Mittwoch, 22. Februar 2012

Eduard Gaertner


Heute ist der 280. Geburtstag von George Washington (und der 25. Todestag von Andy Warhol). Ich würde ja über George Washington schreiben, irgendwie mag ich ihn, aber ich habe gerade vor Wochen einen langen ➱Artikel über den modebewussten Gentleman aus Virginia geschrieben. Und falls Sie eine gute Washington Biographie suchen: hier finden Sie die wichtigste ➱Literatur. Zu Andy Warhol fällt mir nix ein, außer dass Horst Janssen mal Andy war hohl auf eine Grafik geschrieben hat. Wenn man das graphische Werk von Janssen mit den Siebdrucken von Warhol vergleicht, muss man sagen, dass an dem Kalauer was dran ist. Es wäre ja schön, wenn Andy Warhol George Washington portraitiert hätte. Er hat zwar Marilyn Monroe und alle möglichen anderen Berühmtheiten "gemalt", den Gutsbesitzer aus Virginia aber nicht. Ich hätte jedoch hier eine wirklich wunderbare ➱Seite, wie Sie sich mit kleinen Kiddies einen echten Andy Warhol an Washingtons Geburtstag basteln können.

Heute gibt es hier im Blog nicht George Washington und nicht Andy Warhol, heute gibt es hier Eduard Gaertner. Zum einen, weil er heute vor 135 Jahren gestorben ist, zum anderen, weil ich vor längerer Zeit (als ich über ➱Franz Krüger schrieb) einen Artikel zu Eduard Gaertner in Aussicht gestellt hatte. Der Berliner Architekturmaler ist heute ja leider etwas weniger bekannt. Schon zu seinem Lebensende schien man ihn vergessen zu haben. Als die Preußische Akademie 1886 ihre Jahrhundertfeier beging, war in der Ausstellung kein einziges Bild von Gaertner zu sehen. Dabei hatte das Akademiemitglied Gaertner von 1822 an ein halbes Jahrhundert lang jede Ausstellung der Akademie beschickt.

Es hat lange gedauert, bis ein substantielles Buch zu Gaertner erschien. Um genau zu sein: man musste bis 1979 warten, bis Irmgard Wirths Buch (mit Werkverzeichnis) bei Ullstein erschien. Ein Jahrzehnt später legte Irmgard Wirth, die Mitbegründerin und erste Direktorin des Berlin Museums -  sozusagen als Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung mit der Berliner Malerei - ihr Buch Berliner Malerei im 19. Jahrhundert: von der Zeit Friedrichs des Grossen bis zum Ersten Weltkrieg vor, in dem Gaertner natürlich eine nicht unwichtige Rolle spielt. Ich habe das Buch schon in dem Post über Albert Stagura erwähnt, man kann es eigentlich nicht genug loben. Wenn Sie die deutsche Malerei interessiert und Sie einen Fuffi übrig haben, sollten Sie dieses Buch (550 Seiten, reich illustriert) unbedingt kaufen.

Und wenn Sie Eduard Gaertner Fan sind und den von Dominik Bartmann herausgegeben Katalog noch nicht besitzen, müssten Sie noch einen Fuffi ausgeben, um eins der letzten Exemplare zu bekommen. Dieser Katalog, der 2001 zum zweihundertsten Geburtstag von Eduard Gaertner erschien (464 Seiten, und natürlich auch reich illustriert) ist das non plus ultra für die Liebhaber der Kunst von Gaertner.

