Dienstag, 7. Februar 2012

Charles Dickens

The man, after looking at me for a moment, turned me upside down, and emptied my pockets. There was nothing in them but a piece of bread. When the church came to itself,—for he was so sudden and strong that he made it go head over heels before me, and I saw the steeple under my feet,—when the church came to itself, I say, I was seated on a high tombstone, trembling while he ate the bread ravenously. Da steht die Welt für den kleinen Pip, der Weihnachten die Gräber seiner Familie auf dem Friedhof besuchen will, einen Augenblick lang auf dem Kopf. Charles Dickens liebt solche Effekte.

Das erste Kapitel des Romans Great Expectations, aus dem diese Stelle stammt, endet mit: The marshes were just a long black horizontal line then, as I stopped to look after him; and the river was just another horizontal line, not nearly so broad nor yet so black; and the sky was just a row of long angry red lines and dense black lines intermixed. On the edge of the river I could faintly make out the only two black things in all the prospect that seemed to be standing upright; one of these was the beacon by which the sailors steered,—like an unhooped cask upon a pole,—an ugly thing when you were near it; the other, a gibbet, with some chains hanging to it which had once held a pirate. The man was limping on towards this latter, as if he were the pirate come to life, and come down, and going back to hook himself up again. It gave me a terrible turn when I thought so; and as I saw the cattle lifting their heads to gaze after him, I wondered whether they thought so too. I looked all round for the horrible young man, and could see no signs of him. But now I was frightened again, and ran home without stopping. 

Viel Dunkelheit, viele Geheimnisse, die Welt des Verbrechens ist nicht weit weg von dem Dorf an der Themse. Der Fremde, ein entlaufener Sträfling, wird eines Tages zum Wohltäter von Pip werden und wird den Lebensweg des Waisenknaben Pip bestimmen. Charles Dickens liebt diese Sache mit den kleinen Waisenjungen, wir erinnern uns daran, dass auch Oliver Twist (Please, sir, I want some more) ein Waisenjunge ist. Wenn die Helden keine kleinen Waisenjungen sind, haben sie eine schwere Kindheit. Wie Charles Dickens, der einen Teil seiner verlorenen Kindheit in David Copperfield hineinschreibt. Es ist ein Ich-Erzähler, der in Great Expectations redet. This book will be written in the first person throughout, schreibt Dickens 1860 an ➱John Forster. Wir sehen die Marschen mit den Augen von Pip - und wenn er auf den Kopf gestellt wird, sehen wir die Kirche mit seinen Augen ihm zu Füßen.

Geradezu impressionistisch führt uns Dickens diese Sichtweise im dritten Kapitel vor Augen, wenn der kleine Pip dem entflohenen Sträfling am Weihnachtsmorgen eine Feile und einen gerade entwendeten pork pie bringt: The mist was heavier yet when I got out upon the marshes, so that instead of my running at everything, everything seemed to run at me. This was very disagreeable to a guilty mind. The gates and dikes and banks came bursting at me through the mist, as if they cried as plainly as could be, "A boy with Somebody's else's pork pie! Stop him!" The cattle came upon me with like suddenness, staring out of their eyes, and steaming out of their nostrils, "Halloa, young thief!" One black ox, with a white cravat on,—who even had to my awakened conscience something of a clerical air,—fixed me so obstinately with his eyes, and moved his blunt head round in such an accusatory manner as I moved round, that I blubbered out to him, "I couldn't help it, sir! It wasn't for myself I took it!" Upon which he put down his head, blew a cloud of smoke out of his nose, and vanished with a kick-up of his hind-legs and a flourish of his tail.

