Sonntag, 22. März 2020

die Seeräuber Jenny


In seinem Essay Eight Arms to Hold You erinnert sich Hanif Kureishi an seinen Musiklehrer (der auch Religionslehrer ist) Mr Hogg, der ihm und der Klasse die Beatles vermiest. Diese Musik gehört für ihn nicht zur Kultur. Der Essay von Hanif Kureishi (der durch My Beautiful Laundrette berühmt wurde) ist in viele Anthologien und in den Englischunterricht gewandert. Sie können ihn hier in dem Post Pilzköpfe lesen. Es geht um die Frage, wo hört die Kultur auf, wo fängt die Subkultur an? Als ich den Essay damals in dem Granta Magazine las, fühlte ich mich an meinen Musikunterricht erinnert. Auch wir hatten einen Mr Mogg, er hieß nur anders.

Er war damals ein berühmter Mann. Er hatte nach dem Krieg einen Chor aufgebaut, der seinen Namen trug. Der Chor war der erste deutsche Chor, der zu einem Eisteddfod nach Wales eingeladen worden war, das bedeutete schon etwas. Aber so groß seine Verdienste als Chorleiter waren, für die er auch das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, als Musiklehrer war er pädagogisch ein Versager. Ich habe bei ihm nichts, aber auch gar nichts gelernt. Bei meiner Klavierlehrerin schon, bei der Lektüre von Knaurs Opernführer (mit einem Geleitwort von Hans Knappertsbusch) und den drei Rowohlt Bänden Ewiger Vorrat klassischer Musik auf Langspielplatten auch.

So wenig der Lehrer uns beachtete, so wenig beachteten wir ihn. Er wußte schon, dass wir uns eigentlich nur für all das interessierten, was jetzt aus den amerikanischen und britischen Soldatensendern, die wir blitzsauber empfangen konnten, zu uns kam. Dass wir zu Hause eher Jazzplatten (noch Zickenjazz und noch nicht Charlie Parker) hörten als Beethovens Eroica. Einmal hat er im Unterricht einen Musikerwitz erzählt, der für Musiker wirklich ganz witzig war, aber das ist das einzige, was ich aus seinem Unterricht erinnere. Natürlich weiß ich noch, wie wir alle bei Notendiktaten geschummelt haben. Notendiktate (was ja der Schwachsinn par excellence ist) ergaben bei uns nur das Ergebnis, dass die ganze Klasse das absolute Gehör hatte.

Dennoch habe ich den Musikunterricht an meiner Schule auch in guter Erinnerung. Und das liegt an einem Mann namens Hanns Eckerle, den wir für einige Jahre als Musiklehrer hatten (es gab an dem Gymnasium ein halbes Dutzend Lateinlehrer, aber nur zwei Musiklehrer). Eckerle war eigentlich Korrepetitor an der Oper in Bremen, und er hatte in den fünfziger Jahren auch einige Opern in Bremen dirigiert. Unter anderem Gian Carlo Menottis Oper Der Konsul, die war damals ganz neu. Er war zwar auch kein begnadeter Pädagoge, aber er war ein guter Mensch. Wo der andere Musiklehrer sich als eine Art Herrenmensch inszenierte, blieb Hanns Eckerle sanftmütig, still und bescheiden. Er hatte diese Liebe zur Musik, besonders zur Oper, die ansteckend wirkte. Er spielte ganze Opern auf dem Klavier durch, sang alle Rollen. Man brauchte bei ihm auch nicht auf den fürchterlichen Aulastühlen zu sitzen, man durfte um das Klavier herumstehen. Man konnte ihm auch Fragen stellen, die er geduldig beantwortete, mit Musikbeispielen.

Hanif Kureishis Essay endet mit dem Satz: We felt and sometimes recognized—and Hogg’s attitude toward the Beatles exemplified this—that our teachers had no respect for us as people capable of learning, of finding the world compelling and wanting to know it. Dieses our teachers had no respect for us as people capable of learning, of finding the world compelling and wanting to know it traf auf Hanns Eckerle nicht zu.

