Samstag, 21. Juli 2012

Ivan Lapshin


Das erste Mal habe ich den Film nachts im Fernsehen gesehen, in der Programmzeitschrift stand nur Mein Freund Iwan Lapschin. Der Name des Regisseurs war mit Alexei German angegeben. Beides sagte mir damals nichts. Aber ich konnte den Film nicht vergessen. Ich hatte beinahe alle Bilder im Kopf, als hätte ich den Film selbst photographiert. Inzwischen besitze ich eine DVD. Zwar nur im russischen Original, aber was macht das, auf die Bilder kommt es bei diesem Film an. Man kann den Film übrigens auch wunderbar mit abgeschaltetem Ton ansehen. Ich mache das bei Filmen häufig, es ist ein Test, um herauszufinden, ob ein Film ohne Sprache und ohne Musik funktioniert. Probieren Sie das mal aus, es funktioniert allerdings nur bei guten Filmen.

Ich habe den Film hier im ➱Blog schon einmal erwähnt: Und Aleksei German [links] wollen wir nun gar nicht vergessen. Seinen Film 'Moy drug Ivan Lapshin', der im Englischen 'My friend Ivan Lapshin' heißt, habe ich dreimal gesehen. Ich halte ihn filmisch für einen der größten russischen Filme. Es ist mir gerade geglückt eine russische DVD zu bestellen, hoffentlich wird etwas daraus. Im Internet habe ich gelesen, dass Andrei Tarkowski meiner Meinung ist und Ivan Lapshin auch für den größten russischen Film hält, das beruhigt mich sehr. Als ich den Film zum ersten Mal sah, wusste ich nichts über den Film und den Regisseur, ich hatte auch keinen Computer, um etwas über den Film herauszufinden. Dank des Internets bin ich jetzt etwas schlauer. Und wenn die DVD jemals ankommt, schreibe ich bestimmt darüber. 

Sie ist angekommen. Ich mache das jetzt wahr, was ich versprochen habe. Ich arbeite all diese Versprechungen auf, die ich großmäulig im Blog gemacht habe. Das mit dem ➱amerikanischen Luminismus habe ich ja auch hingekriegt. Die DVD ist gerade mal wieder nicht lieferbar, offensichtlich habe ich das letzte Exemplar bekommen. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, Filme auf dem Computerbildschirm anzuschauen, können Sie den ganzen Film ➱hier sehen. Mit oder ohne Ton.

This is my declaration of love for the people I grew up with as a child, sagt der Erzähler am Anfang des Film in der englischsprachigen Version, die leider wieder aus dem Internet verschwunden ist. Es ist eine Liebeserklärung an die einfachen Leute in einer Zeit, die zu den schlimmsten Jahren der Sowjetunion zählt. Es ist eine traurige Geschichte, die sich vor einem halben Jahrhundert, nur fünf Minuten von hier abgespielt hat, sagt der Erzähler. Dabei ist das, was er erzählt gar nicht so traurig, es wird viel gescherzt in diesem einfachen Leben. Die wirklich traurige Geschichte steht noch bevor. Die Erinnerung kann vergessene Gesichter und Fetzen der Unterhaltung heraufbeschwören, hört man den Erzähler sagen. Dies ist keine offizielle Geschichtsschreibung, dies ist eine subjektive Erinnerung.

Wir sind im Jahre 1935 (also noch vor dem Großen Terror von Stalin) in einer Provinzstadt namens Unchansk, die nur auf der Landkarte der Imagination zu finden ist, die jede Provinzstadt der Sowjetunion sein könnte. Der Erzähler des Films lebt mit seinem Vater in einem kommunalnaya kvartira, wo auch der örtliche Polizeichef Ivan Lapshin wohnt. Und viele andere. Die manchmal klaustrophobischen (und dennoch durch die exzellente Kameraarbeit klar strukturierten) Räume beherbergen einen Querschnitt der Bevölkerung. Es sind diese Räume, an die sich der Erzähler erinnert. Und an den Geruch von Ivan Lapshins Zigaretten. Das klingt ein wenig nach Prousts Madeleine.

