Mittwoch, 3. März 2010

Eichendorff


Ich bewundere Menschen, die einen aufgeräumten Schreibtisch haben. Das weckt bei mir immer Gefühle des Neides. Mein Schreibtisch ist immer vollgemüllt. Natürlich kreativ vollgemüllt. In Amerika soll es mal eine wissenschaftliche Studie gegeben haben, die bewiesen hat, dass Leute mit vollgemüllten Schreibtischen kreative Menschen sind. Ich zitiere das immer, wenn sich jemand über meinen Schreibtisch mokiert. Ich schreibe sowieso nie am Schreibtisch, ich kuschle mich mit meinem Schreibbrett in einem Sessel. So wie Thomas Mann (unsere täglich Seite gieb uns heute) am Schreibtisch sitzen, im steifen Zweireiher mit sorgfältig gebundener Schleife, das könnte ich nicht. Ob ich wirkliche Literatur produziert hätte, wenn ich immer mit einem Zweireiher an einem aufgeräumten Schreibtisch gesessen hätte? Nein, ich muss in meinem Sessel sitzen und neben mir Bücherhäufchen auftürmen. Die werden mit der Zeit immer höher, werden dann mal umgeschichtet. Und dann in einem Anfall von Ordnungswut wieder peu à peu wieder ins Regal zurückgestellt. Das muss man auch tun, weil ich vermute, dass die Bücher untereinander irgendwelche sexuellen Beziehungen zu einander eingehen und sich dann vermehren, wenn man nicht hinguckt. Als ich am Sonntag wieder einmal Bücher ordnete, fielen mir drei Bücher in die Hand, die irgendwie mit Eichendorff zu tun hatten. Aber wie die amerikanischen Puritaner den Holzwurm in der Bibel als ein Zeichen dafür nehmen, dass diese Bibelstelle, durch die sich der Wurm gefressen hat, etwas Besonderes bedeutet, nahm ich dies auch als ein Zeichen. Eichendorff. Kann man den nicht einfach lesen und genießen, muss man für die Lektüre der Schriften des schlesischen Edelmanns unbedingt Bücher benutzen, die man so schön Sekundärliteratur nennt?

Das erste der Bücher war Georg Lukács' Deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts, 1953 im Aufbau-Verlag Berlin erschienen. Es hatte einen Euro gekostet, lag im Grabbelkasten eines Antiquariats, und ich hatte es gekauft, weil ich die Kapitel über Wilhelm Raabe und Theodor Fontane lesen wollte. Dass es auch ein Kapitel über Eichendorff enthielt, hatte ich gar nicht gesehen. Der ungarische Adlige, den die Kommunistische Partei immer mit Argwohn betrachtet hat, lohnt ja immer die Lektüre. Auch wenn seine Verrenkungen, mit denen er die Literatur dem Klassenkampf anpasst, manchmal etwas bizarr sind. Sir Walter Scott wäre nicht auf die Idee gekommen, dass seine Romane vom Klassenkampf handeln, wie Lukács das in Der historische Roman behauptet. Aber Autoren wissen es ja sowieso nie, worüber sie schreiben. Dazu braucht man Literaturwissenschaftler. Auch in seinem Eichendorff Kapitel gibt der ungarische Literaturwissenschaftler, den Thomas Mann als dämonischen Naphta in den Zauberberg hineingeschrieben, eine politische Interpretation des Werkes von Eichendorff. Wenn man Lukács auch nicht immer folgen wird, weil man kein Kommunist ist, so muss man ihm doch lassen, dass das alles solide Werkkritik ist. Lukács kennt seinen Eichendorff, man hat den Eindruck, dass er ihn bei aller politischen Distanz sogar liebt.

