Dienstag, 16. März 2010

Telegramm


Sir Charles James Napier ist schon sechzig, als ihn das Empire nach Indien schickt, damit er das Great Game spielt. Das Great Game bedeutet, die Vorherrschaft Englands auf dem Subkontinent zu sichern, die Engländer haben es ja mit der aus dem Sport entnommenen Bildlichkeit mit Begriffen wie fair play oder that's not cricket. Eine Nation, die daran glaubt, dass die Entstehung des Empire auf den playing fields of Eton liegt. Das Great Game kommt auch immer wieder in Kiplings Roman Kim vor. Sir Charles soll nach dem ersten Afghanischen Krieg aufräumen. Wo die Engländer eine ganze Armee unter dem General Elphinstone verloren haben. Jeder Leser von George MacDonald Frasers Roman Flashman weiß, wie das geschehen konnte. Sir Charles soll aufräumen und muslimische Aufstände (schon damals) niederschlagen. Er soll aber auf keinen Fall die Provinz Sindh im heutigen Pakistan besetzen. Was er natürlich umgehend tut. Und dann schickt er ein Telegramm nach London, das nur ein einziges Wort enthält: peccavi. Das ist schon witzig. Das lateinische peccavi heißt auf Englisch I have sinned. Daraus wird jetzt als Wortspiel I have Sindh, ich habe Sindh erobert. Wenn man das Great Game spielt, kann man auch ein wenig geistvoll sein. Napier glaubte daran dass the best way to quiet a country is a good thrashing, followed by great kindness afterwards. Even the wildest chaps are thus tamed.

So denken viele, die jetzt das große Spiel spielen. General Napier hat diesen Job in Indien nicht geliebt, aber er brauchte das Geld, das ihm die East India Company, die Indien beherrscht, für die blutigen Aufräumarbeiten bezahlt. Wenn er eins hasst, dann sind es diese shopkeepers der East India Company, die er ständig öffentlich anprangert. Und da hat er manchmal erstaunliche Einsichten: The English were the aggressors in India, and although our sovereign can do no wrong, his ministers can; and no one can lay a heavier charge on Napoleon than rests upon the English ministers who conquered India and Australia, and who protected those who commit atrocities...Our object in conquering India, the object of all our cruelties was money. Und über dieses Geld sagt er Every shilling has been picked out of blood, wiped and put in the murderer's pockets; but, wipe and wipe the money as you will, the "Damned spot" will not "out". Sir Charles Napier hat dann auch noch genügend mit der Geldwäsche von Blutgeld zu tun gehabt. Bevor ihn die East India Company feuert, gibt sie ihm 60.000 Pfund silver rupees für die Eroberung von Sindh.

Napier hat wie viele Viktorianer diesen bezaubernd verlogenen double standard, dieses Scheinheilige, für das die englische Sprache das Wort cant hat. Sie reden von Gott und sie meinen Kattun, ist ein Wort aus der Zeit des Kolonialismus. Die Viktorianer verdammen die Sexualität, verhüllen Tischbeine mit Decken, weil es Beine sind. Aber daneben blüht in London die Prostitution. Ronald Pearsall hat das in seinem Buch The Worm in the Bud: The World of Victorian Sexuality mit einem Überreichtum von Beispielen aufgezeigt. Und natürlich steht das auch in dem wunderbaren Roman The French Lieutenant's Woman von John Fowles. Und in diesem Sinne ist Tony BLiar auch ein Viktorianer, er kann alles so schönreden, was er an Schrecklichem zu verantworten hat. Irgendwie ist die Romanfigur von George MacDonald Fraser da viel ehrlicher. In Tom Brown's Schooldays von Thomas Hughes ist er der Bösewicht an der Public School, alle anderen sind kleine viktorianische Gentlemen. Hundert Jahre später erweckt in George MacDonald Fraser wieder zu neuem literarischen Leben. Und schickt den charakterlosen und bösartigen Leutnant Harry Paget Flashman gleich nach Afghanistan. Am Ende des Romans ist er der einzige Überlebende, bekommt den höchsten Orden von Königin Viktoria und den Händedruck vom Premierminister, dem Herzog von Wellington I wish you every good fortune, Flashman. You should go far. Das wird er. Am Ende der dutzend Flashman Romane ist der amoralische, verlogene Weiberheld in allen Kriegen gewesen, die England im 19. Jahrhundert geführt hat. Den Leser beschleicht bei der Lektüre das ungute Gefühl, dass die Flashman Saga vielleicht die realistischste Beschreibung des englischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert ist.

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