Sonntag, 22. Juli 2012

overcoats


So etwas sieht man heute ja nicht mehr so häufig, ist natürlich englisch (ist auch noch wirklich ➱Made in England). In diesem Fall Chester Barrie (gerade für vierzig Euro bei Ebay gefunden). Ich hatte mal beinahe den gleichen, der war aber von Christonette of Copenhagen, einer Firma, die hervorragende Mäntel machte. Gibt es auch nicht mehr, der Markenname ist an Otto Aulbach verkauft worden (die heute Daniel Hechter heißen). Hat aber nichts mehr mit der originalen Christonette Qualität zu tun. Diese Mäntel mit den großen Karos stellen (man sollte wohl besser sagen stellten) sie in England wahrscheinlich nur für die Touristen her. Weil die glauben, dass alles mit großen Karos echt englisch ist. In England macht man wahrscheinlich nur Pferdedecken aus solchem Stoff. [Sie müssen sich jetzt einen großkarierten Chester Barrie Mantel vorstellen, die Teufelchen des Internets haben mir die Abbildung geklaur]

Dieser Herr würde das wahrscheinlich nicht tragen, das Bild zeigt ihn in seinem Lieblingsmantel (beachten Sie bei diesem Ulster den Rückengurt und die Ärmelstulpen). Den Mantel hat er schon einige Jahrzehnte. So etwas hat Stil. Ich möchte heute einmal ein wenig über jenes Kleidungsstück nachdenken, das im guten Englisch overcoat heißt und nicht coat. Solche Unterscheidungen gehen heute verloren, ebenso wie all die schönen Mäntel. Und die Firmen, die sie herstellten. Wer von den Firmen wie Baracuta (das trug 1966 die englische ➱Nationalmannschaft), ➱Driway, ➱Gannex, ➱Grenfell, ➱Invertere, Nicholson und Rodex (original W.O. Peake, dann von Aquascutum gekauft) ist denn heute noch im Geschäft? Aquascutum und Burberry (➱hier ein viel beachteter Post zu der Firma) schon, aber ihre Produkte sind ein Schatten der Qualität von gestern und vorgestern. Grenfell ist (wie Christonette of Copenhagen) nur noch ein Name, der nicht mehr für die Qualität von gestern und vorgestern steht. Heute gehört die Firma den Japanern.

Und deshalb hat Charles natürlich Recht. Wenn man sein Gewicht hält, kann man einen guten Mantel zwanzig, dreißig Jahre lang tragen. Wenn Alfred Kantorowicz den Mantel, den ihm Ernst Bloch 1924 in Positano geschenkt hatte, nicht im Spanischen Bürgerkrieg einem Kameraden geschenkt hätte, hätte er ihn wahrscheinlich ewig getragen. Die Geschichte findet sich in dem wunderbaren kleinen Buch, das Meine Kleider heißt, man kann es bei Amazon Marketplace ab 0,01 € bekommen. Lohnt sich unbedingt. Als Harold Macmillan 1959 nach Moskau flog, trug er den gleichen Mantel und die gleiche ➱Mütze, die er schon 1940 getragen hatte, als er Chruschtschow zum ersten Mal in Finnland traf. Der Mantel mit dem Pelzfutter war noch älter, Macmillan hatte ihn geerbt.

Der englische Gentleman kaufte einen teuren Mantel, weil er wusste, dass er sich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr um das Thema Mantel kümmern musste. Waren es doch Briten wie Charles Macintosh und Thomas Burberry, die den Regenmantel perfektioniert hatten. Vor einem halben Jahrhundert war die Welt der Regenmäntel und Mäntel noch fest in englischer Hand. Die beste Qualität war damals ihr Geld wert. Later I learned, among other things, never to buy cheap raincoats, sagt der Held in dem Roman ➱Room at the Top, der auf seinem Weg nach oben ist.

Natürlich gab (und gibt) es eine Etiquette für Mäntel, weil der Gentleman je nach Anlass einen anderen Mantel brauchte. Lassen wir einmal die Frackmäntel und die Mäntel mit dem ➱Astrachan Pelz weg. Das tragen Churchill und Macmillan - und zwielichtigte Gestalten in den Romanen von ➱Edgar Wallace. Es bleiben noch genügend Mantelmodelle für die Garderobe des Gentleman übrig. Das förmlichste Stück ist immer noch der graue Chesterfield mit dem Fischgrätmuster, der verdeckten Knopfleiste und dem schwarzen Samtkragen (die Pattentaschen aus Samt bei diesem Modell sind optional und sehr affektiert, damit kommt man nur als Dandy durch). Der Chesterfield hält sich seit Ende des 19. Jahrhunderts beharrlich in der Herrenmode.

