Donnerstag, 17. Februar 2011

Jermyn Street


Sie gehen da jetzt mit der Zeit in der Jermyn Street, sie haben einen Internetauftritt. Ansonsten haben sie ähnliche Probleme wie in der Savile Row, nur dass ihre Produkte (wie zum Beispiel Oberhemden, Schuhe oder das Wellington ➱Rasierwasser von Trumper) ein klein wenig erschwinglicher sind als in der Row. Aber die Mieten steigen, und die Preise für Oberhemden kann man nicht ad infinitum erhöhen. Und außerdem drängen sich Firmen in die Strasse, die da früher nach Meinung vieler nicht hingehört hätten. Der Mail Order Versender Charles Tyrwhitt zum Beispiel (auch wenn gegen viele seiner Produkte nichts zu sagen ist).

Bevor ich jetzt mal eben meinen Hass auf Firmen zum Ausdruck bringe, die einem schweineteure Oberhemden unter dem Vorwand verkaufen, dass dies das beste Hemd der Welt sei, wo doch die Knöppe schon abfallen, kaum holt man es zu Hause aus der Tüte, also bevor ich das tue, möchte ich etwas über die Geschichte der Straße sagen. Damit ich hier nicht den Eindruck erwecke, es geht mir immer nur um oberflächliche Dinge. Und natürlich sind Hemden nichts Oberflächliches, sie sind ein Symbol - das weiß jeder der Fitzgeralds Great Gatsby gelesen hat:

Recovering himself in a minute he opened for us two hulking patent cabinets which held his massed suits and dressing-gowns and ties, and his shirts, piled like bricks in stacks a dozen high.
   “I’ve got a man in England who buys me clothes. He sends over a selection of things at the beginning of each season, spring and fall.”
   He took out a pile of shirts and began throwing them, one by one, before us, shirts of sheer linen and thick silk and fine flannel, which lost their folds as they fell and covered the table in many-colored disarray. While we admired he brought more and the soft rich heap mounted higher — shirts with stripes and scrolls and plaids in coral and apple-green and lavender and faint orange, and monograms of Indian blue. Suddenly, with a strained sound, Daisy bent her head into the shirts and began to cry stormily.
   “They’re such beautiful shirts,” she sobbed, her voice muffled in the thick folds. “It makes me sad because I’ve never seen such — such beautiful shirts before.”


Was wäre mit dieser Szene, wenn da plötzlich die Knöpfe von den Hemden fallen würden? Näht Daisy die an? Erster Liebestest und so? Konnte Fitzgerald, der ein genau so verwöhntes Früchtchen wie seine Heldin war, überhaupt Knöpfe annähen? Auf den Gedanken mit den abfallenden Knöpfen bin ich damals während des Filmes gekommen. Denn alles, was Robert Redford da Mia Farrow vor die Füße wirft, kam von Turnbull & Asser.

Aber bevor ich zur kulturgeschichtlichen Betrachtung der Jermyn Street komme, möchte ich doch noch etwas über Hemdenknöpfe sagen. Und ich meine jetzt nicht dieses ganze Gesülze, dass sie aus echtem Perlmutt sein müssen und möglichst doppelt so hoch wie die der Konkurrenz - wenn die Finger morgens mit dem Alter unbeweglicher werden, wird man das besonders verfluchen - nein, ich meine die simple Sache, wie sie angenäht sind. Kreuzstich und Stiel, natürlich. Aber weshalb fallen die Knöpfe ab, je teurer das Hemd ist? Und ihr in der Jermyn Street No. 53 hört jetzt mit dem Lachen auf! Man lernt im Leben ja die unterschiedlichsten Dinge; und obgleich ich froh bin, Latein und Französisch gelernt zu haben, bin ich noch viel glücklicher, dass mir meine Oma das Annähen von Knöpfen und das Bügeln von Oberhemden beigebracht hat. Wenn ich einen Knopf annähe, dann hält der auch. Die Firma Emanuel Berg hat ihren Sitz in Köln und nicht auf der Jermyn Street. Produzieren läßt man die Hemden in Polen. Wo man auch - und das ist jetzt pikant - für einige große Namen der Jermyn Street produziert.

