Dienstag, 8. Februar 2011

The Birth of a Nation


Vor hundert Jahren war Thomas Dixon, Jr. in Amerika ein berühmter Mann. Er war der bekannteste Baptistenprediger des amerikanischen Südens, und auch im Norden bewunderte man seine rhetorische Begabung. Heute kennt ihn, wie man umgangssprachlich so schön sagt, kein Schwein mehr. Und diejenigen, die mit dem Namen etwas anfangen können, haben nur Spott und Verachtung für ihn übrig.

Als ihm die Wake Forest University einen Ehrendoktortitel verleihen wollte, hat er das abgelehnt und stattdessen einen Freund aus seinen Studientagen an der Johns Hopkins Universität vorgeschlagen. Den Namen Woodrow Wilson hatte damals noch niemand gehört. Dem wird Dixon später auch seinen Roman The Southener widmen: dedicated to our first southern-born President since Lincoln, my friend and collegemate WOODROW WILSON. Es ist für ihn wichtig, dass Wilson aus dem Süden kommt, denn Thomas Dixon ist auf der Welt, um die Ehre des Südens zu retten.

Als er noch Prediger war, hatte er Uncle Tom's Cabin auf einer Bühne gesehen. Für ihn war das eine Beleidigung des Südens: Finally, when the performance was over, he rose with tears in his eyes and vowed bitterly that he would someday tell the 'true story' of the South. Die einzig wahre Geschichte des amerikanischen Südens ist nach Meinung von Dixon, der im vorletzten Jahr des Bürgerkrieges geboren wurde, seine Trilogie von Romanen, die The Leopard's Spots, The Clansman und The Traitor heißen. The Leopard's Spots bezieht sich natürlich auf Jeremiah 13:23: Can the Ethiopian change his skin, or the leopard his spots? then may ye also do good, that are accustomed to do evil. Und für Dixon bedeutet das - und das ist die Botschaft des Baptistenpredigers und seine true story of the South - dass alle Schwarzen Untermenschen sind: .. no amount of education of any kind, industrial, classical or religious, can make a Negro a white man or bridge the chasm of centuries which separate him from the white man in the evolution of human nature.

Ich lasse solche Aussagen einmal unkommentiert, sie würden wahrscheinlich auch noch heute,  einhundert Jahre später, in bestimmten Teilen Amerikas auf Zustimmung stoßen. Ich bleibe mal einen Augenblick bei dem Romanautor Dixon. Der gar kein wirklicher Romanautor sein will, das Schreiben von Romanen ist für ihn nur ein Vehikel, um seine Botschaft ans Volk zu bringen. I have made no effort to write literature. I had no ambitions to shine as a literary gymnast. My sole purpose in writing was to reach and influence the minds of millions. I had a message and I wrote it as vividly and simply as I could. Millionen von Amerikanern werden ihn lesen, The Clansman kann man heute noch kaufen oder hier beim Project Gutenberg (die auch noch andere Werke von Dixon gespeichert haben) lesen. Nicht, dass es sich lohnen würde, das zu tun. Viele von den Bestsellern dieser Zeit dieser Zeit sind heute zu Recht vergessen. Owen Wisters The Virginian hat überlebt. Edith Whartons The House of Mirth auch. Wie The Clansman.

Ich hätte darauf verzichten können, Thomas Dixon aus seiner Gruft hervorzuholen, wenn nicht am heutigen 8. Februar im Jahre 1915 der Film The Birth of a Nation in die Kinos gekommen wäre. Der zuerst The Clansman heißen sollte, weil Dixons Roman die Basis für den Film war. Der, so ideologisch katastrophal er ist, eines der größten Filmkunstwerke des 20. Jahrhunderts ist. Es war der erste Film, der im Weißen Haus gezeigt wurde. Für den Präsidenten, natürlich niemand anderen als den Freund des Autors der Romanvorlage, war es like writing history with lightning. Für einen Teenie namens Margaret Mitchell aus Atlanta war der Film die Keimzelle für ihren Roman Gone with the Wind. Der Film wurde umgehend in einzelnen Bundesstaaten verboten. Und der Regisseur David Wark Griffith nahm sich die Proteste so zu Herzen, dass er sofort Intolerance drehte.

Der Literaturkritiker Leslie A. Fiedler hat in seinem Buch The Inadvertent Epic (1979) Thomas Dixon in einen größeren Zusammenhang gestellt. Für Fiedler sind die Romane Dixons Teil eines nationalen Epos,  understood as a single work, composed over more than a century, in many media, and by many hands, these constitute a hitherto unperceived Popular Epic. Die anderen Bestandteile dieses synthetischen Epos sind neben Dixons Romanen und Griffith' Film, Harriet Beecher Stowes Uncle Tom's Cabin, Margaret Mitchell Gone with the Wind und Alex Haleys Roots und die gleichnamige Fernsehserie. Dieser originelle Gedanke ist von Fiedler in den prestigeträchtigen Massey Lectures vorgetragen worden, und Fiedler zeigt sich hier als the wild man of American literary criticism wieder einmal von seiner besten Seite. So sympathisch mir es war, dass Leslie Fiedler mit Cross the Border — Close the Gap die Grenzen der Literaturwissenschaft zur Popular Culture hin geöffnet hat, nach Jahrzehnten des Dilettiertens im Bereich der Popular Culture komme ich doch lieber wieder auf die Klassiker zurück. Und ich werde auch Thomas Dixon kein zweites Mal lesen. Habe ich gestern probiert. Den Film von Griffith (der auf DVD leicht erreichbar ist) würde ich mir aber jederzeit wieder ansehen. Schauen Sie sich einmal diesen kurzen Clip an, das ist aufregendes Kino, wenn man bedenkt, dass The Birth of a Nation beinahe hundert Jahre alt ist.

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