Der Chesterfield sollte nicht mit dem Covert Coat verwechselt werden, nur weil der auch einen Samtkragen hat. Denn der Covert Coat (den es natürlich auch ohne Samtkragen gibt) ist eher ein sportlicher Mantel, selbst wenn er keine Raglanärmel hat. Angeblich sind die Abnäher am Saum und an den Ärmeln einmal dazu da gewesen, dass man den Mantel da abschneiden konnte, wenn er ausgefranst war. Irgendwie ist er eine Kreuzung zwischen einem Riding Coat und dem Chesterfield. Er ist auch, in gewisser Weise, der Beginn der Karriere von Jeremy Hackett:


At the time when I was selling second hand clothes, I would regularly visit Portobello Road on a Friday morning at the crack of dawn just as the stallholders were unpacking, in order to pick up the bargains. Out of black plastic bin liners would appear all sorts of goodies.
     One morning I spotted the edge of a velvet collar attached to a khaki coat. I pulled it out of the bag and discovered it was a covert coat. I gave it the once-over, checking for condition and general wear and tear. I immediately knew it was a bespoke coat, so I checked for a makers label, which would be sewn discreetly inside the inside breast pocket. There I found the name of the renowned Savile Row tailor – Huntsman. It cost me all of a tenner.
     Later back at the shop, I would sort out my haul from the market. What would need repairing, what needed to be laundered and what I would send to the dry cleaners. My customers were aware of this weekly ritual and they would often be waiting for the shop to open to see what new old kit was on offer. No sooner than I had unlocked the door, a man pounced on the Huntsman covert coat and asked how much I wanted for it? “Oh give me a hundred pounds” I replied casually, and the deal was sealed.
   This was the manner in which all the covert coats I found were sold - in a flash!


Der Mantel, der jahrzehntelang von der Bildfläche verschwunden war, und nur von dieser seltsamen Spezies Mensch getragen wurde, die ➱Sloane Ranger hieß, ist neuerdings wieder chic. Vor allem bei jungen nouveaux riches, die nicht ganz an die Sloane Ranger heran reichen (die wiederum nicht ganz an die upper class heran reichen). Wird auch neuerdings gerne ohne Jackett darunter getragen. Wenn ➱James Nesbitt das macht, dann sieht das sicherlich gut aus. Wenn ich das mache, komme ich mir doof vor. Für das Werbephoto wird der Covert Coat dann von solchen Leuten getragen wie hier auf dem Photo. Wenn ➱Jason Statham und sein Kumpel in Snatch als Kleinkriminelle diesen Mantel tragen (oben), dann geht das ja gerade noch durch. Weil Jason Statham alles tragen kann. Aber das hier mit diesen nerds geht nun wirklich nicht. Man sollte bedenken, dass der Mantel ja ein upper class Kleidungsstück ist, Cecil Beaton sah sehr gut in seinem kurzen Covert Coat aus, aber man kann so etwas nicht ungestraft appropriieren.

Und da sind wir bei einem wichtigen Punkt der Manteletikette, einen blauen Crombie Coat oder einen hellgrauen Pfeffer-und-Salz Tweedmantel kann jedermann tragen, aber bei einem ➱British Warm oder einem Covert Coat wird es gefährlich. Natürlich wird es auch soziologisch interessant mitanzusehen, welche Schichten sich zu welcher Zeit Kleidungsstücke aneignen, die niemals zu ihrer Klasse gehört haben. Der dunkelblaue Crombie Coat, einst ein Mantel der middle class, mit dem man nie etwas falsch machen konnte, ist neuerdings etwas, was die middle class ungern anziehen wird. Weil den plötzlich die Skinhead Szene zu ihrem Lieblingskleidungsstück erkoren hat. Da bleibt der middle class wahrscheinlich nur noch der österreichische ➱Lodenmantel, der in England in den letzten Jahrzehnten erstaunlich viele Anhänger gefunden hat. Es gibt dort sogar schon einen Versandhändler, der ➱Born for Loden heißt.

Dieser Mantel hier ist natürlich ein Klassiker. Man kann ihn in die Kategorie der Ulster Mäntel tun, auch wenn er keinen Rückengurt hat. Aber er hat die Ärmelaufschläge, die für diesen Manteltyp charakteristisch sind. Eigentlich ist es ein Sportmantel, Prince Charles trägt ihn hier mit förmlicher Kleidung, trägt den selben ➱Mantel aber auch auf dem Land mit Gummistiefeln. In den sechziger Jahren war der Mantel mal sehr in, als Kaschmir-, Kamelhaar- oder Lamamantel. Da wurde er vornehmlich von von italienischen Filmproduzenten getragen. Und von ➱Karajan und mir. Ich passe in meinen nicht mehr hinein, er hat aber Jahrzehnte gehalten, genau wie der von Charles. Heute sind solche Mäntel ein klein wenig außer Mode gekommen - wie alle zweireihigen Mäntel.

Und natürlich hat der Manteltyp, vor allem der gelbe Kaschmirmantel auch in dem üblichen trickling down Zyklus einen Statusverlust erlitten. Ist direkt von der Prominenz zur Halbwelt gewandert. Das sieht dann so aus, und das lassen wir lieber unkommentiert. Diese St. Pauli Kiezgröße ist inzwischen auch schon Rentner. Doch irgendwie ist im deutschen Mann - und wahrscheinlich nur in dem - dieser Traum vom gelben Kaschmirmantel. So las ich letztens im Internet (in der Beschreibung irgendeines Outlets): Mein Mann hat neulich einen Burberry Kaschmirmantel dort gekauft für 350 Euro. Das war immer sein größter Traum, jetzt hat er ihn sich zu einem Sensations-Preis gegönnt. Schade nur, dass er ihn nun nicht trägt, da er ihm zu schade ist und er ihn schonen will. Das spricht für sich selbst, wir lassen es auch lieber unkommentiert.