Gaertner hat eine Ausbildung bei der von Friedrich II. gegründeten Königlichen Porzellan Manufaktur Berlin erhalten; das war, wenn man so will, die Malakademie der kleinen Leute. Er hat sich allerdings über diese Zeit in seinem Lebenslauf, den er 1833 bei der Berliner Akademie einreichte, nicht sehr positiv geäußert. Sie sei außer einer oberflächlichen Lehre der Perspektive für meine Laufbahn eher hinderlich als förderlich (gewesen), da ich nur Ringe, Ränder und Käntchens zu machen hatte. Dies hier ist keine von Gaertner bemalte Vase, dies ist eine bei der KPM mit Bildern von Gaertner bemalte Vase, da war der ehemalige Lehrling der KPM schon berühmt. Da brauchte er keine Ringe, Ränder und Käntchens mehr zu machen, da malten andere seine Bilder (wie hier den ➱Eosanderhof des Berliner Stadtschlosses) auf das Porzellan.

Dieser Hof (1818 von Gaertner gemalt) ist nicht so imposant wie der Eosanderhof des Stadtschlosses, aber das frühe Bild zeigt, dass er aus der oberflächlichen Lehre der Perspektive doch etwas mitgenommen hat. Er kann schon alles, was ein Architekturmaler braucht. Nach der Lehre bei der KPM bleibt er dort noch ein Jahr, aber dann wagt er etwas Neues. Er wird Theatermaler: Eine Reise nach Rügen und Westpreußen brachte in mir den Entschluß zur Reife die Porzellan Fabrik zu verlassen, welches noch bestärkt ward, da der Hr Theater Insp: Gropius grade zu jener Zeit junge Leute zur Beschäftigung suchte. Es ist jetzt eine große Zeit für das Theater, das Schauspielhaus von ➱Schinkel wird gerade fertig. Theatermaler sind gefragt, Schinkel hat sehr schöne ➱Dekorationen gemalt, und ➱Carl Blechen war als Theatermaler nicht unglücklich, wenn da nicht die Henriette Sontag gewesen wäre.

1822 reicht er sein erstes Bild bei der Akademie ein und bekommt gleich erste Aufträge vom preußischen Hof. Der finanzielle Erfolg ermöglicht ihm, für beinahe drei Jahre nach Paris zu gehen, wo er eine Anzahl wunderbarer Stadtansichten (hier Notre-Dame) malt, die leider im Internet nicht so recht repräsentiert sind. In diesen Bildern gibt er die unterkühlte Linearität der frühen Arbeiten zugunsten einer mehr malerischen Auffassung auf. Der Klassizismus der Linie weicht einer Romantik der Naturauffassung. Und warum auch nicht? Die Vedutenmalerei muss sich ja irgendwie von einer schlichten Bauzeichnung unterscheiden. Kunsthistoriker vermuten hier wohl zu Recht den Einfluss der Engländer ➱Richard Parkes Bonington und ➱John Constable, deren Aquarelle im Salon von 1827 die Sensation waren.

Die wichtigste Errungenschaft des Parisaufenthalts ist, was Werner Schmidt in seiner Dissertation 1922 mit Luftperspektive umschreibt. Gaertner selbst spricht  in seinen Schreibkalendern von Luft malenLicht en lucht, dat is de kunst, hat der Holländer ➱Jan Hendrik Weissenbruch gesagt. Es ist eine alte Zauberformel, die immer wieder funktioniert, und so bekommt die Spree von der Jannowitzbrücke her gesehen auch etwas von diesem Zauber ab. Sieht schon ein wenig nach Vermeer aus.

Hatte man Gaertner bei der Jahrhundertfeier der Akademie 1886 nicht mehr erwähnt, so war er zwanzig Jahre später auf der Jahrhundertausstellung deutscher Kunst von 1906 repräsentativ vertreten, man verglich den von der Kunstbetrachtung vernachlässigten Berliner nun mit dem großen italienischen Vedutenmaler Canaletto. Das hätte ihm sicher gefallen. Aber Gaertners Kunst ist auch der Ausklang einer Malerei, die mit Canaletto und Francesco Guardi schon einen Höhepunkt hatte. So detailliert genau seine Stadtansichten sind, sie werden eines Tages nicht mehr verlangt werden, werden dem neuen Medium der Photographie weichen. Doch solange preußische Könige stolz auf die Stadt sind, die ihnen Knobelsdorff und Schinkel gebaut haben, hat Gaertner mit Aufträgen vom Hofe sein Auskommen.

