Dienstag, 12. April 2011

Ralph Waldo Emerson


Als Walt Whitman die erste Version von Leaves of Grass veröffentlicht hatte, erhielt er einen Brief von Amerikas berühmtesten Literaten Ralph Waldo Emerson, der mit den Worten begann: Dear Sir--I am not blind to the worth of the wonderful gift of LEAVES OF GRASS. I find it the most extraordinary piece of wit and wisdom that America has yet contributed. I am very happy in reading it, as great power makes us happy. It meets the demand I am always making of what seemed the sterile and stingy nature, as if too much handiwork, or too much lymph in the temperament, were making our western wits fat and mean... Es ist ein berühmter Brief, wenn Sie wollen, können Sie ➱hier weiterlesen.

Es ist eine Art Ritterschlag in der Welt des Geistes, wenn sich der Boston Brahmin Emerson dazu herablässt, dem unbekannten Dichter Walter Whitman aus New York einen solchen Brief zu schreiben. Emerson hat in dieser Zeit, die F.O. Matthiessen American Renaissance genannt hat, die gleiche Stellung, die bei uns Goethe hat. Und wie Goethe hat er zu allem etwas zu sagen und ist Philosoph und Dichter zugleich. Das ist mir ein wenig unheimlich. Zumal er auch noch eine ganze Philosophie für alles parat hat, die Transzendentalismus heißt: So shall we come to look at the world with new eyes. It shall answer the endless inquiry of the intellect, — What is truth? and of the affections, — What is good? by yielding itself passive to the educated Will. ... Build, therefore, your own world. As fast as you conform your life to the pure idea in your mind, that will unfold its great proportions. A correspondent revolution in things will attend the influx of the spirit.

Man kann Emerson Zitate für alles gebrauchen, im Internet gibt es eine ➱Seite, die für jeden Tag das passende Emerson Zitat hat. Meine leichte Emerson Aversion führte eines Tages zu einem sehr komischen Ergebnis. Mein Kollege ➱Peter Bischoff aus Münster rief mich an, um mir zu sagen, er hätte einen amerikanischen Melville Spezialisten überredet, zu einer Vortragsreise nach Deutschland zu kommen. Ob ich ihn auch für einen Vortrag haben wollte und in einem meiner Kurse unterbringen könnte? Ich habe gleich zugesagt, obwohl ich nicht wusste, dass ich gerade den berühmten Sanford E. Marovitz (den ich in meinem Artikel zu ➱Clarel schon erwähnte) eingekauft hatte. Ich sagte meinem Kollegen, dass ich den Amerikaner in meinem Kurs über amerikanische Lyrik unterbringen konnte. Und sagte, er könne über jedes beliebige Thema reden. Mit Ausnahme von Ralph Waldo Emerson.

Es kam wie es kommen musste. Murphy's Law Whatever can go wrong, will go wrong funktionierte auch diesmalDank irgendwelcher transatlantischen Übermittlungsfehler sprach Sandy Marovitz natürlich über Emerson. Ich war froh, dass ich an dem Tag ein Hemd mit einem steifen, hohen Kragen angezogen hatte, so kann man sehr schön Haltung bewahren. Sandy Marovitz war wunderbar, mein Seminar hing an seinem Lippen. Nach neunzig Minuten schaute ich einmal diskret auf die Uhr, der Hörsaal wurde für den nächsten Kurs gebraucht. Aber seine Gattin Nora flüsterte mir zu, wenn er in dieser Hochform sei, dann könne ihn nichts auf der Welt aufhalten. Er hat seine Zeit beinahe um eine Stunde überzogen, aber niemand verließ den Raum. Eine Studentin sagte mir später mit leuchtenden Augen, man hätte bei dem Vortrag nicht mehr unterscheiden können, was von Emerson oder was von Marovitz war. Er sei geradewegs zu Ralph Waldo Emerson geworden.

Nicht dass ich behaupten wollte, dass jeder amerikanische Professor eine Rampensau sei, aber diejenigen, die ich kennengelernt habe, beherrschten die show bizz Seite der akademischen Lehre perfekt. Während der deutsche Professor noch sein Manuskript ordnet und verzweifelt das Goethezitat sucht, mit dem er seinen Vortrag beginnen will, hat der amerikanische Professor schon das ganze Auditorium auf seiner Seite. Während sich der deutsche Professor hinter seinem Katheder versteckt, wandert der amerikanische Professor durch den Raum. Oder sitzt im Schneidersitz mit Turnschuhen auf einem Tisch wie der Philosophieprofessor ➱Shelly Kagan von der Yale University. Der sein Publikum gleich auffordert, ihn Shelly zu nennen. Das alles wäre für den Professor Dr. Dr. h.c. multiplex Peter Häberle (den Doktorvater von Herrn von und zu Guttenberg) undenkbar. Dem Bild nach, das Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung vom 9./10. April mit sanfter Ironie von Häberle gezeichnet hat, scheint der ja direkt aus der Welt der Feuerzangenbowle zu kommen.