Ich habe vor längerer Zeit in der Zeitung eine Notiz gelesen, dass die deutsche Textilwirtschaft 200.000 DM für ein Gutachten bezahlt hat, das herausfinden sollte, weshalb die Knöpfe immer von den Hemden (oder den Sakkos) abfallen. Meine Oma war da schon tot, die hätte es der deutschen Wirtschaft sagen können. Aber jede Schneiderin und jeder Schneider von Bielefeld bis Hanoi (wo van Laack nähen lässt) hätten das der Textilwirtschaft für einen Bruchteil der Summe sagen können. Es liegt am mangelhaften Vernähen und Sichern des Fadenendes. Allerdings hat sich trotz des Gutachtens nichts geändert.

Bei den Hemden, die sie in der Jermyn Street verkaufen, ist natürlich alles anders. Zum einen sind das noch bequeme Hemden, die aus two ply oder Sea Island cotton großzügig geschnitten sind. Den Rückenteil immer länger als die Vorderfront. Und einen kleinen Dreieckszwickel dazwischen. Bei Thomas Pink ist der pink, was aber eher ein verwaschenes Hellrot ist. Die Schulterpasse ist immer geteilt, und die Muster werden von Schulter zum Ärmel dem Musterverlauf angepasst. Der Ärmel wird mehrfach gefältelt (daran erkennt man wahre Qualität) in die Manschette eingepasst. Ob der Ärmelschlitz einen gauntlet button hat oder offen bleibt, ist von Firma zu Firma verschieden. Aber alles ist natürlich Made in Britain. Oder?

Vor zwanzig Jahren sagte der Direktor David Harris von New&Lingwood im Observer: We have no wish to compete in the global luxury product market. It might sound something of a contradiction but we do not want to chase volume. That would put our culture and our cachet at a risk. We must ensure that we remain what we are ... Several of our Jermyn Street competitors entered the American market through the stores. They sell shirts by the dozen but their nature has changed, they have become volume shippers of Jermyn Street-labelled products. Da kann man nur sagen: Well roared, Lion. Seine Firma soll ja noch im United Kingdom produzieren. Die meisten anderen haben das längst aufgegeben, ihre Hemden kommen aus Danzig, Italien oder Fernost. Selbst auf der englischsprachigen Jermyn Street Wikipedia Seite steht schon hinter vielen Firmennamen all shirts are imported.

In dem Roman A rebours von Joris Karl Huysmans will der etwas exzentrische Held des Romans, der Herzog des Esseintes, London besuchen. Als echter Dandy kleidet er sich für diesen Besuch dem Anlass entsprechend.

»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke, die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.
   Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoß von seidnen Socken in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nuancen unschlüssig. Seine Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düstern Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen karierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel und einer Reisedecke, in die Schirme und Spazierstöcke gewickelt waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.


Er wird den Bahnhof nicht verlassen. Er träumt sich im elften Kapitel des Romans in der Bahnhofsgaststätte sein eigenes London herbei. Falls sie jetzt keine mattgrüne Seidensocken für den Besuch der Metropole haben sollten, holen Sie sich doch die Jermyn Street virtuell ins Haus. Und hier können Sie alle Läden der Straße (➯Nordseite und ➯Südseite) nebeneinander sehen.

Und die architekturgeschichtliche Betrachtung der Jermyn Street kann eigentlich ganz kurz ausfallen. Von den ursprünglichen Gebäuden, die hier ab 1684 entstanden sind, steht nichts mehr. Das Hübscheste ist vielleicht noch die viktorianische Fassade von No. 93, dem Käsehändler Paxton & Whitfield. Teile der Straße sind durch den Abriss bedroht. Der so genannte ➯St. James's Gateway Plan wird auch die Jermyn Street verändern. Wenn man etwas architektonisch Schönes sucht, wo man auch einkaufen kann, dann sollte man in die Burlington Arcade gehen. Sieht aus wie Ihre Mall zuhause, ist aber aus dem London der Regency Zeit.