Eduard Gaertner zeigt uns in seinen Berliner Stadtansichten ein schönes Berlin, nicht das Berlin der Mietskasernen, nicht das Berlin, das Heinrich Zille photographiert. Nicht das Berlin, das Werner Hegemann in seiner architektonischen Kampfschrift ➱Das steinerne Berlin beschreibt. Wäre Berlin im Zweiten Weltkrieg völlig vernichtet worden, hätte man den schönsten Teil nach den Bildern von Gaertner wieder aufbauen könne. So wie man Warschau wieder aufgebaut hat, nachdem Edward Gierek 1971 den Wiederaufbau verkündete. Und da nahm man als Vorlage für Schloss und Altstadt die berühmten Veduten Canalettos, die das Krakowskie Przedmieście illustrierten. Die habe ich alle einmal in einer Ausstellung gesehen, die Warschau seit Canaletto hieß. Da war es dem Kieler Kunsthallendirektor Jens Christian Jensen - dem besten Direktor, den die Kunsthalle im 20. Jahrhundert hatte, über seine Nachfolger wollen wir lieber schweigen - gelungen, all diese Canalettos nach Kiel zu holen (die Ausstellung wanderte anschließend nach Hamburg weiter).



Und da ich gerade bei Kiel bin, viele Kieler sind der Meinung, dass Johann Heinrich Hintze ein Kieler ist. Weil er diese schöne Stadtansicht gemalt hat. Aber Hintze ist Berliner, ist ein Kollege von Gaertner und hat wie der bei der KPM gelernt. An dieser Stelle sollten vielleicht noch einige andere Berliner Architekturmaler erwähnt werden, denn wenngleich Gaertner sicher der bedeutendste ist, es gibt noch mehr. Neben Hintze gibt es zum Beispiel noch Johann Erdmann Hummel.

Den Namen muss ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, weil ich einmal in einem Katalog las, dass diese Granitschale im Berliner Lustgarten von Eduard Gaertner sei. Da waren schlichtweg die Namen zweier Künstler vertauscht worden. Aber immer wieder, wenn ich den Namen Eduard Gaertner lese, denke ich an dieses Paradestück realistischer Malerei. Und immer wieder sagt mir mein Gehirn mit leichter Verzögerung: das Bild ist nicht von ihm, das ist von Johann Erdmann Hummel! Der auch ein Komplementärbild dazu gemalt hat, das die ➱Granitschüssel im Entstehen zeigt.

Dann haben wir als Architekturmaler - um nur die bekanntesten zu nennen - noch Wilhelm Brücke und Carl Hasenpflug. Der als Architekturmaler gut ist, aber ganz furchtbar ist, wenn er glaubt, Caspar Friedrich ➱imitieren zu müssen. Irmgard Wirth widmet Gaertners Kollegen in Berliner Malerei im 19. Jahrhundert: von der Zeit Friedrichs des Grossen bis zum Ersten Weltkrieg ein ganzes Kapitel.

Ein Jahr vor Gaertners Tod erschien in der Allgemeinen Deutschen Biographie ein kurzer ➱Artikel von Robert Dohme, in dem es heißt: Gärtner’s Eigenart, die schlichte naturgetreue Wiedergabe des Architektonischen bei sorgfältiger sauberster Durchführung hat heute durch die Photographie an Interesse verloren. In dem Artikel wird auch behauptet, dass er kaum Ölbilder gemalt habe, was natürlich Unsinn ist. Heute wissen wir es besser. Wissen wir, dass seine Kunst mehr ist als die schlichte naturgetreue Wiedergabe des Architektonischen. Und dafür sollten wir Irmgard Wirth und all den Beiträgern zu dem 2001 bei Nicolai erschienenen Gaertner Katalog dankbar sein.

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