Alexander, der Erzähler des Films, ist damals neun Jahre alt, er kann nicht identisch sein mit dem Regisseur, der erst 1938 geboren wurde. Anfang und Ende - Prolog und Epilog - des Films sind die Rahmenhandlung. Das ist die Zeit, in der sich der inzwischen erwachsene Erzähler an das Jahr 1935 erinnert (und er fügt hinzu, dass da auch noch die Erzählungen seines Vaters waren). Der Erzähler ist den ganzen Film über immer wieder als Stimme im Off vorhanden. Also das, was die Theoriefuzzis extradiegetische Narration nennen. Anfang und Ende sind in Farbe gedreht, der Rest des Filmes ist eine (durch Filter während des Drehs) eingefärbte Welt in Schwarzweiß und in Sepiatönen (in der manchmal wieder die Farbe durchscheint). Das ist auf den ersten Blick etwas verwirrend, unterstreicht aber die fragmentierte Flashback-Erzählstruktur, die auch eine Suche nach der verlorenen Zeit ist.

Die Kamera leistet die Erinnerungsarbeit, lange Einstellungen wechseln mit hektischen Schnitten, Szenen, die mit einer Handkamera aufgenommen wurden. Das Ganze wirkt ohne jede Ordnung, unordentlich, unfertig - so wie die Gesellschaft auf der Suche nach dem großen Ziel noch ohne Ordnung ist. Eine filmische Beschreibung (mit vielen kleinen Gesten und Nebenhandlungen) dessen, was Bert Brecht die Mühen der Ebene genannt hat.

The story I am telling is about the real life of these peoples, their faith, their melancholy, the fact that they go straight ahead toward communism without understanding that the road is long and dangerous. Maybe these people included my father and my mother, hat German in einem Interview gesagt. Und in gewissem Sinne ist es auch seine Geschichte, weil die Vorlage für das Drehbuch Erzählungen seines Vaters Yuri German waren (was er ja auch den Erzähler des Films sagen läßt). Yuri German, dessen Vater und Großvater zaristische Generäle gewesen waren, ist in den dreißiger Jahren ein berühmter Schriftsteller gewesen. Er hat die Geschichten vom NKWD Kommissar Lapschin geschrieben, als er noch ein junger Mann war. Aber was bei ihm eine propagandistische Verherrlichung eines ungeliebten Berufsstands war, gerät bei seinem Sohn zu einem ganz anderen Bild. Yuri Germans Lapshin ist eine zweidimensionale Figur, sein Sohn macht einen wirklichen Menschen aus ihm. So who is this person, Lapshin? In a certain way, he is a normal person. In a certain way, he is a communist. And in a certain way, he is a very nice man, a kind person. You see that he's a conformist, you see that he's is a very good man. And there you see them all marching in step.

Wir waren ganz sicher, dass wir mit allem fertig werden konnten, beschreibt der Erzähler den Optimismus der damaligen Zeit. Der architektonisch etwas klägliche Siegesbogen, der immer wieder ins Bild kommt, bedeutet den Bewohnern von Urchansk wie alle Symbole der Revolution sehr viel. Die Musikkapellen (es scheint so viele Kapellen wie Einwohner zu geben, sagt Natascha in komischer Verzweiflung am Schluss) sind immer präsent. Am Ende sehen wir eine Kapelle auf einem Waggon, der an die Straßenbahn angehängt ist, unablässig, schon beinahe verzweifelt das Lied von der Einheitsfront spielend. Vorne an der Straßenbahn sehen wir (zum ersten Mal in diesem Film) das Portrait von Stalin.

