Donnerstag, 25. März 2010

Briefwechsel


Er verbreitet liberale und patriotische Gesinnung im Staate, er hilft zur Bildung einer öffentlichen Meinung, aber man wird bei Betrachtung seines Lebens den Eindruck nicht los, als sei er ein Bürger derer, die da kommen werden, gewesen: ein Journalist vor der Zeit der Journale, ein Reisender vor der der Reisen, ein Culturhistoriker vor der der Culturgeschichte, vielleicht auch ein Oppositionsmann vor der Existenz einer politischen Opposition. Jeder dieser Sätze, den Ferdinand Frensdorff, der beinahe hundert Jahre alt wurde, 1890 in der Allgemeinen Deutschen Biographie schrieb, trifft zu. Allerdings ist der so beschriebene heute beinahe vergessen. Der Journalist vor der Zeit der Journale, der Kulturhistoriker vor der Erfindung der Kulturgeschichte setzt 1776 im Vorwort zu dem Neuer Briefwechsel historischen und politischen Inhalts, bescheiden ein Prof. hinter seinen Namen. Universalgelehrter wäre zutreffender gewesen. Er ist Ordinarius in Göttingen, eine der eigentümlichsten und originellsten Gestalten der an Gelehrten in der Aufklärung nicht armen Universität. Sein Name ist August Ludwig von Schlözer. Den erblichen Adelstitel hat ihm der russische Zar Alexander für sein Werk über die russische Geschichte verliehen. Er ist ein beliebter Professor gewesen. In einer Zeit, als eine Vorlesung daraus bestand, dass die Professoren aus ihren meist langweiligen Werken vorlasen, redete er über die Wirklichkeit der Welt. Sein Wissen kam nicht nur aus Büchern. Er war weit gereist, sprach mehrere Sprachen. Heute würde er auf den Seiten von MeinProf.de Traumnoten bekommen. Seine Schüler wie der Reichsfreiherr vom und zum Stein und Karl August von Hardenberg, die das moderne Preussen geformt haben, sind ihm immer dankbar gewesen.

1776 beginnt er in Göttingen, im Verlage der Vandenhoeckschen Buchhandlung, mit seinem Briefwechsel eine erstaunliche Publikation, die sich bis 1782 halten wird. Sie wird nicht frei von Fehlern sein, da bittet der Verfasser um Nachsicht: Aber was ich wünsche, kan ich mir nicht selbst leisten, sondern muß es von fremder Güte erwarten, schreibt er am 9. Oktober 1781 in der Vorrede zu seinem Briefwechsel. Dessen Programm hatte er 1776 unter dem Punkte 5 der Anzeige mit einem Satz umrissen: Mit dem Allerneuesten wird Neues und Altes, mit dem Unbekannten wird das bereits aber ohne Detail und Präcision Bekannte, mit dem allgemein Lesbaren werden nur dem respective Kenner werthe, und folglich respective langweilige Aufsätze, mit blossen Nachrichten endlich werden ausgearbeitete und mit unter wol gar kritische politische Untersuchungen abwechseln: auf daß, wo möglich, jeder Heft für jede Klasse von Lesern, oben vom praktischen Staatsgelehrten an bis zum bloßen Zeitungsleser herab, wenigstens etwas enthalte. Die können noch inhaltsreiche Sätze schreiben, diese Aufklärer. Heute hätte Schlözer einen Blog, da bin ich mir ganz sicher. Das erste Heft beginnt mit einer Statistik der Volksmenge der Ukraine, einem Verzeichnis der Königlich preußischen Armee, einem Artikel über die Abschaffung der Tortur in Österreich (in französischer Sprache) und einem Bericht über den Aufruhr in Amerika. Wenn Schlözer da über den Herrn Franklin dieser warme aufgeklärte und ehrliche Verteidiger der Nord-Amerikaner schreibt, dann wissen wir auch, auf wessen Seite sein Herz ist. Allerdings findet sich im V. Heft auch der Aussöhnungs-Plan zwischen Großbritannien und Nord-Amerika von John Lind, der die amerikanische Revolution nicht gutheißen konnte. Wer einen Background für E.T.A. Hoffmanns Erzählung Die Bergwerke von Falun haben will, findet hier auf S. 274-277 alles über das schwedische Kupferbergwerk. In Schweden ist Schlözer lange gewesen, hat sogar Schwedisch gelernt. Und wenn sich in seinem Briefwechsel ein Artikel über die Kamczatka findet, kann man bei dem Russlandexperten Schlözer sicher sein, dass er den Artikel des Hauptmanns Timotheus Schmalev sachkundig kommentiert.

Das ganze Wissen von der Welt im Jahre der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung findet sich in den ersten sechs Heften des Briefwechsels. Leider habe ich nur diesen Band (glücklicherweise kann man heute alles andere bis 1782 im Internet lesen). Aber die sechs Hefte, die ich einmal für eine Mark im Grabbelkasten eines Antiquariats fand, haben mir zu einer kuriosen Bildung für das 18. Jahrhundert verholfen. Niemand spielt mehr mit mir Trivial Pursuit. Wenn man wissen will, was ein Oberst in einem hannöverschen Bataillon im englischen Sold, das nach Gibraltar beordert wird, verdient: hier kann man es nachlesen. Es sind monatlich 18 Pfund, 4 Shilling und 3 Pence. Davon gehen aber noch Versicherungsbeiträge für das Invalidengeld und die Officier-Witwenkasse ab. Das ohne Detail und Präcision bekannte, erfährt in Schlözers Werk sowohl Detail als auch Präzisierung. Und neben allen Fakten und Statistiken immer wieder die Kommentare von Schlözer, die dem Leser zeigen, dass hier ein Aufklärer am Werk ist, der das sapere aude Wirklichkeit werden lässt. Und so ganz nebenbei eine Kulturgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts schreibt, in der hannöversche Obristen und der englische Dr. Richard Price ihren Platz haben, ebenso wie die Engl. Ostindische Compagnie und der Fluss Berezyna. Der bedeutet vielen Lesern 1776 noch nichts, auch nicht dem kleinen Napoleon Bonaparte, der damals sieben ist. 1812 bedeutet ihm der Name des Flusses doch schon etwas. Bevor Napoleon die Beresina kennen lernt, lernt er Schlözers Tochter Dorothea auf einem Ball kennen. Vom Vater dazu ausersehen, ein Wunderkind zu werden. Mit siebzehn die erste weibliche Doktorin der Universität Göttingen. Aber Napoleon hätte früher die Schriften des Vaters (der Napoleon hasste) lesen sollen. Andere Herrscher haben die Werke des größten Russlandexperten seiner Zeit gelesen. Der österreichische Kaiser Josef II. und die Kaiserin Maria Theresia haben Schlözers Briefwechsel und die später erschienenen Staatsanzeigen regelmäßig gelesen. Maria Theresia hat angesichts der polnischen Teilung ausgerufen Was wird Schlözer dazu sagen?

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