Montag, 29. März 2010

Ferruccio Tagliavini


Am 24. Oktober 1958 eröffnete Peek & Cloppenburg ein Geschäft auf der Obernstrasse in Bremen. Ich bin niemals in dem Laden gewesen. Wenn man sich 1958 die Nase am Schaufenster von Herrenmodegeschäften in Bremen platt drückte, dann waren das die Scheiben von Stiesing, Charlie Hespen und Hans Kalich. Am Tag zuvor hatte es in Bremen die Uraufführung des Filmes Vergiß mein nicht gegeben. Was mich damals auch nicht interessiert hatte, kein Jugendlicher guckte sich damals die HerzSchmerz Heimatfilme an, die die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten heute sonntags als Nostalgie (oder Abschreckungs?) Programm ausstrahlen.

Und an so einem Sonntag habe ich den Film Jahrzehnte später gesehen. Es ist kein filmisches Meisterwerk, aber es gibt eine schöne Frau in dem Film: Sabine Bethmann. Die das traurige Schicksal hatte, blond und schön zu sein und nur in schrottigen Filmen mitzuspielen. Aber wenn der Film für irgendetwas erwähnenswert ist, dann ist es der kleine dickliche Italiener in dem Film. Der am 23. Oktober auch zur Uraufführung in Bremen gewesen war, ich hätte ihn damals sehen können, wenn ich gewusst hätte, wer er war.

Er singt in dem Film (der auf Italienisch Vento di Primavera heißt) neapolitanische Lieder, sein Gesang rührt Sabine Bethmann in ihrem blauen Kleid und die Omas in der letzten Reihe zu Tränen. Aber er singt auch Una furtiva lagrima. Und auch Volare, das kennt wenig später jeder in Deutschland, weil Catharina Valente das singt. Der kleine Italiener ist einer der größten Tenöre des 20. Jahrhunderts. Er heißt Ferruccio Tagliavini.

Ich hörte ihn zum ersten Mal als Herzog von Mantua auf einer Billigplatte, einer RAI Aufnahme von Verdis Rigoletto, Turin 1950. Wie er Ella mi fu rapita!, La donna è mobile und Bella figlia dell'amore sang, das war den Preis der Platte tausendfach wert. Damals lebte er noch, aber er war in Deutschland so gut wie unbekannt, und an Aufnahmen von ihm zu kommen, war so gut wie unmöglich. Glücklicherweise überließ mir meine Kollegin Iris, die nebenberuflich für die Zeitschrift orpheus schrieb, immer ihre Belegexemplare, in dieser kleinen exklusiven Zeitschrift für Opernfreunde kannte man den belcanto Sänger schon. Jürgen Kesting kannte ihn natürlich auch, und man kann ihm nur dankbar sein, dass er Tagliavini in seinen Büchern und der Reihe Belcanto Museum auf NDR III einem größeren Publikum bekannt gemacht hat. Aber damals hörte niemand auf den Fachmann Jürgen Kesting. Ganz Deutschland war im Pavarotti Fieber. Obgleich der eigentlich gar nicht mehr singen konnte, füllte er Fußballstadien. Als er noch richtig gut war, und neben Joan Sutherland sang, beachtete ihn niemand. Das ist das Schicksal so vieler Tenöre, dass sie berühmt werden, wenn ihre Stimme im Untergehen ist. Aber für Funiculì, funiculà, das Lied der Seilbahn zum Vesuv, reicht es dann immer noch.

Inzwischen hat sich die Lage auf dem CD Markt verändert, man kann sehr viele Tagliavini CDs kaufen und der Sänger ist auch erstaunlich gut auf YouTube vertreten (auch mit Ausschnitten aus Vento di Primavera). Und er hat inzwischen auch einen Artikel im Lexikon des kollektiven Kurzzeitgedächtnisses Wikipedia. Obgleich ich von Wikipedia Artikeln im allgemeinen nicht so viel halte, kann man hier den Autor (und den Leser) nur beglückwünschen. Diesen Eintrag hat der tenore di grazia, der unglücklicherweise immer im Schatten seines Konkurrenten Beniamino Gigli stand, wirklich verdient. Der Wikipedia Autor setzt Tagliavini auch in Beziehung zu dem großen spanischen Tenor Alfredo Kraus, wenn er davon spricht, dass Tagliavini mit Kraus als der letzte wirkliche Belcantist im klassischen Sinne anzusehen ist. Das ist sicherlich richtig, Kraus und Tagliavini brüllen nicht und übergiessen uns nicht mit süßlichem Schmalz, sie sind beide hervorragende Techniker. Ich gönne Paul Potts ja seinen Erfolg, aber wenn man einen wirklichen Tenor hören will, dann sollte man doch lieber Alfredo Kraus und Ferruccio Tagliavini zuhören. Obgleich Tagliavini den Herzog von Mantua so perfekt parfümiert singen kann, hat er wenig Verdi gesungen. Dafür umso mehr Francesco Cilea und Pietro Mascagni, mit dem er befreundet war.

Eine Sternstunde hat Tagliavini neben Maria Callas in der EMI Aufnahme von Lucia di Lammermoor, da singt er die Callas glatt an die Wand und klingt im Duett mit ihr wie ihre Zwillingsschwester. Tagliavini ist 1995 im Alter von 82 Jahren gestorben, aber so lange es seine Stimme auf einem Tonträger gibt, wird er unsterblich bleiben. Seit seinem Tode gibt es im österreichischen Deutschlandsberg einen jährlichen Gesangswettbewerb mit seinem Namen, Dame Joan Sutherland ist Ehrenvorsitzende der Veranstaltung. Vielleicht bringt der Concorso internazionale di canto lirico ja eines Tages einen neuen Tagliavini hervor.

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