Freitag, 17. Februar 2017

Adam Oeser


Ich gab bei Google Adam Oeser ein und bekam als erstes Ergebnis eine Anzeige von Adam Opel. Der Kommerz kommt vor der Kunst. Das ist bei Google immer so. Gibt man den Namen des Malers Adam Oeser bei Googles Bildersuche ein, bekommt man unter anderem diese junge Dame. Sie heißt Jennifer Oeser und ist eine Siebenkämpferin, ist aber wahrscheinlich nicht mit Adam Oeser verwandt. Die Bildauswahl bei Google wird ja immer seltsamer, seitenweise bekommt man Bilder, die garantiert nichts mit dem gesuchten Namen oder Begriff zu tun haben. Auch hier kommt der Kommerz meistens vor der Kunst. Wenn Sie mal etwas Nicht-Kommerzielles sehen wollen, dann Sie klicken Sie ➱dies an: massenhaft Bilder aus SILVAE. Da bekommen Sie auch einen Eindruck davon, was im Kopf dieses Bloggers vorgeht.

Der Maler und Bildhauer Adam Friedrich Oeser ist bisher in diesem Blog nicht vorgekommen. Was daran liegt, dass ich ihn nicht mag. Ich hätte ihn in dem Post zu ➱Anton Raphael Mengs erwähnen können, weil er bei Mengs gelernt hat, aber ich habe es gelassen. So wie Kindlers Malerei Lexikon ihn auslässt, die kennen zwar ➱Oelze, aber nicht Oeser. Adam Friedrich Oeser wurde heute vor dreihundert Jahren geboren, und nur deshalb bekommt er einen kleinen Post. Dieses Portrait Oesers ist von dem Maler Nikolaus Lauer, der auch hübsche Bilder von der ➱Königin Luise gemalt hat. Eigentlich ist ➱Nikolaus Lauer ein viel interessanterer Maler als Oeser, aber der hat heute keinen dreihundertsten Geburtstag. Das Pastellbild, das er kurz vor Oesers Tod gemalt hat, das ähnelt schon beinahe einem ➱Gainsborough - was beweist, das wir im Zeitalter der Empfindsamkeit sind.

Oeser war zu seinen Lebzeiten berühmt, seine Schüler liebten ihn, schrieben Gedichte auf ihn:

In Deiner Kunst lebt noch mit seinem ganzen Ruhm/
Athens und Roms geprießnes Alterthum:
Das Unnachahmliche, das uns mit jenen Zeiten
verloren ging, rufst Du aus ferner Nacht zurück, 
und weißt sein ganz Verdienst auf jedes Meisterstück
Von Deiner Hand mit Einsicht auszubreiten.

Das hier sind die Kinder des Malers. Sicher eine rührende Szene, besser kann er nicht malen. Seine Berühmtheit verdankt er der Tatsache, dass er Goethe im Zeichnen unterrichtete (von einem ächten Lehrer spricht Goethe) und lebenslang mit ihm befreundet war. Und dass er mit Winckelmann, der auch bei ihm wohnte, befreundet war. Diesem Mann aus ➱Stendal, der nie in ➱Griechenland war, aber alles über die Griechen wusste. Sie erinnern sich: edle Einfalt und stille Größe. Und der ganze klassizistische Unsinn, der im deutschen Gymnasium mündet.

Ich will nichts Böses gegen Latein sagen. Mein erster Lateinlehrer ➱Hermann Bollenhagen war der beste Lehrer, den ich hatte. Mein zweiter Lateinlehrer war adlig und ein Nazi, mein dritter Lateinlehrer war völlig inkompetent in allen Sprachen (er sprach Diepholz Diefolz aus). Und dennoch mag ich Latein. Aber dieses ganze Gewese im 18. Jahrhundert mit Griechenland und Rom und der sogenannten klassischen Antike, das geht mir auf die Nerven. Ich halte nicht viel von Nietzsche, aber diesen gehässigen Satz von ihm muss ich doch mal eben zitieren: Winckelmanns und Goethes Griechen, V. Hugo’s Orientalien, Wagners Edda-Personnagen, W. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts – irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber – modern, wahr!

Oeser ist nicht nur mit Goethe befreundet, Goethe geht bei ihm auch zeitweise ein und aus. Und ist mit Oesers Tochter Friederike befreundet, er schreibt ihr Briefe und Gedichte, wie dieses erstaunliche autobiographische ➱Gedicht:

Mamsell,
So launisch wie ein Kind, das zahnt,
Bald schüchtern wie ein Kaufmann, den man mahnt,
Bald still wie ein Hypochondrist
Und sittig wie ein Mennonist,
Und folgsam wie ein gutes Lamm,
Bald lustig wie ein Bräutigam,
Leb ich und bin halb krank und halb gesund,
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;
Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge
Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge
Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt
,
Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt...

