Freitag, 3. Februar 2017

Bilder: Geschichte


Wird dieses Bild demnächst im Weißen Haus hängen? Es ist uns allen klar, dass das Bild eine Fälschung ist. Da ist jemand beigegangen und hat auf das Portrait eines Generals aus der napoleonischen Zeit den Kopf von Donald Trump gesetzt. Photoshop macht's möglich. Ich vermute, dass sich der Fälscher ein Bild von George Dawe, dem Hofmaler des russischen Zaren genommen und den Kopf von Goldilocks draufgesetzt hat. George Dawe kommt schon in dem Post ➱Thomas Lawrences Blücher vor. Sie könnten ➱hier nach einer Vorlage für den Photoshop General suchen. Ich habe das Bild aus diesem nicht uninteressanten ➱Blog gemopst, ich finde es zu schön. Vor allem diese doppelte und dreifache Ironie: ein amerikanischer Präsident, der nie beim Militär war, in einer russischen Uniform. Und ein gefälschtes Bild, das einen echten Fälscher darstellt.

Im ➱Weißen Haus werden jetzt Bilder umgehängt werden. Wahrscheinlich werden Trumps Innenarchitekten es nach dem Vorbild von Trump Tower im goldenen Bordellstil umgestalten. Dieses Bild der kleinen Ruby Bridges (The problem we all live with), das gegenüber vom Obamas Office hängt, wird da auch wohl verschwinden. Das Bild ist von Norman Rockwell, Amerikas beliebtestem Maler des 20. Jahrhunderts. Der hat ➱hier schon einen Post, aber da er heute Geburtstag hat, dachte ich mir, ich schreibe noch ein wenig über ihn.

Über ihn und amerikanische Präsidenten, denn er hat viele von ihnen portraitiert. Ich habe mir überlegt, ob ich nicht mal den ganzen Monat Februar über amerikanische Präsidenten schreiben soll. Ich weiß allerdings nicht, was dann passiert. Im Monat Januar hatte ich, sagt die Google Statistik, beinahe 100.000 Leser. Würden mich auch so viele lesen, wenn ich nur über amerikanische Präsidenten schreibe? Es gibt da ja ein paar interessante Leute. Und interessante Bilder. Diesen Dwight D. Eisenhower von Norman Rockwell muss man einfach mögen.

Im Jahre 1964 malt Norman Rockwell zwei Präsidentschaftskandidaten, Barry Goldwater (dem über tausend amerikanische Psychiater Paranoia, Narzissmus und eine schwere Persönlichkeitsstörung per Ferndiagnose attestiert hatten) und Lyndon B. Johnson. Rockwell mag den Senator Goldwater, der ein Gegner des Civil Rights Act ist, überhaupt nicht: I didn’t vote for him, but he was a very cooperative model. Und so entsteht dieses Bild, das den Mann, den seine Gegner mit Hitler vergleichen, ganz charmant aussehen lässt.

In der gleichen Woche hat Rockwell einen Termin mit dem Präsidenten Lyndon B. Johnson, dem Mann, der zwei Wochen zuvor den Civil Rights Act  unterzeichnet hat. So dass die kleine Ruby Bridges auf dem Bild da oben zu einer weißen Schule gehen konnte, zehn Jahre nachdem ➱Earl Warren das Urteil im Fall Brown vs. Board of Education verkündet hat. Der Präsident hat schlechte Laune, zwanzig Minuten will er dem Maler zugestehen, auf keinen Fall eine Stunde. Get cracking, sagt er, er hält Rockwell für einen billigen Schnellmaler. Rockwell versucht die Stimmung aufzulockern, aber nichts hilft. Da sagt er: Mr. President I have just done Barry Goldwater’s portrait and he gave me a wonderful grin. I wish you would do the same. Und da bekommt Johnson wirklich ein kleines Lächeln ins Gesicht, like he was competing for the Miss America title, wie ➱Rockwell später sagt. Das Bild erscheint als Titelbild von Look im Oktober 1964, zwei Wochen vor der Wahl.

Die Lyndon B. Johnson gewinnt. Er hätte sie auch ohne Norman Rockwells Bild für Look gewonnen, das ist uns klar. Rockwell arbeitete zuvor für die Saturday Evening Post, aber die wollte keine politischen Aussagen auf dem Titelblatt. Solange er die typische glückliche amerikanische Familie malte, mochte man ihn. Doch das Bild von der kleinen Ruby Bridges mit Polizeischutz, ➱Murder in Mississippi oder dies hier (➱New Kids in the Neighbourhood), das wollte man in der Vorstandsetage der ➱Saturday Evening Post nicht. Ein halbes Jahrhundert hatte Rockwell für das Magazin gearbeitet, hatte es groß gemacht, jetzt geht er zu Look. Die drucken The problem we all live with.

Ruby Bridges (hier begleitet von US Marshals), die heute im Vorstand des Norman Rockwell Museums ist, hatte Präsident Obama dazu gebracht, das Bild von Rockwell als ➱Leihgabe in das Weiße Haus zu nehmen: I was about 18 or 19 years old the first time that I actually saw it. It confirmed what I had been thinking all along –  this was very important and you did this, and it should be talked about… At that point in time that’s what the country was going through, and here was a man who had been doing lots of work – painting family images –  all of the sudden decided this is what I am going to do… it’s wrong and I’m going to say that it’s wrong.

Es ist viel Hass in diesem Bild. Diese jungen Damen sind weiße Schülerinnen, die ihren Hass auf das kleine schwarze Mädchen in die Welt hinausbrüllen. Die William Frantz Elementary School war leer, als Ruby ankam, die Eltern hatten die Kinder zu Hause behalten. Auch die ganze Straße war leer, da war nur dieser weiße Mob. Wenn sie nicht diesen Haß in den Gesichtern hätten, könnten sie hübsche amerikanische Teenager der Mittelschicht sein. Die Lehrer weigern sich, das kleine Mädchen zu unterrichten. Nur die Lehrerin Barbara Henry schließt sich diesem Protest nicht an, sie wird die Lehrerin von Ruby Bridges: I had never seen a white teacher before, but Mrs. Henry was the nicest teacher I ever had. She tried very hard to keep my mind off what was going on outside. But I couldn't forget that there were no other kids.

Was Abraham Lincoln begonnen hatte, das hat Lyndon B. Johnson mit seinem Great Society Programm zu Ende gebracht: der farbigen Bevölkerung Amerikas Freiheit und Gleichheit zu geben. Der Satz der Declaration of Independence that all men are created equal war wahr geworden. Die Antrittsreden von Abraham Lincoln und Lyndon B. Johnson sind allerdings bedeutungslos gegen die Rede von Trump gewesen. Sagt Donald Trump. Auf den auch alles zutrifft, was die Psychiater an Barry Goldwater diagnostizierten. Und auf den auch der Titel des Bildes von Norman Rockwell zutrifft: The problem we all live with.

Kommentare:

  1. Vielen Dank, lieber Jay für diesen Beitrag. Die Bürgerrechtsbewegung hat Follett in "Kinder der Freiheit" sehr gut beschrieben finde ich, da kam die Geschichte der kleinen Ruby auch drin vor (glaue ich).
    Die beiden Kinderbilder sprechen eine klare Sprache, sie gefallen mir sehr und es wäre zu wünschen, dass die Leihgabe im Weißen Haus verbleiben möge.

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  2. Neu war mir allerdings die Rolle von LBJ, ich dachte immer, dass Robert Kennedy der Regierungsvertreter (Justiz) war, der der Bürgerrechtsbewegung positiv gegenüber stand.

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