Dienstag, 15. März 2011

Tigerente


Heute vor 33 Jahren wurde Janoschs Oh, wie schön ist Panama veröffentlicht, in dem zum ersten Mal die Tigerente vorkam. Der Schöpfer all dieser possierlichen Figuren, der seit einem halben Jahrhundert Kinderbücher zeichnet, ist vor wenigen Tagen achtzig Jahre alt geworden. Da müssen wir nachträglich gratulieren. Er hat letztens in einem Interview gesagt, dass er nicht mehr arbeiten will sondern nur noch in der Hängematte liegen will. Er hat immer viel Alkohol zum Schreiben gebraucht. Wahrscheinlich mehr als William Faulkner. Ich hab 45 Bücher im Leichtrausch geschrieben oder 65. Dieses Panama-Buch hab ich mit Cuba Libre geschrieben. In Ibiza an einem Tisch. Ich weiß noch genau, welcher Tisch das war. Aber der ist nicht mehr da, die Kneipe ist auch nicht mehr da. Und Der liebe Gott aus Lehm, das ist ein reines Saufbuch, da hab ich 30 Flaschen Gin gebraucht, in sechs Wochen. Ich weiß das deswegen, weil ich die leeren Flaschen vor das Haus gestellt und gezählt habe. Die Tigerente mag er heute angeblich nicht mehr sehen, und das Schreiben an Oh, wie schön ist Panama ist ihm schwergefallen: Das Panama-Buch ist am Ende dann zum Glück doch ein intelligentes Buch geworden, dabei hatte ich das nicht vor. Ich wollte eigentlich Kitsch schreiben, damit es sich verkauft. Aber besoffen wurde ich dann wieder vernünftig und hab das umgeändert.

Ich habe schon massenhaft Janosch Bücher verschenkt und massenhaft Janosch Postkarten verschickt. Besonders die, wo er Charles Bukowskis Gedichte Flinke Killer illustriert hat. Janosch passt zu Bukowski, weil der auch immer viel Rotwein getrunken hat. Als Illustrator von Kinderbüchern mag ich eigentlich Nikolaus Heidelbach lieber als Janosch. Der hat schon manchmal etwas von Edward Gorey. Wie auf der obigen Zeichnung, die Uwe übt heißt. Ich habe all seine ersten Bücher, also damals, als ihn noch keiner kannte. Ich war 1983 in einer kleinen Heidelbach Ausstellung in der Galerie Moderne am Rande von Bad Zwischenahn. Die gibt es erstaunlicherweise immer noch. Ich hätte da beinahe die Originalzeichnung von Wie ich mir das Geld für mein erstes Fahrrad verdienen mußte gekauft, habe stattdessen aber nur massenhaft Postkarten von dem Bild gekauft. Eine habe ich immer noch, wenn ich sie mir betrachte, ärgere ich mich, dass ich damals das Bild nicht gekauft habe. Ein früher Nikolaus Heidelbach im Wohnzimmer, das wäre schon etwas. Mein Bruder hat einen echten Janosch, im Goldrahmen.

Die Verantwortung für das Vieh muss ich schon selbst übernehmen, hat Janosch einmal über seine Tigerente gesagt und damit zum ersten Mal bestätigt, dass die Tigerente wirklich von ihm ist. Dabei hatte er jahrzehntelang die Geschichte erzählt, dass die Tigerente eigentlich von F.K. Waechter stammt: Einmal kritzelte Waechter eine gestreifte Ente so hin, schob mir den Zettel rüber und sagte Tigerente. Ich sagte: Sieht gut aus...Ich zeichnete gerne bei Waechter und Ungerer ab, weil sie Genies sind. Das kann man machen, ist aber nicht ehrenhaft. Ja, mit der Ehre und dem Plagiieren ist das so eine Sache. Janosch ist aber kein Verbrecher aus verlorener Ehre (um Schiller zu zitieren) geworden. Bei der Tigerente fällt mir immer die Zwirbelente ein, ich weiß aber nicht wie die aussieht. Ich kenne sie nur aus dem Vierzeiler:

Die Zirbelente sprach gedämpft
Ich hab mein Leben lang gekämpft.
Nun ist mal jemand anders dran,
zum Beispiel dieser Karajan.

Ich weiß nicht, wo dieses Gedicht herkommt. Es fiel mir aber letztens bei der großen Abgangsinszenierung unseres ehemaligen Verteidigungsministers ein, die sicherlich als Inszenierung eines Tages mit Mitterands Auftritt mit einer roten Rose im Panthéon verglichen werden wird. Wir wollen jetzt mal hoffen, dass aus dem Reichsfreiherrn kein Verbrecher aus verlorener Ehre wird.

Wenn es so ist, wie die Philosophen sagen, dass wir nur das Spiegelbild der ›Wirklichkeit‹ sehen, dass also das, was eigentlich ist, sich hinter unserem Rücken befindet, auch noch mit einem Vorhang dazwischen, dann wäre es so, dass etwa mit einem Bild – sofern es Kunst ist – dieser Vorhang für einen Augenblick aufreißt. Und du etwas begreifst. In so einem Augenblick muss sich etwas in dir verändern. Du weißt danach etwas mehr als zuvor. Man kann durch solche Ereignisse immer ein ganz klein wenig weiterkommen. Höhersteigen, wenn man das so nennen will. Und wer das ganz große Glück hat, für den reißt der Vorhang einmal ganz auf, und er begreift alles. Ich weiß, das Zitat kommt jetzt etwas überraschend, aber ich war von dem angeblichen Tigerenten Plagiat, das ja gar kein Plagiat war, zu diesem anderen Plagiierer gekommen, der nicht ehrenhaft plagiiert hat. Der kann aber keine Bären und Tiger zeichnen, der kann nur copy + paste. Als Kinderbuchautor muss man mehr drauf haben.

Und kaum hat der Autor so etwas Tiefsinniges mit dem Vorhang vor der Wirklichkeit gesagt, da nimmt er es auch schon wieder zurück: Ich muss Ihnen etwas Beglückendes erzählen: Ich selbst will die so genannte Wahrheit gar nicht wissen. Ich bin kein Sucher, mir ist es egal, was hinter dem Vorhang ist. Das, was vor dem Vorhang ist, ist mir genug. Ich wollte immer nur in kein Unheil geraten und keines verursachen. Kunst hin – Kunst her, mehr musste für mich nicht sein.

Ich habe Janosch einmal gesehen. An einem schönen Sommertag stand er draußen in der Sonne vor der Buchhandlung von Wolfgang Erichsen. Das ganze Schaufenster war mit Janosch Büchern dekoriert, und er war wohl hier, um Bücher zu signieren. Aber weil es ein schöner Sommertag war, war niemand gekommen. Und so stand er vor dem Laden in der Sonne. Er trug Jeans und ein hellblaues ausgebleichtes Jeanshemd und hatte eine Zigarre in der Hand. Er wirkte, als sei er ganz weit weg. Vielleicht in Panama. Fünfzig Meter weiter traf ich einen Freund. Ich habe eben Janosch gesehen, sagte ich. Wer ist Janosch? fragte er. Wir haben dann über Fußball geredet. Aber die irritierende Frage bleibt. Wer ist Janosch? Da kann man nur mit Janosch antworten: Wenn ich's mir recht überlege, hat das ganze Überlegen keinen Sinn.

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