Mittwoch, 20. Januar 2010

Balladen


Er hatte es heraus, wie man Balladen schreibt. Schon die erste Zeile macht neugierig auf die nächste, ob es König Gorm herrscht über Dänemark, Die 'Schwalbe' fliegt über den Eriesee oder Schwedische Heide, Novembertag ist. Fontane gilt als Meister der deutschen Ballade im 19. Jahrhundert (wir lassen jetzt mal Goethes schaurigen Erlkönig und Heines Balladen aus). Man sollte aber Fontanes Lyrik nicht auf die Balladen reduzieren. Wenn der Wikipedia Artikel zu Fontane von über 250 Gedichten spricht, dann hat man nur die Sammlung der Ausgabe von 1898 und nicht die Gedichte, die in Band II und III der Ausgabe des Aufbau Verlages sind, mitgezählt. Diese Ausgabe hat ja auch immerhin 700 Seiten Kommentar zu den Gedichten.

Nicht alles von Fontanes Balladen, in denen er die Chevy Chase Strophe importiert, endet in Blut und Tod wie Das Lied des James Monmouth (Das Leben geliebt und die Krone geküßt/Und den Frauen das Herz gegeben,/Und den letzten Kuß auf das schwarze Gerüst-/Das ist ein Stuartleben) oder Die Brück' am Tay. Auch Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland ist eine Ballade. Viele seiner Balladen sind Übersetzungen aus der englischen und schottischen Balladentradition, wie Barbara Allen, Jung-Musgrave und Lady Barnard oder Die drei Raben (die englische Version, nicht das schottische The Twa Corbies, obgleich er das auch übersetzt hat). Das ist uns der Mann, der so lange in England war und der Jenseit des Tweed geschrieben hat, sicher schuldig. Solche Balladen sammelt zur gleichen Zeit ein Professor in Harvard namens Francis James Child, der noch zu Lebzeiten Fontanes seine English and Scottish Popular Ballads herausbringen wird. Professor Child ist ein Spätling im Sammeln des Volksguts, das schon Bischof Percy, Sir Walter Scott und die Gebrüder Grimm betrieben hatten. Die Grimms kannte Child, er hatte bei ihnen in Berlin studiert. Childs Ausgabe der englischen Balladen enthält 305 Texte (alle Nummern und Titel finden sich im Internet), aber man wußte immer, dass es noch mehr geben müsste.

Während des Ersten Weltkrieges zeichnete der englische Professor Cecil Sharp in Amerika weitere Text auf. Mit Hilfe seiner Assistentin Maud Karpeles und nach Vorarbeiten von Olive Dame Campbell (über deren Leben man den Film Songcatcher gedreht hat). Wahrscheinlich ist die wissenschaftliche Leistung von Karpeles und Campbell hierbei größer gewesen, als die von Sharp. Aber Männer heimsen nun mal immer den Ruhm ein. Es sind die südlichen Appalachen, wo man viele Lieder aus der elisabethanischen Zeit findet, eine abgeschlossene Region, die ihre orale Kultur bewahrt hat. Professor Sharp hat die schöne (aber sicherlich falsche) Theorie, dass alle Lieder a capella gesungen wurden. Als die Hinterwäldler das erfahren, packen sie Fiedel, Gitarre und Dulcimer weg und singen die Lieder dem englischen Professor a capella vor. Das sind höfliche Leute, da im Süden. Wenig später, als das Radio funktioniert, ist die Gegend das Zentrum der bluegrass music. Mit Gitarre, Fiedel und Hackbrett.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird es ein folk revival geben. In dieser Szene haben Joan Baez und Bob Dylan (bevor er zur elektrischen Gitarre griff) angefangen. Harry Belafonte hat in seiner Frühzeit die alte Ballade von Lord Randall gesungen (das Lied mit 21 Varianten hat bei Child die Nummer 12). Fairport Convention und Joan Baez haben die Ballade, die bei Fontane Jung-Musgrave und Lady Barnard heißt, als Matty Groves gesungen. Schon vorher war sie von Benjamin Britten neu vertont worden. Woraus man sehen kann, dass Balladen ein langes zähes Leben haben. Wenn heute von Balladen die Rede ist, dann meint man langsame, schmalzige Stücke der Populärmusik. Der Londoner Steve Roud hat die Klassifizierung von Child auf alle bekannten Volkslieder erweitert, seine Sammlung und Nummerierung geht in die tausende. Whitney Houstons I will always love you aus ihrer Ballads Collection (2009) ist aber glücklicherweise nicht dabei.

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