Das sind die Augenblicke, in denen Dickens wirklich großartig ist. Heute ist, bye the bye, sein 200. Geburtstag. Als jemand, der einmal beruflich mit der englischen Literatur zu tun hatte, fühlte ich mich verpflichtet, über ihn zu schreiben. Dabei mag ich ihn nicht wirklich. Ich habe beinahe alles von ihm gelesen - und ich würde auch jederzeit eine Leseempfehlung für Great Expectations abgeben - aber ich mag ihn im Grunde meines Herzens nicht. Jetzt wo ich pensioniert bin, darf ich das ja sagen. Vor Studenten wäre mir dieser Satz nicht über die Lippen gekommen. Doch seien wir ehrlich: sub specie aeternitatis kann er mit Tolstoi, Flaubert, Stendhal oder Fontane nicht konkurrieren. Eher ist er Victor Hugo oder Alexandre Dumas ähnlich. Weil beinahe alles, was er schreibt, furchtbar melodramatisch und sentimental ist, das wird auf die Dauer ein wenig fad. Und in Bezug auf das Melodrama mag ich sogar Romane von Wilkie Collins (wie The Moonstone oder The Woman in White) viel lieber als manche Romane von Dickens. Die Literaturwissenschaft hat den Begriff ➱Sensation Novel nicht wegen Charles Dickens erfunden, diese Art des Romans kennzeichnet den Zeitgeschmack, aber der Begriff trifft auf viele seiner Romane zu.

Vielleicht können die Viktorianer nicht anders, als in den Kategorien des Melodramas und der Sentimentalität zu denken. Es ist eine verlogene Gesellschaft, äußerlich voller Bigotterie, auf Religiosität und respectability bedacht, aber innen: the worm in the bud, wie es so schön in Twelfth Night heißt. Woher natürlich ➱Ronald Pearsall für seine Studie zur Sexualität der Viktorianer The Worm in the Bud: The World of Victorian Sexuality seinen Titel hat. Und da wir gerade dabei sind: das Verhältnis von Dickens zu seiner Frau (die ihm zehn Kinder geboren hat) ist nicht unbedingt rühmenswert. Mrs. Dickens and I have lived unhappily together for many years. Hardly anyone who has known us intimately can fail to have known that we are in all respects of character and temperament wonderfully unsuited to each other. I suppose that no two people, not vicious in themselves, ever were joined together who had a greater difficulty in understanding one another, or who had less in common. An attached woman servant (more friend to both of us than a servant), who lived with us sixteen years and is now married, and who was and still is in Mrs. Dickens’ confidence and mine, who had the closest familiar experience of this unhappiness in London, in the country, in France, in Italy, wherever we have been, year after year, month after month, week after week, day after day, will bear testimony to this.

Das schreibt er einem Freund, der Brief findet mehr oder weniger gewollt seinen Weg auf die erste Seite der New York Tribune. Da hatte Dickens schon die Tür zu dem Schlafzimmer seiner Frau zumauern lassen. Phyllis Rose hat in ➱Parallel Lives: Five Victorian Marriages einiges zu Dickens' Ehe (und den Ehen anderer Viktorianer) zu sagen. Aber da hatte Dickens auch schon die 18-jährige Schauspielerin Ellen Ternan entdeckt. Die hatte in The frozen Deep mitgespielt, einem Stück von Wilkie Collins, das ohne die Hilfe von Dickens nie entstanden wäre. Mit Ellen Ternan lebt er anonym in angemieteten Wohnungen, weil man ja als echter Viktorianer selbst nach der Trennung diese Fassade der Wohlanständigkeit aufrechterhält. Sein juristischer Berater bei der Trennung ist übrigens der oben erwähnte John Forster, der nach Dickens' Tod die erste Biographie des Autors schrieb. The Life of Charles Dickens (hier im ➱Volltext) ist noch immer ein Klassiker, obgleich es natürlich neuere und bessere Biographien gibt. 

