Samstag, 5. Februar 2011

Regency


Heute vor zweihundert Jahren ist der Prince of Wales durch den Regency Act zum Prinzregenten ernannt worden. Die Gesundheit seines Vaters George III hatte sich nach dem Tod seiner jüngsten Tochter Amelia rapide verschlechtert, nun erklärt man ihn für regierungsunfähig. 1788 hatte man schon einmal ein Gesetz erlassen, dass den Prince of Wales berechtigen sollte, England zu regieren, aber bevor es in Kraft treten konnte, hatte sich der König erholt. Von dieser Episode handelt Alan Bennetts Theaterstück The Madness of George III, aus dem auch ein erfolgreicher Film wurde. Für den Film wurde aus dem George III des Theaterstücks ein einfaches George, man fürchtete, dass simple Amerikaner sich nach The Madness of King George I und II erkundigen könnten.

Die neun Jahre bis zum Tod des Königs George bezeichnet man im Englischen als Regency, aber der Begriff bedeutet noch mehr. Er ist, vor allem kunstgeschichtlich, ein umbrella term für eine Epoche, die zwischen dem Georgian und dem Victorian Age liegt. Grob gesagt zwischen der Französischen Revolution und der Krönung von Victoria. Es ist eine der interessantesten Epochen Englands. Was können wir nicht alles unter diesem Schirm unterbringen! Die napoleonischen Kriege, der Triumph der Royal Navy, Vorromantik und Romantik, die zweite Phase der englischen Portraitkunst mit Lawrence, Raeburn und Hoppner, die englische Landschaftsmalerei, Regency Möbel, die Industrial Revolution et cetera. Die Romane von Jane Austen, die diese Welt so schön beschreiben, wollen wir auf keinen Fall vergessen. Und die Regent Street, deren Bau während der Regency begonnen wird, natürlich auch nicht. Und auch die Dandies müssen wir erwähnen, denn kaum jemand ist eine solche Symbolfigur für das Age of Elegance (wie der Historiker Arthur Bryant seinen Band über diese Zeit genannt hat) wie der ➱Dandy. Ich betone das jetzt mal, damit die Leser, die aus den Dandy Blogs zu mir gewandert sind, sich mal wieder ein wenig zu Hause fühlen.

Ich kann hier nicht, von gestern auf heute, eine Sozialgeschichte dieser Zeit schreiben. Aber da ich mich dort genügend auskenne, erlaube ich mir mal, Ihnen eine kleine Leseliste an die Hand zu geben, damit Sie sich zu Fachleuten für die Regency Epoche machen können. Also mal abgesehen von den Romanen von Jane Austen. Obgleich man die unbedingt lesen sollte. Jane Austen hat übrigens hier im Netz einen sehr schönen Blog. Man kann natürlich auch Georgette Heyer lesen, eine Art Jane Austen für Arme, ist aber noch immer oberhalb von Barbara Cartland. Man kann auch den englischen Wikipedia Artikel lesen, der ist gar nicht schlecht, allerdings kommen meine Lesetipps nicht in der Literaturliste dort vor. Das beruhigt mich sehr.

Ich lasse den George Augustus Frederick, der heute vor 200 Jahren Prinzregent wurde, mal draußen vor. Das Bild von John Hoppner, gemalt als er noch jung und schön war, mag genügen. Wir haben ihn ja gestern schon kennengelernt, und er tauchte in diesem Blog schon einmal auf. Nicht dass dies das letzte Wort wäre, das letzte Wort zu ihm ist Christopher Hibberts 850-seitige Biographie (bei Amazon Marketplace ab 1,12€). Ich weiß nicht, warum Hibbert ihn mag, es ist eine erstaunliche Leistung, so nett über solch ein Ekelpaket zu schreiben. Hibberts 465-seitige Biographie über ➱George III wirkt dagegen eher blässlich. Und auch wenn ich den fetten George nicht ausstehen kann, Hibberts Buch ist natürlich Pflichtlektüre.