Die Melodie klingt dann in den Epilog hinein (der jetzt wieder in Farbe ist). Wir sehen die Stadt und den großen Fluss in einem warmen, beinahe goldenen Licht. Ein Bild, das es in diesem Gedankenstrom der Bilder schon zweimal gab. In Schwarzweiß sehen wir die Wolga schon einmal für wenige Sekunden (ziemlich genau in der Mitte des Films), wenn der Journalist Khanin in die Gemeinschaftswohnung einzieht. Und ein zweites Mal, bevor Lapshin zu seiner Aktion gegen die Banditen aufbricht. Wir haben in dem Schlussteil auch modernere Straßenbahnen als auf der 1935 Ebene des Films im Bild. Der Erzähler sagt, dass es in den alten Tagen nur die Linien 1 und 2 gab, jetzt gäbe es jedes Jahr eine neue Linie. Aber das soll uns nicht täuschen. Nirgendwo in dem Farbteil der Rahmenhandlung wird angedeutet, dass die Stadt Urchansk, die sich über den Fluss und in die Steppe hinein ausgebreitet hat, in den achtziger Jahren das Paradies ist. Das, wovon die Idealisten wie Lapshin damals träumten. Dieses neue Uchansk ist, wie die damals erträumte Sowjetrepublik, weit weg. Weit weg von dem Erzähler, der wie Proust dabei ist, die verlorene Zeit wieder einzufangen und uns diesen einen Moment in der Geschichte der Sowjetunion vor Augen zu führen. Und sie ist auch weit weg von uns, wir sehen die Stadt nur aus den Fenstern des Hauses des Erzählers.

Ich bin doch keine von den jungen Damen von Tschechow, sagt die Schauspielerin Natascha, die unglücklich in Lapshins Freund Khanin verliebt ist. Als ich den Film zum ersten Mal sah, damals noch mit deutschen Text, sagte ich an dieser Stelle unwillkürlich in das leere Wohnzimmer hinein: Aber das Ganze ist doch reiner Tschechow. Ich konnte damals nicht wissen, dass der Regisseur etwas Ähnliches über seinen Film gesagt hatte. German hat auch gesagt, dass es ein Film über die Einsamkeit ist. Und dass es eine Hommage an Boris Pasternak ist, aus dessen Gedichten der Film immer wieder Bilder gewinnt. Wie den neunjährigen Erzähler, der auf Skiern durch die Wohnung stapft.

Der Regisseur hatte große Schwierigkeiten, seinen Film zu drehen. Filme, die in irgendeiner Weise auf den Terror der Stalinzeit verwiesen, waren noch nicht opportun. Bei der ersten inoffiziellen Vorführung 1982 gab es zwar den Beifall der Zuschauer, doch die Hauszeitschrift seines Studios Lenfilm bezeichnete den Film wenig später als gadkaia kartina, einen schlimmen Film. Erst 1984 durfte der Film veröffentlicht werden, und als Glasnost Wirklichkeit geworden war, wählten die russischen Filmkritiker Germans Film zum besten sowjetischen Film aller Zeiten. Noch vor Sergei Eisenstein, Pudowkin und Wertow. Viele westliche Filmkritiker äußerten sich ähnlich, wenn Sie ➱hier klicken, kommen Sie zu einer hervorragenden Sammlung von Filmrezensionen. Und ➱➱hier gibt es ein langes Interview, das Ronald Holloway 1988 mit dem Regisseur geführt hat. Das vielleicht wichtiger ist als viele der Rezensionen.

Der Film endet mit der Abreise des Journalisten Khanin. Es gibt kein happy ending, weder für Khanin und Natascha noch für Lapschin und Natascha. Die stille Melancholie, die über der Abschiedsszene liegt, verdeutlicht den Satz von German: it's quite clear that these people are not going to see the year 1937. Polizeioffiziere, Journalisten und Schauspielerinnen sind als Opfer für Stalins Terror geradezu prädestiniert. We shall clean up the earth and plant a garden, and we ourselves will live to walk in it, sagt Lapschin, und die Schauspielerin Natascha träumt davon, dass man im Jahre 1938 vier Millionen Flaschen Champagner herstellen wird. Sie werden das mit dem Garten wohl nicht erleben. Das mit dem Champagner ganz bestimmt nicht.

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