Freitag, 19. März 2010

Nero singt


Bevor Nero Rom anzündet, singt er erst einmal. Auf jeden Fall tut das Peter Ustinov in Quo Vadis. Da erhebt er sich von seinem spätrömischen Dekadenzlager und greift zur Lyra. Er singt ein Lied in englischer Sprache, weil das die spätrömischen Dekadenzherrscher eben so tun. Mit Latein kann man in Hollywood nichts werden. Er singt, wie nicht anders zu erwarten ist, ein Lieder über das Feuer:

Oh, lambent flame
Oh, force divine
Oh, omnivorous powers
Hail!
None is there swifter to bring destruction,
Yet carefree as a child
Thou with wild breezes playing
The old Troy shall be no more because of thee,
Thou harvester that strips the soil
For men to sow new crops
Oh, lambent flames
Oh, force divine
Oh, omnivorous power 
Hail!

Jetzt hilft es auch nicht mehr Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andre an! zu murmeln. Roms Schicksal ist besiegelt. Nun ist Hollywood ja nicht unbedingt der beste Historiker, vor allem nicht in diesen Monumentalfilmen. Über deren ungekrönten König Cecil B. DeMille gab es einmal ein wunderbares kleines Spottgedicht:

Cecil B. DeMille
Rather against his will
Was persuaded to leave Moses
Out of the War of the Roses

DeMille hat es mit Humor genommen, er zitiert die Verse sogar in seiner Autobiographie. Aber was singt Ustinov da, stammt die Musik von Miklós Rózsa? Der hat ja auch die Musik zu Ben Hur und anderen blockbusters geschrieben. Hat er sich hier spätrömisch dekadente Töne ausgedacht? Die Antwort ist einigermassen verblüffend. Wenn irgendetwas in dem Film halbwegs authentisch ist, dann ist es die Melodie, die Ustinov singt. Die stammt von der Seikilos Stele und ist in mixolydischer Tonart die älteste erhaltene Notation der Musikgeschichte. Das hat Rózsa natürlich gewusst, denn er hat Musik studiert und ist ein seriöser Komponist gewesen. Als seriöser Komponist verdient man nicht viel. Auf jeden Fall nicht so viel wie Dieter Bohlen. Aber Arthur Honneger (der gerade die Partitur zu Les Miserables geschrieben hatte) hat seinem Kollegen Rózsa damals in Paris den guten Rat gegeben, sein Einkommen mit Filmmusik aufzubessern. Was der Ungar dann auch getan hat, erfolgreicher als viele andere Komponisten. Erstaunlich bleibt bei der Musik von Quo Vadis, wie viel Gedanken sich Rózsa für die Musik mit ihrer Anleihe an gregorianischen Hymnen, erhaltenen Musikfetzen aus dem zweiten Jahrhundert und dem Versuch der Rekonstruktion von Originalinstrumenten gemacht hat. Für den Komponisten war das eine Gratwanderung zwischen Musikgeschichte und Publikumsgeschmack. Er hat darüber auch einen sehr interessanten Artikel in Film Music Notes 11,2 (1951) geschrieben. So bleibt Rózsas Filmmusik ein rühmliches Beispiel im Genre Sandalenfilm, in dem man sonst eher Armbanduhren an den Armen von Legionären und Kondesstreifen von Düsenjägern am römischen Himmel findet. Und da singen die Christen dann auch Onward Christian Soldiers von Sir Arthur Sullivan.

In der neuen spätrömischen Dekadenzdebatte, in der der Philosoph Guido Westerwelle offensichtlich an Montesquieus Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et leur décadence und Gibbons Decline and Fall of the Roman Empire anknüpft, hat es einen satirischen Kommentar vom Norddeutschen Rundfunk gegeben. In der Sendung extra 3 wurden Ausschnitte aus Quo Vadis mit einem neuen Kommentar versehen. Peter Ustinov als Nero wurde hier als typischer Hartz-IV (man beachte die römische IV!) Empfänger mit seinem spätrömisch dekadenten Alltag dargestellt. Vielleicht sollte der doctor Westerwelle sich den kleinen ➱Film einmal auf YouTube ansehen. Si bene calculum ponas, ubique naufragium est.

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