Freitag, 24. Februar 2012

Michel Legrand


Er wird heute achtzig, und dazu gratuliere ich ganz herzlich. Ich lege mal die CD auf, auf der zwanzig verschiedene Versionen von ➱Windmills of Your Mind sind. Kennen Sie. Aus The Thomas Crown Affair, dem Original, nicht dem Re-Make. Die CD ist schon toll, weil es hier den Titel von den verschiedensten Leuten gibt, von Oscar Peterson bis Caterina Valente (die Les moulins de mon coeur singt), von Acker Bilk bis Dusty Springfield. Und die Bandbreite der Interpreten spiegelt auch die Bandbreite von Michel Legrand wider. Er konnte alles, er hatte bei der berühmten Nadia Boulanger Klavier studiert, wechselte aber gleich nach dem Examen am Pariser Konservatorium in den Jazz. Man sollte das nicht vergessen, auch wenn man den Mann, der mindestens ein Dutzend Mal für den Oscar nominiert war, immer nur für einen Filmkomponisten hält.

Er kann auch den Jazz wunderbar mit seinen ersten Arbeiten für den Film verbinden. Vor allem natürlich, wenn er mit dem Jazzfan Joseph Losey zusammenarbeiten kann. Wie bei dem Film Eva, der Soundtrack ist vielleicht nicht so berühmt geworden wie der von Fahrstuhl zum Schafott, aber man kann ihn heute noch immer kaufen (man kann die Musik auch ➱hier hören). Joseph Losey hatte zwar zuerst Miles Davis für den Soundtrack haben wollen, danach wollte er Billie Holiday Songs auf dem Soundtrack haben, aber das war den Produzenten, den beiden Hakim Brüdern, zu teuer. Diese kleinen Kleinkriminellen (oder sind sie schon Großkriminelle?) des französischen Films sind hier schon einmal erwähnt worden, als ich über Truffauts ➱Waltz into Darkness schrieb - übrigens ein sehr lesenswerter Post, voller Mode und großer Gefühle. Michel Legrand hat von den Hakims (genauso wie Jeanne Moreau) keinen einzigen Franc erhalten, ich kann nur hoffen, dass er die Rechte für die CD mit dem Soundtrack hat. Heute interessiert ihn das nicht mehr, heute ist er Multimillionär, aber damals stand er am Beginn seiner Karriere. Jeanne Moreau hat sich an den Hakims gerächt, indem sie Truffaut den Film Waltz into Darkness finanziert hat, den die Hakims so gerne als Vehikel für Brigitte Bardot gesehen hätten.

Auch bei Loseys wunderbaren Film The Go-Between war Legrand, trotz der Schwierigkeiten, die er persönlich mit Losey hatte, wieder dabei. Wenn Sie ➱dies hier im letzten Jahr schon gelesen haben, können Sie sich die nächsten Absätze sparen. Denn hier kommt noch einmal das, was ich über die Filmmusik meines Lieblingsfilms The Go-Between geschrieben habe.

     Manche Romane enthalten Musik, Prousts A la recherche du temps perdu lebt von der wiederkehrenden Sonate von Vinteuil. Viele Romane enthalten keinerlei Musik, aber alle Literaturverfilmungen enthalten einen musikalischen Soundtrack. Filmmusik ist ein Relikt aus der Zeit des Stummfilms, als noch Orchester beschäftigt wurden, um die Verbindung zwischen den Bildern zu verdeutlichen und die dargestellten Emotionen zu unterstreichen - und vielleicht auch um das laute Geräusch des Filmvorführungsgeräts zu übertönen. Obwohl Filmmusik ein Wesensmerkmal des Spielfilms zu sein scheint, tun sich Theoretiker des Films mit ihr schwer, Theoretiker der Literaturverfilmungen gehen so gut wie nie auf das Phänomen ein. Losey hätte die Musik von Edward Elgar nehmen können (Visconti nimmt Mahler für Tod in Venedig), aber er will keine Musik aus der Zeit der Jahrhundertwende, er will etwas Modernes, Verfremdendes. Die Filmmusik von Richard Rodney Bennett, der die Musik für Far from the Madding Crowd und zwei Losey-Filme geschrieben hatte, wird verworfen. Losey schwebt abstrakte Jazzmusik vor, als er Michel Legrand mit der Komposition beauftragt.

