Freitag, 15. Januar 2010

Cliff Roberts, Artisan


Das englische Wort artisan heißt Handwerker, es kommt aus dem Lateinischen und das art von Kunst und Künstler steckt in dem Wort. Ich habe das Wort bewusst gewählt, denn wenn ich Cliff Roberts, shoemaker geschrieben hätte (oder cordwainer oder cobbler), hätte das es nicht getroffen. Andere nehmen das Wort artisan, weil sie es für den Reim brauchen. So Hilaire Belloc in dem wunderbar bescheuerten Knittelvers:

Lord Finchley tried to mend the Electric Light
Himself. It struck him dead. And serve him right
It is the business of the wealthy man
To give employment to the artisan

Cliff Roberts ist schon ein Künstler, mehr als ein einfacher Schuhmacher. Vor vier Wochen kannte ich den Namen noch nicht. Obgleich, wenn man den Internetforen wie askandyaboutclothes, newsaboutshoes oder stilmagazin glauben darf, das ein Name ist, den man eines Tages mit Namen wie George Cleverley oder Nikolaus Tuczek verbindet. Also solchen Schuhkünstlern, die in der Welt des Damenschuhs Manolo Blahnik heißen. Ich weiß noch, dass ich Gabi bei ihrem ersten Londonbesuch Manolo Blahnik empfohlen haben, das war lange, bevor die Blahniks durch Sex and the City popularisiert worden. Gabi hat im Laden beinahe einen Ohnmachtsanfall bekommen. Gabi hat einen Schuh-Tick, viele Frauen haben den, man denke nur an Imelda Marcos.

Aber offensichtlich werden auch Männer von dieser Krankheit befallen, wie man an den Einträgen in den oben erwähnten Foren ablesen kann. Die Jünger des Heiligen Crispin (nach dem die erste amerikanische Schuhmachergewerkschaft Order of the Knights of St Crispin hieß) entwickeln da schon beängstigende Fachkenntnisse. Kaufen Luxusschuhe und nehmen sie auseinander, um hinter die Geheimnisse des absoluten Schuhs zu kommen. Weird, würde da der Engländer sagen. Ich habe meine erstes Paar Cliff Roberts Schuhe von Urban B. gekauft, der versteht viel von Schuhen. Das hat mir auch Christian Geffers bestätigt, der hat eine Modeagentur und handelt mit Schuhen, die ➱Mack James heißen. Klingt sehr englisch, aber die Schuhe kommen aus Portugal. Sind besser als die Engländer, sagt Geffers, und da könnte er recht haben. Die Qualität mancher Engländer, die lange das nec plus ultra waren, hat nachgelassen. Die Schuhmacher rund um das Mittelmeer haben längst bewiesen, dass sie das alles auch können, was die Könige in der Welt des Schuhs in Northampton können. Zwischen meinen Mack James und den Königen des Schuhs wie Edward Green und Crockett und Jones sind keine großen Unterschiede. Englische Schuhe werden in und um Northampton hergestellt, es gibt noch über dreißig Fabriken, es sind einmal hunderte gewesen. Manchen geht es schlecht wie Alfred Sargent, die schon Gegenstand einer Diskussion im englischen Parlament waren. Andere sind an die Italiener verkauft worden, wie Church an Prada. Aber andere halten weiterhin Englands Fahne hoch.

Als John Lobb vor Jahren in einem Interview gefragt wurde, was er von Prada Schuhen hielte, fragte er naiv Wer ist Prada? Heute weiß er es. Einer der Vorfahren von Lobb soll in der Sträflingskolonie Australien wegklappbare Stiefelabsätze gebaut haben, damit man Wertsachen im Absatz verstecken konnte. Vielleicht stimmt die Geschichte nicht, aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Firma in London. Der Herzog von Edinburgh trägt John Lobb (Charles angeblich ➱Trickers, auf jeden Fall steht das in goldenen Letter in jedem Trickers Schuh). Ich habe Philip ein einziges Mal getroffen. Vor lauter Aufregung und Verlegenheit konnte ich nichts anderes tun, als ihm auf die Schuhe zu starren. Die waren dunkelrot, irgendetwas zwischen maroon und bordeaux. Die gleiche Farbe wie sein Rolls Royce draußen.

Als mir vor Weihnachten ein überarbeiteter und unterbezahlter Paketbote meine Cliff Roberts Schuhe brachte, habe ich sie angezogen (man soll sie ja auf weichen Teppichen eintragen) und dann gar nicht mehr gemerkt, dass ich Schuhe trug. Ein Schuh für Götter, auch wenn keine kleinen Flügel dran sind wie bei Hermes, dem Gott der Kaufleute und der Diebe. Es sind wunderbare Schuhe, die auch in allen Stadien der Herstellung im Internet zu bewundern war (leider existiert die Seite nicht mehr).