Henry Jermyn, erster Baron Jermyn of St Edmundsbury und erster Earl von St. Albans, hatte das ganze Ensemble mit Platz und Straßen geplant. Das Land dazu hatte der Höfling und Spieler 1664 kurz vor dem großen Feuer von London erworben. Er wird nichts davon verkaufen, nur für 99 Jahre verpachten. Dann kann jeder mit seinem eigenen Architekten bauen, und dennoch besitzt der Grundbesitzer gewisse Kontrollen über die Planungsanlage und die Bauweise. Zwanzig Jahre danach wird Jermyn dort sterben, wo er den St. James Square geplant hat. Das Ganze ist ein Ensemble gewesen, von dem man skelettartig noch die Planung sehen kann. Es ist das, was die Franzosen einen faubourg nennen würden, Jermyn ist ja als Günstling von Charles II lange in Frankreich gewesen, sodass man schon einen französischen Einfluss bei der Planung annehmen kann. Es ist natürlich eine feine Gegend gewesen, weil es in der Nähe zu St. James Palast lag, der heute immer noch der Verwaltungssitz des englischen Monarchen ist. Diplomaten werden am Hof von St. James akkreditiert, da hat sich seit Jahrhunderten nicht geändert.

Neben dem Earl von St. Albans gibt es einen zweiten Adligen, der sich ein Sahnestück aus dem Stadtplan des sich im 17. Jahrhundert ständig vergrößernden Londons herausgeschnitten hat. Und das ist  Thomas Wriothesley, der vierte Earl von Southampton. Der wird mit dem Bloomsbury Square, der zuerst Southampton Square hieß, den ersten Londoner Platz im 17. Jahrhundert bauen (obgleich da St. Albans schon seinen St. James Square in der Planung fertig hatte). Es wird jetzt nach dem großen Feuer von 1666 viel in London gebaut. Die Stadt verlagert sich immer weiter vom Fluss weg, immer mehr in den Westen. Da, wo heute Harrods ist, sind damals noch Dörfer. Wir sind dank zahlreicher Illustrationen, zum Beispiel die von Wenzeslaus Hollar, über das London in dieser Zeit sehr gut informiert, auf seiner Zeichnung oben sind die hellen Teile in der Mitte übrigens die Teile von London, die durch das Feuer zerstört wurden.

Kaum war das Feuer gelöscht, standen bei Charles II schon zwei Herren vor der Tür, um ihm Pläne für den Wiederaufbau vorzulegen. Der eine war ➯Sir Christopher Wren, der andere John Evelyn. Und dann gibt es auch noch Wrens Assistenten Robert Hooke, der für London einen ähnlichen Plan entwickelt, wie ihn der Baron Haussmann Jahrhunderte später in Paris in die Tat umsetzt. Charles hat sich für keinen der Pläne interessiert. Damit ist natürlich eine stadtplanerische Chance vergeben worden, aber Wren hat ja immerhin die Chance gehabt, alle Kirchen neu zu bauen. An dieser Stelle muss ich mal eben einen wunderbar bescheuerten Clerihew einfügen:

Sir Christopher Wren
Went to dine with some men
He said, "If anyone calls,
Say I'm designing Saint Paul's

Clerihews sind so etwas wie Limericks, erfunden von Edmund Clerihew Bentley, der auch tolle detective novels geschrieben hat. Vielleicht konnte Wren auch glücklich sein, dass sich der König seinen Plan gar nicht erst angeguckt hat, so hatte er genügend Zeit, seine Kirchen zu bauen. Der Earl von St. Albans bittet Wren auch, ihm eine Kirche zu bauen. Die Sir Christopher später als seine würdigste Gemeindekirche bezeichnen wird. In diesem Punkt unterscheiden sich die faubourgs von Southampton und St. Albans: St. James hatte schon in der Planung eine eigene Kirche, Bloomsbury nicht. Aber in die schöne Kirche gehen natürlich all die Leute nicht hinein, die diesen Teil Londons nur wegen der Tempel des Konsums in der Jermyn Street besuchen.

1 Kommentar:

  1. I agree with your analysis. It's the fear of panic attacks that is so devastating. The terror of having another one -- and fearing that it would be "just terrible" to have it -- is what can easily bring one on.
    Panikattacken

    AntwortenLöschen