Freitag, 11. Februar 2011

Hermann Allmers


Arthur Fitger war schon einmal ➱hier im Blog. Der grauenhaft schlechte Bremer Maler und Dramatiker verdankt seinen Aufstieg dem Dichter Hermann Allmers. Das hat mich immer gewundert, denn immerhin ist Allmers auch mit ➱Friedrich Theodor Vischer, dem Autor des Romans Auch Einer (das ist der wunderbare Roman, in dem die Tücke des Objekts vorkommt) befreundet, korrespondiert mit der geistigen Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts und fördert die junge Worpsweder Malerkolonie. Aber das Verhältnis zu Fitger (und auch zu dem ebenso schlechten Bremer Dramatiker ➱Heinrich Bulthaupt) wird sich abkühlen, in der Festgabe zu Allmers achtzigstem Geburtstag heute vor 110 Jahren, die ihm sechzig Schriftsteller und Maler widmen, sind beide nicht mehr vertreten.

Wenn man in Bremen mit den von Allmers gesammelten Märchen wie Hacke Betgen siene Duben, dem Kyffhäusermärchen, dem von Brahms vertonten Gedicht Feldeinsamkeit und dem Marschenbuch aufgewachsen ist, kommt einem Allmers als ein in der norddeutschen Landschaft verhafteter Dichter wie selbstverständlich vor. Und wie selbstverständlich fügt man dem Namen Allmers das Epitheton unser Marschendichter hinzu. Wenn man heute noch Verbindungsstudent ist, singt man wohl immer noch sein Dort Saaleck, hier die Rudelsburg. Ich kannte Allmers' Geschichten von Hacke Betgen und dem Kyffhäuser schon bevor ich als Junge Allmers las, meine Opa hatte sie mir erzählt. Dabei hatte er auf eine philologische Textreue nicht so großen Wert gelegt und sie noch mit allerlei Märchen- und Sagenhaftem aus dem Osnabrücker Land angereichert. Aber dem kann man wohl nicht widerstehen, wenn man ein geborener westfälischer Märchenerzähler ist und ein Kind sagt: Opa, erzähl mir eine Geschichte. So beginnt alle Literatur - ob der Vortragende nun ein scop oder ein skald oder ein pensionierter Lehrer ist.

Allmers begründet etwas, das man die Heimatbewegung - manchmal auch Heimatschutzbewegung (wie in dem kunsthistorischen Begriff Heimatschutzarchitektur) - nennt. Eine Bewegung gegen die Entfremdung durch die Industrialisierung, eine Rückkehr zur Natur und zur Landschaft der platten Wesermarsch. Diese Heimatbewegung mit all ihren positiven Werten ist sicherlich auch die Grundlage unseres Bremer Heimatkundeunterrichts gewesen, der uns alle in unserer Schulzeit eng an unseren Ort gebunden hat. Das gibt es heute in der Schule ja kaum noch, dass Schüler alles über ihren Ort erfahren, und manche kennen sich heute auf Mallorca besser aus, als in der Geschichte ihrer Region.

Der junge Allmers ist mit ganzem Herzen ein Anhänger der 1848er Revolution gewesen. Er wird ihr immer nachtrauern, auch wenn er später grummelnd ein Anhänger Bismarcks sein wird. Er wird ein Lebensbild vom Hauptmann Heinrich Böse schreiben, das auch ein Sittenbild aus dem Bremen der Franzosenzeit ist. Böse ist ein freiheitsliebender Bremer gewesen, der aus seinem privaten Vermögen ein Bremisches Jäger Corps zum Kampf gegen Napoleon ausrüstet und damit nach Frankreich zieht (es wird, glücklicherweise, in keine militärischen Aktionen verwickelt sein). Der auch für die 48er Revolution eintritt. Und den Mittellandkanal mitbegründet. So einer erscheint Allmers als der Inbegriff patriotischer Tugenden. Der Bremer Hauptmann Böse könnte das heute noch sein.

Allmers wird auch den flüchtigen Arnold Ruge, den ehemaligen Mitarbeiter von Karl Marx, beherbergen und dafür später zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Zum Gedenken an die Märztage pflanzt er in seinem Garten eine Eiche, die er später mit einem eisernen Schild verziert: Nichts als die Worte ’Deutschlands Frühling 1848’ steht daran, darüber ein aufgehend Hoffnungssternlein und drunter --- ein böser Querstrich. Enttäuschte Hoffnung wiegt immer schwer. In der Liebe wie in der Revolution.

Allmers wird auch ein Denkmal für Johann Gottfried Seume finanzieren. Der war als junger Mann vom berüchtigten Landgraf von Hessen in die englische Armee verkauft worden, die im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. Aus seiner Zeit in Kanada stammt das Gedicht Der Wilde, zu der Zeit das meistgelesene deutsche Gedicht. Kaum ist er aus Kanada zurück, wird er in die Armee jenes Friedrichs gepresst, den wir auch aus unerfindlichen Gründen den Großen nennen. Bremer Bürger helfen ihm bei einem Fluchtversuch über die Weser, aber er wird wieder gefangen. Weiß der große Friedrich, der sich als Freund der schönen Künste geriert, dass er da einen deutschen Dichter in der Gefangenschaft in Emden hält? Es ist ein hugenottischer Edelmann in Friedrichs Armee, der ➱Baron de Courbière, der Seume das Leben rettet. Er ist ihm ein hochherzig mitleidiger Vorgesetzter und wird ihn zum Privatlehrer seiner Kinder machen. Courbière wird noch im Krieg gegen Napoleon Feldmarschall werden, er ist ein Musterbeispiel all jener preußischen Tugenden, die auch ein Friedrich August von Marwitz besaß, der König von Preußen aber nicht.

