Mittwoch, 16. September 2026

Straßenräuber

Der englische Dichter Alfred Noyes, der am 16. September 1880 geboren wurde, ist heute nur noch durch ein einziges Gedicht in Erinnerung. Obwohl er er interessantes Leben hatte. Als er bei einem Amerikaaufenthalt, die Universität Princeton besuchte, war man von ihm so begeistert, dass man ihm sofort eine Gastprofessur anbot. Und so lehrte er von 1914 bis 1924, immer vom Februar bis zum Juni, dann fuhr er wieder nach England zurück. 1916 unterbrach er seine Tätigkeit, weil er für sein Heimatland England kämpfen wollte. Die Armee nahm ihn wegen mangelnder Sehkraft nicht, er wird dreißig Jahre später ganz erblinden. Er leistet seinen Kriegsdienst im Wellington House und schreibt wie sein Kollege John Buchan dort Kriegspropaganda. Buchan, der den Klassiker des Spionageromans The 39 Steps geschrieben hat, wird noch Geheimdienstchef und geadelt. Noyes wird immerhin Commander des  Order of the British Empire und kehrt nach Princeton zurück. Manche seiner Studenten werden berühmt, zum Beispiel  F. Scott FitzgeraldEdmund Wilson und John Peale Bishop

Ich könnte jetzt so weiterschreiben, sein Leben und Werk skizzieren, aber ich will auf dieses eine Gedicht hinaus, das er im Jahre 1906 in Blackwood's Magazine veröffentlichte. Es ist eine Ballade mit dem Titel The Highwayman, die schon dramatisch beginnt:

The wind was a torrent of darkness among the gusty trees.
The moon was a ghostly galleon tossed upon cloudy seas. 
The road was a ribbon of moonlight over the purple moor,
And the highwayman came riding—
Riding—riding—
The highwayman came riding, up to the old inn-door
.

Wir sind im 18. Jahrhundert, in einer Geschichte von Liebe, Verrat, Aufopferung und Tod. Die Ballade hat ihre Sogwirkung, riding - riding - ridding, die alle Balladen haben. Das kennen wir von Fontanes Balladen, auch wenn sie nicht die Chevy Chase Strophe haben. Der Straßenräuber und seine Geliebte Bess werden sterben, aber nach dem Tod sind sie, im dritten Teil der Ballade, wieder vereint. Es gibt eine Vielzahl von kitschigen Bildern zu diesem Thema, ich muss da einfach eins davon bringen:

And still of a winter’s night, they say, when the wind is in the trees,
When the moon is a ghostly galleon tossed upon cloudy seas,
When the road is a ribbon of moonlight over the purple moor,
A highwayman comes riding—riding—riding
A highwayman comes riding, up to the old inn-door.

Over the cobbles he clatters and clangs in the dark inn-yard.
He taps with his whip on the shutters, but all is locked and barred.
He whistles a tune to the window, and who should be waiting there
But the landlord’s black-eyed daughter, Bess, the landlord’s daughter,
Plaiting a dark red love-knot into her long black hair.


Alfred Noyes ist nicht der erste in der englischen Literatur, der die Straßenräuber bedichtet. Shakespeares Falstaff, ein adliger Ritter, ist auch nur ein Straßenräuber. Im 18. Jahrhundert bekommen die Wegelagerer Konjunktur und werden als romantische Helden bedichtet. John Gays Beggar's Opera wird Früchte tragen, bis hin zu der Seeräuber Jenny von Bert Brecht. Sie könnten zu dem Thema auch noch die Posts Robert Walpole und Horace Walpole lesen.

Der highwayman von Alfred Noyes hat keinen Namen, er heißt nicht Dick Turpin, James MacLaine (the Gentleman Highwayman) oder MacHeath. Aber er lebt von diesen Figuren. Und er wird nach der Publikation des Gedichts im Jahre 1906 weiterleben. Im Kino, in der Country Band, in der plötzlich Waylon JenningsWillie NelsonJohnny Cash und Kris Kristofferson The Highwaymen heißen. Aber deren Song The Highwayman meine ich nicht, wir müssen natürlich von Phil Ochs reden. Der hat nämlich das Gedicht von Noyes vertont, wobei er es ein wenig kürzte, aber er blieb 1965 beim Originaltext. Und da hören wir hier doch einmal hinein.

Phil Ochs hat hier seit meinem ersten Bloggerjahr schon einen Post. Und er wurde immer wieder erwähnt. Zum Beispiel in den Posts Bo WiderbergThe One on the Right Is on the Left und The Kingston Trio. In dem Post Christine Keeler kommt er auch drin vor, weil er ein ironisches Lied über Christine Keeler geschrieben hat. Die sixties waren die große Zeit der protest singers in Amerika. Warum singt da heute niemand mehr?

1 Kommentar:

  1. Guten Abend. Ich habe gerade Ihren Blog entdeckt. Vielen Dank für die interessanten Beiträge. Ich werde heute wohl bis spät in die Nacht lesen. Ich bedaure, dass ich den Blog nicht schon früher entdeckt habe. Herzliche Grüße aus Polen

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