Meine kleine Revue englischer Mäntel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einen Mantel sollte man aber noch unbedingt erwähnen: den guten alten Tweedmantel. Also dieses Teil, das nach Der Doktor und das liebe Vieh aussieht. Ein wirklicher Klassiker, der kann auch ruhig viel kürzer sein als dieses Modell hier. Ist auch einer der wenigen Mäntel, der kniekurz und donegalgefleckt wirklich zu Jeans passen. Gucken Sie sich mal das Photo auf Seite 136 (der Beginn des Kapitels Joe College) in Jocks and Nerds: Men's Style in the Twentieth Century an. Da trägt jemand 1984 einen fünfziger Jahre Vintagemantel und sieht toll damit aus.

Die Klamottenindustrie wirft den auch alle paar Jahre wieder auf den Markt. Ist aber meistens nicht the real thing. Wie dieses Teil, das Daniel Day-Lewis hier trägt. Zu eng, zu italienisch. Wenn die Designer nur einmal damit aufhören könnten, sich an den Klassikern zu vergreifen! Gucken Sie sich doch mal eben diesen Louis Vuitton ➱Tweedmantel für 3.725 $ an. Die 3.725 Dollar sind übrigens nicht der Preis des Mantels, das sind die Strafgebühren für den schlechten Geschmack, wenn man ➱Louis Vuitton trägt. Ich habe bei meiner Übersicht über die Mantelklassiker bestimmt welche vergessen. Macht nix, kann ich noch ein anderes Mal drüber schreiben.

Förmliche Mäntel sind der Körperform angepasst, je sportlicher der Mantel ist, desto weiter darf er sein. Man kann das hier schön an dem Titelbild der Fachzeitschrift Sir (Nummer 3 des Jahres 1957) sehen. Es wurde von ➱René Gruau gezeichnet, zu erkennen an dem kleinen G mit einem Stern darüber unten rechts. Der Stern war ursprünglich ein Tintenklecks, Gruau machte es zu seinem Markenzeichen. Dies war das erste Heft von Sir, in dem die Zeichnungen von Gruau, des besten aller Modezeichner, erschienen. Es ist seine Kunst, dass wir in der Vereinfachung mit einem Blick alles erkennen können: der schwarze Homburg, der schwarze Schirm und die gestreiften Beinkleider signalisieren ebenso wie der enganliegende Mantel ein förmliches Kleidungsstück. So etwas hätte Lord Harris tragen sollen, als er die Royal Enclosure in Asccot mit einem braunen Bowler und in Tweed gehüllt, betrat. Was die Bemerkung von König Edward VII provozierte: Morning Harris, going ratting?

Und wenn Sie etwas wirklich Exklusives haben wollen, was Sie zur Not auch zur Rattenjagd tragen können, dann tragen Sie den Mantel, den Richard E. Grant in dem Film Withnail and I anhatte. Der Film war kaum abgedreht, da machte der Mantel schon Furore. Das Original wurde für fünftausend Pfund bei einer Auktion für einen guten Zweck verkauft, aber es gibt schon ➱Nachschub für dies exzentrische Stück. Oder Sie gucken mal bei Ebay nach so etwas Schönem wie meinem Chester Barrie Mantel. Natürlich ist das englische ➱Ebay ergiebiger als das deutsche, aber auch hier kann man etwas finden; ➱britsecondhand in Berlin hat manchmal interessante Sachen. Man muss nur einfach geduldig jede Woche Namen wie Aquascutum, Austin Reed, Baracuta, Chester Barrie, Crombie, Daks/Simpson, Dunn & Co, Grenfell, Harrod's, Invertere, Nicholson, Rodex, Saxon Hawk und Tibbett bei der Suche eintippen. Niemals Darebridge oder Wellington of Bilmore. Trotz der schönen Namen: das sind deutsche Firmen.

Und weil er so schön ist, stelle ich zum Schluss meinen neuen alten Chester Barrie Mantel noch einmal hier hin [also meiner sieht so aus wie dieser, nur in braun]. Eigentlich sollte ja jetzt Sommer sein, aber bei diesen Temperaturen kann man den abends beim Spaziergang durchaus tragen. Und damit das Ganze auch noch ein wenig Niveau bekommt, habe ich noch eine schönes Mantelzitat aus Victor Hugos Les Misérables (es findet sich im Kapitel II des 12. ➱Buches): "Ah, by the way, Laigle of the funeral oration, your coat is old." "I should hope so," retorted Laigle. "That's why we get on well together, my coat and I. It has acquired all my folds, it does not bind me anywhere, it is moulded on my deformities, it falls in with all my movements, I am only conscious of it because it keeps me warm. Old coats are just like old friends.

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