Neben dem Seume Denkmal wird Allmers bei sich hinter dem Weserdeich auf ein kleines Denkmal für den von ihm verehrten Karl den Großen aufstellen lassen. Man weiß zwar nicht, wo der Frankenkaiser mit seinem Heer über die Weser gekommen ist, um die Sachsen zu schlagen. Die Stelle, die Hermann Allmers aus Lokalpatriotismus annimmt (in Alse bei Rodenkirchen), ist nachweislich falsch. Aber Allmers wird bis zu seinem Lebensende an dieser Geschichte festhalten. Und da ich gerade bei Denkmälern bin, das Denkmal von ➱Rudolph Brommy - der ersten deutschen Flotte Admiral - ziert auch ein Gedicht von Allmers, das hat er sich nicht nehmen lassen.

Karl Rudolf Brommy ruht in diesem Grabe
Der ersten deutschen Flotte Admiral
Gedenkt des Wackren und gedenkt der Tage,
An schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung,
Und - welche Wendung dann durch Gottes Fügung
.

Der Landwirt Allmers aus Rechtenfleth, der nebenbei noch Vogt und Deichgraf ist, hat keine Schule (die gab es in Rechtenfleth damals nicht) und keine Hochschule besucht. Sein Reichtum ermöglicht ihm private Studien und weite Reisen, Römische Schlendertage wird zum meistgelesenen Italienbuch des 19. Jahrhunderts. Man kann es übrigens noch heute lesen. Er hat einen großen Freundeskreis, seine Korrespondenz umfasst mehr als 11.000 Briefe, der Allmershof wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einem kulturellen Zentrum Norddeutschlands. Ich gebe das letzte Wort zu unserem Marschendichter einmal dem Schriftsteller Adolf von Wilbrandt, der Allmers bei einem Münchener Künstlerfest erlebte:

Auf einmal stand dann ein anderer auf der Kanzel, dessen Kopf schon zu der allgemeinen Fidelität nicht zu stimmen schien: mächtige Nase, gepreßte Lippen, himmelnde Augen; es mochte eher der Prediger einer etwas fanatischen Sekte sein. Als er dann gar die Lippen öffnete und sein lautschallendes »Festgenossen!« sprach, erschrak ich und wohl alle mit: eine Hasenscharte oder eine ähnliche Mißbildung entstellte seine Sprache so, daß es zum Lachen reizte. Wollte der hier reden? Und mit dem Gesicht? – Hier sollte ich nun aber erleben, was ein starker Wille und ein begeistertes Gemüt vermag. »Festgenossen!« Er wiederholte das Wort, unbeirrt, etwas deutlicher; er trieb seine Zunge unentwegt über alle Hindernisse, er schilderte diesem Wald voll Menschen, was für ein hohes und schönes Wunder so ein Festtag sei. Wie er sich hier selig fühle, an dieser kunstgeweihten Stätte unter kunstdurchglühten Jüngern der Schönheit, im Jubellicht der Mutter Sonne, das lebendige Lied der Freude zu vernehmen, die uns aus Menschen zu Göttern macht. Ja, das Lied der Freude, aus der die Begeisterung quillt, die dem Künstler den Odem gibt. Denn ohne Begeisterung wird nichts geschaffen, das wieder zur Freude führt, das uns selig macht....
   Ungefähr in diesem Sinn sprach er fort. Seine himmelnden Augen waren schön geworden, sie zogen uns zum Himmel mit. Sein Sprechfehler war vergessen oder es rührte nur, daß ein Mann mit diesem Gebrechen so kunst- und glückselig sprach. Man hörte mit Andacht sein Begeisterungsevangelium, die vielen guten und sinnigen Worte. Am Schluß brach der Beifall los. Von den Rednern auf dieser Kanzel hatte er den größten Erfolg.


Und dann hätte ich zum Schluss noch zwei Literaturhinweise: Hermann Allmers, Werke. Herausgegeben und bearbeitet im Auftrage der Hermann-Allmers-Gesellschaft von Kurd Schulz. Göttingen: Sachse & Pohl 1965 [639 Seiten, beste Auswahl aus dem Werk, beim ZVAB noch erhältlich]; Berd Ulrich Hucker, Hermann Allmers und sein Marschenhof. Die Geschichte des Allmershofes und des Osterstader Dorfes Rechtenfleth in Beziehung zu Leben und Werk des Patrioten, Dichters und Gelehrten mit einer Bibliographie seiner Werke. Oldenburg: Heinz Holzberg Verlag 1981 [153 Seiten, bietet eine schöne Übersicht über Leben, Region und Werk, sowohl bei Amazon Marketplace als auch beim ZVAB noch lieferbar]

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