 von der Engländerin Vic Shirley, es hat den Titel I fell in love with a Braun electric shaver:
and, sure, I'm married.
But you didn't see the way
this shaver was looking at me.
The way it would hum longingly,
whilst gliding over my husband's face.
Always vibrating — it seemed to me —
in my direction.
Made me feel kind of special.
And this little guy was a Series 7,
so unbelievably smart;
the way they interpret the beard
and adapt to a man's face.
I didn't believe that was possible.
Once you see a thing like that in action,
you can't exactly unsee it, if you know what I mean.
And once I discovered that it shared my love
of French cinema, there was no turning back.









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