Samstag, 28. Juli 2012

Karl Popper


Vor 110 Jahren wurde Karl Popper geboren. Die englische Königin hat den Philosophen, der 1937 Wien endgültig verließ, zum Ritter geschlagen und ihn zum Companion of Honour ernannt. In Deutschland wurde der Philosoph etwas bekannter, weil Helmut Schmidt ihn irgendwann zu seinem Lieblingsphilosophen machte und ihn ständig zitierte. Wenn er nicht Kant oder Max Weber zitierte. Das ist wahrscheinlich nicht so schwer, mit ein wenig Mühe findet man bei jedem Philosophen das richtige Zitat für den richtigen Anlass. Wofür wären die Philosophen sonst da? Ich habe natürlich auch ein Zitat gefunden, das mir sehr gut gefällt:

Aus meiner sozialistischen Jugendzeit habe ich viele Ideen und Ideale ins Alter gerettet. Insbesondere: Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann. […] Was ich oben (Punkt 1) die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so ‚tiefen‘ Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass Karl Popper den Richard David Precht vorausgeahnt hat. Karl Popper ist auf einem krummen Weg zur Philosophie gekommen, er ist einmal Volksschullehrer gewesen. Wie Ludwig Wittgenstein. Aber ich nehme an, dass er ein besserer Lehrer war als der Chaot Wittgenstein, der schon in einer einklassigen Dorfschule pädagogisch überfordert war. Popper hat auch eine Tischlerlehre abgeschlossen. Er war wohl nicht unbedingt ein begabter Tischler. Während er neben seinem Meister an einer größeren Bestellung von Schreibtischen arbeitete, pflegte ihm sein Meister knifflige Fragen zu stellen: "Und wissen S", fragte der Lehrmeister mich, "wer die Schaftstiefel erfunden hat? Nein? Dös wissen S' net? Das war der Wallenstein, der Herzog von Friedland, im Dreißigjährigen Krieg!" Und nachdem er ein oder zwei noch schwierigere Fragen gestellt und triumphierend selbst beantwortet hatte, pflegte er mit bescheidenen Stolz zu sagen: "Da können S' mi frag'n, was Sie woll'n, Ich weiß alles!"
     Ich vermute, daß ich über Erkenntnistheorie mehr von meinem lieben, allwissenden Meister Pösch gelernt habe als von irgendeinem meiner Lehrer. Keiner hat so viel dazu beigetragen, mich zu einem Jünger von Sokrates zu machen. Denn mein Meister lehrte mich nicht nur, daß ich nichts wußte, sondern auch, daß die einzige Weisheit, die zu erwerben ich hoffen konnte, das sokratische Wissen von der Unendlichkeit meines Nichtwissens war.

Es ist schön, wenn sich Philosophen darüber klar sind, dass sie nichts wissen. Der englische Philosoph Bryan Magee (der auch auf einem seltsamen Weg zur Philosophie gekommen ist), sagt in seinem ➱Buch Confessions of a PhilosopherIf there could be said to be one insight that pervaded Popper's metaphysical outlook as a whole it might be expressed in the words: 'We don't know anything.' Und er steuert wenige Seiten später auch noch eine bezaubernde Anekdote bei: When he first gave me directions about how to get to his home he told me I should take the train from St Marylebone to Havacombe and then get a taxi. I had never heard of Havacombe, but saw no reason to anticipate difficulty. However, when I tried to buy the ticket at St Marylebone they told me there was no such station as Havacombe. Only in the ensuing discussion did it emerge that what Popper had been saying was High Wycombe. From High Wycombe station the taxi was driven then, and for many years subsequently, by a driver of Greek extraction called Plato. He always asked with a great show of interest after 'the Professor'. A typical exchange between him and me was: 'What's the Professor working on these days?' 'He's writing an autobiography.' 'Really? What about?'

Die Autobiographie, die hier erwähnt wird, heißt Unended Quest - An intellectual autobiography. Sie ist in Deutschland 1979 als Ausgangspunkte: Meine intellektuelle Entwicklung erschienen, erlebte mehrere ➱Auflagen und ist immer noch lieferbar. Und es lohnt sich immer noch, sie zu lesen. Confessions of a Philosopher von Bryan Magee lohnt sich natürlich auch. Bryan Magee ist in England berühmt als ein Philosoph, der die Philosophie einem größeren Publikum vermittelt. Seit 1970 hat er für die BBC gearbeitet, zuerst für das Radio, dann für das Fernsehen. Wo er die führenden Philosophen der Gegenwart in Gesprächen vorstellte, da kann sich der Precht (der am 2. September seine Tätigkeit beim ZDF beginnt) noch eine Scheibe von abschneiden. Magees Buch Confessions of a Philosopher ist vordergründig eine Autobiographie, aber gleichzeitig auch eine sehr lesbare Einführung in die Philosophie. Von einem Philosophen, der ➱Schopenhauer mag, das findet man nicht so häufig.

Obgleich Bryan Magee Karl Popper sehr geschätzt hat, war er doch grundverschieden von ihm. Popper liebte die Einsamkeit, Magee verstand sich gut mit anderen Menschen, sonst wäre er kein Unterhausabgeordneter geworden und hätte nicht für die BBC gearbeitet. Aber so sehr er Popper mochte, er hat seine Philosophie nie ganz übernommen. Und da hätte ich zum Schluss noch ein schönes Zitat: Although I am sure there is an immaterial self I am far from being sure that it has any existence except in relation to a body. My own particular self may have come into existence when or after my body did, and may cease to exist when my body dies. It may be something that has evolved over millions of years in undisentanglable relationship with brains, and may have no way of existing separately from my brain. This was, for example, Popper's view. He was persuaded of its truth and untroubled by it. I am unpersuaded of its truth, and am deeply troubled by it.

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