Dienstag, 9. März 2010

Schneewittchensarg


Das Epitheton Schneewittchensarg haben im 20. Jahrhundert mehrere Industrieprodukte getragen. Der Messerschmidt Kabinenroller ist manchmal so bezeichnet worden, manchmal auch der Volvo 1800 ES (wegen seines übergrossen Heckfensters). Aber auch der Jensen Interceptor hieß bei Autofreunden so, auch wenn der hierzulande selten zu sehen war. Aber in England war er die Hauptfigur einer Serie, in der Simon Templar, genannt The Saint, nichts ohne seinen Jensen war. Simon Templar war natürlich Roger Moore bevor er James Bond hieß. Aber der einzig wahre Schneewittchensarg ist natürlich der Braun SK 4 von 1956, eine Phonokombination von Radio und Plattenspieler, die Designgeschichte geschrieben hat. Kaum war er auf dem Markt, da war er schon im Museum of Modern Art. Wenn irgendein Industrieprodukt in den fifties wirklich cool war, dann war es der Braun SK 4. Die Design Ikone des Kalten Krieges. Er ist auch heute noch cool. Trotz der preisgünstigen Herstellung war er nicht billig, er kostete damals 325 DM. Dafür bekam man schon eine gute Omega oder zwei Tissot Uhren.

Der SK 4 war nur eins der vielen Produkte, mit denen Erwin Braun das Design der fünfziger und sechziger Jahre prägte. Braun holte sich ständig junge Designer ins Haus, für den Schneewittchensarg waren es Hans Gugelot und Dieter Rams. Gugelot war von ➱Max Bill (der damals auch das Zifferblatt von Junghans Uhren entwarf) nach Ulm gelockt worden. Max Bill war 1953 der erste Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm, die mit amerikanischen Fördermitteln aus der McCloy Stiftung begründet worden war. Seine Mitstreiter waren Inge Scholl (die Schwester von Sophie Scholl von der Weissen Rose) und Otl Aicher. Ulm bekam in der Designgeschichte den Ruf eines zweiten Bauhauses. Werner Rams kam von der Werkkunstschule Wiesbaden und hatte für Skidmore, Owings und Merrill gearbeitet, bevor er Chefdesigner bei Braun wurde. Hans Gugelot war der Überzeugung, dass man mit dem, wie er es nannte, Tonmöbel Wesen aufräumen müsste. Denn vor dem Braun SK 4 gab es Tonmöbel. Man denke nur an das von Tennessee Williams liebevoll beschriebene Monstrum, das im ersten Akt von Cat on a Hot Tin Roof auf der Bühne steht. Gugelot wollte keine Musiktruhe, wie die Dinger damals hießen, er wollte neues Design. Wobei er bei Braun an altes Design anknüpfen konnte, denn die Radio- Plattenspieler Kombination Braun 6740 von 1939 sah schon ein wenig so aus. Nur von oben zu bedienen, mit Klappdeckel, wenn auch nicht durchsichtig aus Plexiglas. Dieses Tüpfelchen auf dem I des Designs des SK 4 war ursprünglich gar nicht geplant, es sollte ein weißer Blechdeckel werden. Der klapperte allerdings so, dass man sich entschloss, ihn durch einen Plexiglasdeckel zu ersetzen. Der Plattenspielerteil (mit mehreren Laufgeschwindigkeiten) wurde von Wilhelm Wagenfeld in Stuttgart entwickelt. Das hypermoderne Teil, das Dieter Rams' Ideal weniger, aber besser folgte, war auf allen Design Ausstellungen der fünfziger Jahre zu sehen, und tauchte auch in französischen und italienischen Schwarzweißfilmen auf. In Schwarz und Weiß wirkte er auch besser.

Als ich 1960 einen Schneewittchensarg zum Geburtstag bekam, war ich natürlich ein style leader, keiner meiner Freunde hatte solch ein Teil. Die technischen Daten können heutigen ➱High End Freaks nur ein müdes Lächeln entlocken. Das Gerät hatte nur Mono, kein Stereo. Der Radioteil war relativ leistungsfähig, aber der Phonoteil doch eher schwach. Aber das kümmerte damals niemanden, wenn das Design über das Sein siegte. Ich habe meinen SK 4 immer noch, er ist jetzt ein halbes Jahrhundert alt. Sieht aber immer noch aufregend gut aus. Wer kann das schon nach einem halben Jahrhundert von sich sagen?

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