Regisseure brauchen nichts von Musik zu verstehen, Losey verstand etwas davon. 1936 hatte er das erste Jazzkonzert in der Carnegie Hall organisiert, durch seine Vermittlung erhielt Hanns Eisler ein Rockefeller-Stipendium, um sein Standardwerk über Filmmusik schreiben zu können. Am Ende von Loseys Schaffen steht eine vieldiskutierte Don Giovanni-Inszenierung. Legrands Variationen für zwei ➱Klaviere und Orchester, die nicht nur Losey später an Legrands Musik für The Thomas Crown Affair erinnern sollte, funktioniert im Film niemals wie konventionelle Filmmusik. Die Musik, die beinahe autonom von der Handlung existiert, sogar gegen sie existiert, distanziert den Betrachter im gleichen Maße, wie sie die Gefühle der Hauptfigur, des kleinen Leo verdeutlicht. Aber der Soundtrack enthält noch mehr. Neben der akustischen Markierung der Szenen des "zweiten" Films der 50er Jahre (die durch eine andere Aussteuerung zusätzlich zu der Bildebene den Zeitsprung markiert), präsentiert uns der Film dank der Leistung des Toningenieurs Peter Handford eine erstaunliche Geräuschkulisse. Man kann hier eine Erbschaft der Radiozeit von Losey sehen. Der Zuschauer wird neue Verfremdungseffekte entdecken (wie die Eisenbahngeräusche, die die pastorale Landschaft in Frage stellen): die Trennung von Bild und Dialog wird zu einem Stilmittel der späten Losey-Filme. Das Endprodukt (Musik, Dialog der 1900-Ebene on oder off, Dialog der 1952-Ebene on oder oder off, Außengeräusche der 1900- und 1952-Ebene) erreicht vielleicht nicht die Dichte der kontrapunktischen Stimmkollagen, die Glenn Gould für den kanadischen Rundfunk produzierte, hat aber ansatzweise deren Komplexizität.

Sorry, da mussten Sie eben mal durch. Es scheint Michel Legrand glücklicherweise nie so recht interessiert zu haben, das ganz große Geld in Hollywood zu verdienen. Obgleich er das mit Yentl dort sicher verdient hat. Aber er hat auch immer wieder die Filmmusik für kleine Filme geschrieben, wo es nicht klar war, ob die überhaupt in den Kinos reüssierten. Wie zum Beispiel ➱La vie de chateau. Obgleich, ➱Klaviermusik und Catherine Deneuve, kann das schiefgehen? Wenn die Tonqualität so grauenhaft ist wie hier, dann vielleicht.

Er hat leider, das merkt man an diesem Tonbeispiel sehr schön, so einen kleinen Hang zum orchestralen Größenwahn. Kriegt man die Streicher im Dutzend billiger? Wenn er ➱hier ein ganzes Orchester mit der Filmmusik von Musketier mit Hieb und Stich  (wieder wie La vie de chateau ein Film von Rappeneaudirigiert, dann finde ich das ziemlich furchtbar. Aber wenn er in den Sixties und Seventies das Piano ganz entschieden gegen das Orchester positioniert, dann gelingen ihm schöne Dinge. Wie zum Beispiel diese an Bach gemahnende ➱Fuge aus The Go-Between. Manchmal glaube ich, dass die Musik aus diesen Filmen eine Art Endlosschleife ist, die sich von einem Film in den anderen zieht. Joseph Losey fürchtete beim Schnitt des Film The Go-Between, dass die Musik zu einem Jingle für Zigarettenwerbung verkommen könne. Er lag da vielleicht nicht so ganz falsch. Als er Jahre später The Thomas Crown Affair im Fernsehen sah, beschimpfte er Michel Legrand per Telegramm, dass der für den Film ein Plagiat der Musik von The Go-Between abgeliefert hätte. Wenn er in seine Programmzeitschrift geguckt hätte, hätte er sehen können, dass The Thomas Crown Affair lange vor The Go-Between ins Kino gekommen war. Auch erfolgreiche Filmkomponisten recyceln sich manchmal selbst. Oder sie werden von anderen recycelt. Hören Sie doch mal eben in Francis Lais Musik zu ➱Vivre pour vivre hinein. Klingt wie die gute alte Michel Legrand Zauberformel.

Nach dem bösen Telegramm haben Joseph Losey und Michel Legrand einige Jahre nicht mehr miteinander geredet, aber für Loseys Film ➱Les routes du sud schrieb Legrand wieder die Musik. Klang ein wenig nach richtigem Jazz. Vielleicht hätte er sowieso besser beim Jazz bleiben sollen. Na ja, die beste Filmmusik ist sowieso die, die man nicht hört.

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