Amerikanische Professoren haben auch keine Scheu davor, dass ihre Vorlesungen ins Netz wandern. Die ➱Yale University zum Beispiel stellt ihre Einführungskurse ins Netz, so dass jeder Interessierte sich weiterbilden kann. Wenn Sie diesem ➱Link folgen, bekommen Sie das gesamte Videoangebot. Für die deutschen professoralen Autisten in ihrem Elfenbeinturm ist das beinahe unvorstellbar, und es ist auch in den meisten Fällen besser, dass man sie nicht sieht. Von den Vorträgen der Yale University sollte sie sich unbedingt den hier von Professor ➱Stephen C. Stearns anschauen!

Sanford Marovitz trat damals nicht wie Professor Shelley Kagan oder verkleidet wie Stephen C. Earnes auf, das hatte er nicht nötig. Kleine Exzentrizitäten wie seinen alten Morgan 4/4 hebt er sich für das Privatleben auf. Er hat neben seinem Ruhm als Melville Forscher auch noch eine Vielzahl von Hobbies und noch ein wirkliches Leben außerhalb der Universität, an der er als Emeritus immer noch tätig ist. Und er kann sich an seinen Emerson Vortrag noch sehr gut erinnern, wie er mir letztens geschrieben hat. Er hat allerdings in der Mail ein wenig übertrieben, als er schrieb we needed a GPS to find our way through the stacked books, magazines, newspapers, records, CDs, and who knows what else in your enviable quarters. Aber vielleicht sieht es in meiner Wohnung wirklich so aus. Das Ergebnis von Sandy Marovitz' Vortrag für mich war damals, dass der halbe Kurs Proseminararbeiten über die Lyrik von Emerson geschrieben hat. Das war wohl eine Art Strafe des Gottes Apollon (der ja auch für die Literatur zuständig ist) für mich.

Ich hab's überlebt, und obwohl Emerson im Gegensatz zu Melville immer noch nicht my kettle of fish ist, gibt es heute natürlich als Gedicht des Tages eins von Ralph Waldo Emerson, das The Apology heißt.

Think me not unkind and rude,
That I walk alone in grove and glen;
I go to the god of the wood
To fetch his word to men.

Tax not my sloth that I
Fold my arms beside the brook;
Each cloud that floated in the sky
Writes a letter in my book.

Chide me not, laborious band,
For the idle flowers I brought;
Every aster in my hand
Goes home loaded with a thought.

There was never mystery,
But 'tis figured in the flowers,
Was never secret history,
But birds tell it in the bowers.

One harvest from thy field
Homeward brought the oxen strong;
A second crop thine acres yield,
Which I gather in a song.

Und zum Schluss muss ich doch noch einmal Charles Algernon Swinburne zitieren. Nicht, dass das ein running gag in diesem Blog werden soll, weil ich ihn gestern und vorgestern schon erwähnt habe. Aber die Geschichte ist einfach zu schön. Emerson, der Swinburne nicht ausstehen konnte, hatte bei einem Englandaufenthalt (wo er seinen Freund Thomas Carlyle besuchte), kritische Dinge, sehr kritische Dinge, über Swinburne gesagt. Woraufhin ihm Swinburne einen Brief schrieb, der nicht beantwortet wurde. Swinburne schrieb einen zweiten Brief. Keine Antwort. Als ihn der Dichter und Kritiker Edmund Gosse später fragt: I hope you said nothing rash, antwortet Swinburne: Oh, no. I kept my temper, I preserved my equanimity. Und erzählte dann doch, was er in aller Zurückhaltung über Emerson geschrieben hat: A gap-toothed and hoary-headed ape, carried at first into notice on the shoulder of Carlyle, who now in his dotage spits and chatters from a dirtier perch of his own finding, and fouling; coryphaeus or choragus of his Bulgarian tribe of autocoprophagaus baboons. Es geht doch nichts über die englische Zurückhaltung.

Kommentare:

  1. Das Zitat erinnert mich an Black Adders Begegnung mit Dr. Johnson: http://www.youtube.com/watch?v=hOSYiT2iG08

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  2. Klingt sehr danach, ist aber O-Ton Swinburne.

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