Das schönste musikalische Erlebnis an dieser Schule waren keine Chordarbietungen von Vray dieu d'amours und Nimm sie bei der schneeweißen Hand und führ sie in den Rosenkranz oder die von mir gehassten Kammermusikabende. Das war ein Mann, der nur mit einem Stapel Noten auf die Bühne kam und fünfzig Pfennig kostete. Fünfzig Pfennig kostete auch der grauenhafte, spuckende adelige Rezitator Horst Bogislaw von Schmelding, der Schillers Glocke und ähnliche ungeliebte Gedichte aufsagte. Oder der Mann, der seine Schlangen in der Turnhalle zeigt. Aber dieser kleine Mann mit den wirren Haaren, der in meiner Erinnerung ein wenig aussieht wie Ulrich Priol, geht zu dem guten Flügel, auf dem immer nur der berühmte Lehrer spielt. Nicht zu dem zweiten Flügel, der hinten rechts in der Ecke steht. Und nun wird das Instrument der Hochkultur zu etwas ganz anderem gebraucht. Mißbraucht? Er bittet ein Dutzend Schüler auf die Bühne, damit sie ihm helfen, den Flügel über die Bühnenkante der Aula nach vorne kippen. Dann setzt er sich an das Instrument, wo ihn jetzt jeder im Saal dank der Kipplage des Flügels gut sehen kann.

Und spielt und singt die ganze Dreigroschenoper. So wie Hanns Eckerle ganze Opern durchspielte. Die Dreigroschenoper wird zusätzlich gewürzt durch Songs aus The Beggar’s Opera von John Gay und Johann Pepusch. Er verwandelt sich mit jedem Part, er ist Macheath und 'Tiger' Brown. Er ist Polly Peachum und die Seeräuber Jenny: Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen und ich mache das Bett für jeden. Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell. Und Sie sehen nur die Lumpen und dies lumpige Hotel, und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden... Ich weiß seinen Namen nicht mehr, in meinem alten Tagebuch steht nur 20. Januar 1960 Dreigroschenoper. Ist ein bisschen doof von mir gewesen, den Namen des Mannes nicht dazu zuschreiben. Er war mit seinen Auftritten damals schon ziemlich berühmt geworden. Ich bin ihm für diesen Abend ewig dankbar, ich habe das nie vergessen

Ich hätte mitsingen können, ich hatte damals eine schwere Bert Brecht Phase. Ich besaß das dicke Dreigroschenbuch vom Suhrkamp Verlag, in dem alles über das Werk drin stand. Der Pianist mit den wirren Haaren in unserer Aula konnte etwas, was nicht jeder kann: er konnte Kurt Weill singen. Und das ist nichts für jeden. Das Lied von der Seeräuber Jenny ist von vielen gesungen worden (auch von Juliette Gréco), aber bei vielen Versionen, vor allem, wenn Opernsängerinnen es singen, hat man das Gefühl, das Brecht und Weill das so nicht gewollt hätten. Ich glaube, die waren mit Lotte Lenya und Carola Neher (die die erste Plattenaufnahme besang) zufrieden. Dass es eines Tages unzählige Coverversionen geben würde, das hätten sie sich wohl nicht vorstellen können.