Bei dem zweiten Titel, der mir beim Aufräumen in die Hände fiel, habe ich eher zweifelhafte Empfindungen. Es ist der Eichendorff Almanach Aurora aus dem Jahre 1959. Da wir nun spätestens seit Lukács wissen, das Kunstwerke zeitgebunden sind, können wir auch annehmen, dass die Literaturwissenschaft auch zeitgebunden ist. Truth is the daughter of time, ein Zitat, das vielen zugeschrieben wird. Brechts Galileo sagt etwas Ähnliches, aber seine schönste Form findet es natürlich in dem gleichnamigen Krimi von Josephine Tey aus dem Jahre 1951. Die deutsche Literaturwissenschaft in den fünfziger Jahren ist in einer desolaten Lage. Zum einen gibt es Leute wie Walter Rehm, die sich beim Anbruch der Zeit der Barbaren verbittert  in die innere Emigration zurückgezogen haben, zum anderen sind manche, die in die Emigration gezwungen wurden, wie Richard Alewyn, wieder in Deutschland. Wichtige Anstösse erhält das Fach durch Ausländer wie den Holländer Herman Meyer oder den Franzosen Robert Minder. Und natürlich durch all die Germanisten, die in England und Amerika geblieben sind. Aber die deutsche Szene wird beherrscht durch Großordinarien (eine schöne neue Wortprägung, wir lieben es in der Literatur ja gerne groß) wie Benno von Wiese. Der war ja 1933 sofort in der Partei, die mit ihm befreundete Hannah Arendt war so davon entsetzt, dass sie sofort emigrierte. Und jetzt in den Fifties wird der Altnazi von Wiese zum Schwafelkünstler, dessen Bücher in jedem bundesrepublikanischen Wohnzimmer stehen. Ein anderer ehemaliger Nazi wie Wolfgang Kayser stürzt sich immerhin wie ein gebranntes Kind auf die werkimmanente Interpretation. Da kann man ideologisch nix falsch machen. Und so ist die Jahresgabe der Eichendorff Stiftung (zwei Euro in meinem Lieblingsantiquariat) auch eine Tochter der Zeit. Viele tief empfundene Miszellen von Eichendorff Liebhabern. Aber auch Substantielles, wie der schöne lange Aufsatz Dichterglück von Robert Mülher, der Paul Stöcklein zueignet ist. Paul Stöcklein, der Eichendorff vielleicht deshalb geliebt hat, weil er wie er Katholik war, gehört sicher zu den seriösen Germanisten in dieser Zeit. Er hat auch 1966 unter dem Titel Eichendorff Heute bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft einen Band vorgelegt, der heute immer noch von Relevanz ist. Benno von Wiese ist nicht als Beiträger in diesem Buch.

Das dritte Buch auf dem Bücherstapel hatte ich wegen des Titels gekauft: Aus der Heimat hinter den Blitzen rot. Diese Zeile aus einem Eichendorff Gedicht verfehlt ja, wie das ganze Gedicht, nie ihre Wirkung.

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauschet die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner mehr kennt mich auch hier.

Ich hatte beim Kauf des Hanser Bandes Bedenken, weil dieses Lesebuch von Eckhard Henscheid war. Den mag ich nicht so besonders. Als Mitglied der Neuen Frankfurter Schule mit Leuten wie Waechter, Traxler, Bernstein, Poth und Gernhardt ist er in der Titanic ja ganz witzig. Aber ansonsten hat er doch ein wenig von diesem netten Wort Klamaukschriftsteller an sich (was er wiederum dadurch konterte, er sei eher ein Klimbim- oder Krawallschriftsteller). Aber nach der Lektüre seines Eichendorff Lesebuchs muss ich ihm Abbitte tun, es ist ein wunderbares Buch. Manchmal too clever by half, wie der Engländer sagt. Aber von den stilistischen Sperenzchen abgesehen, ein philologisch fundierter 163 Seiten langer Essay, der Eichendorfs lyrisches Werk vorstellt. Con amore geschrieben, bei aller Ironie tief empfunden. So geht es also auch. Wenn man in den sechziger Jahren mit tausend anderen Germanistikstudenten in einem Audimax gesessen hat, nur um einen der damals Großen zu hören und unter dem Strich eigentlich nichts aus dieser Vorlesung mitgenommen hat, außer dass man den großen XYZ gehört hat, dann wirkt diese Büchlein wie ein literaturwissenschaftlicher Befreiungsschlag. Es kann auch allen empfohlen werden, die niemals Literaturwissenschaft studiert haben und diese Wissenschaft (wenn sie denn überhaupt eine ist) für überflüssig halten. Es ist ein Buch, das auch wie Stöckleins Band Eichendorff Heute heißen könnte. Das zu einer Reise in Eichendorffs Welt aufruft wie sein Gedicht Frische Fahrt:

Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mutger Augen lichter Schein;
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluß,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! Ich mag nicht fragen, 
Wo die Fahrt zu Ende geht!

Schwimmen wir den magisch wilden Fluss hinunter, Henscheids Buch gibt uns dazu das Freischwimmer Abzeichen.

Lesen Sie auch: ➱Joseph von Eichendorff, ➱Deutsche Romantik.

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