Im Jahre 1717 werden nicht nur Oeser und Winckelmann geboren, auch der italienische Maler Giuseppe Zocchi wird da geboren, der schöne Veduten gemalt hat. Und dieses charmante Federballspiel, gemalt wie eine Theaterdekoration, eine Inszenierung des Rokoko. Im Rokoko fängt Oeser an, dann wendet er sich dem Klassizismus zu. Malt aber niemals solch charmante Bilder wie dieses hier.

Und solch ein Familienbild, wie es ➱John Singleton Copley gemalt hat, das würde Oeser schon rein technisch nicht hinkriegen. Es wird auch nicht lange dauern, dass es mit der Lobhudelei zu Ende ist. Der erste, der mit der Winckelmann Begeisterung abrechnet, ist Daniel Nikolaus Chodowiecki: Was hat aber Winckelmann dem Künstler genutzt, nichts. Raphael und Rubens, Rembrandt, selbst der von vielen verachtete Tenier waren ohne Winckelmann was, Mengs ebenfalls und ohne Mengs wäre Winckelmann das geblieben was er war, da er Deutschland verließ. Er hat die Antiquen ange­staunt wie so viele andre und nicht verstanden. Wo sind die Künstler, die von Winckelmann profitiert haben, und die mit Raphael, Rubens und so vielen andren, die nach ihnen waren, zu vergleichen sind? Winckelmanns Schaffen kann einen Gelehrten, aber nicht einen Künstler bilden. Waß ist aus unsern Künstlern , die seit 10 Jahren nach Rom gegangen sind geworden? Was wird aus denen werden die jetzt in Rom sind. Rehberg [ein ehem. Schüler Oesers] geht rückwärts, Genelli verzehrt das Geld was die Akademie ihm reichte. 

Der Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Meyer aus Bremen, über den mein Freund ➱Dommie alles weiß), lebenslang ein Freund Goethes, bezeichnet Oeser als einen Nebulisten. Das können wir bei diesem Bild nachvollziehen. Seine besten, ausgeführten Arbeiten haben noch zu viel Schwebendes, Unbe­stimmtes, zu leichten Sinn und halb aufgelöste Gestalten. Im Übrigen sind es meist anmuthige Bilder, Ergießungen einer harmlosen kindlichen Seele, eines schönen begabten Geistes. Man kann Meyer auch darin folgen, wenn er davon redet, dass Oeser mit gefäl­ligen doch zu leicht und nebelhaft ausgeführten Mahlereien großes Lob erwor­ben hat.

Vor allem, wenn das obige Bild eines Mädchens mit dem Portrait der Töchter des Künstlers von Thomas Gainsborough vergleicht, einem Bild, an dem nichts Nebulöses ist. Man könnte auch das ➱Shrimp Girl von ➱Hogarth zum Vergleich heranziehen, Oeser schneidet bei solchen Vergleichen immer schlecht ab. Der Kunsthistoriker Timo John hat in dem hervorragenden ➱Goethezeitportal die Rezeption Oesers durch die Jahrhunderte verfolgt.

Was im Goethezeitportal steht, kommt natürlich aus der ➱Dissertation des Autors, der im Jahre 2000 mit seiner Studie über Oeser an der Universität Halle-Wittenberg promoviert wurde. Erstaunlicherweise sind Timo Johns Publikationen auch im Wikipedia Artikel erwähnt, da hat man es ja leider normalerweise nicht mit solcher Genauigkeit. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit heißt Johns Buch im Untertitel. Es war Johann Joachim Christoph Bode, der (auf Anraten Lessings) das Wort empfindsam in die deutsche Sprache gebracht hat, als er ➱Laurence Sternes Sentimental Journey mit Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien übersetzte.

Da haben wir sie nun, die ➱Empfindsamkeit. Goethes Werther, Klopstock und viele schöne Gefühle. In England Henry Mackenzies Roman ➱The Man of Feeling und Gainsborough. Und viel Maliziöses zu dem sentimental feelings. Und bei uns Schäferszenen, wie diese hier von Oeser. Konnte Watteau besser. Wenn Goethes satirisches Stück ➱Triumph der Empfindsamkeit aufgeführt wird, ist das das Ende der Epidemie der Gefühlsduseligkeit. Und mein Post zu Adam Friedrich Oeser ist hier auch zu Ende. Ich hätte über Jennifer Oeser schreiben sollen. Oder über Adam Opel.

Oder über RB Leipzig. Denn es ist Leipzig gewesen, wo man Oeser beinahe ein halbes Jahrhundert lang für einen großartigen Maler hielt (es gibt da noch eine Adam Oeser Schule). Oeser ist natürlich kein großartiger Maler, in Dresden hätte er wohl nicht diesen Erfolg gehabt. Ich habe hier noch einen letzten Beweis, dass der Mann überhaupt nicht malen kann. Selbst Goethe hätte diesen Abschied Hektors von Andromache hingekriegt. Da findet man Tischbein (zu dem es ➱hier einen Post mit viel Goethe gibt) schon wieder gut.

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