London verändert sich in dieser Zeit. Nicht nur die Regent Street wird gebaut, das Herz von London wird komplett umgebaut. Dies ist auch eine Sternstunde der englischen Architektur - nicht nur in London, auch in Bath oder Brighton. Für die Veränderungen der Hauptstadt, architektonisch und sozial, kann es nur eine Buchempfehlung geben. Und das ist der fette Katalog Metropole London: Macht und Glanz einer Weltstadt 1800-1840. Das war eine Ausstellung der Kulturstiftung Ruhr 1992 in der Villa Hügel. Erschienen in Recklinghausen bei Aurel Bongers, 624 Seiten und durchgehend farbig illustriert. Noch vier Exemplare bei Amazon Marketplace, aber über 50 beim ZVAB. Zum Teil lächerlich billig. Es gibt nichts Schöneres und Besseres zu allen Aspekten des Regency London! Auch die vornehmen Londoner Clubs - und natürlich die Dandies - kommen in diesem Buch nicht zu kurz.

Ich wünschte mir, dass mein Lieblingshistoriker Christopher Hibbert eine Sozialgeschichte der Regency Epoche geschrieben hätte. Hat er leider nicht, aber er hat nette Dinge über An Elegant Madness: High Society in Regency England gesagt (A delightful book, well researched and highly entertaining). Obgleich ich das Buch der Journalistin Venetia Murray aus dem Jahre 1999 nicht soo toll finde. Ist aber besser als nix. Das lesenswerteste Werk eines Historikers zur Regency Epoche bleibt immer noch ein Buch, das schon sechzig Jahre alt ist, Arthur Bryants The Age of Elegance: 1812-1822. The most brilliant book that Mr Bryant has given us. It is wonderfully written, it carries us forward breathlessly, urteilte der Historiker A.L. Rowse damals. Man kann das nach sechzig Jahren nur unterschreiben. So fesselnd Bryant das alles beschreibt, er ist nicht geblendet vom Glanz der Epoche. Er sieht durchaus (beginnend mit Kapitel IX: The other side of success) die Schattenseiten: die Auswirkungen der Industrialiserung, die Ausbeutung der Arbeiter, das Peterloo Massacre, die Kriminalität. Also das, was zum Beispiel William Blake in seinem Gedicht London thematisiert hat.

Am Vorabend der Schlacht von Waterloo tanzt man in Brüssel auf dem Ball der Herzogin von Richmond (there never was such a ball!) Thackeray hat das in Vanity Fair beschrieben. Nach der Schlacht wird  die englische High Society weiter tanzen. Aber es ist, täuschen wir uns nicht, ein Tanz auf dem Vulkan. Die Welt sieht nicht ganz so aus, wie Georgette Heyer es uns glauben machen will.

Wenn wir aber noch einen Augenblick bei der High Society verweilen wollen, müssen wir noch auf zwei Sittenbilder aus der Feder zweier prominenter Dandies kommen. Das erste sind die Reminiscences of Captain Gronow, formerly of the Grenadier Guards and M.P. for Stafford, being Anecdotes of the Camp, the Court, and the Clubs, at the close of the last War with France, related by himself, denen noch drei weitere Bände folgen sollten. Es gibt kaum einen anderen Dandy, dessen Lebenserinnerungen von Historikern so ausgebeutet worden sind, und die Lektüre dieser charmanten Plaudertasche Rees Howell Gronow lohnt sich unbedingt. Auch wenn vielleicht nur die Hälfte wahr ist.

Der zweite Literaturtipp sind die Briefe eines Verstorbenen des Fürsten Pückler, die in vier Bänden (in etwas seltsamer Reihenfolge) in Stuttgart bei Franck und Hallberger 1830–1831 erschienen sind. 1.008 Seiten in der Ausgabe von Heinz Ohff (der auch mit Der grüne Fürst: Das abenteuerliche Leben des Hermann Pückler-Muskau eine schöne Pückler Biographie geschrieben hat), aber was ist das für eine Lektüre! Pückler erfindet mit seinen Reisebriefen aus England für die deutsche Literatur eine neue Form, die nie wieder übertroffen wurde. Unser deutscher Dandy, der in einem Café in Unter den Linden mit einer von vier Hirschen gezogenen Kutsche vorfuhr, nicht ausstieg, sondern ein Buch las (was für eine Inszenierung!), ist nicht nur ein Dandy und ein Architekt von von Landschaftsgärten, er kann auch schreiben.

So, das wäre es für heute. Sie können jetzt anfangen, beim ZVAB und bei Amazon Marketplace Bücher zu bestellen. Und für die Dandy Fans: ich mache demnächst mit Beau Brummell weiter.

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