Brecht hat Die Seeräuberjenny 1926 zuerst als Gedicht geschrieben, in die Dreigroschenoper ist es, wie andere Gedichte aus der Hauspostille, erst später gewandert. Germanisten sehen das Gedicht häufig im Zusammenhang mit der Ballade Von der Kindesmörderin Marie Farrar, das bietet sich thematisch an. In der Dreigroschenoper singt Polly Peachum bei ihrer Hochzeit mit Macheath in einem Zwischenspiel das Lied des kleinen Abwaschmädchens in einer Vierpennykneipe, genannt Jenny, die Seeräuberbraut:

[Polly:] Meine Herren, wenn keiner etwas vortragen will, dann will ich selber eine Kleinigkeit zum Besten geben, und zwar werde ich ein Mädchen nachmachen, das ich einmal in einer dieser kleinen Vier-Penny-Kneipen in Soho gesehen habe. Es war das Abwaschmädchen, und sie müssen wissen, daß alles über sie lacht und daß sie dann die Gäste ansprach, und zu ihnen dann solche Dinge sagte, wie ich sie Ihnen gleich vorsingen werde. So, das ist die kleine Theke, Sie müssen sie sich verdammt schmutzig vorstellen. Das ist der Spüleimer und das ist der Lappen, mit dem sie die Gläser abwusch. Wo Sie sitzen saßen die Herren, die über sie lachten. Jetzt sagt zum Beispiel einer von Ihnen [auf Walther deutend] Sie: Na, wann kommt denn dein Schiff, Jenny? – [Walther:] Na, wann kommt denn dein Schiff, Jenny?Und ein anderer sagt: „Wäschst du immer noch die Gläser auf, du Jenny, die Seeräuberbraut?“ [Matthias:] Wäschst du immer noch die Gläser auf, du Jenny, die Seeräuberbraut? [Polly:] So, und jetzt fange ich an. 

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel
Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden...


Für Ernst Bloch ist das Lied in seiner wunderbaren Interpretation die Dynamitstelle der Dreigroschenoper. Wir sind hier unter Räubern, erträumten Seeräubern und Räubern, die Macheath und Peachum heißen. Brechts Vorlage, Gays Beggar's Opera, bei der er sich reichlich bedient, handelt von denen da ganz oben und den Räubern und Nutten. Kleine Abwaschmädchen namens Jenny kommen in ihr nicht vor, das ist Brechts Erfindung, aber in der Welt, in der John Gay lebt, da gibt es sie. Zu tausenden in Covent Garden, den man the great Square of Venus nennt. Die dreizehnjährige Amy Lyon, die hier als Tresenschlampe und Gelegenheitsnutte arbeitet, träumt auch davon, von hier wegzukommen. Das wird sie. Sie wird einen Adligen heiraten, und einen Mann mit einem Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen bekommt sie auch. Das ist allerdings kein Seeräuber, sondern ein Seeheld.

Es sind bei John Gay und Bert Brecht nicht nur Räuber auf der Bühne, auch die Autoren sind Räuber. Der Plagiatsvorwurf wurde schon 1728 erhoben, als The Beggar's Opera auf die Bühne kam. Zweinhundert Jahre später wird er gegen Brecht laut. Denn der klaut im größeren Stil: bei Gay, Villon und Kipling. Auf die von Alfred Kerr vorgebrachten Vorwürfe antwortete er, dass er eine grundsätzliche Laxheit in Fragen geistigen Eigentums besäße. Aber die Seeräuber Jenny, die hat er nirgends geklaut, die ist seine eigene Schöpfung. Vielleicht hat er auch die Musik zu der Ballade komponiert, zu dem Thema habe ich hier einen langen Artikel von dem Musikwissenschaftler Albrecht Dümling. Es ist unzuverlässige Musik, dicke Luft im Amüsement, die satte Kunst ist hin, die Substanz erscheint als Dreck, im Abwaschzuber und in dem, was die denkt, die davor steht, so schrieb Ernst Bloch 1929 über das Lied der Seeräuber Jenny.

