Donnerstag, 5. Juli 2012

Alan Bennett


Das hier sieht aus wie ein Selbstportrait von David Hockney. Ist es aber nicht. Ist ein Selbstportrait des jungen Alan Bennett. Es dient dem Schriftsteller für eine wunderbare kleine Anekdote in seinem Film ➱Portrait or Bust, den er für die BBC gedreht hat. Der sehenswerte Film über die Leeds Art Gallery ist in dem fetten Viererpack mit drin, der ➱Alan Bennett at the BBC heißt. Zusammen mit vielen Sachen, die zum Besten gehören, was Alan Bennett für Film und Bühne geschrieben hat. Wie zum Beispiel 102 Boulevard Haussmann, das Stück über Marcel Proust (hier gespielt von Alan Bates). Als ich vorgestern über ➱Marcel Proust Filme schrieb, fiel mir das als erstes ein. Eine wunderbar stimmige ➱Dramatisierung jener Episode in Prousts Leben, wo er sich eine Gruppe von Musikern mietet, damit sie in seiner Wohnung seine Lieblingsmusik spielen. Und dann gibt es da noch ➱An Englishman Abroad und ➱A Question of Attribution, beides von John Schlesinger für die BBC verfilmt. Jeder dieser Filme wäre schon den Kaufpreis des DVD Pakets wert (und wenn Sie die Links anklicken, können Sie sehen, dass sie auch schon hier im Blog vorkamen).

Alan Bennett hat etwas länger gebraucht, bis er der beliebteste englische Schriftsteller geworden ist. Aber 1997 konnte der Faber Verlag auf den Band ➱Writing Home (der zuerst 1994 erschienen war) schon the number one bestseller draufschreiben. Der voluminöse Band, dem 51 Photos aus allen Stadien des Lebens von Bennett beigeben waren, enthält das, was Bennett außer seinen Theaterstücken und seinen Filmskripts so nebenbei geschrieben hat. Tagebücher, die Vorworte zu den Theaterstücken, Essays über Schriftsteller, Schauspieler und seine Erfahrungen mit der Welt des Films. Und die kleine Skizze The Lady in the Van, die jetzt auch in Deutschland Neuauflagen als Einzeltitel (Die Lady im Lieferwagen) erlebt. Und beinahe 200 Seiten Tagebucheintragungen aus den Jahren 1980-1995. Es gibt wohl kaum einen englischen Schriftsteller, der in den letzten 50 Jahren so produktiv gewesen ist wie Alan Bennett. Und so witzig. Marvellous, marvellous, marvellous urteilte der Independent. Und mehr kann man eigentlich nicht sagen.

In Deutschland ist Die Souveräne Leserin (The Uncommon Reader) sehr bekannt geworden. Es wäre unfein, jetzt zu verraten, was der Königin zustößt, wenn sie auf der Suche nach den Corgis den Wagen der Fahrbücherei im Hof des Schlosses sieht. Und es wäre auch unfein zu verraten, wie es in Cosi fan Tutte weitergeht, wenn das Ehepaar aus der Oper zurückkommt. Da kann man nur sagen: kaufen und lesen!

Dies hier ist natürlich nicht Alan Bennett, das ist Bo Derek in dem Film 10. Erinnern Sie sich noch an den kleinen Typen neben ihr? Das war Dudley Moore. Viel zu früh gestorben, ein wunderbarer Comedian und Jazzpianist. Er hatte in Oxford Musik studiert und den jungen Geschichtsprofessor Alan Bennett in seine Satireshow ➱Beyond the Fringe geholt. Da hat Alan Bennett seine Universitätskarriere aufgegeben, von da an war die Bühne sein Metier, als Schauspieler oder Bühnenschriftsteller. War vielleicht besser so. Über Beyond the Fringe und all diese englischen Sendungen von The Goon Show (den Lieblingen von Prince Charles) bis zu Monty Python's Flying Circus schreibe ich ein anderes Mal.

Neben seinen Theaterstücken (und seiner Tätigkeit als Schauspieler) hat Bennett auch immer wieder Drehbücher geschrieben, häufig hat er eigene Stücke zu einem Drehbuch umgewandelt. Das hat ihm im Fall von The History Boys sehr viel Lob der Kritik eingebracht (und natürlich im Fall von ➱A Private Function sehr viel vergnügte Zuschauer). Für The Madness of King George hat Bennett sogar eine Oscar Nominierung bekommen. Das Theaterstück hieß The Madness of King George III. Für den Film hat man die römische Zahl weggelassen. Ich zitiere dazu einmal Alan Bennett mit seinem unnachahmlichen Stil: The title of the stage play is 'The Madness of King George III'. This was a marketing decision: the American backers somewhat shamefacedly explained that the audience might think, seeing 'The Madness of King George III', that they had missed out on 'The Madness of King George II', a survey having apparently shown that there were many moviegoers, who came away from Kenneth Branagh's film of 'Henry V' wishing they had seen its four predecessors. Where this leaves 'The Third Man' (or 'The Second Mrs Tanqueray') I'm not sure.

Wenn auch Alan Bennett zu Recht einen Teil der deutschen Leser erobert hat, muss man einschränkend sagen, dass er noch nicht überall angekommen ist. Vor vielen Jahren machte ich einer Kollegin, die für die Buchanschaffungen der englischen Literatur in unserem Institut zuständig war, den Vorschlag, doch einmal die gerade bei Faber&Faber erschienenen Theaterstücke von Bennett für die Bibliothek anzuschaffen. Meine Kollegin hörte mir höflich zu, aber es war mir schon klar, dass sie noch niemals von Alan Bennett gehört hatte. Ich habe gestern einmal in den Bestandskatalog der UB hineingeschaut (man kommt ja in beinahe alle deutschen Universitätsbibliotheken per Internet hinein) - die haben immer noch kein Buch von Alan Bennett! In solchen Augenblick merkt man, dass das wirkliche Leben an der Universität häufig vorbeiläuft.

In der berühmten Bodleian Library in Oxford, da besitzt man die Werke von Alan Bennett schon. Auch deshalb, weil er vor vier Jahren seine gesamten ➱Manuskripte und Unterlagen der Bibliothek geschenkt hat. Als Dank dafür, dass ihm der englische Welfare State eine kostenlose Bildung von der Schule bis zur Universität geschenkt hat. Ich nehme mal an, dass sich die Bibliothekare beim Inventarisieren der Schätze viel Zeit lassen. Wann hat man in einer Bibliothek schon mal was zum Lachen?

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