Mittwoch, 13. Januar 2010

Loomings


Mit der ganzen Welt ist man plötzlich verbunden, wenn man ein(en) Blog hat. Das Wort vom global village, das Marshall McLuhan geprägt hat, ist wahr geworden. Diejenigen, die ihn damals als originellsten Denker außerhalb eines Irrenhauses bezeichnet haben, sind ganz kleinlaut geworden. Man braucht als Blogger für seine kleine Welt einen Namen, und da habe ich Loomings gewählt. Ich wußte damals nicht, dass Looming die älteste Literaturzeitschrift Estlands ist und dass es Schöpfung bedeutet. Ich habe das Wort einfach bei Melville geklaut, das erste Kapitel von Moby-Dick heißt so. Aber auch dieses englische Wort, das Melville so selbstverständlich (und beinahe als ein Programm des Romans) verwendete, scheint zu verschwinden. Mein im Computer eingebautes Lexikon kennt es nicht mehr, das Internetwörterbuch von Klett kennt es auch nicht und bietet mir stattdessen gloominess, blooming und incomings an. Nun mag meine Kolumne blooming sein, gloomy ist sie auf keinen Fall.

Und incomings wirft sie auch nicht ab. Es sei denn, ich pflastere die Seite mit Werbung voll. Pons, wie die Wörterbuchreihen von Klett schon lange heißen, ist lateinisch und bedeutet Brücke, aber diese Brücke führt ins Nichts. Oder in die Hoffnungslosigkeit. Man ist bei älteren Wörtern immer gut beraten, wenn man zu alten Wörterbüchern greift. Arno Schmidt hat das immer wieder propagiert. Also Wörterbüchern, die in der großen Zeit des Wörterbuchs im 19. Jahrhundert entstanden sind, als der Positivismus noch die Wissenschaft bestimmte, und über die wir schöne Bücher haben. Wie Jonathon Greens Chasing the Sun, Simon Winchesters The Surgeon of Crowthorne oder The Meaning of Everything. Als die Wörterbücher noch nicht vom Computer gemacht wurden. Jane Roberts, eine der Herausgeberinnen des Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary hat in einem Interview die erstaunliche Tatsache preisgegeben, dass man dieses größte Werk der englischen Sprache nicht mit dem Computer gemacht hat. Sondern mit kleinen Zetteln, wie damals bei James Murray und dem New English Dictionary. Ich finde das sehr beruhigend. Und der gute alte Muret-Sanders aus dem 19. Jahrhundert lässt uns auch nicht im Stich. Ein hübscher kleiner Anker vor dem Wort sagt uns, dass es aus dem nautischen Bereich kommt und Kimmung heißt. Soweit man sehen kann, der Horizont, da wo Wasser und Himmel ineinander übergehen. Nichts anderes hatte Herman Melville damit im Sinn. Dahin will Ishmael, heraus aus dem New York des 19. Jahrhunderts, weg von dem damp, drizzly November in my soul. Das haben die stage managers des Schicksals ihm bestimmt, wenn sie ihm auch die Illusion geben that it was a choice resulting from my own unbiased freewill and discriminating judgment. Mit dieser Illusion leben wir ja alle.

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