Der kleine Bert Brecht besaß ein Puppentheater, mit dem leidenschaftlich gern spielte. Nicht nur Theaterstücke standen auf seinem Programm, auch Opern waren im Repertoire. Insbesonders der Der fliegende Holländer, wo ein Frau namens Senta von einem Seefahrer träumt. Eine Seeräuber Ballade hatte er mit zwanzig Jahren auch schon geschrieben, nun kommt Lied des kleinen Abwaschmädchens in einer Vierpennykneipe, genannt Jenny, die Seeräuberbraut. Eine Liste im Internet versichert uns, dass 91 Interpreten das Lied aufgenommen haben, wahrscheinlich gibt es noch mehr Versionen. Gibt es eine Version, von der man sagen kann, dass sie genau den richtigen Ton des Liedes im Rhythmus des Zweivierteltakts, der so leicht zum Trauermarsch wird, in dem frechen Moll, das zwischen Chanson und Trauermarsch verbindet trifft? Seit nunmehr 90 Jahren verheben sich Nachwuchs-Crooner und Chansonetten an der Mackie-Messer-Moritat und der Seeräuber-Jenny, schrieb der Tagesspiegel anläßlich der Aufführung des Mackie Messer Films.

In einem Kommentar zu der Version von Eva Meier, die als Brecht Sängerin bekannt ist, schreibt bei YouTube ein Kommentator: eins der schönsten und schwierigsten Lieder. Das glaubhaft oder besser: Richtig (!) zu singen ist ein Tanz auf Messer's Schneide. ich finde das Lied muß aus einer stillen Unterdrückungssitiuation heraus gesungen werden. Schreien oder viel Freude, Begeisterung, oder sonstige Power ist da nicht angesagt. Man kann ihm nur zustimmen. Es gibt da auch einen Kommentar von einer Marlene M: Keine Ahnung. Aber ich habs auch gesungen. Etwas tiefer als Frau Meier. :-) Ich weiß nicht, wer Marlene M ist, sie scheint eine YouTube Berühmtheit zu sein, aber ihre Version kann man durchaus hören. Die von Hildegard Knef auch, sie singt sehr gut, aber die Big Band nach amerikanischem Vorbild spielt keinen Kurt Weill, das ist schade. Wir lassen mal Lale Andersen draußen vor, das geht nun gar nicht. ✺Jelena Popržan dagegen hätte den Herren Brecht und Weill vielleicht Freude gemacht.

Ob sie an meinem letzten Beispiel Freude gehabt hätten, weiß ich nicht. Vor zehn Jahren gab es in Göttingen eine Aufführung der Dreigroschenoper unter der Regie von Mark Zurmühle. Die Zuschauer wurden auf einen englischen Jahrmarkt des 19. Jahrhunderts versetzt, ein Karussell nahm die ganze Bühne ein. Diese etwas seltsame Konzeption hatte man gewählt, weil im Vorspiel des Stückes steht: Jahrmarkt in Soho. (Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Ein Moritatensänger singt eine Moritat.) Aber diese Szenenanweisung gilt nur für das Vorspiel, in dem wir die Ballade von Mackie Messer hören, nicht für das ganze Stück.

In der Göttinger Aufführung wurde die Polly von Katharina Heyer gespielt. Die war damals noch nicht so berühmt, wie sie es durch Die Frau hinter der Wand werden würde, ein paar Mal war sie die Gerichtsmedizinerin im Schweriner Polizeiruf 110, auch ihre größeren Theaterrollen lagen noch in der Zukunft. Aber jetzt in dieser Dreigroschenoper gibt sie alles. Oder das, was das Regietheater will. Ihr Auftritt, den man bei YouTube sehen kann, wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Warum zieht sich Polly im weißen Hochzeitskleid lasziv ihre weißen Seidenstrümpfe aus, steigt in einen Waschzuber voller Blumentopferde und besudelt sich das Kleid mit einem schmutzigen Lappen? Das ist eine Slapstick Varieténummer, die das Sehnen nach Erlösung der kleinen Seeräuber Jenny lächerlich macht. Da ist sogar die Aufführung der Theater AG eines ✺Heidelberger Gymnasiums stimmiger.

Ich sehne mich noch immer nach dem kleinen Mann, der am Abend des 20. Januar 1960 in unserer Aula die Dreigroschoper an dem gekippten Flügel spielte.

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