Cliff Roberts hat dreißig Jahre für eine Firma in Northampton gearbeitet. Den Namen gibt er aus Diskretion nicht preis, man vermutet, dass es Edward Green war, die noch schöne Leisten aus den Zwanziger Jahren haben. Mit seinen Preisen für einen handgearbeiteten Schuh unterbietet er die Londoner Konkurrenz wie zum Beispiel W.S. Foster & Son um die Hälfte (viele der berühmten Firmen der Jermyn Street wie Codner, Coombs & Dobbie, Maxwell oder Peale sind ja verschwunden oder existieren nur noch dem Namen nach). Und dennoch scheint seine Rechnung aufzugehen; nachdem er durch das Internet bekannt wurde, kann er sich vor Aufträgen nicht mehr retten. Seine Frau photographiert den im Entstehen begriffenen Schuh in jedem Zustand und so kann der Kunde per Email Attachment an der Kreation des Kunstwerkes teilhaben. Hier entwickeln sich dank des Internet völlig neue Produktions- und Handelsformen. Die sich doch ein wenig von den in China zusammengeklebten Schuhen unterscheiden. Und auch etwas mehr kosten, als die zwei Euro, die ein chinesischer Schuh im Durchschnitt in der Herstellung kostet. There is nothing in the world that some man cannot make a little worse and sell a little cheaper, and he who considers price only is that man's lawful prey hat John Ruskin gesagt. Dem viktorianischen Kunstkritiker, der die traditionelle Handwerkskunst im Industriezeitalter retten wollte, würde das Konzept von Cliff Roberts gefallen haben.

Es gibt im festgeschrieben englischen Codex Schuhe für jede Gelegenheit und jede Tageszeit. No brown after six bedeutet nicht, dass man nach 18 Uhr von der Modepolizei arretiert wird, wenn man braune Schuhe trägt. Es bedeutet nur, dass man für Abendeinladungen einen schwarzen Schuh tragen soll. Vor Jahren haben die Etikettewächter der englischen Königin beklagt, dass neuerdings alle Welt zu Einladungen der Königin auf dem Land schwarze Schuhe trügen. Sie können ruhig braune Schuhe tragen, die Königin trägt sie auch, hieß die Botschaft an die geschmacklich verunsicherten Untertanen. Man braucht auch keine neuen Schuhe zu tragen. Kein Gentleman, knurrte ein Adliger über ein neues Mitglied seines Klubs. Als er gefragt wird, wie er zu dieser Ansicht komme, ist die Antwort: zu neue Schuhe.

Das schönste Beispiel für Schuhetikette findet sich bei dem unübertroffenen Meister des englischen Humors P.G. Wodehouse. In der Kurzgeschichte The story of Cedric trifft der eleganteste Mann Londons (sprich: der Welt) eines Morgens im Hyde Park die junge Lady Chloe und seinen Freund Claude. Der ist auf dem Weg zu einer Hochzeit, elegant gekleidet im Morning Coat. Allerdings die Schuhe! Lady Chloe bekommt beinahe einen Herzinfarkt. Gelbe Schuhe. The foot-joy! The banana specials! The yellow perils! Der junge Claude sagt naiv: Don't you like them? I thought they were rather natty. Just what the rig-out needed , in my opinion, a touch of colour. It seemed to me to help the composition. Mit einem Augenaufschlag, dem kein Mann widerstehen kann (ich weiß nicht, wo Frauen das lernen, aber es funktioniert ja immer) bittet Lady Chloe Cedric, mit seinem jungen Freund die Schuhe zu tauschen. Als die beiden fort sind, merkt der eleganteste Mann Londons, dass er jetzt ein kleines Problem hat. Er steht in einem eleganten ➱Morning Coat mit gelben Schuhen (!) im Hyde Park. Über den weiteren Gang der Geschichte sei hier nichts verraten, man kann es in der Sammlung Mr Mulliner Speaking aus dem Jahre 1929 nachlesen. Die Heiligen Crispin und Crispinian mögen verhüten, dass wir je in eine solche Lage kommen.

Nicht nur bei P.G. Wodehouse oder bei den jungen Frauen im Märchen, die sich die Zehen abhacken, um in die Schuhe zupassen, finden wir Schuhe in der Literatur. Der Dichter Hans Sachs war ein Schuhmacher. Aber das schönste Stück Literatur über Schuhmacher ist schon 400 Jahre alt. Es ist Thomas Dekkers The Shoemaker's Holiday aus dem Jahre 1599, eine der witzigsten Komödien der Shakespearezeit. Hier geht es, wie so häufig in der englischen Literatur um class. Aber auch um Liebe. Ein junger Lebemann nimmt hier die Rolle eines Schuhmachers an, um eine geliebte Frau zu gewinnen. Und damals kann man noch Frauen damit beeindrucken, wenn man ihre genaue Schuhgrösse bestimmen kann. Das Aschenbrödel Motiv kommt schon hier in einer Nebenhandlung vor. Dekkers Komödie basiert ein wenig auf Thomas Deloneys The Gentle Craft, einer Verherrlichung von Londoner Schuhmachern seiner Zeit. Es enthält unter anderem die Geschichte von Simon Eyre, dem Schuhmacherlehrling der Lord Mayor von London wird. Den schreibt Dekker dann in seine Komödie hinein. Dort ist sich Simon Eyre seiner Stellung bewusst: Peace, am I not Simon Eyre? Are not these brave men, brave shoemakers, all gentlemen of the Gentle Craft? Prince am I none, yet Am I nobly born, as being the sole son of a shoemaker. Dekker macht damit den Schuhmacher literarisch unsterblich. Über die ausgebeuteten Arbeiter in China, die unter schlechteren Bedingungen als zur Zeit Shakespeares Schuhe herstellen, nur damit wir Billigschuhe kaufen können, wird niemand so bezaubernde Komödien schreiben.

Dies war einer meiner ersten Posts zum Thema Schuhe. Er begeisterte viele Leser, so beschloß ich, noch mehr von diesen kleinen Vignetten zu schreiben. Inzwischen reicht reicht es schon für ein kleines Buch: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London) ➱Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱Französische Herrenschuhe ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

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