Dickens' Frau Catherine (Kate) bezieht eine neue Wohnung und erhält eine beachtliche Apanage, sie wird niemals wieder mit ihrem Mann reden. Ihre Schwester Georgina wird Dickens bis zu seinem Tod den Haushalt führen. Charles Dickens begibt sich nach der Trennung auf eine Lesereise durch England. Diese Lesereisen, die er bis zu seinem Tod macht - und mit denen er Millionen verdient - werden zu seinem frühen Tod beitragen. Diese Lesereisen sind in Amerika, wo Dickens schon 1842 aufgetreten ist, sehr beliebt. Mark Twain hat mit ihnen viel Geld verdient - Herman Melville andererseits so gut wie nichts. Im Grunde seines Herzens ist Dickens ein Schauspieler. Zwar ein Schmierenschauspieler, der nur auf melodramatische Effekte aus ist, aber das show business hat er begriffen. Stundenlang wird er vor jeder Lesereise zuhause vor dem Spiegel seine Gesten einüben. Und ähnlich monomanisch wie der Vater von Eugene O'Neill, der sechstausendmal den Grafen von Monte Christo gespielt hatte, liest Dickens immer wieder die gleiche Szene aus ➱Oliver Twist:

The housebreaker freed one arm, and grasped his pistol. The certainty of immediate detection if he fired, flashed across his mind even in the midst of his fury; and he beat it twice with all the force he could summon, upon the upturned face that almost touched his own.
   She staggered and fell: nearly blinded with the blood that rained down from a deep gash in her forehead; but raising herself, with difficulty, on her knees, drew from her bosom a white handkerchief—Rose Maylie's own—and holding it up, in her folded hands, as high towards Heaven as her feeble strength would allow, breathed one prayer for mercy to her Maker.
   It was a ghastly figure to look upon. The murderer staggering backward to the wall, and shutting out the sight with his hand, seized a heavy club and struck her down

An dieser Stelle mit dem bösen Mörder Bill Sikes und der armen Nancy hat Dickens in seinem Buch Action an den Rand geschrieben. Er liebt es, diese Szene so zu lesen, dass die Damen im Saal in Ohnmacht fallen. At Clifton, on Monday night, we had a contagion of fainting. And yet the place was not hot. I should think we had from a dozen to twenty ladies borne out, stiff and rigid, at various times. It became quite ridiculous, schreibt er seiner Tochter. Und gegenüber seiner Schwägerin brüstet er sich in einem Brief vom gleichen Tag: by far the best Murder yet done. In diesen Augenblicken steigert sich sein Puls und sein Blutdruck (er hat auf den Lesereisen in den letzten Jahren immer einen Arzt als Begleiter), der Autor Charles Dickens wird zu seiner Romanfigur, dem Verbrecher Bill Sikes. Und da wird mir Dickens unheimlich.

Für seine erste Reise in die USA hat er sich eine Vielzahl neuer Anzüge gekauft (seine ungeliebte Frau durfte sich auch neue Kleider kaufen), er wollte den Amerikanern etwas bieten. Er ließ sich auch ein elegantes dressing gown machen, in dem er am Vormittag die Journalisten empfing, bevor er den mit der Frackjacke vertauschte und die Straße betrat. Wahrscheinlich hat er solche Szenen auch zuhause vor dem Spiegel geübt. Es ist schwer sich vorzustellen, dass Gustave Flaubert so etwas getan hätte.

Ich weiß, das alles klingt nicht sehr positiv. Ich kann es nicht ändern. Nachdem ich Arno Schmidts Dickens Portrait in Der Triton mit dem Sonnenschirm (kann ich unbedingt empfehlen) und Phyllis Roses Parallel Lives gelesen habe, war Dickens nicht mehr der nette Autor von The Pickwick Papers für mich. Wenn Sie Dickens kennenlernen wollen, kann ich die Biographie von Peter Ackroyd uneingeschränkt empfehlen. Auf der Basis seiner Biographie hat die BBC einmal ein dreistündiges Docudrama gemacht, in dem Ackroyd auf den Spuren von Dickens durch London wandert. Es sollte ➱hier im Netz sein, braucht aber offensichtlich Stunden zum Laden. Was man aber sofort anklicken kann ist die ➱Dickens Seite des vorzüglichen Victorian Web und diese sehr gute ➱Übersicht über das Wichtigste zu Dickens im Internet. Wenn Sie sich nicht die Mühe machen wollen, das alles durchzuarbeiten, dann gibt es ➱hier die ultimative Einführung in das Leben des Autors als Cartoon von der BBC.

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