Donnerstag, 24. Februar 2011

Johnny Cash


Das Mississippi Hochwasser von 1937 hat der damals fünfjährige Johnny Cash nie vergessen. 22 Jahre später sang er Five feet high and rising, ein Song, der 1993 während eines anderen Mississippi Hochwassers zum meistgespielten Song der amerikanischen Radiostationen avancierte. Es war nicht das erste Mal, das ganz Amerika auf Johnny Cash hörte. Seine Karriere ist ein beständiges Auf und Ab gewesen, von seinen Anfängen mit den Tennessee Two auf Sun Records (die heute noch erstaunlich gut klingen) über die CBS-Zeit 1958-1986, Drogen- und Alkoholprobleme in den sechziger Jahren. Die Ehe mit June Carter (von der legendären Carter Family) stabilisierte ihn und brachte den Totgesagten wieder nach oben. Totgesagte leben immer länger, Johnny Cash ist das lebende Beispiel für den Satz gewesen. Als ihn CBS 1986 feuerte - und gleichzeitig noch The Greatest Hits 1958-1986 vermarktete - hätte er eigentlich aufhören können.

Aber Johnny Cash, der schon immer mit jüngeren Sängern von Bob Dylan bis Kris Kristofferson (dessen Song Sunday Morning Coming Down er herausgebracht hatte) zusammengearbeitet hatte, begann eine neue Karriere. Er ist heute der Liebling der New Country Bewegung und ist wieder überall zu hören. Die warme Bass-Bariton Stimme hat trotz Alkohol und Drogen nichts von ihrem Timbre verloren. In seiner langen Karriere hat er sich immer wieder der Außenseiter angenommen. Songs wie Ira Hayes und die Alben At Folsom Prison und At San Quentin zeugen davon. Er warb mit What is Truth? für Sympathien mit den langhaarigen Hippies, aber er sang auch vor Richard Nixon. Weigerte sich aber, dessen Wunsch nach Spottgesängen auf Hippies und Unterprivilegierte nachzukommen. Vielleicht hätte er sein ironisches The One on the Right is on the Left singen sollen (and if you have political convictions, keep them to yorself), eine Warnung folk songs und Politik zu vermischen.

Zur ursprünglichen Country Music, zum Thema des Westens und der Cowboysongs, ist Johnny Cash immer wieder zurückgekehrt. Und diese markieren auch seine größten Erfolge wie die Alben Ballads of the True West und Come along and Ride this Train, die Songs Don't Take your Guns to Town und Ghost Riders in the Sky zeigen. Bear Family Records offeriert mit ca. 280 Songs auf The Man in Black und The Man in Black Vol. II zwei 5CD Boxen mit opulentem Begleitmaterial, die das Wichtigste von Johnny Cash, dem Dylan without a metaphor, enthalten.

Dies hübsche Dylan without a metaphor ist nicht von mir, das stammt von Richard Goldstein, der in seinem Buch The Poetry of Rock der erste war, der der Pop Music poetische Qualitäten zugestand. Als ich diesen Text, der Teil eines längeren Artikels über meine Lieblinge der Country&Western Musik war, geschrieben habe, lebte Johnny Cash noch. Und das Mississippi Hochwasser von 1993 war gerade in den Schlagzeilen.

Heute vor 41 Jahren hat Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin seine Platte At San Quentin aufgenommen, und da fiel mir mein alter Artikel wieder ein. Den finde ich eigentlich noch ganz nett, sonst hätte ich ihn nicht noch einmal abgetippt. Ich brauche da auch nicht gravierende, handwerkliche Fehler einzuräumen und nicht in der Öffentlichkeit herumzusülzen In der mir abgesprochenen Demut entschuldige ich mich bei allen, die ich verletzt habe. Das überlassen wir mal dem Herrn aus Bayern. In Bayern war Johnny Cash auch mal. Als er bei der US Air Force war und den Morsecode der Russen dekodierte, er hatte ein feines Gehör dafür. Damals hat er auch in Landsberg seine erste Band, die Landsberg Barbarians, gegründet. Bavarians unterscheiden sich von Barbarians nur durch einen Buchstaben.

Ich gebe gerne zu, dass ich Johnny Cash liebe. Und es gibt Augenblicke, da muss man einfach einmal Johnny Cash auflegen. Wenn nach einem Cricket Wochenende und einer langen Partynacht Georg am nächsten Morgen seinen Gästen nach englischer Sitte einen heißen Tee ans Bett gebracht hatte, dann ging er zum Plattenspieler, legte Ring of Fire auf und drehte den Lautstärkeregler ganz nach rechts. Wenn Sie Schwierigkeiten haben, morgens wach zu werden, probieren Sie es mal mit Ring of Fire.

Johnny Cash starb zehn Jahre nach meinem kleinen Artikel, seine Frau June war wenige Monate vor ihm gestorben. An den ersten Drehbuchentwürfen für Walk the Line hatte er noch mitgearbeitet, den Film haben June Carter und er nicht mehr gesehen. Aber ich glaube, dass ihnen der stille und unspektakuläre Film mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon gefallen hätte (die Hauptdarsteller hatten Cash und Carter selbst ausgesucht). Johnny Cashs erste Frau Vivian (gespielt von Ginnifer Goodwin) und er hatten sich beinahe zehntausend Briefe geschrieben als er bei der Air Force war. Manches davon hat Vivian Cash in ihre Autobiographie I Walked the Line: My Life with Johnny hineingeschrieben. Das haben die Drehbuchautoren in den Film einfliessen lassen. Vivian Liberto Cash Distin, die Mutter von Rosanna Cash ist zwei Jahre nach Johnny Cash und June Carter gestorben. Rosanna hat den dreien mit ihrer CD Black Cadillac ein rührendes Denkmal gesetzt.

Bei dem Johnny Cash Memorial Tribute im Ryman Auditorium in Nashville am 10. November 2003 hatte Rosanna Cash September When It Comes gesungen. In das Lied war die Stimme von Johnny Cash hinein montiert worden, und gleichzeitig konnten die Trauergäste auf einer Leinwand Photos aus dem Familienalbum ➱sehen. Ich kriege dabei immer Tränen in die Augen.



P.S. Für alle diejenigen, die Schwierigkeiten hatten, die unten im Kommentar von Kraftgenie (Danke dafür!) genannte Adresse zu öffnen, stelle ich die interessante Photostrecke von Alex Soth mal eben hier als ➱Link hin.

Kommentare:

  1. Hier ist er aufgewachsen:
    http://alecsoth.com/photography/projects/sleeping-by-the-mississippi/

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  2. Sogenannte country music hab ich eigentlich immer wieder mal gehört. Aber wirklich angesprungen bin ich erst als ich NASHVILLE LADY sah. Den autobiografischen Film über Loretta LYNN mit Tommy lee Jones übrigens. Den hab ich noch auf einer alten nicht mehr so guten Videokassette.
    Da musste WALK THE LINE natürlich auch sein. Klasse Film. Seit dem höre ich im Auto auf langen Fahrten öfter wieder Country.

    Übrigens: Musikfilme machen können die Amis.
    Tina – What’s Love Got to Do with It? - Für einen der erst die spätere Tina "kennen" lernte, auch wenn Eike & Tina schon auf unsere Kassettenrecorder gerieten (Mitte der Siebziger), ein schöne Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

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